Leseprobe
aus Lena Spielberg: Goodbye Gucci. Roman (Auszug aus dem Anfang des Romans.)
vorgewarnt
Ich hatte null Ahnung, was mit meiner Volontärin Henrike los war. Jedenfalls schienen sie meine Anweisungen von einem auf den anderen Tag nicht mehr zu kratzen. Henrike tat, wohl um den Schein zu wahren, nur noch das Nötigste. Sie nahm sich Eigenwilligkeiten heraus, die ich nicht von ihr kannte. Etwa ging sie plötzlich sehr zeitig, noch vor Redaktionsschluss. Ohne Erklärung, Rechtfertigung, einfach nur frech und nach Hause.
Meine unsichere Frage: „Was ist denn mit dir, hast du Probleme?“, beantwortete sie mit einem achselzuckenden Ausweichen und so knapp wie nur möglich:
„Schon alles o.k. Mach dir man bloß keine Sorgen.“
Ihr kühler Blick schloss jede weitere Nachfrage aus. Ich war beunruhigt.
Auch, wenn Henrike grundsätzlich nicht eben vor Arbeitswut sprühte, hatte sie sich mir gegenüber immer loyal gezeigt, ja sogar meine Nähe gesucht.
Wir gingen Mittagessen zusammen. Bei dieser Gelegenheit ließ sie mich wahlweise wissen, wie viel sie journalistisch von mir dazu lernen könne, wie nett sie meinen Hund fände und meinen Freund und wie sehr sie meine Arbeit auch überhaupt schätze. Sie bauchpinselte mich, bis ich selber schon glaubte, eine sensationell souveräne Chefin zu sein.
Eine gewisse Skepsis gegenüber Henrike wurde ich trotzdem nicht los. Zwar war sie keine Opportunistin. Solche Menschen sind mir zuwider, ich hätte diesen Zug an ihr zeitig bemerkt.
Wie ich hinterher, nach meiner Entlassung als Ressortleiterin für Gastro und Lifestyle beim Kulthouse allerdings feststellen musste, war Henrike aber durchaus von jenem berechnenden Schlag, der bei den richtigen Leuten zum richtigen Zeitpunkt authentisch wirkende Sympathieballons aufsteigen lässt, die genau dann wieder zerplatzen, wenn die umgarnte Person ins Abseits gerät.
Von meinem bevorstehenden Abseits wusste ich aber noch nichts. Ich vermutete vielmehr, Henrike hätte, in Anbetracht des nahenden Endes ihres Volontariats, bereits eine Stelle gefunden und sich deshalb von mir und meiner Redaktion innerlich losgesagt.
In den Wochen, bevor der Sympathieballon platzte, war Henrike während der Mittagszeit in hektische Betriebsamkeit verfallen. Sie hatte Vorstellungsgespräche, soviel war klar. Alleine schon, weil sie ausgehfein zurecht gemacht war. Es handelte sich um einen marineblauen Hosenanzug – ein Kleidungsstück, dass mit ihren hüftlangen naturblonden Haaren, die sie gelegentlich zu einem strengen Pferdeschwanz flocht, perfekt harmonierte und das sie immer trug, wenn es ernst wurde: Elterngeburtstage, Hochzeiten, Promigalas.
Ansonsten hatte Henrike tagtäglich dasselbe am Leib: Ich fragte mich schon, ob sie mehrere Dubletten von diesen mausgrauen Jeans und grünen Schlabberhemden besaß. Oder wie oft sie dieses Tarnkappen–Outfit eigentlich wusch? Um Henrike, soviel stand fest, war es finanziell entweder extrem schlecht bestellt oder aber sie war krankhaft geizig. So hatte sie beispielsweise die seltsame Eigenheit kompletter Frostresistenz. Noch am Gefrierpunkt kam sie stets ohne Mantel zur Arbeit. Den im Rollkragenpullover schlotternden Kollegen erzählte sie, dass sie die Heizung daheim auch im Winter nicht anstelle und deshalb an Kälte gewohnt sei.
Um ihre Vorstellungsgespräche geheimniste sie hingegen herum. Ein jeder in der Redaktion fragte sich, wer auf Henrikes charmantes Gesäusel hereinfallen würde. Nicht, dass sie journalistisch eine Nullnummer war. Aber wirklich versiert war sie nur im Schreiben launiger Kurzmeldungen über studentische Reisebüros oder Designerklamotten, die sie nie trug.
Ich ahnte bereits, es war Mona Wenzel, meine Vorgängerin. Einen Steinwurf von unserem Verlagshaus entfernt hatte sie sich mit einem Redaktionsbüro selbständig gemacht. Die Wenzel war in der Welt der lokalen Pseudopromis bestens bekannt und zählte sich selber dazu. An die 50 und nicht gut gebaut, lief sie in peinlich kurzen Miniröcken herum und trug dazu vorzugsweise Springerstiefel im abgelederten Retrolook – ihre wasserblondierte Mähne fiel strähnig über ein von zu vielen Sonnenbankeinheiten gegerbtes Spätmädchengesicht. Nach ihrem tosenden Abgang beim Kulthouse machte sie in Diätmagazine und betätigte sich als Autorin postfeministischer Hausfrauenprosa.
Obwohl Mona Wenzel beim Kulthouse selber gekündigt hatte, missgönnte sie mir meinen Job. Tauchte sie auf einer Pressekonferenz auf, zu der ich auch akkreditiert war, machte sie einen ungeheuren Wirbel um ihre Person. Sie küsste und umarmte die wichtigsten Leute – vom Sternekoch bis zu Deutschlands wichtigsten Modemachern nahm sie alle, die Rang und Namen hatten, unter Beschlag. Sie war ekelhaft präsent und würdigte mich, vielleicht abgesehen von einem notgedrungenen „Hallöchen, Sie auch hier?“, bewusst keines Blickes. Wie oft musste ich meinen Gesprächspartnern erst mühsam verklickern, dass nicht Mona Wenzel, sondern ich, Franzi, die Frau war, die zählte. Dass sie mich und meine Arbeit im Kollegenkreis schlecht machte, war dann der Gipfel. Sie behauptete, ich verstünde nicht die Bohne von Mode und hätte eine unterirdische Schreibe, die nur mit Mühe zur Pressewartin eines Kaninchenzüchtervereins tauge.
Auf die Idee, dass Henrike ausgerechnet bei der Wenzel um eine Anstellung buhlte, kam ich nur, weil sie in ihrem Sonntagsstaat so klammheimlich entschwebte und ehe ich mich versah, auf leisesten Sohlen auch wieder zurück war. Da konnte sie ja nur, ganz schnell um die Ecke, zur Wenzel entschwirrt sein. Es gab, logisch gedacht, keine andere Möglichkeit. Meine klare Ansage: „Du warst bei der Wenzel“, konterte sie mit einem abgelutschten weiblichen Spleen: „Also Franzi, ich sage jetzt ganz bewusst nicht, wo ich war. Weil: du, dann wäre für mich alles kaputt. Kennst du so was, dass man aus einem Aberglauben heraus manche Dinge lieber für sich behält?“
Ich rollte entnervt mit den Augen. Was es mit diesem albernen und im Grunde verlogenen Gedöns auf sich hatte, konnte ich mir ja denken. Henrike wusste schließlich, dass Mona Wenzel und ich einander nichts schenkten. Da mochte es ihr unklug erschienen sein, ihre Bewerbung hinauszuposaunen. Schließlich geriet sie dadurch, zumindest solange ihr Volontariat andauerte, zwischen die Stühle. Sie lief Gefahr, dass ich ihr misstraute. Um den heißen Brei redete sie deshalb lieber herum.
abgestresst
Weihnachten nahte jedoch, und ich nahm Henrikes Eiertanz zunehmend gelassen. Schließlich sehnte ich mich nach Freizeit – ein Zustand, der in meinem Dasein als Ressortleiterin eine Seltenheit war.
Abgesehen von einigen kostspieligen Kurztrips nach London oder in die Provence war ich zwei Jahre lang nicht mehr in Urlaub gefahren. Länger als eine Woche traute ich mich nie die Redaktion zu verlassen. Obwohl mein Hirn und mein Körper das wollten und notwendig brauchten. Ich arbeitete ohne Unterlass. Nicht, weil ich mein ganzes Leben vorsätzlich in krankhaftem Workaholism ertränken, sondern weil ich meinen Job nicht verlieren wollte. Jedenfalls sollte unterlassene Arbeitsleistung kein Grund dafür sein. Doch das Kulthouse dankte es nicht, es saugte mich aus:
Sämtliche Projekte, die ich mit meinem kleinen Stammteam betreute, bauten auf einem minimalen Budget auf. Was zur Folge hatte, dass ich es zwar mit über hundert freien Mitarbeitern zu tun hatte, doch kaum einer von ihnen konnte professionell schreiben. Richtig gute Leute wollten sich im Jahre 2001, als die Krise begann, nur höchst selten für ein Ausbeuterhonorar hergeben.
Meine Schreiberlinge waren deshalb entweder nur kompetent in der Sache, oder es handelte sich um Profilneurotiker, die sich daran aufgeilten, ihren Namen für ein Butterbrot in der Zeitung zu lesen, oder um Bekannte und Freunde, denen ich einen Gefallen abringen konnte, oder um Praktikanten – frisch von der Schule.
Mit Handkuss nahm ich Leute um die 30, die ein abgeschlossenes Studium in der Tasche hatten, eine Portion Lebenserfahrung mitbrachten und – in aller Regel – auch eine echte Hilfe darstellten. Nur leider, diese Leute bewarben sich selten. Sie glaubten wohl nicht an die späte Chance eines beruflichen Quereinstiegs im Journalismus.
Das Ergebnis dieser minimalistischen Personalpolitik, die ich nicht zu verantworten hatte, war Sklavenarbeit für mich. Denn alles, was meine minderbezahlten Helfershelfer textmäßig absonderten, musste mehrfach nachgebessert und – im schlimmsten Fall – vollkommen umgeschrieben werden. Nächte verbrachte ich anstatt mit meinem Freund Ulf mit meinem Laptop. Immer auf der Suche nach dem trefflichen Wort, der griffigen Wendung und der Möglichkeit, mutwillig unterlassene Recherchearbeit irgendwie zu vertuschen. Denn am Ende, soviel war klar, fiel alles auf mich zurück.
Ich musste die Fehler anderer vor der Geschäftsleitung ausbaden. Wenn etwa ein „Freier“ sich mit Recht gesagt hatte, dass er für so wenig Geld doch nicht in irgendwelchen Designergeschäften herumtigert, um die aktuelle Kollektion haarklein zu prüfen. Nicht selten nahmen diese Leute einen alten Artikel zur Hand und schrieben ihn um. Eine verständliche Gemeinheit mir gegenüber, die ich zum Glück jedoch meistens durchschaute.
Wenn nicht, war Stress angesagt. Überkandidelte Boutiquebesitzer, die aus der Fassung gerieten, weil unsere Autoren Joop mit Jil Sander oder Rena Lange verwechselten, riefen meistens nicht mich, sondern gleich einen der Herausgeber an und machten einen Riesenwirbel um ihre Beschwerde. Vor allem, wenn es sich um zahlungskräftige Anzeigenkunden handelte, von deren Wohlwollen wir abhingen und denen ich im Nachhinein mindestens ein schleimiges Entschuldigungsschreiben zusenden musste. Häufiger noch nutzten die Fashionleute die Chance, mich zur Modenschau eines jungen Designer–Labels zwangszuverpflichten.
verraten und verkauft
Zwar war das Kulthouse nicht das seriöse Tagblatt, bei dem ich mich bis zu Beginn meines Volontariats acht Jahre lang hatte durchbeißen müssen und wo Redaktion und Anzeigenabteilung null und nichts miteinander zu tun hatten, ein piepsiges kleines Wurfblättchen war das Kulthouse aber auch wieder nicht. Um so mehr verblüffte mich die enge Verflechtung der Redaktion mit den Marketingleuten, die mir andauernd in die Parade fuhren.
Wie oft musste ich liebevoll gesammelte oder bereits geschriebene Meldungen, die ich für sinnvoll erachtete, auf die Schnelle durch irgendwelchen Konsumkram ersetzen.
Da kam der Anzeigenleiter, ein in die Jahre gekommener Alt–68er, den in seinem Privatleben eigentlich nur Joints und die Stones interessierten, und drückte mir, beispielsweise für ein Fitnessdossier, einen Text über sauerstoffhaltiges Mineralwasser, das damals im Trend lag, aufs Auge. Für eine halbseitige Anzeige hatte er den Herstellern des Designerwässerchens im Paket einen redaktionellen Begleittext versprochen.
Was ich geplant hatte, war ihm vollkommen wurscht. Wir schrieen uns wegen ähnlichen Vorfällen des Öfteren an, und nicht selten bekam ich Advice von ganz oben, den jeweiligen Einspalter – manchmal waren es auch doppelseitige Jubelarien über Möbelhäuser oder Espressomaschinen – bringen zu müssen. Seriöser Journalismus und PR flossen beim Kulthouse in einer Weise zusammen, die mein Berufsethos quälten.
Und doch machte ich einstweilen mit. Weil ich mir der Abhängigkeiten eines vergleichsweise kleineren Blattes langsam bewusst wurde und das Anzeigenaufkommen nach dem 11. September in allen Printmedien katastrophal abschmierte. Die Lage war ernst. Trotzdem verdichtete sich bei mir der Eindruck, dass derlei Geschäftsgebaren beim Kulthouse keine Notlösung war, sondern Usus – und zwar auch in besseren Zeiten. Und je schlechter sich die wirtschaftliche Stimmung im Lande entwickelte, desto mehr zeigte das Kulthouse sein wahres Gesicht.
Hervorgegangen aus einem Szenemagazin für junge konsumfreudige Leute, versuchte der inzwischen gesettlete Verleger– und Herausgeberclan den alten solidarischen Spirit in die Hochglanzpostille zu retten. Natürlich nicht wirklich, aber doch immerhin den Schein, den wollten sie wahren.
Also immer schön cool sein, gut drauf sein, versackt sein – die große Kulthouse–Familie forderte ihrer hart arbeitenden Belegschaft so einiges ab. Doch dieses locker sitzende Mäntelchen der Jugendlichkeit, das die längst im Grüngürtel vor der Stadt lebenden Macher wie einen Popanz vor sich her trugen und das sie, so gut es ging, kultivierten, fiel in der Krise von ihnen ab.
Eines Tages, wir hatten ein Meeting mit den Leuten vom Kenclub, einem an männliche „Thirtysomethings“ adressierten Yuppiemagazin, ging die idealistische Restsubstanz endgültig flöten. Das Kulthouse und der Kenclub arbeiteten im Marketingbereich sehr eng zusammen. Und jenes Meeting war in Wirklichkeit eine Krisensitzung, bei der es um die Frage ging, wie man den Einbruch des Anzeigengeschäfts wirtschaftlich abfedern konnte.
Den Geschäftsführer vom Kenclub, Herrn Schrader, konnte ich auf Anhieb nicht leiden. Nachgerade tat er dann alles, was die tief in meinem Hirnkasterl schlummernde Aversion gegen Männer mit Machoattitüde zu blühendem Leben erweckte. Schrader saß mir gegenüber. Seine Beine hielt er während des gesamten Meetings auf Anschlag gespreizt, seine Arme umgarnten die Armlehnen der Stühle rechts und links neben ihm. Um sich und seine chauvinistische Selbstherrlichkeit gebührend zu feiern, benötigte er genau genommen eine ganze Stuhlreihe für sich allein.
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