Leseprobe

aus Evelyne B Glocker: Godwill. Fantasyroman
(Auszug aus Kapitel 3 Elfenfeuer)

James hatte sich bereits voll entkleidet und nahm nun den königlichen Reiterrock entgegen. Er schlüpfte schnell hinein, und Joe und Olaf beeilten sich sogleich, ihm den Waffenrock anzuschnallen. James ließ es atemlos geschehen. Sein Herz klopfte wie verrückt, und er ahnte, dass er diese Nacht nicht überstehen würde.
„Autsch!“, schrie Matox grimmig auf.
Der Prinz hatte ihn gebissen.
„James … wenn du …“
Matox’ Hand klammerte sich wieder um des Prinzen Mund wie ein eisernes Pflaster.
„Chms … Chms …!“, kam es nur noch darunter hervor.
Bens Wut ging nun in Panik über. Er fühlte sich verzweifelt und elend und unendlich hilflos. Alle hatten sich gegen ihn verschworen. Es konnte doch nicht James‘ Ernst sein, ihn so zu demütigen und ihm Gewalt anzutun.
Doch James sah stumm zu Boden, während sie ihn in Windeseile in den engen Waffenrock zwängten. Ben war schlanker wie er, dieses musste der Schutzmann nun leidlich erfahren.
Trenard drückte ihm Bens Helm in den Arm. Er hatte ihn für James aus dem Gepäck geholt. Endlich hatten Olaf und Joe ihr Werk vollendet und ließen keuchend von ihm.
Victor zog ihn sogleich zu sich und besah ihn sich.
„Das da unten ist eine unbekannte Größe, Junge!“
Er schenkte ihm einen eindringlichen Blick.
„Er sieht gefährlich aus und bei Gott, seine grausame Stimme verpasste mir eine Gänsehaut.“
„Danke, Vic, das habe ich jetzt gerade noch gebraucht“, entgegnete James sarkastisch.
Victor ergriff ihn unsanft am Arm.
„Keine Späße, klar! Dieser Kerl dort unten ist nicht gekommen, um mit dir Witze zu reißen. Er ist gekommen, um Blut fließen zu lassen. Ich weiß es. Er wird sich nicht zu Gesprächen einlassen, dazu ist sein Gebaren zu feindlich gestimmt.“
Er schnaubte, dann fuhr er ruhiger fort: „Heute wird vielleicht einer von Euch sterben, und es muss dir gelingen, dass du es dann nicht bist!“
James nickte und sah zu Boden.
„Chms! Chms!“
Bens Panik wuchs, als er Victors Worten lauschte. Tränen der Verzweiflung und der Wut stiegen in ihm auf. Sie rannen über Matox‘ Hand.
Er sah ihn flehend an, doch Matox sah ungerührt zur Seite und ließ seine Hand weiter wo sie war.
James blickte traurig zu ihm. Er wollte etwas sagen, doch seine Stimme versagte.
„Es wird Zeit!“
Victor schlug ihm aufmunternd auf die Schulter.
„Achte darauf, dass du den Ellenbogen einziehst und deine Beine schützt. Das sind die Schwachstellen, die du hast. Ansonsten bist du ein ausgezeichneter Kämpfer, du musst nur an dich glauben.“
James leckte sich über die Zähne, dann wandte er seinen Blick von Ben und nickte Victor zu.
„Versuche jedoch zuerst, so viel wie möglich über diese unbekannte Größe zu erfahren. Es wird dir im Kampf helfen und vielleicht … vielleicht lässt er sich ja doch auf ein Gespräch ein.“
James nickte wieder, dann setzte er sich in Bewegung. Er versuchte, seine Angst zu vertreiben. Vielleicht musste er heute nicht sterben. Victor hatte recht, er war ein guter Kämpfer. Er vertraute auf Gott, etwas anderes blieb ihm nicht übrig.
„Ich wünsche dir viel Glück“, rief Victor ihm hinterher.
Denuielaine sah, wie James im Gehen seinen Helm aufsetzte und sein Schwert an seinen Rock schnallte. Sie wünschte ihm kein Glück. Wenn er starb und Douwain der Überzeugung war, er hätte Broderik getötet, so würden alle anderen überleben. Wenn er siegte und Douwain starb, so war Alenou schutzlos dem Bösen ausgeliefert. Sie blickte wieder nach vorne, wo der seltsame Kämpe sich nun auf dem Boden wälzte, als wäre er ein Tier. Das alles kam ihr so bizarr vor. Schon wieder wurde ein Kampf geschlagen, für den sie verantwortlich war. Warum nur, warum wiederholt sich die Geschichte in einem fort? Sie sah zu Ben hinüber, der am Boden lag und schluchzte. Sie hielten ihn immer noch fest und presste ihre Hand auf seinen Mund!
Ich fühle mit dir, Liebster. Dein Leid ist das meine, da unsere Seelen miteinander verknüpft sind. Doch vergib mir, dass ich nicht ihm den Sieg wünsche. Ich wünsche dir in diesem Sinne Leid, obwohl ich weiß, dass du das Glück verdienst und so nicht findest.
Als das Tor aufging, legte sich Douwains Ungeduld. Er freute sich auf dieses Zusammentreffen.
Eine Gestalt trat heraus. Er kommt zu Fuß, um so besser! Broderiks Waffenrock war reichlich verziert und geschmückt. Alle Edelsteine dieser Welt werden dich heute nicht vor dem Tode bewahren können!

Ihm nach folgten vier weitere Menschen, alle schwer bewaffnet. Der Hauptmann, der mit ihm gesprochen hatte, war nicht dabei. Er grinste schadenfroh. Sie wissen also um die Gefahr! Einer musste die Herde ja wieder nach Hause führen. Und wenn der Prinz es nicht konnte, so musste es eben der Hauptmann tun.
Er stieg vom Pferd. An Körpergröße war er ihm etwas unterlegen, doch Douwain hatte noch einen Trumpf im Spiel.
Er ging nach vorne, um seinen Gegner zu begrüßen.
James blieb etwa zehn Schritte vor ihm stehen, seine Kameraden weitere zwanzig hinter seinem Rücken. Sie waren James Adjutanten und mussten die Burgbewohner warnen, falls irgendetwas außer Kontrolle geriet.
James starrte sein Gegenüber an. Er war kleiner als er und trug selbstsicher weder eine beengende Rüstung noch einen störenden Helm. Doch die Form seiner Ohren brachte James für einen Moment aus der Fassung.
„Wer seid Ihr?“, hauchte er unter seinem Visier hervor.
Douwain sah ihn mit gespenstischen Augen an.
„Ihr wisst, wer ich bin!“, entgegnete er mit einer Stimme, die plötzlich einen Ton tiefer zu sein schien als vorhin.
Du bist ein Elf!, dachte James mit Schrecken. Seine Knie zitterten. Wildchild hatte demnach die Wahrheit gesprochen. Mit einem Mal wurden die ganzen Legenden lebendig. Elfen!
Sein Instinkt riet ihm, sich einfach umzudrehen und Fersengeld zu geben. Seinen Hintermännern musste es ebenso ergehen, er nahm ein wirres Gemurmel in seinem Rücken wahr. Doch so wie seine Kameraden, lähmte auch James die neu errungene Erkenntnis. Elfen!
Der Elf musterte ihn abschätzend und James kam sich sehr unwohl dabei vor. Er hatte das Gefühl, als müsste er dringend etwas sagen, um diese bedrohliche Situation zu entschärfen.
„Seid Ihr … ein Nachfahre Brombuschs?“, fragte er verzweifelt, nur damit etwas gesagt war, doch es war genau das Unpassendste, was er fragen konnte.
Douwains Antlitz hüllte sich in Schatten.
„Ich bin sein Bruder!“, stieß er gehässig aus und entblößte plötzlich eine Reihe weißer, immer spitzer werdender Zähne.
James wurde kurz schwarz vor Augen. Die Legenden sind also alle wahr! Salomon hatte Brombusch zerhackt, und der da vorne will nun dasselbe mit mir machen! Er riss sich zusammen und eiferte dem mutigen Salomon nach, den er aus der Sage des Märchenerzählers her kannte. Aber Moment mal, ich spiele doch nun Broderik, und dieser lebt tausend Jahre nach Salomon!
Da schoss ihm eine seltsame Frage durch den Kopf. Wie kann dieser Elf vor mir dann Brombuschs Bruder sein? Er beschloss einfach, sicherheitshalber einmal nachzuhaken, um was es hier eigentlich ging.
„Warum hasst Ihr mich so?“, fragte er mutig.
Douwains Wangenknochen begannen zu zucken.
„Denuielaine!“, stieß er aus, als wäre es ein Fluch.
James kannte kein Elfisch und dachte, es handelte sich bei diesem Wort wohl um ein Schimpfwort.
„Was?“, fragte er etwas dümmlich.
„Die Hure, die zurückkam, um Euch den Verstand aus dem Körper zu huren!“, erklärte der Elf düster.
James verstand nun gar nichts mehr. Wer war hier eine Hure?
„Ich kenne keine Hure!“, sagte er wütend.
Douwain hielt diese Reaktion für die Reaktion eines Mannes, der die Ehre seiner Liebsten reinwaschen wollte. Nun gut, er war bereit. Er hob gebieterisch sein Kinn und brachte seine Lanze in Angriffsstellung.
„Ich habe Euch den Tod schon hundertmal gewünscht, nicht nur in diesem Leben. Heute werde ich meinen Bruder rächen. Ich werde unser Volk vor Euch bewahren und ich werde Euch heimzahlen, was Ihr mir angetan habt!“, bellte er.
James sah sich hilfesuchend um. Irgendjemand musste ihm doch erklären können, warum Broderik heute sterben sollte. Da bemerkte er erst die Elfen im Rücken seines Gegners und er erkannte einen von ihnen wieder.
Wieder wurde ihm kurz schwarz vor Augen. Das war die Gestalt, die auf dem Ismandiler Markt den Wahrsager so aufgestachelt hatte! Mit Entsetzen dämmerte ihm, dass diese Wesen sich bereits in Ismandil unters Fußvolk gemischt hatten. Sie waren mitten unter ihnen! Aber warum war dieser Elf geknebelt? James schüttelte verwirrt den Kopf. Irgendetwas stimmte hier doch ganz und gar nicht!
Auf der Burg herrschte ein grimmiges Schweigen. Victor stand an der Zinne und verfolgte die ganze Szene mit angehaltenem Atem.
Matox‘ Hand begann taub zu werden, wegen des Drucks, den er mit ihr auf Broderiks Mund ausübte. Dieser verhielt sich nun jedoch ruhig. Er starrte reglos in den Himmel. Nur das Zucken seiner geröteten Augen verriet Matox, dass der Prinz noch unter ihnen weilte und klaren Verstandes war. Er tat ihm auf seltsame Art leid.
„He, Vic, wir können ihn nicht ewig festhalten!“, flüsterte er Victor zu.
Vic drehte sich mit sorgenvollen Augen zu ihm um. Als er sah, dass der Prinz ruhig dalag, kam er zu ihm.
„Broderik, versteht Ihr mich?“, fragte er über ihn gebeugt.
Es kam ein dumpfes, weinerliches „Ah!“ unter Matox’ Hand hervor.
Victor seufzte.
„Ihr müsst uns vergeben, es war die einzige Möglichkeit, Euch zu schützen.“
Ben begann heftig zu atmen, er kämpfte jedoch gegen die Wut an, die wieder in ihm aufkeimte.
Victor sah ihn eindringlich an.
„Was immer da unten geschieht, Ihr müsst es ertragen, sonst ist sein Opfer vergebens, versteht Ihr mich? Wenn Ihr Euch verratet, wird sich der Gegner, sollte James scheitern, sich hier Einlass verschaffen und alle töten, die hier oben sind. Ich habe keine Angst um mein eigenes Leben. Aber hier sind so viel andere, Frauen und Kinder, die nicht verschont werden. Eure Untertanen, Broderik, denkt daran, wenn Ihr frei seid!“
Ben entgegnete Victors Blick, schließlich nickte er, dass er den Ernst ihrer Lage verstanden hatte. Victor gab daraufhin Matox, Bullarg und Olaf ein Zeichen. Sie ließen endlich von ihrem Herrn und entfernten sich mit schuldbewusstem Blick.
Ben blieb kurz liegen und ließ Victors Worte auf sich wirken, dann rappelte er sich auf.
„Ich werde Euch an den Pranger stellen lassen!“, zischte er Victor ungehalten zu.
Dieser lächelte grimmig und nickte nur.
Ben stand auf und eilte sogleich in geduckter Haltung zu den Zinnen. Sein Leinenhemd flatterte dabei im Wind und entblößte seine nackte Haut. Seine steifen, abgedrückten Glieder schmerzten ihn. Doch was noch viel mehr wehtat, war die Angst um James, als er sah, wie bedrohlich es dort unten vor sich ging.
James nahm eine Abwehrstellung ein, erhob jedoch nicht das Schwert, um dem Gegner zu zeigen, dass von ihm eigentlich keine feindlichen Absichten ausgingen.
„Lasst uns eines klarstellen, ich habe absolut keine Ahnung, warum Ihr mir so feindlich gesonnen seid, und Herrgott, ich will nicht gegen Euch kämpfen, wenn ich nicht muss!“, schoss es ungehalten aus seinem Mund.
Es machte ihn halb wahnsinnig, dass er den Grund nicht verstehen konnte, wie jemand Broderik gegenüber so hasszerfressen war. Ben hatte niemandem etwas getan und wollte es allen immer nur recht machen.
Der Elf stieß einen grauenvollen Laut aus, das sich wie ein Knurren anhörte.
„Denuielaine, hörst du das!“, begann dieser daraufhin laut ins Nichts zu rufen. „Die Menschen haben kein Ehrgefühl. Sie lügen, betrügen und morden, doch mehr können sie nicht. War es das wert? War es das wirklich wert?“
Die Elfin, die alle nur als Schwester Maria kannten, schloss kurz die Augen, dann sank sie kraftlos nieder und saß schließlich schluchzend neben dem sich wälzenden Wildchild am Boden.
Douwain lachte höhnisch auf, dann wurde er plötzlich todernst. Er sah James direkt in die Augen.
„Mein Name ist Douwain, ich bin der zweite Sohn Theodras und Verteidiger Alenous. Prägt Euch diesen Namen ein, damit Eure Seele weiß, wer sie zurück zu ihrem Schöpfer schickte.“
James Augen weiteten sich vor Erstaunen, denn auch den Namen Theodras kannte er aus der Legende. Dann, unerwartet ging der Elf auf ihn los, und ihm blieb nur noch die Zeit, sein Schwert zu heben, um die gewaltigen Schläge abzuwehren, die so plötzlich und so kraftvoll auf ihn einschlugen.

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