Leseprobe

aus Dora Penk: Wahre Lügen. Roman (Prolog und Ausschnitt aus dem ersten Kapitel)


PROLOG

Dies ist eine Geschichte über Geschichten. Jo und seine Freunde, zehn Figuren der so genannten „Wohlstandsgeneration” – von der es die gemeinsame Legende des Erfolges gibt, aber persönliches Scheitern immer eine sehr einsame Geschichte bleibt –‚ erleben, hören, träumen, erzählen oder erfinden sie, manchen begegnen sie auch nur eher beiläufig. Es sind kleine und größere, tragische und skurrile, wahre und erlogene. Wir lernen diese Menschen an zwei Punkten ihres Lebens – in der „Reife der Jugend” und in der „Jugend des Alters” – kennen, an denen sich für ihr weiteres Leben Wichtiges von Unwichtigem trennt. Und es zeigt sich, dass es bei der Auswahl, welche Geschichten Bedeutung erlangen, keine Rolle spielt, ob sie wirklich passiert sind oder nicht. Denn nicht Beweisbarkeit, sondern die eigene Erkenntnis und die eigene Einsicht bestimmen, was unsere Wirklichkeit ausmacht, welche Lügen wir in unser Leben lassen.


1. TEIL

„Die Wirklichkeit ist dünn, wenn es darum geht,
was einer gesehen hat.”
(Birgit Vanderbeke: Alberta empfängt einen Liebhaber)

(1)

Es war der Tag, auf den sich Louise so lange vorbereitet hatte. Als sie nach dieser heißen Nacht aufstand, deutete allerdings nichts daraufhin, dass ihr gerade heute etwas Besonderes bevorstand. Louise ahnte nichts von dem Kampf um ein Leben, den sie heute verlieren musste, und auch nichts von dem Glück, das ihr heute begegnen würde. Obwohl sie sowohl für die Rettung von Leben als auch für die Liebe seit langem bereitet war. Viel zu schwül war es in dem kleinen Appartement, trotzdem Louise die ganze Nacht über beide Flügeltüren, die zu ihrem Balkon führten, weit offen gelassen hafte. Gestern Abend hatten sie hier wieder gefeiert. Es war schon mehr eine Terrasse, größer und gepflegter als die zwei Zimmer mit Bad ihrer kleinen Wohnung, und sie lag – von außen verborgen – direkt an dem Hügel, der vom Hafen hinauf zur alten Zitadelle führt, und gab einen der schönsten Ausblicke des Ortes über die kleine Meeresbucht frei. Für ihre Terrasse war sie weithin berühmt. Louise hielt sie auch im Gegensatz zu den spärlich möblierten, aber stets mit Haufen von Kleidern, Tüchern, und Haarschleifen überfüllten Innenräumen peinlich sauber. Hier auf diesen von weißgetünchten Mauern eingefassten vier mal vier Metern entfaltete sie das bisschen Kreativität, das eine Krankenschwester, die mitten im Leben steht und ihren Beruf liebt, übrig hat: Einige wertvolle Tongefässe mit leuchtend roten Blumen standen auf dem einigermaßen schattigen Platz direkt am kleinen Mäuerchen. Ansonsten gedieh in dieser heißen Südlage nicht das, was andere mediterrane Dachterrassen so verschwenderisch bunt machte. In ihrer ersten Euphorie, gleich nachdem Louise das kleine Atelier gemietet hatte, setzte sie allerhand Kletterpflanzen, Wein und einen feuerroten Oleander in große Töpfe. „Hieraus kann man etwas machen”, hatte Jean gemeint, als sie die kleine Wohnung das erste Mal besichtigt hatten. Sie hatte es als Aufforderung verstanden. Fast ihr gesamtes erstes Monatsgehalt steckte Louise in die Verschönerung des kargen Balkons, in den sie sich sofort verliebt hatte.

Der Flirt mit Jean, wegen dem die Anfang–dreißig–Jährige resolute Krankenschwester aus Nizza sich einen Job in diesem verschlafenen Inselstädtchen gesucht hatte, fand jedoch ein schnelles Ende. Jean zog es plötzlich vor, ein Eheversprechen einzulösen, das er vor Jahren einer Schulfreundin gegeben hatte.
Leider überlebten auch weder die blauviolette Klematis noch der mannshohe Oleander die ersten beiden Monate. Ihre überaus sonnige neue Heimat dankten sie Louise nicht mit der erwarteten Blütenpracht, sondern vertrockneten schlichtweg. Louise war mit dem Giessen einfach nicht nachgekommen. Obwohl sie in der drei Mann starken Rettungsstaffel und der kleinen Ambulanzstation des Ferienortes zunächst wirklich nicht viel zu tun bekam. So hatte sich Louise die ersten Wochen auf Korsika selber wie in den Ferien gefühlt: Alle Hektik des Krankenhausbetriebes in Nizza hatte sie mit dem Umzug auf die Insel hinter sich gelassen.

Louise reckte ihre kräftigen, sonnenverbrannten Arme in die Morgenluft, die keine Abkühlung gebracht hatte. Nun war sie schon neun Monate hier und hatte erlebt, wie der winterliche Alltag das schmucke, in den Sommermonaten so lebendige Städtchen mit endloser Langeweile betäuben konnte. Im Winter, wenn die meisten Einheimischen ihres Alters gemütlichere Orte aufsuchten, hatte Louise sich noch ein wenig mehr Speck angegessen. Zu oft war sie bei der Bäckerei von Jeans Schwiegereltern vorbeigegangen und hatte von Lucie, seiner jungen Frau, Pain au Chocolate mitgenommen. Natürlich wollte sie bei diesen Gelegenheiten auch ihren geschulten Blick (sie war einige Jahre im Kreißsaal die rechte Hand der Hebammen gewesen) auf Lucies Bauch werfen und prüfen, ob mit der Schwangerschaft alles in Ordnung gehe. Darüber hinaus wollte Louise mit ihren regelmäßigen Besuchen in St. Florents beliebtester Bäckerei - der einzigen, die auch in den Wintermonaten täglich geöffnet hatte - Lucies Gewissen von dem Druck, der eventuell Jeans Baby belasten könnte, befreien. Sie hatte sich entschieden, auf keinen Fall zu zeigen, dass Jeans Entscheidung sie verletzt hatte. Doch Lucie nahm selten Notiz von der Fremden.
So waren die beiden Frauen zwischen Oktober und März immer dicker geworden. Lucie hatte vor wenigen Wochen einen prächtigen Jungen zur Welt gebracht. Und Louise hatte sich ein Fitnessprogramm verordnet, um die Pfunde wieder los zu werden.

Als Louise ihre 80 Kilogramm im Laufschritt am Strand entlang schleppte, waren die Alten gerade dabei, sich aufzumachen. Das Wasser war glatt und müde, als habe auch das Meer eine lange Nacht hinter sich. Keine erfrischende Brise sorgte heute morgen dafür, dass Louises Laune sich bei ihrem selbst aufgezwungenen Frühsport verbesserte. Nur die Alten waren um diese Zeit bereits bestens gelaunt. Edwina, Susanne und Marie freuten sich auf den Vormittag am Strand. Gemeinsam mit ihren Freunden hatten sie einen Bus gemietet, der sie genau an die Stelle bringen sollte, an der sie schon vor 50 Jahren einmal ausgelassen dem Strandvergnügen gefrönt hatten. Fast alle aus der 40er–Abschlussklasse waren zu diesem Wiedersehen – nach einem halben Jahrhundert! – zusammengekommen. Zum Teil hatten sie sich Jahrzehnte nicht gesehen. Einige waren nach Frankreich gegangen, hatten in den verschiedensten Systemen und Institutionen Karriere und Geld gemacht. Andere, so wie Edwina, waren ihrer Heimat ein Leben lang treu geblieben. Das hatte weniger zu Reichtum, wohl aber zu einer gewissen inneren Ruhe und Stärke geführt. Diese „Inselhaftung”, wie sie es nannte, spürte Edwina zumindest jedes Mal, wenn sie Leute vom Festland traf. Immer glaubte sie, in ihnen eine Instabilität zu spüren, die sie beängstigte. Nur heute schien alle Ausgeglichenheit, erworben in vielen Jahren immer wiederkehrender Ereignisse wie Hochzeiten, Geburten und seit einigen Jahren auch mehr und mehr Todesfälle, völlig dahin. – Als hätten die Daheimgebliebenen das halbe Jahrhundert lang nur darauf gewartet, endlich Bilanz ziehen zu können über das Leben derer, die in der Ferne ihr Glück gesucht hatten. Ihr eigenes Glück oder Unglück war ja sattsam bekannt. Da war Marie, die ihren Mann im Krieg verloren hatte und von ihren Schwiegereltern, auf deren Hof sie mit den beiden Kindern lebte, zeitlebens tyrannisiert wurde. Und Susanne, die mit ihrem Mann, einem grobschlächtigen Weinbauern, und den bis auf ihre jüngste Tochter überaus einfältigen Kindern ein tristes, arbeitsreiches Leben führte und nur dann den Glanz in ihren Augen wieder beleben konnte, wenn sie sich einmal im Jahr mit ihren Freundinnen betrank.
Edwina schien noch am besten dran. Sie war allein geblieben, hatte ihre alten Eltern aufopfernd bis zum Tod gepflegt und hatte ein gutes Auskommen als Rektorin an der höheren Mädchenschule in Ajaccio, dem französischsten und daher vornehmsten Ort auf Korsika. Edwina genoss hohes Ansehen in der kommunalen Gesellschaft, bewohnte eines der schönsten und größten Häuser des Ortes, doch war sie als alleinstehende Frau immer eine Außenseiterin geblieben. Nur ab und zu wurde sie vom Bürgermeister und seiner Frau in dessen Haus eingeladen, meist zu offiziellen Anlässen. Nicht nur in der Touristensaison mied sie auch die zahlreichen Restaurants der Stadt, da sie nicht gerne in privatem Rahmen mit den Honoratioren und den Eltern ihrer Schülerinnen zusammentraf. Überhaupt war Edwina über die Jahre jegliche Form von Nähe unangenehm geworden. Ihre Freundinnen respektierten das oder merkten es nicht, da sie mit ihrem eigenen Leben zu beschäftigt waren.

Als Louise vom Strandlauf zurück in ihr Appartement kam, bändigte sie zuerst wie gewohnt ihr wildes, schulterlanges Haar zu einem Zopf, dann stopfte sie es zu einem Knoten zusammen und stieg missmutig unter die Dusche. Um sieben Uhr begann ihr Dienst in der Ambulanz. Sie zog sich vorsorglich den schwarzen Badeanzug unter ihre Dienstkleidung, die erfreulicherweise aus ebenfalls schwarzem T–Shirt und Shorts bestand. Vielleicht gäbe es ja in der Mittagspause wie in den vergangen Tagen, seitdem es richtig Hochsommer geworden war, wieder Gelegenheit, kurz an den Strand zu gehen und ein Bad im Meer zu nehmen. Sie trat hinaus auf die Terrasse, um den Blumen noch schnell Wasser zu geben. Von der anderen Seite der Bucht hörte sie für diese Uhrzeit seltsam laute Stimmen. Sie warf einen Blick über die Brüstung, konnte aber nur erkennen, dass der Strand, an dem sie eben noch gejoggt war, auf einmal bereits ungewöhnlich voll war. Woher sollte sie aber wissen, dass sich ihr Schicksal am heutigen Tag mit diesen Menschen verknüpfen würde, die da ihre morgendliche Strandparty feierten? Und viel mehr noch mit einer Gruppe von acht deutschen Urlaubern, die hier zufällig am gestrigen Abend gestrandet waren? An was hätte sie erkennen können, dass das Leben dieser Menschen, zumindest einiger, genauer: dreier, die sie vorher nie gesehen hatte, von diesem Tage an ihr Leben mitbestimmen würde? Und wenn sie es erkannt hätte, woran hätte sie sehen können, dass es womöglich besser gewesen wäre, diese Menschen nicht in ihr Leben zu lassen?Eine Frau, gerade 32 Jahre alt geworden und mehrfach von Männern verlassen worden, eine gestandene Krankenschwester, die zehn Jahre Arbeit auf einer Intensivstation hinter sich hatte, glaubte nicht an schicksalhafte Umstände! Auch nicht an jemanden wie Gott, der die Fäden in der Hand halte und für jeden das Glück oder Unglück bestimme, das dieser gerade verdiene. Bisher hatte sie erlebt, dass eher der beherzte Einsatz von Ärzten, Schwestern, Pflegern und Hebammen und nicht zuletzt von Beatmungsgeräten und Herz–Lungen–Maschinen sowie von hochwirksamen Medikamenten Leben retten konnte. „Einen Herrn über Leben und Tod habe ich noch nicht getroffen”, pflegte sie zu scherzen, um schwerkranke Patienten aufzumuntern. Viele waren dankbar für Louises Sprüche. Zumindest motivierte sie dadurch so manchen Zweifler, sich den Medizinern und ihren Therapien anzuvertrauen. Für die meisten blieb Louises Optimismus dennoch ein flüchtiges Erlebnis, denn entweder vergaßen sie ihre Krankenschwester wenige Wochen nach der Entlassung ins gesunde Leben – oder sie verstarben trotz der aufgebotenen ärztlichen und pflegerischen Kunst. Louise glaubte an relative Wahrscheinlichkeiten, nicht an Zufälle, und doch glaubte sie immer noch an die
einzige große Liebe.

Die Gruppe der rund zwanzig Ende–sechzig–Jährigen, die in aller Frühe dort am Strand ihre Badetücher ausgebreitet hatten, wirkte wie ein in die Jahre gekommener Kindergarten. Man hätte sie für eine Gruppe seniler Alter aus irgendeinem Heim halten können, die da blass und staksig umherwuselten, sich neckten und in den höchsten Tönen jauchzten. Die Alten warfen sich wie Kinder ins Wasser und quiekten vor Freude. Immer wieder wurden Namen gerufen und mit entzücktem, ausgedehnten „Juuhhuuhh” beantwortet. Manch einer fühlte sich so jung und stark wie damals vor fünfzig Jahren, obwohl sie alle heute mit ihren weißen, dicken Bäuchen, mehr ins Meer wankten als rannten, die Arme fuchtelnd in der Luft. Die Frauen – bis auf Edwina – zogen es vor, vom sicheren Boden aus zu winken und zu schnattern. Es waren keine wirklich wichtigen Unterhaltungen; wie damals, war es auch heute das Wichtigste, dieses Bad im Meer gemeinsam zu erleben. Egal, was in den vielen Jahren zwischendurch passiert war. Später, im Laufe dieses Tages hätten sie reichlich Gelegenheit, sich ihre Geschichten zu erzählen, ihre Heldentaten, ihre Tragödien; sie hätten Zeit sich auszuweinen oder sich zu versöhnen. Renés Fischrestaurant unten am Hafen war den ganzen Nachmittag und Abend für sie reserviert.

Der Ernst der Lage wurde von keinem schnell genug erkannt. Maurice schien auf einmal den Halt unter den Füssen verloren zu haben, kippte vornüber ins seichte Wasser, das ihm vorher gerade mal bis zum Bauchnabel gereicht hatte, und trieb so eine ganze Zeit im Wasser. Wie ein schwerer Mehlsack, der in dieser Tiefe einfach nicht untergehen kann. Francoise bemerkte es als erster, schrie Bernard an, der unmittelbar neben Maurice gestanden, aber gar nicht bemerkt hatte, was passiert war. Gemeinsam schleppten sie Maurice aus dem Wasser; Edwina lief sofort zu den nahe gelegenen Ferienhäusern, um nach Rettung zu rufen. Die Alten verstummten beim Anblick des leblos daliegenden Körpers. Maurice‘ Füße wurden von den trägen Wellen umspült, sein Kopf lag völlig verdreht auf dem Sand. Einige liefen noch aufgeregt umher. Alle spürten, dass die Unbekümmertheit vergangener Stunden nicht mehr wiederkehren würde. Von den meisten war sie eh nur gespielt.


(2)

Verena wusste zuerst, was zu tun war. Sie hatte von der Terrasse aus, wo sie, bevor die anderen zum Frühstück kommen würden, rasch die Spuren der Nacht wegfegte, die sonderbare Gruppe der Alten unten am Strand beobachtet. Nur einen Moment lang hatte sie sich gefragt, was es wohl auf sich hatte mit diesen ungewöhnlichen Strandbesuchern, die wie kleine Kinder im seichten Wasser planschten, deren Durchschnittsalter aber – aus der Ferne geschätzt – bei ungefähr siebzig lag. Ohne wirklich eine Erklärung dafür finden zu wollen. Sie widmete sich lieber mit der ihr eigenen, technischen Präzision dem Saubermachen. Wenn die anderen sich mit ihren Launen und üblem Nachtatem aus den Betten kämpften, war Verena bereits frisch geduscht, angezogen und „hundertprozentig da”, wie sie gerne selbst ihre Frühaufsteherqualitäten lobte. An diesem Morgen aber war auch sie noch leicht benommen von dem, was am Vortag passiert war. Sie waren also nicht wie geplant gestern auf das lockende Mittelmeer hinausgesegelt, hatten nicht mit Champagner ihren Segeltörn begossen. Solange sie sich kannten (also seit einer Ewigkeit), war es genau das gewesen, womit sie ihrer Freundschaft die Krone aufsetzen wollten: Ein Törn auf einer schneeweißen Yacht! Aber sie hatten nicht – wie ursprünglich vorgesehen – an Jos Notebook gestern den perfekten Dienstplan „Einer fürs Deckschrubben, zwei in die Kombüse …” für die nächsten vierzehn Tage ausgearbeitet (alle hatten sich darauf geeinigt, dass Jo das nicht alleine machen sollte, um Ungerechtigkeiten von vornherein auszuschalten), und sie würden nun auch keine Gelegenheit mehr haben, mit all ihrer Häme auf die ersten Anzeichen von Seekrankheit zu warten (die meisten waren sowieso davon ausgegangen, dass Lis die erste gewesen wäre).
Statt auf dem blauen Meer die Segel zu setzen, waren sie hier in einem abgewohnten Standard–Ferienappartement gelandet und hatten dabei noch Glück gehabt, dass sie überhaupt eine Bleibe erwischt hatten – und die noch mit Meerblick und direktem Zugang zum Strand.
Ideal für Kinder, schoss es Verena durch den Kopf. Aber die waren 1.000 km weit weg, aufgeteilt auf Großeltern und Patentanten. Bevor sie sich bewusst wurde, in welch unvorbereiteter Situation sie hier den Besen schwang, bemerkte Verena die plötzliche Unruhe unter den Alten. Drei Frauen in altmodischen Badeanzügen, mit steifen Brüsten, fahler Haut und Badekappen, die aussahen wie grellbunte Blumensträuße, schrieen plötzlich schrill auf und gestikulierten wild durcheinander. Eine von ihnen löste sich von der Gruppe am Wasser und lief – so schnell eine Dame laufen kann, die seit einigen Tennisstunden noch vor dem Zweiten Weltkrieg ihrem Körper keinerlei sportliches Training zugemutet hatte – schnurstracks auf die Appartementanlage zu. Und da die übrigen Ferienwohnungen noch ziemlich verschlafen aussahen, steuerte sie direkt auf die Terrasse zu, die Verena energisch zu säubern versuchte. „Au Secours! Au Secours”, rief die alte Dame armeschwenkend, „wir müssen sofort einen Arzt rufen!” Verena konnte nur rasch ins Wohnzimmer deuten, wo das Telefon irgendwo hinter den Seesäcken stand.
Während die Alte in den Wohnraum stürzte, gewann Verena den Überblick über den tragischen Unfall. Sie sah hinunter an den Strand. Da trugen sie ihn aus dem flachen Wasser hinaus. Sein Körper war leblos und für die Alten viel zu schwer – auch wenn sie zu fünft angefasst hatten. Immer wieder glitschte er wie ein nasser Kartoffelsack, der mit schweren Baumstämmen an den Seiten beschwert worden war, aus dem Knäuel der fünf bemühten, aber kraftlosen Armpaare abwärts Richtung Wasser.
Eine Gruppe von sechs oder sieben alten Herren hielt sich noch im tieferen Wasser auf, weiter draußen in der Bucht. Es waren wohl die sportlich durchtrainierten, für die es eine vergnügliche Herausforderung war, frühmorgens im Meer ihre ruhigen Bahnen zu ziehen. Sie hatten noch gar nicht bemerkt, dass einer aus ihrer Mitte einfach untergegangen war. Sie hatten auch die Schreie nicht gehört, und erst, als sie wieder zurückschwammen, erkannten sie, dass etwas Schreckliches passiert war. Die fünf alten Männer, die den nassen Körper an Land geschleppt hatten, legten ihn auf den kalten Sand und keuchten. Einer ließ sich ebenfalls auf den feuchten Sand fallen. Er plumpste auf seinen mächtigen Hintern und rang nach Luft. Er hatte eine besorgniserregend rote Gesichtsfarbe und troff vor Anstrengung.
Hinter Verena babbelte die temperamentvolle Dame irgendein Kauderwelsch ins Telefon, wirkte aber entschlossen und immer weniger aufgeregt: „Sauvez lui!” sagte sie zum Schluss ins Telefon. Verena lief zum Kinderzimmer, wo Jo, Bille, Lis und Jasper sich die beiden Stockbetten teilten. Darüber hatte es gestern Abend etliche Diskussionen und Sticheleien gegeben. Sie schliefen – jeder für sich – in den engen Betten, die schon ganze Generationen ausgelassener, auf den Matratzen schonungslos herumhopsender, womöglich bettnässender Kinder erlebt hatten. Sie hatten das Los entscheiden lassen, wo welche Paare schlafen sollten. Einig waren sich alle, dass Verena und Nick das Elternschlafzimmer bekommen sollten, denn sie hätten eh so wenig Zeit füreinander, wegen Nicks anstrengendem Job und den Kindern. (Verena war weniger über die Tatsache erstaunt gewesen, dass ihr das Privileg zufallen sollte, für die nächsten vierzehn Tage ein Zimmer allein mit ihrem Mann zu teilen, als vielmehr über die Begründung, die Jo angeführt hafte. Denn Jo hatte mit Bille genau doppelt soviel Kinder, und die beiden steckten immer bis über beide Ohren in Arbeit.) Sie öffnete die Tür des Kinderzimmers ohne Umschweife und weckte Jo, der mit seiner linken Seite halb aus dem Bett heraushing, durch festes Rütteln. Zum Glück hatte er eines der unteren Betten. „Komm, wach auf”, flüsterte sie. „Schnell, wir brauchen einen Arzt.”

Jo fuhr sich durch die wirren Haare und stemmte sich ächzend auf. Er brauchte einige Sekunden, um sich zu orientieren, wo er war. Er ließ sich von Verena auf die Terrasse ziehen. Die anderen hatten nichts bemerkt. Auch Pat und Fritz, die sich bereiterklärt hatten, das Sofa im Wohnzimmer zu nehmen, schliefen noch tief und fest in einem Durcheinander von Laken und nackten Armen.
„Ruft den ... Notarzt”, stotterte er reichlich schlaftrunken und überlegte, wo er seinen Arztkoffer gelassen hatte. Der unverhoffte Einzug in die Ferienwohnung hatte alle aus der Bahn geworfen. Erst nach einiger Zeit, in denen Gedanken, Erinnerungen und Fragen wie gleichzeitig gezündete Feuerwerkskörper wild durcheinander durch sein Hirn schossen, gewann Jo seine Fassung. Der Koffer mit den Arztutensilien stand zu Hause auf dem Dachboden. Bille hatte ihn vor Jahren dort hinaufgestellt, und er hatte ihn nie wieder heruntergeholt.
Verena zog ihn weiter mit an den Strand. Die Alten hatten sich um den leblosen Körper versammelt, einige knieten neben ihm, tätschelten und streichelten ihn. Andere standen nur da und starrten ihn an. Eine füllige, faltige Dame in einem pinken Badeanzug mit gleichfarbiger Bademütze glaubte ein Zucken um den Mund erkannt zu haben und weinte leise. Aber die Aufregung und die Spiegelung des ganz langsam wieder in Bewegung geratenen Wassers täuschten die Augen. Die drei Frauen, die etwas abseits standen, hatten sich ihre Bademäntel übergezogen. Sie raunten sich nur leise ins Ohr. Jo verschaffte sich Zugang zu dem durchweichten Patienten, beugte sich über ihn und fühlte seine Stirn. Es war acht Uhr. Die Sonne stieg gerade über die Berge.

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