Leseprobe
aus Steffen Hanko: Der Stolz des Löwen
Niemand schenkte den beiden jungen Männern eine besondere Beachtung, die an einem grauen und feuchtkalten Märztag im Jahre des Herrn 1570 über die Piazza di San Marco dem Molo entgegenschlenderten. Beide mochten ungefähr Mitte Zwanzig sein und ähnelten einander wie Brüder, obwohl sie in keinerlei verwandtschaftlichem Verhältnis zueinander standen. Sie trugen vornehme Kleidung und zierliche Stoßdegen, die in den Wehrgehängen an ihren Gürteln hingen und bei jedem Schritt mit dezentem Klirren gegen ihre Beine prallten. Anhand ihres Äußeren ließ sich erahnen, dass sie Abkömmlinge der Nobili, der großen Patriziergeschlechter Venedigs sein mussten. Ihr Gang und ihre Körperhaltung strahlten lässige Eleganz aus und zeugten von arrogantem Selbstbewusstsein. In den Gesichtern zeigte sich die Blasiertheit desjenigen, der um seine vornehme Abstammung weiß und andere, die von geringerer Abstammung sind, darum umso geringer achtet.
Während sie an der gewaltigen Basilika vorbei spazierten, die den Namen San Marcos trug, des Schutzheiligen der Ehrenwerten Seerepublik Venedig, waren sie in ein lebhaftes Zwiegespräch vertieft, von dem sie derartig in Anspruch genommen zu sein schienen, dass sie ihrer Umgebung kaum Beachtung schenkten.
„Bei allen Heiligen! Also trifft es zu, was du sagst? Die spröde Gabriella ist endlich weich geworden und hat dich erhört?“ rief der Größere der Beiden aus, und der Klang seiner Stimme verriet fassungsloses Staunen.
„Es ist wahr, obwohl ich es selbst noch kaum zu glauben vermag. Aber letztendlich zahlte sich meine Beharrlichkeit aus. Jede Festung fällt irgendwann, wenn man sie nur lange genug berennt“, erwiderte der Andere mit einem selbstgefälligen Grinsen. „Heute Nacht werde ich vollenden, was ich begonnen habe, und die Tugend der Schönen endgültig zu Fall bringen.“
„Hoffentlich erlebst du dabei keine unangenehme Überraschung.“
„Wie meinst du das?“
„Es würde mich keineswegs wundern, wenn sie längst keine Jungfrau mehr wäre. Ein Mädchen, das so aussieht wie sie...“
„Aber sie ist erst sechzehn!“
„Na und? Das besagt gar nichts. Ihr Körper jedenfalls entspricht dem einer Zwanzigjährigen. Außerdem habe ich auf der Ponte delle Tette schon Mädchen gesehen, die noch jünger waren und ganz gewiss nicht mehr jungfräulich.“
„Das ist wahr. Dennoch würde ich die Hand dafür ins Feuer legen, dass ich der erste Mann bin, der Bella Gabriella die Beine spreizt.“
„Wenn du dich da nur nicht irrst! Lass dich von ihrem gezierten Benehmen und der schüchternen Zurückhaltung nur nicht täuschen. Die Frauen lieben es, unsereins mit solchem Getue hinters Licht zu führen.“
„Also gut. Du scheinst fest davon überzeugt zu sein, dass sie keine tugendsame Jungfrau mehr ist. Ich setze hundert Dukaten darauf, dass gerade das Gegenteil zutrifft.“
„Soviel ist ihre Tugend dir wert? Tut mir leid, da kann ich nicht mithalten. In meiner Tasche sitzt das Geld nicht so locker wie in deiner, denn mein Vater hält mich knapp, wie du weißt. Ich werde mich also ab sofort jeglicher Verdächtigungen über die Sittsamkeit deiner Auserwählten enthalten und stillschweigend davon ausgehen, dass sie zu den wenigen Mädchen dieser prächtigen Stadt gehört, die es verstanden haben, ihre Unschuld bis ins hohe Alter von sechzehn Jahren zu bewahren.“
Er kicherte frivol und machte eine obszöne Gebärde. Der Andere ging darauf ein.
„Ich will dir noch einmal verzeihen, doch nur unter der Voraussetzung, dass ich bei diesem Abenteuer auf deine Unterstützung zählen kann, mein Bernardo.“
„Seit wann benötigst du meine Hilfe, um einem Mädchen die Jungfernschaft zu rauben, mein Alessandro? Reicht deine Manneskraft etwa nicht aus, die Tochter eines gewöhnlichen Fischers zu bezwingen?“
„Um meine Manneskraft ist es ebenso wohl bestellt wie um dein Mundwerk. Doch ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann und der die Augen offen hält, wenn ich der schönen Gabriella meine Aufwartung mache. Sie versicherte mir zwar, dass wir allein und ungestört sein werden, doch scheint es mir ratsam, Vorsicht walten zu lassen. Falls ihr Vater und ihre vier Brüder plötzlich auftauchen sollten, wäre es zuträglicher für mein Wohlbefinden, wenn ich rechtzeitig verschwinde.“
„Ich verstehe. Ich soll also den Aufpasser spielen, um dich bei Gefahr rechtzeitig zu warnen.“
„Würdest du das für mich tun, mein Freund?“
„Eigentlich sollte ich es dir verweigern. Immerhin hast du sie mir ja quasi ausgespannt, nicht wahr? Bin nicht ich derjenige gewesen, der sie als erster auf dem Fischmarkt bei der Rialtobrücke sah, wo sie ihre Waren feilbot? Wenn ich nicht die unverzeihliche Dummheit begangen hätte, dich auf meine Entdeckung aufmerksam zu machen, würde ich heute vielleicht der Glückliche sein, dem es erlaubt ist, die Vorzüge dieses göttlichen Körpers zu genießen.“
„Soweit ich mich erinnere, ließ sie dich aalglatt abblitzen, als du versuchtest, mit ihr anzubändeln. Von Ausspannen kann also keine Rede sein.“
„Irgendwann wäre sie mir schon auf den Leim gegangen. Aber wie kann jemand wie ich neben einem bestehen, der so blendend aussieht wie du und obendrein der Sohn und Erbe Giovanni Tartinis ist, eines der reichsten und vornehmsten Männer der Stadt? Kein Wunder, dass dir die Frauenherzen reihenweise zufliegen, während ich ein armseliges Dasein in deinem Schatten fristen und neidvoll auf deine Erfolge herabblicken muss! Vielleicht sollte ich dir meine Freundschaft aufkündigen und mir statt dessen einen Kameraden suchen, der alt, hässlich und gebrechlich ist.“
Die beiden jungen Männer lachten laut und unbekümmert, so dass mancher der Vorbeigehenden den Kopf wandte und sich stirnrunzelnd nach ihnen umsah. Bei der Säule, die den vergoldeten Markuslöwen trug, das Sinnbild des Stolzes und der Macht Venedigs, blieben sie stehen.
„Nun aber allen Ernstes: Kann ich heute Nacht mit deinem Beistand rechnen?“ hakte der junge Tartini nach.
„Ich bin dabei. Habe ich dir jemals meine Hilfe verweigert, wenn du ihrer bedurftest? Ich will nicht länger Bernardo Cornero heißen, falls ich mir etwas derartiges nachsagen lassen müsste!“
„Es ist richtig, du bist mir zu allen Zeiten stets ein treuer Freund und Gefährte gewesen. Ich wusste, du würdest mich nicht im Stich lassen.“
„In der Tat, ich bin treuer als ein Hund. – Außerdem erfahre ich auf diese Weise am schnellsten, ob ich mit meiner Vermutung nicht doch ins Schwarze getroffen habe.“
„Mistkerl, verfluchter!“ grinste Alessandro Tartini und hielt ihm scherzhaft die geballte Faust entgegen.
„Ich danke für das Kompliment. Wann und wo treffen wir uns?“
„Sobald es dunkel geworden ist, komme ich zu dir und hole dich ab.“
„Einverstanden. Ich werde dich erwarten.“
„Und zu keinem ein Wort darüber! Ich möchte nicht, dass mein Vater etwas von der Sache erfährt.“
„Ehrensache. Ich werde schweigen wie ein Grab.“
„Gut so. Dann ist es also abgemacht.“
Sie nickten sich verschwörerisch zu, dann trennten sie sich.
Am Molo winkte Alessandro Tartini den Führer einer der zahlreichen Mietgondeln herbei, die in der Nähe der Uferbefestigung auf dem Wasser dümpelten. Der Rumpf war wie bei allen Fahrzeugen dieser Bauart mit einem schwarzen Anstrich versehen. Der Gondoliere stand aufrecht im Heck und lenkte das Boot mittels einer einzelnen langen Ruderstange, die in einer gabelähnlichen Halterung, der sogenannten Forcola ruhte.
„Zum Palazzo Tartini, aber schnell!“ gebot Alessandro in befehlendem Ton.
„Ja, junger Herr.“
Alessandro stieg in das schwankende Boot und machte es sich auf einem Sitzplatz in der Mitte bequem. Der Gondoliere stieß das Fahrzeug vom Ufer ab und trieb es mit ruhigen, gleichmäßigen Schlägen voran. Schon nach wenigen Minuten erreichten sie ihr Ziel.
Der Palazzo Tartini war ein vierstöckiges Gebäude von rechteckigem Grundriss, mit reich strukturierten, den Kanalseiten zugewandten Schaufassaden, mehreren Rauchfängen und einem bleigedeckten Dach. Im Erdgeschoss, hinter den kleinen vergitterten Fenstern, befanden sich die Unterkünfte des Gesindes und der Sklaven. Darüber lagen die Wirtschaftsräume: Küche, Speicher, Wäschekammern und Lager für diverse Gegenstände und Vorräte. Der dritte und vierte Stock hingegen blieb ausschließlich der Familie Tartini vorbehalten. Die Sklaven und Domestiken durften sich nur dann in diesen Räumen aufhalten, wenn sie zum Dienst eingeteilt waren oder aus einem anderen Grunde dort zu erscheinen hatten. Den rückwärtigen Teil des Gebäudes, der von der Kanalseite aus nicht eingesehen werden konnte, schlossen große Lagerhäuser ab, in denen zahllose riesige Weinfässer aus Eichen- und Kiefernholz lagen.
Der Weinhandel hatte die Tartinis reich und mächtig gemacht. Sie besaßen ausgedehnte Weinberge auf Candia und Zypern und betrieben ein schwunghaftes Geschäft mit dem erlesenen Rebensaft. Der türkische Sultan gehörte ebenso zu ihren Abnehmern wie der Vatikan und einige der bedeutendsten Fürsten- und Königshäuser Europas.
An dem Landungssteg, der sich an die Stufen einer geschwungenen Marmortreppe anschloss, die zum Portal des Palazzos hinaufführte, machte die Gondola fest. Alessandro warf dem Gondoliere mit nachlässiger Gebärde einige Münzen zu und stieg ans Ufer. Die livrierten Lakaien zu beiden Seiten des Portals öffneten ihm die Tür und nahmen eine straffe Haltung an, als er grußlos an ihnen vorüberging. Im Treppenhaus war es kühl und sehr still. Die Stiefel Alessandros knarrten leise, während er mit weit ausgreifenden Schritten nach oben stieg, immer gleich zwei Stufen auf einmal nehmend. Die Gemälde an der Decke und den Wänden stellten Allegorien des Weines, des Handels und der Seefahrt dar. Jacopo Robusti, den man Tintoretto nannte, hatte sie in jungen Jahren gemalt, als er noch relativ unbekannt und weit entfernt von der Berühmtheit war, die er jetzt genoss. Sie besaßen noch nicht jene ausgefeilte Reife in der Komposition der Motive und der Technik der Malerei, ließen jedoch bereits deutlich die Anklänge künftiger Meisterschaft erkennen. Die Farben wirkten nach all der Zeit noch immer so frisch und leuchtend, als seien sie eben erst aufgetragen worden.
Alessandro würdigte die Gemälde keines Blickes. Er hatte sie bei zahllosen früheren Gelegenheiten studiert und kannte jedes von ihnen bis ins kleinste Detail.
Er betrat den großen Speisesaal des Hauses und läutete nach einem Diener. Diesem übergab er Mantel und Degen und befahl, etwas zu essen herbeischaffen zu lassen. Danach ließ er sich an der Stirnseite des Tisches nieder, der so lang und breit war, dass bis zu zwanzig Personen bequem daran Platz gefunden hätten, und streckte die langen Beine aus.
Er wirkte ein wenig klein, verloren und einsam in dem Raum. Helles Tageslicht fiel durch die Rundbogenfenster, durch die man in einiger Entfernung die mächtige Hauptkuppel der Basilika San Marco erkennen konnte. Die mit Schnitzereien verzierte schwere Eichenholztäfelung an der Decke ließ den Saal niedriger erscheinen, als es tatsächlich der Fall war. An manchen Stellen zeigten sich Rußflecke, die von den Flammen der Kerzen in den Kandelabern herrührten. Es gab zehn dieser schmiedeeisernen Halterungen, die in gleichmäßigen Anständen entlang der Seitenwände aufgestellt waren.
Eine dralle Magd kam herein und brachte ein Tablett mit aufgeschnittenem weißem Brot, kaltem Schweinebraten, Käse, Trauben und einem Pokal, in dem rubinroter Wein funkelte. Sie grüßte höflich und stellte das Tablett vor Alessandro auf der Tischplatte ab.
„Bitte sehr, junger Herr. Habt Ihr noch einen Wunsch?“
„Nein. Du darfst gehen.“
Sie entfernte sich, und Alessandro machte sich eifrig über das Essen her, denn er hatte seit dem Vortag nichts mehr gegessen und verspürte einen dementsprechenden Appetit.
Während er speiste, trat eine männliche Person von auffallendem Äußeren zur Tür herein und verharrte schweigend beim Anblick des jungen Patriziers. Alessandro bemerkte ihn zunächst nicht.
Er hieß Donato und war ein Sklave der Tartinis. Aber für gewöhnlich rief man in nur Moro – den Mauren – seiner olivfarbenen Haut wegen, die von seiner fremdländischen Herkunft kündete. Als junger Mann war er bei der Eroberung von Tunis durch die Truppen Kaiser Karls V. gefangen genommen und anschließend als Sklave verkauft worden. Nachdem er mehrfach den Eigentümer gewechselt hatte, gelangte er schließlich in den Besitz Giovanni Tartinis, dem er nun seit mehr als dreißig Jahren diente. Mittlerweile zeigten sich einige graue Strähnen in seinem gepflegten, sorgsam zurechtgestutzten schwarzen Vollbart, und tiefe Falten hatten sich in sein Gesicht gegraben. Doch in seinen dunklen Augen lag noch immer das Feuer der Jugend, ein geheimnisvolles Glühen, das seinem Blick einen magischen, durchdringenden Ausdruck verlieh. Befragte man ihn über seine Herkunft, so hüllte er sich zumeist in Schweigen oder gab ausweichende, nichtssagende Antworten, so dass dieser Abschnitt seines Lebens ein stetes Geheimnis blieb. Er schien jedoch eine ausgezeichnete Erziehung genossen zu haben, denn er sprach fließend türkisch, arabisch und die im Orient noch immer gebräuchliche Lingua franca, ein arabisch-romanisches Kauderwelsch, das sich während der Kreuzzüge herausgebildet und fest eingebürgert hatte. Vor einigen Jahren war er zum Christentum konvertiert und hatte die Taufe ebenso empfangen wie die heilige Kommunion, doch er zog es noch immer vor, orientalische Kleidung zu tragen: weit geschnittene Pluderhosen, Salwars genannt, einen wallenden Kaftan, der um die Hüfte von einem Seidengürtel zusammengehalten wurde, bequeme Schnabelschuhe mit nach oben gebogenen Spitzen sowie einen sorgsam geschlungenen Turban, der sein kahl geschorenes Haupt bedeckte. Das mochte einem Außenstehenden seltsam anmuten, doch in Venedig, dem Schmelzpunkt der Kulturen, wo Orient und Okzident enger miteinander in Berührung kamen als irgendwo sonst, fiel es kaum auf. Ungewöhnlich hingegen, selbst für venezianische Verhältnisse, musste der Status genannt werden, den Moro im Hause Tartini inne hatte. Obgleich Sklave, durfte er sich doch innerhalb des Palazzos wie auch in der Stadt vollkommen frei bewegen. Er genoss das volle Vertrauen des Hausherrn. Das ging sogar soweit, dass es Moro als einzigem, der nicht zur Familie Tartini zählte, gestattet wurde, jederzeit unangemeldet bei seinem Herrn vorzusprechen und die oberen Etagen des Palazzos zu betreten. Lediglich das Tragen einer Waffe war ihm streng untersagt.
Trotz seiner beeindruckenden Größe und kräftigen Statur musste er keine schwere körperliche Arbeit verrichten. Seine Aufgabe bestand darin, die Söhne des Hausherrn zu beschützen, sie in der türkischen und arabischen Sprache zu unterweisen und ihnen einige grundlegende Wesenszüge der Osmanen beizubringen.
Seit Jahrzehnten lebten Venezianer und Türken in enger Nachbarschaft. Es war eine Art Hassliebe und nicht frei von Konflikten, doch trotz gelegentlicher Reibereien herrschte Frieden zwischen diesen beiden so ungleichen Völkern. Türkische und venezianische Kaufleute pflegten enge Kontakte; der Handel zwischen Ost und West blühte auf. Auch das Haus Tartini profitierte davon. Es konnte also nur von Nutzen sein, wenn die Nachkommen Tartinis mit der Sprache, den Sitten und Gebräuchen derjenigen vertraut waren, mit denen sie zum gegenseitigen Vorteil Geschäfte tätigten.
Der kluge und weitsichtige Giovanni Tartini hatte sofort erkannt, dass Moro sowohl die Intelligenz wie auch die Fähigkeit mitbrachte, diese Aufgabe bestens zu erfüllen. Und dieser übertraf sogar die Erwartungen, die man in ihn setzte, bei weitem. Die Freunde und Bekannten Tartinis schüttelten verständnislos den Kopf und wunderten sich, weshalb er einen Sklaven wie diesen Mauren nicht hart für sich arbeiten ließ oder auf die Galeere schickte, sondern ihm statt dessen großzügige Freiheiten gewährte. Der Senator aber pflegte bei solchen Gelegenheiten nur still zu lächeln. Er war überzeugt davon, dass sich diese Vorgehensweise eines Tages als überaus nützlich erweisen würde.
Durch ein leises Knarren der Bodendielen aufmerksam geworden, hob Alessandro den Kopf und wandte sein Gesicht dem Sklaven zu.
„Nahark sa’id, Sidi. – Dein Tag sei glücklich, Herr“, begrüßte Moro ihn mit einer angemessenen Verneigung. Er benutzte die arabische Grußformel, da sie es sich zur Angewohnheit gemacht hatten, arabisch oder türkisch miteinander zu reden, wenn sie allein waren. Auf diese Weise übten und erweiterten sie ständig den Wortschatz der jeweiligen Sprache; eine beinahe spielerische Form des Lernens.
„Ach, du bist es, Moro. Stehst du schon lange dort?“
„Nein, Herr. Verzeiht meine Unhöflichkeit. Ich wollte Euch nicht bei der Mahlzeit stören.“
„Du störst keineswegs. Komm näher.“
Moro gehorchte. Trotz seines hühnenhaften Körperbaus brachte er es fertig, sich beinahe lautlos zu bewegen. Man vernahm es kaum, wenn seine Füße den Boden berührten. Nur der Kaftan raschelte leise. Kein Wunder, dass Alessandro ihn nicht hatte kommen hören. Neben dem jungen Tartini blieb er stehen. Sein Blick fiel auf die Speisen und den Wein. Missbilligend runzelte er die Stirn. In seiner Jugend war ihm anerzogen worden, Schweinefleisch und Alkohol zu meiden. Der Koran, das heilige Buch des Islam, verbot deren Genuss. Auch nachdem er den christlichen Glauben angenommen hatte, war Moro nicht dazu zu bewegen gewesen, diese Gewohnheiten zu ändern. Lediglich während des Heiligen Abendmahls, wenn ihm der Messwein und die geweihte Hostie gereicht wurden, brach er mit diesem strengen Vorsatz. Doch selbst dann tauchte er nur seine Lippen in die Flüssigkeit, ohne davon zu trinken, um sie später, wenn er sich unbeobachtet wähnte, mit einem Tuch zu säubern.
Alessandro bemerkte den Ausdruck seines Unwillens und grinste.
„Ich weiß schon, was du sagen willst. Das Fleisch und der Wein, nicht wahr?“
„Ihr solltet Euch dieser Dinge enthalten, Herr. Das Schwein ist ein unreines Tier, das alles frisst, selbst seinesgleichen. Sein Fleisch macht den Menschen krank, fett und träge. Der Wein hingegen trübt den Verstand und macht trunken. Trunkenheit aber lässt aus Weisen Narren werden.“
„Dann möge Gott die Zahl der Narren fleißig vermehren, denn sie sind es schließlich, die uns mit ihrem Durst nach süßem Wein unseren Reichtum verschafft haben“, lachte Alessandro, wurde jedoch gleich darauf sehr ernst. „Du solltest es unterlassen, mir Vorschriften machen zu wollen. Vergiss nicht, dass du nur ein Sklave in diesem Hause bist, auch wenn du die hohe Wertschätzung meines Vaters genießt. Ich esse und trinke, was mir passt, verstanden?“„Ja, Herr. Ich bitte Euch für mein Benehmen um Verzeihung.“
Alessandro schob missmutig die Unterlippe vor. Er kannte Moro von Kindheit an, aber noch nie war es ihm gelungen, den Mauren aus seiner Ruhe zu bringen. Welche Beleidigung man ihm auch an den Kopf warf, stets wahrte er seine vornehme Zurückhaltung und legte eine unterwürfige Höflichkeit an den Tag, die beinahe an Impertinenz grenzte. Doch irgendwann würde der Tag kommen, an dem er es schaffte, Moro aus der Reserve zu locken.
„Schon gut. Aus welchem Grund bist du zu mir gekommen?“
„Euer Vater wünscht mit Euch zu sprechen.“
„Warum zum Teufel hast du das nicht gleich gesagt? Du weißt doch, wie sehr er es hasst, wenn man ihn warten lässt. Willst du etwa, dass sein Zorn sich über mich entlädt?“
„Es besteht kein Grund zur Eile. Gegenwärtig empfängt Messer Giovanni einen Besucher. Meine Anweisung lautet, Euch erst dann zu Eurem Vater zu geleiten, nachdem sein Gast gegangen ist. Noch habe ich das Klingelzeichen nicht vernommen. Ihr könnt also in aller Ruhe Euer Mahl fortsetzen.“
Alessandro hob den Pokal zum Mund und trank, wobei er Moro über den Rand des Gefäßes hinweg provozierend ansah. Nachdem er das Trinkgefäß zurück auf den Tisch gestellt hatte, wischte er sich mit dem Handrücken über die Lippen.
„Hm. Einen Besucher empfängt er also. Wer ist es denn?“
„Ich weiß es nicht, Herr. Ich habe ihn nicht zu Gesicht bekommen“
„Und natürlich hast du auch keine Ahnung, worüber sie sprechen.“
„Messer Giovanni hielt es nicht für notwendig, mich darüber zu informieren.“
„Nun, sicherlich geht es wieder um irgendwelche Geschäfte. Darum handelt es sich ja stets. Mein Vater kennt ja nichts anderes mehr, seit...“ Er brach abrupt ab und spießte ein pflaumengroßes Stück Fleisch mit der Messerspitze auf.
„Könnt Ihr das nicht verstehen, Herr? Das ist seine Art, mit dem Schmerz fertig zu werden, den die Ereignisse der Vergangenheit in ihm wachrufen. Ergeht es Euch denn nicht ebenso? Der Unterschied zwischen ihm und Euch besteht doch nur darin, dass Ihr im Vergnügen Vergessen sucht; Euer Vater hingegen vergräbt sich in der Arbeit.“
„Unsinn!“ fauchte Alessandro ihn schroff an. „Was weißt du schon, Sklave!“
„Glaubt Ihr, weil ich ein Sklave bin und meine Haut dunkler ist als Eure, dass ich deswegen keine Gefühle kenne? Ich habe Eure Brüder und Schwestern geliebt, als wären es meine eigenen Kinder, und es tat mir weh, als einer nach dem anderen starb und nicht mehr nach Hause zurückkehrte.“
„Sei still! Ich will nichts mehr davon hören!“ schrie Alessandro wütend. Er sprang auf und fegte mit dem Arm das Tablett vom Tisch. Der Pokal zerbrach klirrend; der Wein spritzte nach allen Seiten.
„Verdammt noch mal“, fluchte Tartini und starrte Moro zornig an. „Daran bist nur du schuld.“
Der Sklave nahm die ungerechtfertigte Anklage schweigend hin. Mit einem beinahe mitleidsvollen Blick betrachtete er den jungen Patrizier.
„Ich werde sofort veranlassen, die Scherben zu beseitigen und den Boden zu säubern“, sagte er kühl.
Der zitternde Ton einer Glocke schlug an ihr Ohr. Moro hob leicht den Kopf.
„Das war das Zeichen. Der Besucher Eures Vaters ist gegangen. Er erwartet Euch jetzt in seiner Schreibstube.“
Moro trat zur Tür, um sie zu öffnen.
„Lass das. Ich finde schon selbst hinaus“, knurrte Alessandro mürrisch. Ehrerbietig trat der Sklave einen Schritt zurück, und Alessandro stürmte hinaus.
Als er die Schreibstube seines Vaters betrat, spürte er sofort, dass diese Unterredung nicht sehr erfreulich verlaufen würde, wie das in letzter Zeit ohnehin schon desöfteren der Fall gewesen war. Beinahe jedes Gespräch, das sie miteinander führten, endete unausweichlich in einem mehr oder minder heftigen Streit. Dabei bekam er seinen Vater ohnehin nur noch selten zu Gesicht. Wenn er sich nicht gerade hinter seinen Büchern vergrub oder in den Lagerhallen die Weinfässer inspizierte, brachte er seine Zeit im Dogenpalast zu, um den zahlreichen Pflichten seiner Ämter nachzukommen. Er schlief nicht mehr als vier Stunden pro Nacht, ohne dass es ihm etwas auszumachen schien. Er war fünfundsechzig Jahre alt, aber noch immer gesund und rüstig. Nur die Sehkraft seiner Augen hatte ein wenig nachgelassen, weshalb er sich beim Lesen und Schreiben eines Sehglases bedienen musste. Sein Verstand arbeitete ebenso rasch und präzise wie vor vierzig Jahren, als er das Weingeschäft von seinem Vater übernommen und zu seiner jetzigen Größenordnung emporgeführt hatte. Er verfügte über ein phänomenales Gedächtnis und konnte mühelos mehrstellige Zahlenkolonnen fehlerfrei im Kopf miteinander addieren.
Mit solcherlei Vorzügen vermochte Alessandro nicht aufzuwarten. Er schien das genaue Gegenstück seines Vaters zu sein. Doch das war nicht die einzige Kluft, die diese beiden Menschen voneinander trennte.
Senator Giovanni Tartini blickte nur ganz kurz einmal auf, als sein Sohn den Raum betrat, und beugte sich dann wieder über das Schreibpult. Mit einem kratzenden Geräusch flog der Federkiel über das Pergament und hinterließ Buchstaben und Zahlenreihen in einer pedantisch korrekten, schnurgerade ausgerichteten Schrift. Von Zeit zu Zeit tauchte der Senator die Spitze seines Schreibgerätes in ein Tintenfass, um die verbrauchte schwarze Flüssigkeit zu ergänzen. Die dunkelrote Samtrobe mit dem Pelzbesatz am Kragen und an den Handgelenken verlieh ihm ein ehrwürdiges, beinahe feierliches Aussehen. Schlohweißes Haar lugte unter dem Rand seiner Kopfbedeckung hervor.
Zorn über die Nichtbeachtung, die sein Vater ihm angedeihen ließ, wallte in Alessandro hoch.
„Ihr habt mich zu Euch befehlen lassen, Vater? Hier bin ich, falls Ihr es noch nicht bemerkt haben solltet.“
„Setze dich einstweilen“, erwiderte Tartini, ohne ihn dabei anzusehen. „Ich bin gleich fertig; muss nur noch diesen Gedanken zu Papier bringen.“
Alessandro ließ sich auf einem gepolsterten Stuhl nieder, schlug die Beine übereinander und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. Er nahm diese Abwehrhaltung vollkommen unbewusst ein, als würde er eine bevorstehende Konfrontation vorausahnen.
Seufzend wie jemand, der an einer schweren Last zu tragen hat, die ihm ohne eigenes Zutun aufgebürdet wurde, legte Tartini schließlich die Feder aus der Hand, nahm das Sehglas ab und legte es auf das Schreibpult. Schweigend sah er seinen Sohn an. Ein wehmütiger Zug umspielte seine schmalen blutleeren Lippen.
„Kinder“, begann er schließlich zu sprechen, und seine Stimme klang ungewohnt bedrückt und leise; „Kinder sind der wahre Stolz und der Reichtum eines Mannes. Gott in seiner Gnade schenkte mir vier Söhne und zwei Töchter, doch es gefiel ihm auch, mir eines nach dem anderen wieder zu nehmen. Die Mädchen und mein Ältester wurden von Krankheiten dahingerafft. Antonio blieb tot auf dem Schlachtfeld zurück, und Mario kehrte von einer Seereise nicht mehr heim. Du, mein Sohn, bist alles, was mir noch geblieben ist von denen, die ich liebte.“
Er verstummte und fuhr mit der Hand über sein Gesicht, als wolle er die traurigen Erinnerungen fortwischen. Danach sah sein Antlitz verändert aus, hart und kalt, und auch seine Stimme klang rauer als zuvor.
„Umso mehr betrübt es mich, mit ansehen zu müssen, wie du dein Leben mit Müßiggang und in Lasterhaftigkeit verschwendest. Ich habe lange Zeit geschwiegen und dich gewähren lassen, weil ich hoffte, du würdest eines Tages von selbst zur Vernunft kommen. Doch offensichtlich mangelt es dir nach wie vor an der notwendigen Einsicht. Ich sehe mich daher gezwungen, selbst die Initiative zu ergreifen, um diesen Zustand zu ändern. Wie mir zu Ohren gekommen ist, verbringst du den größten Teil des Tages in Gesellschaft fragwürdiger Freunde und machst dir einen Spaß daraus, dich mit Frauenzimmern zu vergnügen, deren Herkunft noch weitaus anrüchiger ist als die deiner sogenannten Freunde. – Nein, du schweigst und hörst mir zu, bis ich zu Ende gesprochen habe, denn ich bin noch lange nicht fertig“, sagte er mit erhobener Stimme, als er bemerkte, dass Alessandro etwas einzuwenden versuchte. „Ab sofort verbiete ich dir jeglichen Umgang mit diesen Personen. Du wirst dich fortan ganz und gar dem Weinhandel widmen und von Grund auf alles erlernen, was für dieses Geschäft notwendig ist. Ich bin ein alter Mann und habe vielleicht nicht mehr lange zu leben. Aber wenn ich einmal das Zeitliche segne, will ich sicher sein können, dass all jenes, was ich geschaffen habe, fortbesteht. Du bist mein Erbe. Auf deinen Schultern wird einmal die ganze Verantwortung ruhen. Aber wirst du auch fähig sein, sie zu tragen? So wie ich das sehe, nicht - noch nicht! Am Verstand mangelt es dir nicht, das weiß ich. Doch du neigst zu Leichtlebigkeit und Verschwendungssucht, und dies sind Eigenschaften, die das Haus Tartini über kurz oder lang zu Grunde richten werden. Aber das kann und will ich nicht dulden. Ich stelle dich also vor die Wahl. Entweder wirst du dein Leben von heute an gründlich ändern und tun, was ich von dir verlange, oder...“ Er brach ab, um Atem zu holen. Totenstille herrschte im Raum. „...oder du bist fortan nicht länger mein Sohn“, vollendete Tartini.
Alessandro sprang auf. Glühende Röte überzog sein Gesicht.
„Das kann nicht Euer Ernst sein, Vater! Ihr droht mir, mich zu verstoßen?“
„Es ist mein Ernst. Du weißt genau, dass ich niemals etwas tue oder sage, ohne es vorher gründlich bedacht zu haben.“
„Ihr könnt mich nicht enterben! Ich bin Euer einziger Nachkomme. Ihr selbst habt es gerade gesagt. Was soll aus dem Hause Tartini werden, wenn Ihr mir vorenthaltet, was mir zusteht?“
„Ich allein entscheide, was dir zusteht. Wenn ich sage, du bist draußen, dann bist du draußen, und nichts und niemand vermag daran etwas zu ändern. Hast du verstanden?“
Alessandro schwieg und schnappte nach Luft.
„Die Zukunft des Hauses Tartini braucht dich in diesem Falle nicht mehr zu kümmern. Erwarte nicht, dass ich meinen Entschluss noch einmal überdenke. Er ist endgültig und unwiderruflich. Du hast nun Gelegenheit, dich zu entscheiden.“
Alessandro ließ sich auf den Stuhl zurückfallen. Er hatte mit mancherlei gerechnet, doch nicht mit diesem Auftritt.
„Das kommt alles sehr plötzlich. Ich brauche Bedenkzeit.“
„Tut mir leid. Diese Bitte kann ich dir nicht erfüllen. Bevor du diesen Raum verlässt, will ich deine Antwort hören.“
Alessandro presste in ohnmächtigem Zorn die Lippen aufeinander. Seine Hände waren zu Fäusten geballt; die Fingernägel gruben sich tief in das Fleisch des Handballens, bis es schmerzte.
„Wie also soll mein Leben nach Eurer Vorstellung künftig aussehen?“ stieß er schließlich gepresst hervor.
„Das kann ich dir sehr genau sagen. Um das notwendige Wissen und Können zu erwerben, wirst du ganz unten anfangen müssen und dich von dort langsam nach oben arbeiten. Daher erachte ich es zunächst als ratsam, dich für ein Jahr auf eines unserer Weingüter zu schicken. Dort findest du die besten Voraussetzungen, um all das zu erlernen, was vom Anbau der Reben bis zur Ernte der Trauben und dem Keltern des Weines notwendig ist. Es wird sicherlich eine heilsame Erfahrung für dich sein, wenn du dir bei der Arbeit die Hände beschmutzt und dein Rücken sich unter der sengenden Sonne krümmt, bis du glaubst, es vor Schmerzen kaum noch aushalten zu können.“
„Ich, ein Tartini, soll arbeiten wie ein - wie ein gewöhnlicher Sklave?“
„Ja, das sollst du. Auch ich habe mich einst dieser Herausforderung stellen müssen und viel dabei gelernt. Wenn dieses Jahr vorüber ist, wirst auch du weiser sein, das verspreche ich dir. Danach erlaube ich dir gegebenenfalls, nach Venedig zurückzukehren und hier deine Studien fortzusetzen. Wenn du dich ernsthaft bemühst und dich anstellig zeigst, wirst du in sechs oder sieben Jahren vielleicht ein Meister deines Faches sein und würdig, das Haus Tartini weiterzuführen. Ich bin fest davon überzeugt, dass du es schaffen kannst.“
„Das sind ja heitere Aussichten! Sechs oder sieben Jahre! Dann bin ich ja ein alter Mann.“
„Rede kein törichtes Zeug. Mit Anfang Dreißig ist ein Mann in seinen besten Jahren. Du hattest wahrlich genug Zeit, um dir die Hörner abzustoßen und deine Jugend in vollen Zügen zu genießen. Ich habe dich nicht großgezogen, damit ein Bruder Leichtfuß aus dir wird. Das Leben besteht nicht nur aus Vergnügen und Leichtfertigkeiten. Komm endlich zur Vernunft und werde ein Mann, Alessandro!“
„Ich bin ein Mann!“ widersprach der junge Tartini energisch.
„Du meinst, weil dir der Bart sprießt und Haare auf deiner Brust wachsen, oder weil du mit der Kraft deiner Lenden Frauen glücklich zu machen verstehst? Das allein macht noch keinen Mann aus. Nein, mein Sohn, du bist nichts weiter als ein großer törichter Junge mit einer gehörigen Portion Flausen im Kopf. Wenn du diese endgültig ausgetrieben hast, dann erst darfst du dich einen Mann nennen. Vorher nicht.“
Alessandro dachte nach. Er verspürte nicht die geringste Lust, seine Lebensweise einer so drastischen Veränderung zu unterziehen. Doch was blieb ihm anderes übrig? Er kannte seinen Vater genau. Giovanni Tartini meinte das, was er sagte. Und wenn er drohte, seinen Sohn zu enterben, so würde er nicht zögern, es zu tun. Das aber war das Schlimmste, was ihm passieren konnte. Nicht nur, dass er vermutlich kaum dazu in der Lage gewesen wäre, auch nur einen einzigen Tag in Armut zu überleben. Hinzu kam noch die unerträgliche Schande, die gesellschaftliche Ächtung. Nein, das zu ertragen, dazu war er nicht fähig. Andererseits mochte Alessandro seine lieb gewordenen Gewohnheiten auch nicht von einem Tag auf den anderen aufgeben. Vielleicht gab sich sein Vater vorerst damit zufrieden, dass er auf dessen Bedingungen einging und Besserung gelobte. Gewiss ließen sich später Wege und Möglichkeiten finden, die strengen Regeln und Vorschriften zu umgehen, die sein Leben künftig einengen sollten. Mit den wildesten Ausschweifungen war es wohl endgültig und unwiderruflich vorbei, aber ein kleines Abenteuer hier und da, ein heimliches Schäferstündchen bei passender Gelegenheit war sicherlich realisierbar.
„Ich warte noch immer auf deine Antwort, mein Sohn“, sagte Tartini und starrte ihn mit durchbohrendem Blick an. Alessandro hatte das Gefühl, als könne er in sein tiefstes Inneres sehen und dort die heimlichen Erwägungen erkennen, mit denen er sich soeben befasste. Ihn überkam das ungute Gefühl, längst von seinem Vater durchschaut worden zu sein.
„Ich werde Euer gehorsamer Sohn sein und tun, was Ihr von mir verlangt.“
Tartini nickte kurz. Es war die Antwort, die er erwartet hatte.
„Gut. Es ist also offenbar noch nicht alles verloren. Ich setze voraus, dass du dich in jeder Beziehung an dein Versprechen halten wirst. Bis zum Ende der Woche gebe ich dir Zeit, deine Angelegenheiten zu regeln und dich reisefertig zu machen. Ich spreche unterdessen mit Kapitän Gritti. Sein Schiff liegt in der Lagune zum Auslaufen bereit. Du wirst mit ihm reisen.“
„Wohin?“
„Nach Zypern.“
„O mein Gott!“
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