Leseprobe

aus Regina Berlinghof: Schrödingers Katharina oder Liebe am anderen Ende der Welt. Roman


Prolog – Ulrich

“Do it again, Cathy”
oder
Wenn ein Verleger einer Autorin den Rat gibt, den eingesandten Roman noch einmal zu schreiben, könnte er sich unversehens als Hauptfigur darin wieder finden.


Als Verleger bekommt man ja einiges auf den Tisch. Doch dieser Brief ist schlicht eine Zumutung. Lesen Sie selbst:

München, 5. April ...
Sehr geehrter Herr Kirdorf,
ich möchte Ihnen gerne meinen neuen Roman Liebe, Zufall und Quantenphysik vorstellen und lege Ihnen das Exposé sowie eine Textprobe bei. Ich erinnere mich, dass Sie auf der Buchmesse einmal sagten, dass Sie meine Sachen sehr gerne lesen. Aber leider haben Sie bisher keines meiner Manuskripte angenommen. So musste mein Roman
Isolde und Tristan in einem kleinen Verlag erscheinen, wo er lange nicht die Resonanz in der Öffentlichkeit und bei den Kritikern fand, die er verdient hätte, wenn er in Ihrem renommierten Haus erschienen wäre.
Kurz: Ich stehe vor dem Problem, dass ich mit meinem neuen Roman anfangen kann und will, aber entweder nicht die nötige Zeit oder genug Geld habe, um ihn zu schreiben. Bei Isolde und Tristan hatte ich noch einen gut bezahlten Halbtagsjob als Lehrerin, den ich aber verloren habe. Inzwischen arbeite ich als Selbständige, verdiene recht gut – nur finde ich dabei nicht die Muße, um mich auf den neuen Roman zu konzentrieren. Ein ziemlich frustrierender Zustand. Ich habe lange überlegt, wie ich dem abhelfen könnte, und kam auf folgende Lösung: Ein Schriftsteller braucht ja nicht viel – einen Tisch, Papier und Schreibmaschine oder noch besser: einen Computer beziehungsweise ein Notebook. Alles andere habe ich im Kopf. Wo fände ich also Ruhe, drei Mahlzeiten am Tag und ein sicheres Dach über dem Haupt, um meiner eigentlichen Berufung nachgehen zu können? Im Gefängnis! Eine Gefängniszelle würde völlig reichen. Das einzige Problem wäre, wie hineinkommen? Ich möchte schließlich niemanden umbringen, berauben oder sonst wie schädigen. Aber auch hierfür gibt es eine Lösung: eine Entführung. Damit könnte ich sogar zwei oder drei Fliegen mit einer Klappe (haha – meine Klappe kann sehr laut sein!) schlagen:
Klappt die Entführung eines Millionärs oder Milliardärs (das ist natürlich Voraussetzung), könnte ich vom Lösegeld beziehungsweise den Zinserträgen leben und der Menschheit hundertfältig zurückgeben, was ich erpresst habe. Das wäre nicht nur eine Lösung im Sinne Robin Hoods, sondern sogar eine Lösung ohne Gefängnis. Dann würde ich mich in irgendeinem warmen Billigland niederlassen und in der Wüste, die ich sehr liebe, den neuen Roman schreiben.
Dem Entführungsopfer würde ich natürlich kein Haar krümmen. Ich würde ihm schon klarmachen, dass ich nicht an sein Leben will. Ich möchte ihm alle unnötigen Ängste ersparen. Es wird ihm an nichts fehlen – die Bewegungsfreiheit ausgenommen. Geht die Entführung schief, lande ich zwar im Kittchen, komme aber dort endlich zum Schreiben. Wenn das Motiv zur Entführung bekannt wird, werden die Medien schon dafür sorgen, dass der Roman ein Bestseller wird. …. Im andern Fall muss ich Sie bitten, mein Projekt direkt zu finanzieren. Mit Euro 1.000,– netto monatlich würde ich auskommen. Hiermit appelliere ich an Ihre Menschenfreundlichkeit, die ich kennen lernen durfte. Immerhin hatten Sie mir Ihre Absage mit einem individuell und freundlich gehaltenen Brief begründet.
Nun aber zum Projekt selbst. Es soll wieder ein großer Roman werden. Große Gefühle, Liebesleidenschaft – und Quantenphysik. Ich verarbeite darin eigene Erlebnisse, auf die ich teilweise schon bei
Isolde und Tristan zurückgegriffen habe. Der Prolog: Einstein, Goethe und Schopenhauer in der Quantenhölle ist fertig. Ich füge ihn ebenfalls als Anlage bei.
Ich hoffe auf eine gute und gedeihliche Zusammenarbeit und verbleibe
mit freundlichen Grüßen
Katharina Jukulli.

Eine Unverschämtheit sondergleichen! Ein total verrücktes Weib! Oder soll das wirklich eine Erpressung sein? In die Wüste will sie! Bisher sind nur Verrückte oder religiöse Fanatiker daraus zurückgekommen, was dasselbe ist. Und der Stil des Briefes! Grell, laut – grob und stümperhaft. Manche Leute glauben, wenn sie schreiben, könnten sie sich alles erlauben. Natürlich können sie es. Aber gut geschrieben muss es sein. Gut geschrieben, Mädchen! Nicht nur klappern! Die Worte müssen wehen, fliegen, tanzen! Deine kriechen bleischwer am Boden entlang. „Und lege Ihnen das Exposé sowie eine Textprobe bei“, reines Bürodeutsch. Forget it! Mach deine Entführung, hol dir deine Millionen und genieße die Sonne! Aber lass das Schreiben!
Deinen Brief hättest du ganz anders anfangen müssen. Leicht, schwerelos muss er daherkommen. Leicht wie der Duft einer frischen Erdbeere. So hättest du anfangen müssen:

Sehr geehrter Herr Kirdorf,
ich habe lange über Ihre Worte nachgedacht und schließlich Ihren Rat beherzigt. Ich habe meinen Roman
Isolde und Tristan komplett umgeschrieben und ihn in die Neuzeit versetzt. Eine Liebe von heute, die sich gegen den Willen der Betroffenen entfaltet und in einem Fanal von Angst und Gewalt untergeht. Mit Isolde stirbt die Liebe den Kältetod. Ich habe den Roman einige Male durchgearbeitet, die Zahl der Adjektive gelichtet und Wiederholungen gestrichen.
Ich freue mich auf eine Besprechung der näheren Einzelheiten mit Ihnen oder einer/m Ihrer MitarbeiterInnen.
Mit freundlichen Grüßen,
Katharina Jukulli


Mädchen, ich bin Verleger und kein Krösus. Mit Höflichkeit kommst du weiter als mit dummen Drohungen und Forderungen. Ich lasse Tanja die Absage schreiben. Eine 08/15–Absage:

Leider passt Ihr Roman nicht in unser Programm.


Ulrich
1. Tag der Entführung, 10. Juni
Dieses Weib ist wirklich verrückt. Und ich bin ein Idiot. Aber wer rechnet denn mit so was! Nach mehr als einem Jahr schlägt sie tatsächlich zu. Noch dazu in Amerika! Ich denke, sie hat kein Geld! Ich habe mich wie ein Trottel auf die Straße locken lassen. Was dann passiert ist, weiß ich nicht. Sie muss mich betäubt haben. Ich bin in einem fahrenden Campingwagen aufgewacht – auf einem Bett, die Hände links und rechts mit Handschellen gefesselt, und der rechte Fuß auch. Wieso dürfen normale Bürger Handschellen kaufen? Sie hat mich nur angegrinst und gesagt, dass sie der Verkäuferin andeutete, dass sie und ihr Freund besondere Spiele liebten. Ein irres Gefühl, auf dem Bett zu liegen, gefesselt zu sein, nicht zu wissen, wohin es geht. Die Sonne scheint, aber sie hat zum Glück die Klimaanlage eingestellt. Es zieht. Sie muss auf einem Freeway fahren. Es gibt keine Stopps, und die Fahrbahn scheint glatt asphaltiert zu sein. Hat denn niemand mein Verschwinden bemerkt? Wie hat sie mich in diesen Wagen bekommen?
Ganz einfach, erklärt sie mir am Abend. Sie hat mich mit einem Spray betäubt – und dann mit großem Theater um Hilfe geschrieen. Ihr husband sei plötzlich zusammengebrochen. Ein Schwächeanfall! Die Passanten halfen ihr noch, mich ins Auto zu tragen und aufs Bett zu legen! Sie ließ sich die Adresse vom nächsten Krankenhaus geben. Und dann raste sie mit mir im Wohnwagenabteil los. In die Wüste. Die liebt sie ja so sehr. Fast so sehr wie mich, wie sie beteuert und mich dabei ansieht, dass sich mir alle Haare sträuben. Nein, ich bin nicht das Kaninchen, das sich von der Schlange hypnotisieren lässt. Aber sie hat so etwas Gewisses im Blick, eine solche Selbstverständlichkeit, wie es nur Verrückte, Besessene oder Genies fertig bringen. Ich weiß noch nicht, zu welcher Kategorie sie gehört. Vermutlich zählt sie sich zu den Genies. Eine Entführung, um einen Roman zu schreiben! Reiner Größenwahnsinn!

(…)

Es ist unmöglich, sie in ein längeres Gespräch zu verwickeln. Am Nachmittag ist es so heiß draußen, selbst im Schatten des Baumes, dass ich sie bitte, mich ins Schlafzimmer zu führen. Ich gebe ihr so auch Gelegenheit, sich wegen des Lösegeldes mit der Außenwelt in Verbindung zu setzen. Aber sie bleibt ungerührt draußen und schreibt. Ich sehe es mit grenzenloser Wut. Das Mitleid, das kurz aufgekommen war, ist verschwunden. Was zählt eigentlich für diese Frau? Nur ihr Roman? Die Kröten?
Denkt sie ein einziges Mal daran, dass ich ein Unternehmen, einen Verlag habe, von dessen Existenz nicht nur ich, sondern auch andere Menschen abhängen? Nicht nur die Autoren. Ich habe eine feste Mitarbeiterin. Ab und zu eine Volontärin. Ich beschäftige freiberufliche Lektoren, Übersetzer, Graphiker. Ich vergebe Aufträge an Druckereien. Buchhandlungen, Buchhändler leben von mir. Autoren warten auf ihre Honorare. Warten auf Lesetermine, Interviews mit Zeitungen, Fernseh– und Radiostationen. Nur gut, dass ich im Moment mit niemandem zusammen bin. Kein Kind, nur eine geschiedene Frau, die sich selbst ernähren kann. Mit Karen war vor zwei Monaten Schluß. Seitdem nichts Richtiges, nur kurze Abende und Nächte. Und Tanja sieht mich mit großen erwartungsvollen Augen an. Ich weiß, sie hofft auf mich. Arme Frau. Sie ist überhaupt nicht mein Typ. Und diese Katharina hier noch weniger. Karen war mein Typ und Maria sowieso. Beide sehr schlank, ausnehmend schön, intelligent und warmherzig. Das ist vielleicht nicht das ganz große Glück, du überspannte Katharina, aber schon sehr, sehr viel. Trotzdem haben wir uns auseinander gelebt. Maria wurde nicht damit fertig, dass ich auch mit anderen Frauen ins Bett ging. Was ist schon dabei? Ich dachte, sie wäre eine moderne Frau. Aber sie war krank vor Eifersucht. Karen war viel aufgeschlossener. So aufgeschlossen, dass sie selbst ein paar Nebenverhältnisse hatte. Das gefiel mir wiederum nicht. Auch wenn ich logisch nichts dagegen einwenden kann. Ich bin für die Gleichberechtigung der Frauen. Ich will eine Frau, die ein eigenes Leben führt, die unabhängig von mir ist und mich nicht immer erwartungsvoll ansieht, was denn nun meine Wünsche sein könnten, um sie mir zu erfüllen. Wir haben uns auseinander gelebt. Dann hatte sie plötzlich einen anderen Mann, und der galt mehr als ich. Es hat meinen Stolz angekratzt, mich aber nicht sonderlich geschmerzt. So tief ging die Liebe nicht. Der Verlag war immer wichtiger. Ich habe mir einen guten Ruf erarbeitet. Wirklich erarbeitet. Ich lese alle Manuskripte selbst. Die Auswahl ist entscheidend. Wie viele Flops kann sich ein Verlag leisten? Geschäftlich und literarisch? Wenn man gewisse Ansprüche an sich und seine Arbeit stellt, kann man seinen guten Ruf gleich mehrfach verlieren. Nicht nur Geld. Und dann kommt eine Katharina Jukulli und macht mit einem Betäubungsspray und einer durchgeknallten Idee alles
zunichte.
(…)

Ich muss ihre Sachen ganz anders lesen als sonst. Keinen Gedanken an literarische Kriterien verschwenden, an Stil, an Leser und Rezensenten. Der Markt spielt sowieso keine Rolle. Ich muss hinter die Psyche der Frau kommen. Ich muss dieses Weib dazu bringen, dass sie mich freilässt. Aber dazu muss ich wissen, was sie zum Ticken bringt. Im Grunde liegt es ja auf der Hand: Die Frau ist frustriert, weil sie als Schriftstellerin keinen Erfolg hat und schiebt mir die Schuld in die Schuhe. Mir, stellvertretend für alle Verlage und Verleger, für alle Absagen, für alle Kränkungen. Nur gibt es Tausende von frustrierten Möchtegernschriftstellern, die trotzdem nicht auf die Idee kommen, einen Verleger, einen Menschen zu entführen, um in Ruhe ihren nächsten Roman zu schreiben. Die Frau scheint Ruhe wirklich nötig zu haben! Sitzt still und vergnügt unter dem Baum, schreibt in ihre Kladde, ab und zu schaut sie in den Himmel, hört wohl den Vöglein zu, und freut sich, dass sie mir eins auswischen kann.
Ein Roman um Tristan und Isolde. Um eine Liebe, die alle Grenzen sprengt. Eine Liebe, die ans Kosmische (eher ans Komische, Mädchen!) reicht! Völlig exaltiert, völlig hysterisch. Was weiß die schon von Liebe! Ein graues Mäuschen, das zu bunt träumt! Ersatzhandlung nennt man das.


Katharina

„Sie war nicht liebenswürdig, wenn sie liebte.“
Johann Wolfgang von Goethe:
Wahlverwandtschaften

10. Juni, abends
Ich habe es geschafft! Ich habe ihn für die Nacht ins Wohnmobil gesperrt. Wir sind in der Mojavewüste auf halbem Weg zur Ranch. Wie leicht es gegangen ist! Ich hatte bis zum Schluss geschwankt und mich gefragt, ob ich es wirklich tun soll. Und dann folgte er brav dem Anruf, beugte sich zu mir, als ich ihn um Hilfe bat und ließ sich die KO–Tropfen unter die Nase halten. Der Rest war ein Kinderspiel. Mein Gott, ich tauge tatsächlich zur Verbrecherin! Ich bin eine Kidnapperin! Drei Wochen habe ich Zeit. Bis dahin muss ich ihn aus dem System schwitzen – dann habe ich endlich Zeit und Muße für den neuen Roman.
Er denkt natürlich, ich wollte an sein Geld. Oh nein, mein Lieber. Dein Geld brauche ich nicht. Aber um schreiben zu können, brauche ich einen freien Kopf, und den habe ich nicht mehr, seitdem wir uns über den Weg gelaufen sind.
Wie eine Idiotin denke ich nur noch an ihn. Dabei ist er mit einer anderen liiert. Und ich breche nicht in eine Ehe oder Partnerschaft ein. Er muss schon selbst wissen, wen und was er will. Im übrigen ist er an mir überhaupt nicht interessiert. Ich bin ihm nicht attraktiv genug. Das hat er mir deutlich zu verstehen gegeben.
Er hat es einfach. Ich bin vermutlich eine von den vielen Frauen, die nach ihm schmachten. Ihn kümmert’s nicht, er lebt sein Leben. Nur ich bin völlig blockiert. Und warum? Weil alle Sinne sagen, das ist der Mann für dich. Das ist der Mann deines Lebens! Und ich kann ihnen nichts entgegensetzen. Vernunft schon gar nicht. Was haben Vernunft und Verstand mit Liebe zu tun? Ich weiß nicht einmal, ob es wirklich Liebe ist oder dumme, alberne, mädchenhafte Schwärmerei. Ich dachte, ich wäre aus diesem Alter heraus. Warum schwärmen Mädchen? Weil sie das Objekt ihrer Sehnsucht nie wirklich kennen lernen. Schwärmen heißt Lieben aus der Ferne. Es gibt keinen Realitätstest. Nirgendwo einen kleinen Zusammenstoß mit weniger liebenswerten Eigenschaften. Nirgendwo Gespräche, die ins Leere laufen, und frau erkennt, dass sie mit dem Typen keinen Gedanken, kein Gefühl teilen kann. Dass für ihn völlig banale Dinge wichtig sind (und umgekehrt). Nur ein paar Tage Tisch und Bett gemeinsam – und die Gefühle können sich klären.
Nein, es war und ist keine Schwärmerei. Jemand, der schwärmt, findet sein Idol in allem gut und toll. Ein blindes Idealisieren ohne Sinn und Verstand. Das ist nicht mein Fall. Ich weiß nicht, ob er gut, toll oder phantastisch ist – ich hatte immer nur auf eine Chance gehofft, es herausfinden zu können.
Er hat mir nicht einmal eine Verabredung zu einer Tasse Kaffee oder Tee gegönnt!
Es gab nur die magere halbe Stunde, als ich ihm Isolde und Tristan vorbeibrachte. Da gab es einen winzigen Augenblick, wo sich etwas zwischen uns öffnete. Seitdem klebe ich an ihm. Es passierte erst, als ich ging. Er wollte mich zur Haustür begleiten, aber ich hatte das Gefühl, als hätte ich ihn überfallen und wollte so wenig Umstände wie möglich machen.
„Ich finde den Weg schon selbst“, sagte ich.
Wieso hat ein Verleger auch keinen anständigen Briefkasten? Ich hätte sonst nie geklingelt. Aber nein, er musste mir aufmachen, mich hineinbitten, mir eine Tasse Kaffee anbieten, den ich aus Höflichkeit getrunken habe. Mein Roman „passte nicht in sein Programm“, wie er mir mitfühlend versicherte. Er wollte sich aber nach einem anderen Verlag für mich umsehen. Das versprach er mir.
Beim Hinausgehen war es, als ob seine Hand meinen Rücken streichelte. Sehr zart, sehr innig. Als wäre er mein Bruder. Als hätten sich unsere Seelen berührt. Darum liebe ich ihn, darum hänge ich so an ihm. Später, zu Hause, suchte ich in einer anderen Sache ein Nietzschezitat, schlug den Band auf – und stieß plötzlich auf:
Eine Gunst, von einem Vornehmen erwiesen, erscheint einem Kleinen wie ein Wunder von Gnade.
So oder ähnlich.

(…)

Nun sitzt er mir gegenüber, aber schaut mich nicht ein einziges Mal an. Höchstens verstohlen, wenn ich nicht hinblicke, oder wenn ich umherlaufe. Sein Fuß wippt, die Kette klirrt. Reiner Vorwurf.
Nein – ich habe ihn nicht entführt, um seine Liebe zu gewinnen. Ich halte nichts von Nötigung. Und seine Liebe werde ich auf diese Weise erst recht nicht erringen. Eine erzwungene Liebe ist keine Liebe. Ich würde sie nicht wollen. Ich habe ihn nicht entführt, weil ich etwas von ihm will. Ich habe ihn nur aus Selbstschutz, quasi aus Notwehr, entführt. Damit ich ihn endlich loswerde! Drei Wochen haben meine Gefühle Zeit zu erkennen, dass er der Falsche ist. Dass wir keinerlei gemeinsame Interessen haben. Dass es völlig absurd wäre, das Leben mit ihm teilen zu wollen.


Ulrich

„Wissen Sie, wie ich mir vorkomme? Wie Schrödingers Katze. Ich glaube, Sie haben mich gar nicht wegen des Lösegeldes entführt, sondern zu Versuchszwecken für ein quantenmechanisches Experiment.“
Sie schaut mich verblüfft an. Welche Wohltat, ein Triumph! Ich habe ihr Interesse geweckt.
„Sie kennen sich in Quantenphysik aus?“
Ich tue so, als hätte ich nur wenig Ahnung, so als hätte ich den Ausdruck irgendwo aufgeschnappt. Die Schriftstellerin wird mir schon erklären, was es mit Schrödingers Katze auf sich hat. Ich werfe ihr ein paar Anspielungen hin, und sie wird dankbar diese Bissen aufgreifen und mich als Gesprächspartner ernst nehmen.
Ich ernte einen verwunderten, dann anerkennenden Blick. Aber sie sagt nichts. Wieso redet die Frau nicht mit mir? Sie redet doch sonst immer! Diese Wüste scheint sie zu verwandeln. Oder sie hat alle Worte in die Kladde gesteckt und kein Wort, keinen Gedanken mehr übrig.
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie angesprochen habe. Ich wollte Sie nicht stören.“
Sie lächelt mich an und bleibt stumm. Wirklich, wenn sie lächelt, ist sie tatsächlich anziehend. Man möchte zu ihr hinüberlangen, ihr übers Haar streichen und ihre Ohrläppchen beknabbern. Und anfangen, sie zu küssen. Ganz zart und vorsichtig anfangen. Kurz die Lippen berühren, mehr nicht. Dann die Stirn, die Wangen. Den Hals hinunter. Zarte kleine Küsse hintupfen. Dann zurück zum Mund. Ein bisschen fester und länger mit den Lippen spielen. Kein Zungenkuss. Noch nicht. Noch lange nicht. Sie mit den Händen, den Armen umfassen. Festhalten, drücken, küssen.
„Warum tun Sie’s nicht?“

(…)

Ach, in dem einen Augen–Blick in deine schwarzen Pupillen, Katharina, werden Welten geboren, blühen auf, verwelken und vergehen wieder. Im Blinzeln deiner Wimpern explodierte unsere Welt im Big Bang, erschuf im Erkalten Teilchen und Atome, Weltenstaub, Dunkelmaterie und Galaxien. Sterne ballten sich zusammen, glühten auf, zerbarsten in Supernovae und schleuderten ihren Materiesamen ins All. Eisen, Nickel, Uran, um Planeten wie unsere Erde zu schaffen. Sind sie nicht wie all die anderen schweren Elemente aus explodierenden Sternen geboren?
Merkwürdig, wie auf einmal längst vergessene Bilder und Ideen aus dem Mathematik– und Physikunterricht wieder lebendig werden. Wie totes Wissen Ausdruck eines lebendigen Seins wird, an dem wir alle teilhaben!


Katharina:

Was unterscheidet die Dimensionen voneinander? In der Schule haben wir gelernt, dass die höhere Dimension 90 Grad senkrecht über der niedrigeren steht. Also öffnet sich die Raumdimension 90 Grad in die Höhe über oder unter der zugrunde liegenden Fläche. Und die Flächendimension kommt dadurch zustande, dass sich senkrecht über einer Geraden die Bewegung in die Breite öffnet. Wo aber sind die 90 Grad über einem Punkt zur Erzeugung der Längendimension? Jede Bewegung außerhalb des Punktes schafft die neue Dimension der Länge. Weshalb man den Punkt auch als Schnittpunkt aller Geraden definiert.
Diese letztere Sicht erscheint mir nun viel fruchtbarer: aus der höheren Dimension blicken wir hinunter zur niedrigeren. Der Punkt also der Schnittpunkt aller Geraden. Dann die Gerade als Schnittlinie aller möglichen Flächen. Die Fläche als Schnittfläche aller möglichen Räume – und der Raum? Auch er ein Schnittraum höherer Dimensionen. Wir selbst sind ein Teil dieser höheren Dimension, aber wir haben keinen Spiegel, kein anderes Bezugssystem, um sie zu reflektieren.
Aus dieser Sicht wird Materie auf einmal viel leichter erklärbar: Sie erscheint uns da, wo zwei Dimensionen sich überschneiden oder durchdringen. Zwei Wellen schneiden sich, eine aus der Senkrechten schwingend, die andere in der Horizontalen. Das gibt Verwirbelungen – wie zum Beispiel beim Tornado. Die erwärmte Luft, die senkrecht nach oben steigen will, trifft auf Luftschichten, die durch die Erdbewegung quer zur Erdoberfläche streichen. Ein Schlauchwirbel entsteht. Etwas eigenes, das sich fast nach eigenen Gesetzen zu bewegen scheint.
Was passiert, wenn in einer Flächenwelt ein Wellenstrahl von oben oder unten die Fläche durchschneidet? Wie würden Flächenweltler einen solchen Durchgang erleben?

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