Leseprobe

aus Toby Martins: Ezra und der Herr des Chaos.


Der neue Laden

Es war ziemlich kalt. Der Wind riß an den verbliebenen Blättern der Bäume und trieb einzelne vor sich her, über das Gras, den Fußweg und vor Ezras Schuhe. Obwohl die Sonne schien, hatte sie doch bereits jegliche Kraft verloren. Aber Ezra war in Gedanken und achtete nicht auf das bunte Laub, das um ihn herum tanzte. Dazu hatte er Schnupfen und zog immer wieder geräuschvoll die Nase hoch. Es ärgerte ihn, daß er in der Physikarbeit, die sie heute zurückbekommen hatten, nur eine Drei hatte. Dr. Paschke hatte natürlich wieder Janine gelobt, weil sie eine Eins geschrieben hatte, und selbst Michael, Ezras bester Freund, trumpfte mit seiner Zwei auf. Dabei war Physik eines von Ezras Lieblingsfächern. Aber daß Janine ihm dann ausgerechnet auch noch ihre Eins mit einem schnippischen Lächeln unter die Nase gerieben hatte, war zuviel für diesen Tag gewesen.
Und dann hatte seine Mutter beim Mittagessen wieder an ihm rumgenörgelt: „Wasch Dir die Hände! Putz dir die Nase! Sitz aufrecht! Zieh nicht immer die Nase hoch, sondern putz sie dir! Schlürf nicht andauernd! Man führt den Löffel zum Mund, nicht umgekehrt!“
Er wußte ja, daß sie ihn liebte, aber ihre ständigen Ermahnungen und ihre Ordnungswut gingen ihm – vor allem nach so einem verkorksten Vormittag – unheimlich auf die Nerven.
Ich bin doch kein Baby mehr. Nächste Woche werde ich schon sechzehn, und sie behandelt mich immer noch wie einen Vierjährigen, dachte er gereizt. Jetzt war nur gut, daß er zu Michael gehen konnte.
Der Ärger über seinen Freund in der Schule war nur von kurzer Dauer gewesen und schon wieder vergessen. Gleich nach dem Essen hatte er schnell seine Hausaufgaben gemacht – viel war es heute nicht gewesen – und hatte dann seine Karten zusammengepackt. Nicht nur daß Michael sein bester Freund war und nur wenige Straßen weiter wohnte, man konnte ganz toll mit ihm zusammen das Fantasy–Kartenspiel: „Magic – the Gathering“ spielen.

Ezra kannte den Weg im Schlaf und da auf den Straßen in dem kleinen Vorort der Großstadt, wo sie lebten, sowieso wenig Verkehr war, achtete er kaum auf seine Umgebung, sondern stapfte eilig durch die Blätterhaufen in Richtung der kleinen Reihenhaussiedlung, wo Michael wohnte. So bemerkte er den Schatten auch nicht, der sich hinter ihm zwischen zwei hohen Kiefern bewegte. Es war, als löse sich der Schatten der Bäume und würde selbständig. Der Schatten richtete sich zur Höhe einer Gestalt auf und nahm die Form eines Menschen an. Alles an dieser Gestalt war grau. Ein flüchtiger Beobachter könnte meinen, da stünde jemand im Schatten der Bäume. Doch außer Ezra war niemand auf der Straße, der diese Erscheinung hätte wahrnehmen können.
Unter einer tief hinuntergezogenen Kapuze sahen kalte, schmale Augen Ezra nach. Wie ein Wispern des Windes hätte ein Passant zwischen den Bäumen die Worte: „Es ist soweit!“ murmeln hören. Doch mit dem Wind verwehten die Worte ungehört. Die Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und verschwanden ganz. Der Schatten vereinte sich wieder mit dem der Bäume und alles war wie vorher. Nur noch die Herbstblätter wirbelten zwischen den Bäumen umher.
Ezra hatte nichts von alledem wahrgenommen. Er bog in einen schmalen Stichweg und freute sich, als Michael auf sein erstes Klingeln sofort öffnete. Wärme schlug ihm entgegen, hüllte ihn ein. Ein unbeschwerter Spiel–Nachmittag konnte beginnen.

Sie hockten auf dem Boden von Michaels Zimmer und waren in der Fantasy–Welt ihres Kartenspiels versunken. Mit allen möglichen Taktiken versuchten sie, sich gegenseitig Lebenspunkte abzujagen, um das Match zu gewinnen. Zuerst nahmen sie gar nicht wahr, daß noch jemand den Raum betreten hatte. Erst als zwei große, dampfende Becher mit Kakao vor ihre Nasen gestellt wurden, sahen sie hoch.
Ezra blickte in die strahlend blauen Augen von Michaels vierzehnjähriger Schwester Beatrice. Sofort senkte er den Blick wieder. Beatrice irritierte ihn gewaltig. Er wußte nie, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Sie war ein großes, schlankes Mädchen mit blonden Locken, die aufreizend wippen konnten. Einerseits beneidete er Michael um diese Schwester und suchte möglichst unauffällig auch so oft es ging ihre Nähe, aber andererseits behandelte er sie auch meist schroff, damit sie nicht merkte, daß er sie mochte. Dann zog sie nur ihre Augenbrauen hoch und lächelte ein kleines bißchen, was ihn dann ziemlich aus der Fassung brachte. Wenn sie mit ihm sprach und ihn etwas fragte, antwortete er nur äußerst knapp. Er wußte einfach nicht, was er ihr sagen sollte. In ihrer Nähe kam er sich merkwürdig hilflos vor und genoß sie doch gleichzeitig. Auf alle Fälle war das besser als seine beiden jüngeren Brüder, die ihm furchtbar auf die Nerven gingen.
Jetzt setzte sich Beatrice zu ihnen, las aber nicht in dem Buch, das sie mitgebracht hatte, sondern sah ihnen zu. Dabei bemerkte Michael nicht, der in seine Karten stierte, daß Beatrice ihn aufmerksam musterte. So spielten sie noch eine Weile, tranken Kakao und beachteten Beatrice nicht weiter, die manchmal in ihrem Buch las und sie manchmal kritisch musterte.
Als es Zeit zum Nach–Hause–Gehen war, fragte Michael Ezra noch, ob er morgen nachmittag mit ihm in den neuen Magic–Laden gehen wollte, der in der Stadt aufgemacht hatte.
Ezra war gleich Feuer und Flamme und sie verabredeten sich sofort, direkt nach dem Mittagessen mit dem Bus dorthin zu fahren.

Der Vormittag in der Schule schien sich endlos in die Länge zu ziehen. Der Vokabeltest in Französisch war leicht gewesen, aber Englisch war langweilig. Endlich war auch die sechste Stunde vorüber, und Ezra rannte nach Hause.
Seine Mutter ermahnte ihn wieder, beim Essen still zu sitzen und nicht so zu schlingen. Seine beiden Brüder quäkten und nörgelten. Ezra war heilfroh, als er schließlich aufstehen und zum Bus gehen konnte.
An der Haltestelle wartete Michael bereits auf ihn. Es hatte zu regnen begonnen, und die beiden Jungen waren froh, als der Bus endlich kam. Sie zogen über ihre Lehrer her und machten sich über einen Klassenkameraden lustig, der ihnen furchtbar auf die Nerven ging, weil er sie ständig störte und den wilden Kasper spielte. Dabei bemerkten sie nicht, wie der Himmel sich draußen immer stärker zuzog und eine dicke, dunkle Wolke dem Bus bedrohlich zu folgen schien. Es fing an, wie aus Kübeln zu schütten, und der Busfahrer verfluchte die Autofahrer vor ihm, die auf den Wolkenbruch fast panisch reagierten.
Das schlechte Wetter schien auch die Menschen aus der Stadt vertrieben zu haben. Als Ezra und Michael ausstiegen, hastete noch eine dickliche Frau, die mit ihrem Schirm kämpfte, an ihnen vorbei. Ansonsten begegneten sie keiner Seele. Der Regen prasselte unbarmherzig herab und die Jungen zogen die Kapuzen ihrer Parkas tief ins Gesicht.
Michael führte Ezra von der Hauptstraße durch eine Seitenstraße und ein paar Gassen immer tiefer in das Herz der Altstadt. Ezra wußte gar nicht mehr, wo sie sich genau befanden. Er kannte dieses Viertel überhaupt nicht. Mit einem Mal blieb Michael vor einem alten, windschiefen Haus stehen.

Das zweistöckige Haus schien von der Zeit vergessen worden zu sein. Im Gegensatz zu dem modernen Bürohaus in dem heute so modernen, alter Architektur nachempfundenem Stil zu seiner Rechten und dem großen Musikgeschäft zur Linken, das erst kürzlich renoviert geworden zu sein schien, machte es einen etwas heruntergekommenen und ungepflegten Eindruck. Nur das kleine Schaufenster strahlte in einem bläulichen, klaren Licht und wirkte modern und aufgeräumt. Diverse Karten, Poster und Spielfiguren waren in verschiedenen Ebenen angeordnet und verhießen noch mehr Spannendes im Innern. Die Dekoration füllte das ganze Fenster aus und erlaubte keinen Blick ins Innere.
Der Regen schien an Heftigkeit zuzunehmen und die Jungen waren froh, den Laden betreten zu können.

Kaum hatte sich die schwere Holztür hinter ihnen geschlossen, schienen sie in einer anderen Welt zu sein. Das schlechte Wetter draußen, alle Straßengeräusche waren zurückgeblieben. Hier im Innern herrschte Stille und Ruhe. Sie waren offenbar die einzigen Kunden. Niemand sonst war im Geschäft zu sehen. Die Stimmung des Raumes nahm sie sofort gefangen. Die Höhe war schwer einzuschätzen, da sich die Decke nach oben im Dunkeln zu verlieren schien. Fast hatte man den Eindruck, in einer Kirche zu stehen. Auf einer schweren, geschnitzten, dunklen Theke stand eine alte Registrierkasse aus Messing, die wie Gold funkelte. Zwei moderne, runde Tischchen mit je zwei kleinen Korbstühlen befanden sich in der Mitte des Ladens. An den Wänden, die mit schwarzem Samt ausgekleidet waren, hingen Poster mit Motiven der Magic–Karten, Schaukästen mit Figuren, diversen Würfeln, Säckchen mit bunten Glassteinen und Kartensortimenten. Trotz der Vielfalt wirkte alles sauber, ordentlich und aufgeräumt. Der Fußboden bestand aus schwarzen Holzdielen, die matt schimmerten. Der Eingangstür gegenüber hing ein blauer Samtvorhang mit goldenen Sternen, der eine Tür oder einen Durchgang zu verdecken schien. Unschlüssig standen Michael und Ezra da. Sie trauten sich nicht, zu rufen. Die Stille verlieh dem Raum etwas Geheimnisvolles, Geweihtes. Dazu roch es so eigentümlich. Michael, der katholisch war, meinte, es sei Weihrauch.

Eine Vitrine zog Ezra wie magisch an. Es war ihm, als würde er von etwas, das sich in ihr befand, beobachtet. Mechanisch, als locke ihn eine geheimnisvolle Kraft, trat er an den Glaskasten. Es war ein kleiner Kasten, in dem auf einem schwarzen Samtkissen nur eine Spielkarte lag. Sie zeigte einen freundlich dreinblickenden älteren Mann, der offenbar in einer Bibliothek stand. Er trug einen altertümlich wirkenden Anzug und hielt eine Hand wie zum Gruß hoch, an deren Zeigefinger ein Ring mit einem großen, roten Stein saß, der zu funkeln schien. Die blauen Augen des Mannes schienen Ezra direkt anzusehen und für einen Moment war es ihm, als huschte ein freundliches, beinahe einladendes Lächeln über das faltige Gesicht des Alten. Ihn schauderte kurz. Über dem Bild stand:
Der Meister.Michael, der hinter Ezra getreten war, stieß jenen an und deutete aufgeregt auf die Karte. Ezra sah, was Michael so verblüffte. Nicht nur, daß man 4 schwarze und 10 andere, beliebige Manna brauchte, um die Karte zu tappen, dieser Meister verfügte über 100 Angriffs– und 100 Verteidigungspunkte, sowie Trampelschaden. So eine Karte hatten sie noch nie gesehen. Das höchste war bislang mit 11/11 Punkten der Polar Kraken. Die 100 Punkte beim Meister machten diese Karte nicht nur unbesiegbar, jeder, der sie einsetzen konnte, hätte das Spiel sofort gewonnen.
„Die is nich in dem Buch“, flüsterte Michael aufgeregt.
„Was für ‘n Buch?“ hörte Ezra sich murmeln.
„Na, im offiziellen Katalog – hab ich dir doch mal gezeigt. Da sind alle Karten drin. Ob man die hier kaufen kann?“ raunte Michael.
„Nein, mein Sohn, die ist unverkäuflich – ein Einzelstück, sozusagen.“
Erschrocken, als habe man sie bei einem Streich ertappt, fuhren die beiden Jungen herum. Hinter ihnen war lautlos ein großer, schlanker Mann in den Raum getreten und lächelte sie an. Sie vermochten sein Alter nicht zu schätzen. Obwohl das lange Haar, am Hinterkopf zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, schlohweiß war, konnte man keine Falten in dem von Wind und Sonne gebräunten Gesicht ausmachen. Ein schwarzer Anzug hüllte seine Gestalt ein. Er lächelte und seine Augen schienen größer zu werden.
„Womit kann ich Euch dienen?“
Ezra starrte ihn nur an, unfähig, ein Wort hervorzubringen, während Michael stotterte: „Äh – wir, wir wollten uns – wir möchten uns nur – äh – umschauen.“
Mit einer ausholenden Geste trat der Mann hinter die Theke.
„Bitte, schaut euch nur in Ruhe um. Ihr braucht nichts zu kaufen. Ihr könnt immer wiederkommen. Das Haus wird für euch immer offen sein.“ Bei seinen letzten Worten ruhte sein Blick auf Ezra, und seine Augen fixierten den Jungen, der wie hypnotisiert dastand. Es kam Ezra so vor, als habe der Mann die letzten Worte nur an ihn gerichtet.
Als Michael ihn am Ärmel zog, erwachte er aus seiner Erstarrung, und die Freunde verließen den Laden wieder. Es regnete noch immer heftig, aber als sie den Bus zurück nach Hause bestiegen, hörte er plötzlich auf.
Michael schüttelte sich, als friere ihn.
„Is schon ein komischer Laden – irgendwie unheimlich – weiß auch nich, warum – und du?“
Ezra wußte nicht warum, aber er mußte direkt lächeln.
„Nö, find ich nicht. War doch geil die Karte. Echt scharf!“
„Ich mein doch auch den Typ, du Dödel, nich die Karte!“
Ezra guckte seinen Freund überrascht an.
„War doch nur so ‘n Verkäufer. Fand ich nicht unheimlich. Aber in den Laden muß ich bald noch mal. Da find ich bestimmt was, was ich mir zu Weihnachten wünschen kann.“
Wieder schüttelte sich Michael.
„Nee, ich geh da nich mehr mit. Mußt schon alleine machen. Ist auch zu piekfein irgendwie – nich mein Ding. Die Karte war toll, klar, aber, was haben die denn sonst noch? Da war doch nichts groß weiter. Gibt‘s auch alles im Fantasy–Shop bei uns im Einkaufszentrum. Dafür muß ich nich noch mal in die Stadt – also echt nich!“
Verärgert, daß sein Freund einmal so ganz anderer Meinung war als er selber, schaute Michael verdrießlich aus dem Busfenster.
Ezra achtete nicht weiter auf ihn. Er fühlte sich auf irgendeine unerklärliche Weise wohl, fast beschwingt. Und keiner der Jungen merkte, daß die dunkle Wolke, die sich auf der Hinfahrt über dem Bus ausgeregnet hatte, wieder über dem Bus schwebte.

Der Geburtstag war schön gewesen, und Ezra freute sich schon auf seine Party am Samstag. Von seiner Tante hatte er fünfzig Mark geschenkt bekommen, und die wollte er jetzt noch, einen Tag vor der Party, ausgeben, und zwar in dem neuen Magic–Laden, den ihm Michael gezeigt hatte. Irgendwie war Michael die letzte Woche über komisch gewesen und hatte ihn gemieden. Wenn er, Ezra, sich mit ihm für den Nachmittag hatte verabreden wollen, dann mußte Michael entweder gerade mit seiner Mutter einkaufen gehen oder hatte noch soviel Hausaufgaben, daß er keine Zeit zum Spielen hatte.
Was für ein Quatsch, dachte Ezra, der hat doch die gleichen Hausaufgaben wie ich, und ich bin schon längst fertig damit.
Aber auch, wenn er Michael anbot, sie zusammen mit ihm zu machen, lehnte der mit irgendwelchen Ausflüchten ab. Ezra hoffte nur, daß sich die eigenartige Stimmung bis zur Fete am Samstag verflüchtigt haben würde. Er hatte seinen Eltern von dem Laden erzählen wollen, aber die Mutter hatte kein Interesse und befand sich im Streß, weil sein jüngster Bruder mit irgend einem blöden Husten im Bett lag und der Vater hatte soviel zu tun, daß er immer nur „interessant, wirklich interessant“ gemurmelt hatte, aber Ezra wußte genau, daß er kein einziges Wort von dem mitbekommen hatte, was er ihm da gerade erzählt hatte.

Als er im Bus saß, seufzte er nur. Na ja, so waren sie halt, seine Alten. Nur komisch, daß Michael diesmal nicht mitzog. Der stellte sich doch sonst nicht so zickig an. Aber die Vorfreude auf den Laden ließ Ezra all diese Gedanken schnell beiseite schieben. Insgeheim hoffte er, daß sie noch mehr so besondere Karten wie diese eine mit dem Meister hatten, die er vielleicht kaufen konnte. Dann würde er bei zukünftigen Spielen Michael gegenüber in einem gewaltigen Vorteil sein. Da die Schule heute wirklich gut gelaufen war, er im Chemietest eine Eins geschrieben hatte (Michael und Janine nur eine Zwei, was ihn diebisch freute) und seine Mutter heute gar nicht so sehr wie sonst an ihm rumgenörgelt hatte, war er richtig guter Stimmung. Die Sonne strahlte an einem winterlich weißblauen, klaren Himmel und die meisten Menschen um ihn herum schienen guter Dinge zu sein.
Für seine Großeltern, die Eltern seiner Mutter, mußte er auch noch ein Weihnachtsgeschenk kaufen, und er wußte auch schon, was er besorgen wollte. Sein Großvater brauchte dringend wieder neuen Pfeifentabak – diesen teuren, den er sich nicht so oft leistete –, und für Oma würde er die eine CD mit Liedern von Schubert kaufen, die sie sich schon so lange wünschte. Das konnte er ja gleich im Anschluß an seinen Besuch in dem Magic–Laden erledigen. Geld hatte er genug dabei.
Mit einem Mal fiel ihm ein, daß er gar nicht genau wußte, wie der Laden hieß. Aber er war sich sicher, den Weg dahin zu finden. Und tatsächlich hatte er keinerlei Mühe, zu dem Geschäft zu kommen. Das erste Mal hatte es so stark geregnet, und Michael hatte ihn geführt, so daß er gar nicht auf die Umgebung geachtet hatte. Diesmal schienen seine Füße den Weg jedoch zu kennen, und unvermittelt stand er plötzlich vor dem alten, windschiefen Haus.

Kaum hatte er den Laden betreten, war es, als ließe er die Welt hinter sich versinken. Wohlige Wärme umfing ihn. Und wie beim ersten Mal machte er sich keine Gedanken darüber, woher das warme, milde Licht kam, das den Raum erhellte. Denn Lampen waren nirgends zu sehen. Diesmal war er nicht allein; zwei andere Jungs gingen gerade ein Kartendeck durch. Hinter dem Tresen stand wieder der Mann vom letzten Mal – wie ein Priester hinter dem Altar, dachte Ezra. Die Augen des Mannes strahlten ihn an. Fast hatte Ezra den Eindruck, als sei er erwartet worden. Er lächelte zurück und sah sich in Ruhe um. Auf einem der Tischchen lag ein Katalog. Ezra setzte sich und fing an, darin zu blättern. Vielleicht fand er ja hier irgendeine besondere Karte, die er kaufen konnte. Zuerst sah er nur all die Karten, die er schon kannte: die Serien Ice–Age, Chronicles, Legends, The Dark und Homelands. Er dachte schon, daß da nichts Neues für ihn dabei war, als er ganz am Ende ein Kartendeck abgebildet sah, das er noch nie gesehen hatte: Chaos. Es handelte sich dabei nur um wenige Abbildungen, denn offenbar war diese Serie neu und es gab noch nicht so viele Karten davon. Fasziniert vertiefte er sich in die Bilder. Da gab es ein Gasthaus Zum gekrönten Eber, mit dem man vier Lebenspunkte gewinnen konnte. Es sah klein und gemütlich aus, geduckt an einen dunklen Waldrand. Neben vielen anderen Orten, Zaubersprüchen, Artefakten und Kreaturen fiel ihm sofort eine ins Auge, die ihn wie magisch anzog: Morna, Hexe des Chaos. Auf einem Hochplateau, umtost von brausenden Winden, stand eine schlanke, große Frau mit wehendem rotem Haar und hochgereckten Händen. Sie lächelte, und ihre Augen strahlten in tiefem Grün. Sie besaß 20 Verteidigungs– und 30 Angriffspunkte. Die will ich, schoß es Ezra durch den Kopf. Wenn ich die bringe, hat Michael keine Chance. Bei dem Gedanken mußte er grinsen. Aber was die wohl kostete? Hoffentlich hatte er genug Geld dafür. Er nahm den Katalog und ging zum Tresen.
Der große Mann betrachtete das Bild eingehend, als habe er es noch nie gesehen. Als er aufblickte, war sein Gesicht ernst, und Ezra fürchtete schon, er würde wieder gesagt bekommen, daß diese spezielle Karte nicht erhältlich sei. Doch der Mann nickte.
„Eine interessante Wahl, mein Junge.“
Normal störte es Ezra gewaltig, wenn man ihn mit „mein Junge“ anredete, besonders wenn dies ein Fremder tat. Merkwürdigerweise machte es ihm diesmal nichts aus. Er nickte nur. Mit seinen langen, blassen Fingern strich der Mann über die Abbildung und nickte erneut.
„Hier wäre sie gut aufgehoben“, murmelte er.
Ezra war sich nicht sicher, ob er ihn richtig verstanden hatte, denn der Satz machte keinen Sinn. Langsam wurde er jetzt aber ungeduldig, denn er wollte endlich die Karte und dann die anderen Einkäufe erledigen.
„Was kostete die, bitte?“
Diesmal lächelte der Mann.
„Oh, du wirst überrascht sein, wie günstig sie für dich ist. Aber komm, ich muß sie aus einem Nebenraum holen. Da gibt es noch mehr zu sehen, was dich vielleicht interessiert. Komm mit.“
Er winkte Ezra, ihm zu folgen. Mit einem Mal hatte Ezra ein komisches Gefühl im Magen. Es war ihm, als wollte ihn etwas zurückhalten. Aber seine Neugier siegte und er ging mit.
Durch den Samtvorhang mit den goldenen Sternen gelangten sie in einen langen Gang, der nur von einigen wenigen Kerzen, die in Wandhaltern steckten, notdürftig erleuchtet wurde. Ezra fand dies zwar eine etwas merkwürdige Ausstattung für ein Geschäft, dachte dann aber nicht mehr weiter darüber nach. Durch eine schwere Holztür am Ende des Ganges betraten sie schließlich einen langgezogenen Lagerraum mit Kisten in allerlei Größen. Ganz hinten standen dann noch Vitrinen, in denen sich die Karten befanden, die Ezra eben noch im Katalog gesehen hatte. Gerade als sie vor der standen, in der die Karte mit Morna, der Chaos–Hexe lag, klingelte von weit her ein Glöckchen.
Der Mann wandte sich zu Ezra um.
„Sieh dir die Karte noch einmal ganz in Ruhe an. Ich bin gleich wieder bei dir. Es ist nur gerade ein Kunde gekommen, den ich bedienen muß.“
Mit diesen Worten und einem feinen Lächeln, das die schmalen Lippen umspielte, eilte der Hagere wieder den Weg zurück, den sie gekommen waren. Ezra war‘s recht. Er blickte in die Vitrine und studierte die anderen Karten, die neben Morna auf schwarzem Samt ausgebreitet dalagen. Eine davon zog seinen Blick wie magisch an. Sie befand sich über Morna. Er stierte darauf und traute seinen Augen kaum. Diese Karte war nicht im Katalog gewesen. Sie hieß Der Herr des Chaos und war vollständig in Schwarz gehalten.

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