Leseprobe

aus Ralf Klormann: Der durch die Träume geht. Roman
(Auszug aus dem Prolog und dem ersten Kapitel.)


Prolog

Schweißgebadet wachte er auf, so schnell und vollständig, als hätte man ihn in eine Badewanne voll kalten Wassers geworfen. Die dunkelblauen Boxershorts, mehr trug er nicht beim Schlafen, klebten verschwitzt an seinem Körper.
Hektisch suchte er den Schalter der Nachttischlampe, machte Licht und richtete sich panisch auf.
Die grünen Leuchtziffern des Radioweckers zeigten in unerbittlicher Korrektheit Datum und Zeit. Danach war heute der 07.10.2002 und im Moment 02:08:14. Nur allmählich beruhigte er sich und realisierte, dass er das Opfer eines Alptraums geworden war.
Im Zeitlupentempo richtete er sich auf und ging ins Bad.
Er sah in den Spiegel und betrachtete seinen von Schweiß glänzenden Oberkörper. Als er den Kopf hob, erschreckte er über das blutleere Gesicht, das ihn aus hellgrünen Augen unter einem kurzen strohblonden Haar erstaunt anstarrte. Irritiert betastete er eine kleine Narbe auf seinem Kinn, die stark hervorgetreten war; sie leuchtete geradezu hellrot. Nie zuvor war etwas Derartiges geschehen.
Er musste daran denken, wie er sie sich zugezogen hatte. Als er mit vier Jahren zum ersten Mal die Fahrerkabine eines Lastwagens allein bestiegen hatte und beim Aussteigen in eine am Boden liegende Glasscherbe gestürzt war. Freunde seiner Eltern waren damals umgezogen, und er war ungesehen durch die Fahrertür geklettert.
Er hatte den Schrei seiner Mutter noch im Ohr. Seine Mutter war einer der ängstlichsten Menschen, die er kannte. Komisch, dachte er, dass ausgerechnet diese Narbe, die er praktisch einem LKW verdankte, gerade nach diesem Traum so auffällig gerötet war … Quatsch, schalt er sich und schob einen unangenehmen Gedanken beiseite, fang nicht an zu spinnen.
Er drehte den Wasserhahn auf und ließ eiskaltes Wasser über die Hände laufen. Dann wusch er sich hastig das Gesicht, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Keine zehn Sekunden später hörte er seine Mutter.
„Bastian, ist was passiert?“
Noch ein Mal sah er in den Spiegel und verdrehte die Augen.
Ja, Mutter, der dritte Weltkrieg ist ausgebrochen, gleich nachdem die vier Reiter der Apokalypse an unsere Haustür geklopft haben, dachte er belustigt. Eine solche Frage war so typisch für seine Mutter. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, ihr zu erzählen, was er geträumt hatte, doch eigentlich war es schon entschieden. Warum sollte er es tun? Es hätte ja doch nur albern geklungen und wahrscheinlich trotzdem dazu ausgereicht, sie zu beunruhigen.
„Nichts, ich war nur auf dem Klo. Ich geh gleich wieder ins Bett.“
„Das will ich doch auch stark hoffen“, kam die Stimme seines Vaters aus dem Schlafzimmer seiner Eltern, das direkt an das Bad anschloss. „Vielleicht kann ich dann jetzt auch weiter schlafen.“
Seufzend ging Bastian zurück in sein Zimmer und legte sich ausgestreckt aufs Bett. Er war hellwach, als wäre es zwei Uhr mittags und nicht zwei Uhr nachts. Noch immer sah er die Bilder des Traumes deutlich vor seinem geistigen Auge und er wusste, dass es eine sehr kurze Nacht werden würde.


Kapitel I

Bastian Klamm war schon immer das, was die Gesellschaft als Durchschnittstyp bezeichnete.
Er war sechzehn Jahre alt und lebte seit seiner Geburt in Hohlingen, einem 7000–Seelendorf im Herzen Baden–Württembergs, ein magerer Junge und zudem der kleinste unter allen Schülern der zehnten Klasse des Armin–Stahl–Gymnasiums in Einbronn, welches er seit der Fünften besuchte.
Eigentlich waren seine Leistungen auf dem Gymnasium immer zufrieden stellend gewesen, doch in diesem Jahr schien sich das zu ändern; die ersten Klassenarbeiten waren geschrieben und mehr als die Note vier war nicht herausgekommen.
Ausgerechnet nach diesem Jahr wollte er zum Technischen Gymnasium in Meling wechseln, und dafür waren Spitzennoten erforderlich. Er machte seinen knappen Zeitplan dafür verantwortlich: Das Orchester der Schule, zu dem er gehörte, nahm seine Zeit ebenso in Anspruch wie das Volleyball–Team, das im Wettbewerb gegen andere Schulmannschaften meist als Sieger den Platz verlassen hatte. Doch der größte Teil seiner Zeit war für seine Freundin reserviert, mit der er seit Ende des letzten Schuljahres zusammen war. Sarah Tiedke, ein hübsches Mädchen mit langen braunen Locken und blaugrauen Augen, ging in die Parallelklasse und kam aus dem anderthalb Kilometer entfernten Nachbarort Kapphausen, so dass sie sich fast jeden Tag treffen konnten.
Sarahs Mutter war Hausfrau und den ganzen Tag zu Hause, während seine Eltern beide berufstätig waren. Bastians Mutter arbeitete bei dem in Hohlingen ansässigen Optiker und sein Vater war Filialleiter der Bank in Einbronn; also hatte er nachmittags viel Zeit.

„Hey du! Ja du, du Arsch, ey!“
Bastian drehte sich um und spielte am Reißverschluss seiner beigen Sommerjacke.
Der wuchtige Typ vor ihm steckte in schwarzen, ausgebeulten Jeans und trug ein weinrotes Hemd.
„Was willst du, Pagani? Muss ich dir schon wieder die Fresse polieren, oder was?“, grinste Bastian.
Daniel Pagani baute sich vor ihm auf und hob die Fäuste.
„Als ob du stärker wärst als ich!“, rief er und boxte Bastian herausfordernd auf den Oberarm. „Na komm schon, kämpf, du Schwächling!“
Bastian sah ihn an und zog seine blauen Baggy–Hosen hoch.
„Okay, wie du willst“, meinte er und versetzte Daniel blitzschnell einen leichten Hieb in die Magengegend.
Dani sprang zurück und lachte.
„Schon gut, bist besser, alles klar“, sagte er und gab Bastian die Hand. Daniel Pagani war Bastis bester Freund; er hatte rotes Haar und braune Augen, war etwas größer als Bastian, aber mindestens doppelt so breit und schrecklich unsportlich. Er liebte es, mit seinem Kumpel herumzualbern, obwohl er, wenn er es zu weit getrieben hatte, auch schon den einen oder anderen Schlag hatte einstecken müssen. Bastian war zwei Jahre lang im Melinger Boxverein gewesen, bis sein Trainer Ende letzten Jahres nach Berlin gezogen war.
Dani warf Bastian einen mitleidigen Blick zu.
„Mann, Alter, du siehst heute Morgen auch nicht besonders vorteilhaft aus.“
„Das liegt an deiner Gegenwart“, antwortete Bastian mit gespielter Langeweile.
„Ach so?“
„Ja. Sorry, aber es ist so.“
„Na dann ist’s ja gut“, lachte Daniel.
Bastian fragte sich, ob er Dani von dem Traum erzählen sollte? Er war sich unsicher. Natürlich, Dani war sein bester Freund, und sie hatten schon vieles zusammen erlebt. Sie kannten sich schon seit über zehn Jahren und hatten die erste Zigarette zusammen geraucht, das erste Bier getrunken und die erste Tüte gebaut. Sie waren ein Team und jeder vertraute dem anderen völlig und kompromisslos. Und trotzdem war ihm nicht wohl bei dem Gedanken, seine Träume einem anderen Menschen anzuvertrauen. Träume waren vermutlich ein unbewusster Ausdruck von Wünschen und Problemen, von Dingen, die man bewusst nicht erkennen oder eingestehen konnte. Diesen kleinen Teil seiner Seele wollte er in seiner privaten Ecke reservieren.
„Wie lange müssen wir heute eigentlich in dieser widerwärtigen Sklaventreiber–Schule bleiben?“, fragte Dani gutgelaunt.
„Fünf Stunden.“
Dani verzog das Gesicht.
„Super. Das rettet den Vormittag.“
„Du redest mal wieder nur Scheiße“, sagte Bastian beiläufig und wies mit dem Kinn zum Bus, der fast unmerklich in die Haltebucht eingebogen war.
Schweigend stiegen sie ein und gingen an den besetzten vorderen Reihen vorbei zum hinteren Teil des Busses. Bastian hielt Ausschau nach Sarah, konnte sie aber nirgends entdecken. Normalerweise saß sie morgens schon im Bus, der zuerst nach Kapphausen musste, bevor er nach Hohlingen kam. Doch an diesem Tag war sie nicht da. Verwundert setzte er sich neben Daniel.
„Sie wird zur zweiten Stunde haben.“
Bastian sah ihn an. Erstaunlich, wie sein bester Freund seine Gedanken erraten hatte.
„Ja, kann sein“, meinte Bastian und ließ sich seufzend in den Sitz sinken, ,,aber das hätte sie mir doch gesagt?“
„Vielleicht hat sie’s vergessen.“
„Ja, ja wie auch immer …“
War es ein schlechtes Zeichen? Ein Knick in ihrer Beziehung? Oder war etwas passiert? Bastian wusste, dass er sich zu viele Sorgen machte, aber ja verflucht, es war gut, sich Sorgen zu machen, denn es zeigte doch, wie viel sie ihm bedeutete.
Er sah aus dem Fenster und betrachtete gleichgültig die vorbeiziehende Landschaft. Sein ganzes Leben hatte er in dieser Gegend verbracht und seit über fünf Jahren fuhr er nun schon jeden Morgen mit dem Bus ins etwa fünf Kilometer entfernte Gymnasium von Einbronn.
Beim Aussteigen sah er sich nochmals nach Sarah um; vielleicht hatte er sie ja übersehen, doch seine Hoffnung wurde enttäuscht.
„Dani, was machst du jetzt noch?“
„Keine Ahnung. Was hatten wir in Englisch auf?“
„Weiß nich. – Hey Anja! Anja!“
Anja Hermann, ein Mädchen in engen weißen Stoffhosen und einem kurzen grauen Mantel, das wenige Meter vor ihm lief, drehte sich um. Bastian kannte sie seit dem Kindergarten.
Schon immer war sie in seiner Klasse gewesen, eine hübsche junge Frau, aber mehr als Freundschaft hatte es nie gegeben. Es hatte nicht unbedingt an ihm gelegen; trotzdem war, seit er mit ihrer besten Freundin Sarah zusammen war, ihr Umgang mit ihm immer kälter geworden.
„Was ist?“, rief sie ohne sich zu bewegen.
„Was war in Englisch auf?“, schrie er ungerührt zurück.
„Aufsatz“, kam die Antwort, ,,mindestens 150 Wörter.“
„Oh, Scheiße“, murmelte Daniel und eilte ins Klassenzimmer.
Bastian beschloss, in den Aufenthaltsraum zu gehen, um auf einem der dort stehenden Sofas zu schlafen, bis der Gong ihn wecken würde. Der Raum war menschenleer. Nichts Ungewöhnliches vor Beginn der ersten Stunde, noch dazu am ersten Tag der Woche. Todmüde legte er sich auf eine braune Ledercouch, eine Spende des Rektors, die er bei der Renovierung seines Hauses ausgemustert hatte. Bereits nach wenigen Sekunden war er eingeschlafen.
Pünktlich mit dem Gong zum Unterrichtsbeginn schrak Bastian aus dem Schlaf; sein Gesicht war aschfahl und seine Hände zitterten. Etwas, an das er nie gedacht hätte, etwas unglaublich Absurdes hatte sich ereignet: Sein Traum hatte sich wie eine Filmfortsetzung nach einer Werbepause nahtlos fortgesponnen. Ein Film, in dem ihm die Hauptrolle aufgenötigt wurde. Geschockt starrte er gegen die Wand, und als er sich auf den Weg machte, war bereits der zweite Gong zur ersten Stunde verklungen.
„Betrachten wir nun die Gewaltenteilung als Grundstock der Demokratie …“
11:04 Uhr, Ende vierte Stunde. Gemeinschaftskunde. Bastians Gedanken begannen abzuschweifen. Warum hatte er so merkwürdige Träume? Gab es eine Möglichkeit, diese Dinge zu deuten, die er gesehen hatte? Er beschloss, die Geschehnisse der Nacht aus seinem Gehirn zu verbannen, wenigstens bis die Schule zu Ende war, sonst würde er am Ende noch –
„Bastian“, flüsterte Daniel.
„Was?“
Verwirrt blickte er auf und sah, dass Herr Röhm, sein Gemeinschaftskundelehrer, vor seinem Tisch stand und ihn fixierte. Seine hagere, zwei Meter große Gestalt ragte vor ihm auf und funkelte ihn aus tief liegenden, blauen Augen mit einem kalten Blick an.
Mit einer Hand fuhr er sich über die Glatze, die andere hielt das Buch, sein gepflegter schwarzer Kinnbart zuckte.
„Nun?“, fragte er mit schneidender Stimme.
„Verzeihung“, sagte Bastian gelassen, ,,ich fürchte, ich war für einen Moment abgelenkt. Wie lautete die Frage noch gleich?“
„Ich wollte wissen“, kam es eiskalt zurück, ,,was die grundlegenden Merkmale unserer Demokratie in Deutschland sind, Herr Klamm. Ich hoffe die Beantwortung der Frage kostet sie nicht zu allzu viel Mühe.“
Bastian sah ihm ungerührt direkt in die Augen.
„Also eigentlich, Herr Röhm, ist unsere Demokratie gar keine vollständige Demokratie, denn der Begriff impliziert ja, dass das Volk das Recht hat, über den Staat zu bestimmen. Ein Artikel im Grundgesetz verbietet es jedoch, die Demokratie abzuschaffen, völlig gleichgültig, ob es dem Willen des Volkes entspricht, oder nicht. Eine völlig neuartige Regierungsform, die möglicherweise besser wäre als unsere momentane, ist demnach aufgrund der Demokratie völlig unmöglich. Und das Volk hat hierbei nichts zu sagen.“
Röhm sah ihn verblüfft an. Er hatte wohl damit gerechnet, eine falsche Antwort zu bekommen, oder vielleicht auch keine, aber eine solche Ansprache hatte er offensichtlich nicht erwartet. Bastian hatte sich wie ein gewiefter Politiker herausgeredet, und was er gesagt hatte, war durchaus nicht von der Hand zu weisen.
Nach einem langen Augenblick der Stille, in dem sich die beiden „Kontrahenten“ wie bei einem Duell fixierten, brach in der Klasse plötzlich stürmischer Beifall aus; nie zuvor hatte es ein Schüler gewagt, so offen gegen den verhasstesten Lehrer der Schule zu sprechen. Die nur wenige Sekunden später ertönende Glocke war wie eine Erlösung. Alle packten ihre Sachen ein, während Röhm noch immer bewegungslos dastand.
„Nicht schlecht, Klamm, nicht schlecht“, sagte er leise, ,,das war ein Punkt für Sie. Aber keine Sorge, das Jahr ist noch lang. Ich werde mich um Ausgleich bemühen.“
Mit diesen Worten, ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und verließ den Raum. Voll Abscheu blickten Daniel und Bastian ihm nach.
„Und so was nennt sich Schulpsychologe“, meinte Daniel kopfschüttelnd, ,,aber scheiß drauf. Komm, Kumpel, wir müssen hoch in Chemie. Letzte Stunde für heute!“
„Na, Gott sei Dank“, murmelte Bastian, ,,für heute hab ich auch genug.“

12:16 Uhr. Zischend öffnete der Bus die Falttüren. In apathischer Slow–motion trotteten Bastian und Daniel zum Einstieg. Der Fahrer würde wie immer warten. Wenigstens dieser Schultag war überstanden. Dieser Schultag, der ihm so viele negative Gedanken beschert hatte, denn zu seinen Sorgen, war noch etwas hinzugekommen:
Sarah war nicht in der Schule erschienen, und alles, was er von ihren Klassenkameraden erfahren hatte war, dass sie wahrscheinlich krank sei. Mehr wussten sie auch nicht. Es beschäftigte ihn den ganzen Weg von der Bushaltestelle bis zur Wohnung, warum sie nicht in der Schule war.
Abwesend zog er seine Schlüssel aus der Tasche und öffnete geräuschlos die Tür.
Als Bastian das Treppenhaus verließ und in den Flur im ersten Stock trat, rief seine Mutter aus dem Wohnzimmer, dass er sich heute selbst etwas zu essen machen müsse, Herr Blinkmann, ihr Chef, erwarte einen wichtigen Vertreter, und sie müsse auf den Laden Acht geben. Bastian nahm es schweigend hin, ging in sein Zimmer und warf achtlos seinen Schulranzen und seine Jacke aufs Bett.
Als er wieder aus seinem Zimmer trat, kam sie ihm mit einem leichten türkisfarbenen Mantel und einem hellgrünen Schal, um der ersten Herbsteskälte zu trotzen, entgegen.
Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange, wobei ihn ihre halblangen dunkelbraunen Haare im Gesicht kitzelten (das Blond hatte er von seinem Vater geerbt) und verabschiedete sich von ihm.
Im Esszimmer lag ein Zettel von seinem Vater auf dem Tisch. Er sei wieder einmal gezwungen, Überstunden zu machen und nur fünf Minuten zu Hause gewesen. Bastian sah auf die Uhr: kurz nach halb eins.
Wenn seine Eltern so weitermachten, würde er sie bald gar nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Seufzend ging er in die Küche, um sich ein paar Spiegeleier zu braten.
Das Alleinsein störte ihn nicht sonderlich, er war eine Kämpfernatur. Er hatte in seinem jungen Leben schon viele Verluste hinnehmen müssen.
Die Eltern seiner Mutter waren kurz vor seiner Geburt bei einem Segelunfall ums Leben gekommen, und die Eltern seines Vaters starben innerhalb von sechs Monaten, erst sie an Leukämie, dann er an Nierenversagen, nur zwei Wochen vor Bastians erster Zeugnisausgabe. Nie würde er die Beerdigungen vergessen.
Gerade, als sein Mittagessen auf der Herdplatte brutzelte, klingelte das Telefon. Während er mit einer Hand die Spiegeleier auf seinen Teller fallen ließ, nahm er mit der anderen Hand den Hörer ab.
„Bastian Klamm.“
Wie üblich meldete er sich mit seinem vollen Namen; zu oft schon war er mit seinem Vater verwechselt worden.
„Hallo Bastian, ich bin’s. Wenn du mich schon nicht anrufst, muss ich ja wohl was tun …“
Er stutzte: er konnte sich nicht erinnern, diese Stimme je in seinem Leben gehört zu haben.
Es erinnerte ihn entfernt an eine Mädchenstimme, die er kannte, aber es hatte geklungen, als hätte dieses Mädchen durch ein Mikrofon gesprochen, das ihre Stimme verzerrte. Oder etwa –
„Sarah? Bist du das? Schatz?“, fragte er vorsichtig.
„Natürlich“, krächzte sie am anderen Ende der Leitung, ,,was dachtest du denn? Die Partnervermittlung?“
„So abwegig ist das nun auch wieder nicht“, scherzte er, ,,du hast ja keine Ahnung, was hier für Leute anrufen. Aber was ist eigentlich mit dir los? Du hörst dich furchtbar an.“
„Na ja, ganz so schlimm geht’s mir dann doch nicht. Die Grippe hat mich dieses Jahr nur etwas früher als gewöhnlich erwischt. Meine Stimmbänder sind ziemlich im Arsch.“
„Was für eine verbale Ausschweifung“, neckte er sie. ,,Muss ich dir erst den Mund mit Seife auswaschen, bis du verstehst, dass sich so ein Benehmen für eine Dame nicht schickt, oder was?“
Sarah lachte.
„Du bist blöd. Eigentlich wollte ich Dich nur fragen, ob Du mal bei mir vorbeikommst. Mir geht’s echt nicht gut.“
„Natürlich komme ich gleich“, entgegnete er besorgt, ,,wenn du das schon selbst sagst. Du bleibst auf jeden Fall im Bett. Ich kann mich ja dazu legen.“
„Keine schlechte Idee, aber der Arzt hat mir jede körperliche Anstrengung verboten.“
„Och, macht nichts“, sagte Bastian, „du musst dich nur auf den Rücken legen, den Rest erledige ich. Bleib einfach wo du bist, ich bin so bald wie möglich bei dir. Versprochen.“

Sarah Tiedke lag im Bett in ihrem Bett und atmete schwer. Das Fieber zehrte an ihren Kräften und das Halsweh und die Heiserkeit erschwerten ihr das Sprechen.
Sie waren schon seit über drei Monaten zusammen. Wie schön es war, als er ihr seine Liebe gestanden hatte; just zu Zeit hatte auch sie ein Auge auf ihn geworfen. Es war auf der Jahresabschlussfeier der neunten Klassen, sie hatten an diesem Tag auf einem Grillplatz kampiert und waren um ein großes Lagerfeuer gesessen, als Bastian sie um ein Gespräch unter vier Augen gebeten hatte.
Er war mit ihr ein kurzes Stück zu einer Holzbank abseits aller Blicke gegangen und hatte sie dort Platz nehmen lassen; er selbst war vor ihr in die Knie gegangen, hatte ihre Hand genommen, ihr tief in die Augen gesehen und sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, mit ihm zusammen zu sein.
Fassungslos vor Freude war sie ihm um den Hals gefallen und hatte ihn geküsst.
Seit diesem Tag führten sie eine sehr offene und liebevolle Beziehung. Beide vertrauten sich fast ohne Ausnahme alles an und konnten ehrlich über jedes Thema miteinander reden.
Sarah Tiedke war für ihr Alter immer recht klein gewesen, selbst Bastian überragte sie um ein paar Zentimeter. Sie war schlank, aber nicht mager; die Pubertät hatte sie zu einer wohl proportionierten Frau heranwachsen lassen.
Wenn sie lächelte, war auf ihrer rechten Wange ein Grübchen zu sehen, das ihrem Lächeln erst etwas Besonderes gab, und genau in dieses Lächeln hatte er sich verliebt.
Sie kannte ihn, seit sie in die fünfte Klasse gekommen war, und sie kannte auch seine Art, Fragen von sich fernzuhalten, wenn ihn etwas bedrückte:
Sie hatte an seiner Stimme gehört, dass er ihr was verschwiegen hatte, aber sie wollte ihn nicht drängen.
Sie wusste, wenn sie das versuchen würde, würde er alles abstreiten und ihr gar nichts sagen. Früher oder später würde er schon von selbst alles erzählen.
Das Klingeln riss sie aus ihren Gedanken.
Mit müden Beinen schleppte sie sich zur Tür, die Bettdecke um sich gewickelt, da sie wieder zu zittern begonnen hatte. Unter der Decke trug sie nur einen dünnen gelben Schlafanzug aus Satin und einen violetten Slip.
Als sie die Tür geöffnet hatte, verließen sie die Kräfte; die Hand, mit der sie sich an der Wand abgestützt hatte, verlor den Halt.
Für einen Moment taumelte sie unsicher und kippte nach vorne, hätte Bastian sie nicht aufgefangen, wäre sie auf die kalten Kacheln des Flurs geschlagen.
„Mein Gott Sarah, warum bist du aufgestanden?“, flüsterte er erschrocken, ,,warum hast du nicht gewartet, bis deine Mutter aufmacht?“
„Sie ist gerade beim Einkaufen“, erklärte sie heiser mit einem unsicheren Lächeln. ,,Typisches Glück, oder? Ein einziges Mal im Jahr muss ich selbst aufmachen; und ausgerechnet an diesem Tag hab ich über vierzig Grad Fieber.“
Bastian hielt sie noch immer umklammert, ihre Beine schienen sie nicht tragen zu wollen.
„Kannst du gehen?“, fragte er sie besorgt.
„Ich weiß nicht. Wenn es nicht geht, dann lass mich einfach hier liegen. Oder sonst was.“
„Kommt ja gar nicht in Frage. Versuch mal, dich an mir festzuhalten.“
Kraftlos schlang sie ihre Arme um seinen Hals. Mit einem Arm umfasste er ihre Schultern, mit dem anderen hob er ihre Beine hoch.
„Nicht“, sagte sie, ,,du hebst dir noch einen Bruch meinetwegen.“
„Ich bitte dich, deine zwei– oder dreiundvierzig Kilo könnte ich im Notfall noch auf einem Arm tragen.“
Vorsichtig legte er sie aufs Bett und deckte sie zu.
„Und du hast wirklich nur Grippe?“, fragte er sie ein wenig ungläubig.

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