Leseprobe
aus Jürgen Ghebrezgiabiher: Das Leben ist ein versehen aus Zeit
Man kann sich die Paranoia auch als leicht schabendes Geräusch jenseits des Stirnhimmels oder stockbesoffen in einem Geschlecht hackend, das einem aus dem Maul hängt, vorstellen. Die Decke kommt näher und man versucht, noch schnell mit den Gedanken rudernd an ein verkorktes Ufer zu schwappen.
Mein Maul eselt am Fenster. Ich lutsche schwach an den Gedanken. In der dunklen Scheibe steh' ich mir wie Freiheit im Weg. Leicht sabbernd erkennt Paul sein ausuferndes Zuhausesein in diesen aufgeschwemmten Nächten. Schnell noch der Nacht `ne Mark durch's sperrangelweit gemaulte Fenster werfen und morgen kauf' ich mich frei.
Jeden Abend dröhnt genau derselbe Film gegen die Schädeldecke: der Finger ragt noch leicht tickend aus dem in die Seele geschwemmten Schaum heraus. Das nächste Bier wird schon ein Schritt nach vorn sein - im Sich-freisaufen. Der nächste Morgen, diese ganze blaugeplagte Hoffnung, muß immer zögernder ins Gehirn einschlagen. Paul schabt einen tiefen Zug aus einer dieser grimmigen Zigaretten, kotzt den Qualm in sich hinein.
Gestern hab' ich mit diesen ganzen Leuten gelacht, ohne Anstalten zu treffen, mich aus dem nächsten Fenster zu stürzen oder am nächsten Müllhaufen zusammenzubrechen. Jeder Hund, der die Gnade besäßen hätte, mich anzupissen, wäre im Recht gewesen. Das unsichtbare innere Flennen immer durch den Kakao zu ziehen macht widerlich - aber der Sonne ist's egal. Ich hätte mich der Frau, die mich ab und zu musterte, an die Füße binden sollen, bis ihr das Herz verreckt, lächelnd ihr Bett verstinken und über unseren zerrissenen Geschlechtern einen Wortschwall entledigen wollen, bis der Nacht die nebligen Morgenohren wachsen und ich mein verdunstenes Schwammhirn in den neuen Kaffee klatschen kann. Sie hätte ein ins Frühstück verschmiertes "Drecksack" gesagt, und ich hätte verquollen in meiner jämmerlichen Zärtlichkeit `rumgeschlitzaugt.
vergoren stellt der tag zeit
hungert die nacht aus
bleicht das gesichtern
flutig schwemmt pflicht an
und die augen kreuzigen die liebe -
das tägliche schatten wummert durch den kopf
kaltgeträumt
hält das müssen die uhr aus.
Dieser unendliche Stuß vom Werden verläuft sich in den Adern des Abwartens. Dickblau und milchig fett wandern sie im Magen auf und ab, pochen in der Jähzornigkeit des Verlierens. Jeder kennt dieses Gefühl des vergessenen Ausharrens. Paul läßt sich den Tag von der ausgeräumten Nacht servieren. Müdgeträumt hängt ihm der Seich am Bauch. Das knorplige Aufsteh`n ringt ihm ein Knurren ab und er ist froh, vor dem Frühstück auf dem Scheißhaus zu landen. Das erste Inhalieren macht ein Wabern aus dem, was kommen sollte und stechuhrig knallt die Tür ins Schloß, als er ölig die Treppen betrachtet, die ihn loslassen.
Ich habe den Gedankenkot nicht erfunden, der dampfend im Tag seine Spülung findet. Der weißbauchige Himmel fällt wie Schweiß auf meinen ausgelutschten Tatendrang. Vielleicht heute - vielleicht lädt heute das Schicksal ein, über die ausgebrannte Vergangenheit zu lodern und die Zukunft als Anzeige auszunageln. Ich hole aus zum Vergessen. Mein Magen gärt noch an dem letzten Bißchen angesoffenen Anstand und jede Tür, die ich aufundzu-mache, bringt mich näher an dieses Durchstehen von Zeit. Servieren Sie mir bitte zwei Bier für mich und mein zurechtblasiertes Chaos.
Es ist noch viel zu früh zum Pennern. Paul schaut sich die Spiegel an den Trinkhallen an, würgt an der Eingangstür zur Pünktlichkeit wie an trockenem Brot - er eifert an seinem Geschäftszeitenlächeln.
Mein Weltverbessern ist schaudernder Blumenmoder. Ich beweise Zeit, indem ich täglich meine neue Version begatte. Genauer gesagt, stehe ich da mit vermülltem Herzen und harzig saugt sich das Alter in mich ein. Kakteenartig horte ich unter der brüllenden Gegenwart das bißchen Saft `Hoffnung und Mut'. Den Rest des Müssens verarbeite ich schlafmalerisch zu blödsinniger Freundlichkeit, die mich beschwippst über das Egal hebt. Ich versuche nachweislich zu arbeiten und schabe an meiner Kraft. Immer noch brütet mein Herz in diesem täglichen Planmaß. Ich hocke geiernd auf dem Warteast der Angst, die mein Weiter sortiert und mich nüchtern scheißt. Mir stinkt mein Hirn im Schweiß.
Das Handeln ist ein schnell betontes Gemisch aus Widerwillen und Zuversicht. Paul ballt Energie aus Übelkeit und hätte das Klo lieber in einen rilke'schen Furz vernebelt. Er bearbeitet den Vormittag mit den Fäusten, die nach naiver Freundlichkeit stinken, und sucht sich schnell die Arbeiten zusammen, die das Sein beatmen, solange man glaubt. Verloren steht er neben den Menschen, die am Kaufen arbeiten und erklärt den Gegenwert im Nichts.
Eine geballte Ladung Scheiße haben wir an den Füßen, doch wir reden sie weg, und abends sitzen wir sie breit, bis sie nach Selbstbestimmung duftet. Wir glotzen in das Testbild Welt, kratzen am Überlebensschorf und wissen, daß Freiheit kein bißchen Leben für Andere bedeutet. Ein verdammt trockenes Gefühl hab' ich im Maul und irgendwie könnt' ich jetzt mit Liebesschnaufen und whiskyseelig in Hängematten aus feiner Haut liegen, die mich in der Seele näßen. Das Branden der Ärsche, das Rauschen der Brüste, die Gischt der Zungen auf den Felsen der Bäuche, die Gier der Lider, sich zu schließen und zu lauschen, das Aufatmen des Geschlechts und die Träne des Körpers. Und ich versuche das nächste Fahrrad in die verkackte Welt zu schieben, den Kunden zu reinigen und die Freude zu pflügen, ein bißchen Sinn zu besitzen. Ich spurte schnell in den Kopf zurück, streune ein wenig in den sich aus der glibbernden Masse der Schmerzen herausschälenden Geschichten und taste mich durch dieses schwindelige Gefühl `Schon-wieder-ein-Tag', das jetzt langsam zu meinen Augen hereingebrannt kommt.
Paul gleitet an den Hängen des Tuns vorbei. Es ist zwölf Uhr fünfzehn. Sein Gedächtnis hungert in die Kasse. Der Kassenbon fliegt erschöpft neben den Mülleimer.
Das Leben lungert am Thresen. Vergeblich küßt irgendeine Weite meine Stirn. Ich begaffe den Raum der Veränderung, ahne ein bißchen Ende. Schnell beliefere ich mein alltägliches Krematorium und wünsche mir die Zukunft zurück.
"Was hast Du gesagt?", brüllt Hanna aus dem Gang.
"Ach nichts."
"Ach ja?!"
"Hast Du auch solchen Durst?"
"Ich könnte mich mit Dir besaufen."
Der Vorhang, der am Ende deines Plapperns fällt, heißt Verheißung. In der Dunkelheit des Applauses kannst du die unheimlichsten Dinge sagen und mit Herzen nur so um dich schmeißen. Am Abgrund der Vorstellung deiner Selbst steht der markerschütternde Blödsinn, der auf's Leben autogrammt.
Paul stolpert an dem entlang, was man die Vernichtung der Sinnöde nennt. Er verläuft sich ins Arbeiten. Sein Witz geht für die gute Laune d`rauf. Aus dem mörderischen Schlaf hinausposaunt, klebt er in die Fetzen seines Mittags die Fotos aus der versteinernden Nacht, die ersoffen in den gähnenden Laken säuert. Es gibt ein Phänomen Gegenwart. Verkorkt scheppert es an die Lebenswand, man kann es nur in den Brüchen der Vergangenheit üben. Es wartet geschient auf irgendeine Sonne in irgendeiner Zukunft. Wetterfühlig kleistert es die Kalender voll. Mißtrauisch mieft es im Gestank der täglichen Verrichtung.
Es kommt Besuch. Ich verzittere in eine Umarmung. Mein Maul klappt auf und die Worte brechen heraus. Ich hetze zwischen zwei Welten hin und her, kann Arbeitsblick und freudiges Herz in eine Tonne schmeißen, in der die Gegenwart tränt. Ich bin ohne Unterlaß und habe ein Anrecht zu schweigen...zäh verpufft der erste Augenblick.
"Wie lange haben wir uns nicht gesehen!"
"Ja, es ist viel."
"Wollen wir nicht `mal `was unternehmen?"
"Ja, das ist zu viel."
Paul kaut in den Worten sein viel zu langes Denken wieder. Er vermißt die verpaßte Realität und nagt an seinen Allüren. Er beliefert die Zeit mit Anderen ohne Vorwarnung und Zukunft, belebt sich etwas in der Gegenwart und verpaßt den Anschluß. Schnell wird ihm sein belustigender Aberwitz quittiert und er versinkt in die Schalen seiner öffentlichen Einsamkeit.
Ich bleibe eine moderne Behauptung. In mir ballt sich Welt zum kleckernden Orgasmus. Mein Schmerz bleibt dies fette Knurren, das nach Ohrwurm klingt. Ich sehe dich und fühle mich in diesen Augen zuhause. Deine Lider lassen die eisernen Tore fallen; wir stehen in unsäglichem Dunkel, rütteln an unseren Körpern und verschütten unsere Nachrichten. Die Liebe ist ein Versehen aus Zeit. Nachgebessert lungern wir um den Abschied `rum.
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