Leseprobe
aus Denny Hellbach: Suburbia. Roman
Prolog
Seltsam sieht der Himmel in zehntausend Metern Höhe aus: Ich schaue aus dem Fenster nach vorne und sehe das Blau des anbrechenden Tages. Einen Blick nach hinten und der Mond steht im Schwarz der Nacht. Amerika liegt hinter mir. André, Baseball, die Wolkenkratzer, Starbucks, die dreißig Zentimeter langen Subway–Sandwiches liegen hinter mir. Die guten Zeiten kommen und gehen. Die schlechten Zeiten kommen und gehen. Fliegen von einem Ort zum anderen, abreisen, ankommen und vergiss deine Tasche nicht, Fremder! Hoffentlich fallen die Triebwerke nicht aus. Hoffentlich achtet der Pilot bei der Landung auf all die wichtigen Dinge, von denen ich keine Ahnung habe, die mich aber wieder sicher auf den Boden zurückbringen sollen. Mehr als zehn Kilometer sind wir jetzt über dem Meeresspiegel. Wie lange würde ein Absturz dauern? Drei Minuten? Vier? Nach wie vielen Sekunden würde man ohnmächtig werden? Würde man überhaupt ohnmächtig werden? Angeblich soll sich in Extremsituationen, in denen der Körper begreift, dass er in ein paar Sekunden stirbt, das Gehirn abschalten und der Mensch gar nicht mehr mitbekommen, was mit ihm passiert. Ein Bergsteiger hat mal erzählt, als er in eine Gletscherspalte stürzte und dachte, das Ende sei erreicht, hatte er das Gefühl, dass er in ein großes Rosa fiel. Das wäre eine gute Art zu sterben. Das Schnarchen meines Nachbarn ist mittlerweile so laut, dass ich mir die Megadeth–Kassette in den Walkman schiebe, die ich mir am Flughafen gekauft habe. Sozusagen als „Tribute to the past“ – die Erinnerung an die Zeit mit Marion, als ich mit ihr in die große Stadt zog, wir unsere Wohnung renovierten, Tapete von den Wänden abspachtelten, Möbel kauften. Die Erinnerung an die ersten Nächte, die wir in Schlafsäcken im rumpelkammerähnlichen Schlafzimmer verbrachten. Der Satz von André, den er mir kurz vor dem Einchecken sagte, fällt mir ein:
Erinnerungen wirst du dein ganzes Leben mit dir herumtragen. Sie gehören einfach dazu …
Ich wünsche dir alles Gute, Marion. Was immer du auch tust, wo immer du auch bist …see you in the next one, have a good time …
Der Pilot setzt zum Sinkflug an. Als das Flugzeug ausrollt, schnalle ich mich ab. Füße wieder auf den Heimatboden, Gepäck abholen, raus aus der Schalterhalle. Es geht wieder nach Suburbia, zurück in die Heimat. In der Wohnung angekommen schaue ich mich um. Ist noch alles in Ordnung, alles an seinem Platz? Der Anrufbeantworter ist nicht angeschaltet. Verdammt, daran hätte ich vor dem Abflug denken müssen! Als ich meine Sachen auspacke und in den Schränken verstaue, merke ich, wie müde ich bin. Ich lege mich auf die Couch. Andrés Spruch geht mir nicht aus dem Kopf:
Erinnerungen wirst du dein ganzes Leben mit dir herumtragen …
Dein ganzes Leben, ein einziger Haufen Erinnerungen … ein einziger Haufen …Erinnerungen …
1. Letzter Tanz
Keine Ahnung, ob ein Unfall passiert ist, oder ob wir in den vorgezogenen Berufsverkehr gekommen sind, jedenfalls stehen wir im Stau und die Trauung von Claudia und Frank beginnt in einer knappen halben Stunde. Die Autofahrer auf der gegenüberliegenden Spur fahren hupend an uns vorbei. Marions Vater, der das Auto fährt, lacht:
„Die denken wohl, ihr seid das Hochzeitspaar!“
Mit Marions Kostüm und meinem dunkelgrauen Anzug sehen wir wohl so aus, außerdem hängt der obligatorische weiße Zipfel an der Autoantenne.
„Wir müssen zurückwinken, wenn sie hupen. Das ist eine Frage der Höflichkeit.“
Ich winke lächelnd den vorbeifahrenden Gesichtern zu, während Marion immer wieder nervös auf die Uhr schaut. Endlich löst sich der Stau auf und ihr Vater lässt den Motor an:
„Bis zur nächsten Ampel sind es 50 Meter, dann müssen wir links abbiegen. In einer Viertelstunde könnten wir da sein. Vielleicht schaffen wir es noch …“
„ …denn Vertrauen und Verständnis gerade in schlechten Tagen beweisen die Liebe und Hingabe, die sie für den Partner …“
Die Rede des Standesbeamten rauscht an mir vorbei. Ich habe mich auch einmal in so einem Raum gesehen – zusammen mit Marion vorne auf den beiden einzelnen Stühlen. Daraus wird nichts werden. „Ich will Schluss machen“, hat sie vor knapp zwei Wochen gesagt: „Und zwar endgültig.“ Beim anschließenden Fototermin auf den Stufen des Standesamtes stehe ich neben ihr und lächele falsch in die Kamera. Alle denken, dass wir noch zusammen sind. Alle denken, dass alles in Ordnung ist. Doch nichts ist mehr in Ordnung. Wir haben uns auseinandergelebt heißt es, was aber kaum den schleichenden und ermüdenden Prozess beschreiben kann, der der endgültigen Entzweiung vorausgegangen ist. Sie sagt, ich sei zu sehr mit meiner Musik beschäftigt, meinem Sport, und flüchte an den Wochenenden zu meinen Freunden. Sie hat Recht, aber ich brauche das wie die Luft zum Atmen, denn in der Enge dieser Beziehung habe ich das Gefühl zu ersticken.
Jetzt wirst du mehr allein sein, als dir lieb ist, Christian.
Wir gehen zu den Autos und fahren zum Gasthof Gräbesmühle, wo die Hochzeitsfeier stattfindet.
Die Tischreden sind kurz, das Essen ist gut. Eine von Marions jüngeren Cousinen sitzt uns gegenüber:
„Und wann heiratet ihr?“
„Mal sehen“, sage ich.
Nach dem Essen werden Hochzeitsspiele durchexerziert, die von einem dicklichen DJ mit Schnauzbart moderiert werden. Während Die Reise nach Jerusalem mit drei übrig gebliebenen Teilnehmern ihrem Höhepunkt entgegengeht, muss ich an den Sonntag vor gut zwei Monaten denken. Ich wachte gegen Mittag auf, sie war längst angezogen, hatte allein gefrühstückt und lief durch die Wohnung.
„Warum willst du nicht noch ein bisschen ins Bett kommen?“
Sie kam an den Bettrand und schaute auf mich herab:
„Wie meinst du das?“
„Na ja, ein bisschen Sex vielleicht. Wir haben das schon seit Wochen nicht mehr gemacht.“
„Ich werde nicht mit dir schlafen. Heute nicht – und auch sonst nicht mehr.“
Ich spüre jetzt noch den Ekel in mir aufsteigen, den Ekel vor mir und meiner nackten Geilheit und Ekel vor ihr, wie sie mir diese Abfuhr erteilen konnte. Beim Trennungsgespräch konnte ich ein paar Monate Schonfrist herausboxen, denn ich bin mitten in den Vorbereitungen für meine ersten Diplomprüfungen. Übernachten muss ich auf der Couch im Wohnzimmer, wo ich bis in die frühen Morgenstunden sitze, Netzplantechniken und Produktionssysteme lerne und versuche, nicht daran zu denken, dass ich in ein paar Wochen allein sein werde.
Du hast es dir selber eingebrockt! Früher oder später musste es ja so kommen. Ein Wunder, dass sie damals nichts von Diana mitbekommen hat.
Was lief nur falsch? Fehlende Kommunikation? Zu unterschiedliche Lebensstile? Oder hat sie einfach aufgehört, mich zu lieben? Vor ein paar Jahren saßen wir noch küssend in der S–Bahn, und ich flüsterte ihr zu:
„Ich möchte ein Kind mit dir.“
„Ich auch“, antwortete sie.
Auf der Toilette halte ich mein Gesicht unter kaltes Wasser. Marions Vater kommt herein.
„Die versteigern gerade was von der Braut.“
Ich gehe zurück in den Saal, wo unter Gejohle Claudias Strumpfband unter den Hammer kommt. Marions Mutter zieht mich zur Seite.
„Hast du Geld dabei?“
Ich prüfe meine Taschen.
„Nur einen Zehner.“
Sie drückt mir einen Fünfziger in die Hand:
„Die sind gerade bei 30 Euro für das Strumpfband. Claudia weiß Bescheid. Sie gibt dir sofort den Zuschlag, wenn du bietest.“
Als die Versteigerung bei 40 Piepen angelangt ist, meldet sich niemand mehr. Der DJ hebt an:
„Zum ersten … zum zweiten …“
„Ich biete Fünfzig!“
„Zuschlag!“ ruft Claudia sofort.
Unter Klatschen und Johlen hole ich mir das Strumpfband und gebe Claudia den Fünfziger. Sie umarmt mich und flüstert mir ins Ohr:
„Vielleicht seid Marion und du ja die nächsten …“
Marion sieht mich nicht an, als sie mir das Strumpfband aus der Hand nimmt. Nach der Versteigerung ist Disco. Nicht gerade eine wilde Tanzparty, aber bei solchen Feiern ist man schon mit ein paar anständigen Popsongs gut bedient. Bei Hunting High And Low von A–ha tanzen wir noch einmal eng zusammen. Beim Abi–Abschlussball vor sechs Jahren, an dem Abend, als wir uns näher kennen lernten, spielten sie Smells like Teen Spirit rauf und runter, und wir tobten von einer Saalecke zur anderen. Die Zeiten ändern sich. Nach dem Song setze ich mich hin und trinke den Rest des Abends ein Bier nach dem anderen. Zum Abschluss des Festes wirft Claudia den Brautstrauß. Eine Handvoll unvermählter Mädchen steht hinter ihr. Als der Strauß durch die Luft fliegt, habe ich für einen Moment die Schreckensvision, dass Marion ihn fängt. Sie streckt ihre Hände danach aus, doch glücklicherweise ist ein anderes Mädchen schneller und schnappt ihr den Strauß vor der Nase weg. Es ist meine Schwester Christiane.
„Was sollte denn das?“ frage ich Marion, als wir unsere Jacken anziehen. „Willst du etwa heiraten?“
„Vielleicht“, antwortete sie.
„So?! Wen denn?“
„Na, dich jedenfalls nicht.“
Ich gehe aus der Gaststätte und zünde mir eine Zigarette an. Blöde Zicke! Zuhause angekommen geht sie gleich ins Bad. Ich ziehe meine Klamotten aus und lege mich auf die Couch.
Als ich am nächsten Morgen aufwache, sitzt Marion neben mir im Bademantel im Sessel. Der Fernseher läuft.
„Was schaust du da?“
„Romeo und Julia.“
„Was dagegen, wenn ich mich noch ein bisschen ins richtige Bett lege?“
„Mach nur.“
Ich gehe ins Schlafzimmer und lege mich in unser großes, weiches Doppelbett. Als ich aufwache, beginnt gerade die Abspannmusik des Films. Sie kommt ins Schlafzimmer und legt sich neben mich. Ich schiebe ihr den Bademantel hoch und lege meine Hand auf ihren Oberschenkel. Als Thom Yorke an den Worten …and now we are one in everlasting peace … hinaufklettert, lege ich mich auf sie. Es fehlt die Übung, doch nach Monaten ohne Sex nehme ich es auch in Kauf, dass es nicht besonders gut wird, und dass sie weder dabei noch danach ein Wort sagt.
2. Ich dachte, wir könnten vielleicht Freunde bleiben …
Ich habe die ersten Diplomprüfungen bestanden. Damit ist die Schonzeit abgelaufen. Wir bringen es meinen und ihren Eltern bei, in der Trennungsbegründung immer das Im gegenseitigen Einvernehmen
. Auf was für einen Schwachsinn ich mich da eingelassen habe! Sie schmeißt mich heraus würde es treffender formulieren. Hatte ich wirklich für eine Sekunde gedacht, dass dieser Morgen nach der Hochzeit noch etwas ändern würde? Ich ziehe zurück nach Suburbia, an den Stadtrand, zurück zu meinen Freunden und so weit wie möglich weg von ihr. Das hier ist mein Kiez, hier komme ich her. Hier gibt es keine Künstlercafés, keine In–Kneipen, keine Studi–Clubs. Will man Tanzen gehen, sollte man in die Stadt fahren, es sei denn, man steht auf Billigtechno, blondgesplisste Dorfkühe oder altgewordene Bauarbeiter Ende Zwanzig, die in der einzigen Flachbaudisse am Wochenende ihre Existenz vertanzen. Wenn der Stadtrand eine Farbe wäre, wäre er grau und wenn er eine Platte wäre, wäre er „Faith“ von The Cure. Hier führen arbeitslose Mittvierziger in buntgescheckten Trainingshosen ihre Hunde Gassi, hier gibt es nichts, außer farbenprächtigen Sonnenuntergängen über den Dorfäckern, die sich an die klötzchenförmigen Neubauten anschließen. Ich werde mehr Zeit für meine Band haben, werde mit Chris und Ansa weggehen können, werde mehr Zeit für Baseball und Partys haben, Zeit haben, Zeit totzuschlagen und möglichst wenig nachzudenken. Meinen Job als freier Mitarbeiter bei der Lokalzeitung kann ich nach einem Besuch in der Redaktion wieder aufnehmen.
„Schau einfach ein–, zweimal die Woche vorbei.“, sagt der Redakteur: „Wir finden schon etwas für dich.“
Ansa und Chris helfen mir beim Malern der Wohnung. Chris ist während des Streichens schweigsam, während Ansa mal an der einen, mal an der anderen Ecke streicht und sich endlos über alle möglichen und unmöglichen Dinge auslässt: Musik, Fußball, Frauen. In der Reihenfolge. Nach einer Weile höre ich kaum noch hin, konzentriere mich auf die 30 Zentimeter Wand vor mir und pinsele systematisch von oben nach unten die leicht angegilbte Raufasertapete. Als wir mit dem Wohnzimmer fertig sind, wische ich die Fußleisten sauber und wir knacken ein paar Biere. Nachdem sie gegangen sind, streiche ich bis spät in die Nacht noch den Flur und die Küche. Danach lasse ich heißes Wasser in die Wanne, steige mit einer Bierdose hinein und lehne mich zurück. Es ist totenstill. Nur der Wasserhahn tropft alle paar Sekunden einen Tropfen auf meinen großen Zeh.
Die meisten Sachen aus der alten Wohnung sind bei Marion geblieben, deswegen ist wieder ein Gang zu IKEA angesagt. Wie ich es gehasst habe, wenn sie mich am frühen Sonnabend–Vormittag aus dem Bett scheuchte und ich mit ihr zu IKEA fahren musste. „Dort findet man immer was“, hatte sie gesagt. Das stimmt. Meistens Zeug, das man gar nicht braucht. Oder vielleicht doch? Wenn ich hinter ihr schlafwandelnd die endlosen Labyrinthe schwedischer Wohnkultur durchstreifte, verwischte mir manchmal das nützlich und unnützlich. Was IKEA fehlt, ist die Bettenabteilung für übermüdete oder gelangweilte Männer, die von ihren Frauen nach dem Kauf von gelben Kaffeetassen oder Schlüsselhaltern aus Naturholz wieder abgeholt werden können. Aber zurück zum nützlich: Möbel sind nützlich. Und IKEA ist preiswert, jugendlich und hip. Ich kaufe mir einen holzfarbenen Wohnzimmertisch, Besteck, dunkelblaues unzerbrechliches Geschirr, eine blaue ausklappbare Bett–Couch aus 100 % festgepresstem Schaumgummi und verstaue die Sachen im Auto, das ich mir von Ansa geborgt habe, außer das Bett, das wird in einer Woche zu mir nach Hause geliefert. Im Teppich–Center nebenan bestelle ich einen Teppichboden. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz zünde ich mir eine Zigarette an. Ich werde es dir schon zeigen, Marion! Zuhause baue ich den Tisch auf und vergrabe mich, da in drei Wochen mündliche Prüfungen anstehen, in meine Studienunterlagen. Sonst ist wirklich nichts weiter zu tun. Außer vielleicht auf dem Balkon zu stehen, auf graue Plattenbauten zu starren, die schon 15 Jahre nach ihrer Erbauung starke Erosionserscheinungen zeigen und sich alte Joy Division und Sisters Of Mercy–Songs anzuhören.
Ein paar Tage später ruft Marion an. Als ich ihre Stimme höre, wird mir sofort schlecht. Nicht das Ich–muss–mich–übergeben–Schlecht, sondern diese Mischung, bei der du im gleichen Augenblick tanzen und kotzen könntest. Sie hat die Nummer von meiner Schwester bekommen, sagt sie.
„Du hast noch Sachen hier vergessen. Ein paar Socken und ein paar CDs.“
Obwohl mein Herz in den Ohren klopft, versuche ich, so gleichgültig wie möglich zu klingen:
„Am Dienstag nach der Uni könnte ich vorbeikommen. Gegen sechs?“
„In Ordnung“, sagt sie und legt auf.
Ich ziehe auf dem Uni–Klo mein beste Hose und meinen besten Pullover an und gehe los. Aus der U–Bahn heraus, der vertraute Weg zu unserer – ihrer – Wohnung. Vorher noch eine Zigarette. Klingeln. Der Summer geht. Ich laufe langsam die Treppe hinauf. Marion steht mit einem Grinsen in der Tür.
„Komm rein. Willst du was trinken?“
Ich schüttele den Kopf. Auf dem Küchentisch liegt ein kleiner Stapel CDs und zwei Paar neongrüne Socken aus meiner Ist–mir–scheißegal–was–ich–anziehe–Hauptsache–bequem–Phase. Der verdeckte rechte Haken, der jetzt von ihr kommt, haut mich fast aus meinen Ist–mir–scheißegal–Hauptsache–sie–sind–schwarz–und–kratzen–nicht–Socken.
„Ich wollte dir nur sagen, dass ich jetzt mit Frank zusammen bin.“
Ich muss mich auf einen Küchenstuhl setzen, denn meine Beine scheinen mit einem Mal aus Gummi zu sein. Während mein Gehirn die eben erhaltene Neuigkeit noch verarbeiten muss, fängt sie an zu erzählen:
„Er ist ganz lieb. Du kennst ihn ja auch.“
Ja, ich kenne ihn! Beamten–Frank – ein Arbeitskollege von ihr. Er war bei ihrer letzten Geburtstagsfeier hier, als ich zusammen mit Ansa und ihm Tequila um die Wette soff. Er stieg als Erster aus, ich verlor gegen Ansa und musste die ganze Nacht kotzen. Sie erzählt, sie hätte ihn vor ein paar Tagen zufällig in der Stadt getroffen (Zufällig? Dass ich nicht lache!), wäre dann mit ihm zu IKEA gegangen (auch das noch!), endlich wieder Wärme …im Arm gehalten werden … Er kann kochen und ist ganz nett. (Nett? Nett??)
„Und du willst mir jetzt sagen, dass du ein paar Wochen, nachdem ich hier ausgezogen bin, schon wieder Sex mit jemand anderem hast?!“
Meine Stimme soll wütend klingen, aber sie wirkt gehetzt, denn ich bekomme beim Sprechen kaum Luft. Meine Hände sind schweißnass. Dahin die zur Schau getragene Gelassenheit. Dahin. Dahin. Ich stehe auf und packe die Sachen auf dem Küchentisch in meinen Rucksack. Der Gedanke an Marion zusammen mit diesem anderen Typen im Bett – in unserem Bett – ist unerträglich.
„Ich dachte, wir könnten vielleicht Freunde bleiben“, sagt sie, als ich die Türklinke schon in der Hand habe. Warum jetzt auch noch dieser Satz? Der ultimative Handkantenschlag. Die endgültige Erniedrigung. Ich öffne die Wohnungstür und drehe mich um.
„Ich weiß nicht, warum wir Freunde bleiben sollten.“
Ich knalle die Tür hinter mir zu. Wenigstens war der Abgang effektvoll. Kein Kriechen. Kein Winseln. Cooler Spruch – und Rumms!! Das wird mich über die nächsten Tage bringen müssen.
Zurück in meiner Wohnung rufe ich Ansa an. Bandkumpel, Partygänger, Frauenjäger, genau der Richtige, bei dem ich mich ausheulen kann. Ich will keine lange Grundsatzdiskussion, sondern einfach nur ein „Das kann doch wohl nicht wahr sein! Diese blöde Kuh!“ von jemand anderem als von mir über sie sagen hören.
„Komm, lass den Kopf nicht hängen. Wir fahren heute rein in die Stadt und machen einen drauf!“
Ich schaue mich in meiner halbeingerichteten 1–Zimmer–Vorstadt–Plattenwohnung um. Auf dem grauen Linoleum mitten im Wohnzimmer liegt mein Schlafsack, um ihn herum aufgeschlagene Hefter, halb ausgepackte Umzugkartons, Pappteller mit Tiefkühlpizza–Resten. Lerne, das Verlieren zu genießen. Warum nicht gleich damit anfangen?
Vor der Matrix steht eine lange Zweierreihe. Gruppen von Jungen und Mädchen stehen um uns herum. Singles. Einsame Menschen auf der Suche nach …? Wonach eigentlich? Sex? Liebe? Geborgenheit? Glauben die Leute ernsthaft, dass eine richtige Beziehung in der Disco beginnen könnte? Meistens ist es doch noch genauso wie zu Schul–Disco–Zeiten: Kurzer Blickkontakt, dann öfters hinschauen, Abschätzen des Kicherns, Tuscheln der/des Mädchen/s, dann nach aller Zunahme von Mut und Alkohol ein gestammeltes „Wollen wir tanzen?“, vielleicht heutzutage noch die Telefonnummer, aber das war es dann meistens auch schon. Alles in allem ein riesiger Haufen von Versagensangst und Verzweiflung. Und ich mitten drin.
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