Leseprobe
aus Gottfried Teichner: Berggart. Fantasy-Roman (Auszug aus den ersten beiden Kapiteln)
Im Hof der Löwen
Ein unerwartetes Geräusch schreckte Gereon aus seinen Gedanken auf. Das Reiben der winzigen Sandkörner auf dem Stein, das Kommen und Gehen des Windes, dann und wann das Zirpen einer Grille, all das war an sein Ohr gedrungen, ohne dass er es wirklich wahrgenommen hatte. Doch jetzt war da plötzlich dieses neue, fremde Geräusch; ein Geräusch, das mühelos durch das Labyrinth seiner Gedanken zu ihm fand.
Es war ein Knirschen im Sand; jemand schritt über den Hof in Gereons Rücken. Das Knirschen klang leise durch die Dunkelheit, kaum lauter als ein unterdrückter Seufzer. Ein Schauer überlief Gereon. Wer immer dort ging, er wollte auf keinen Fall bemerkt werden.
Zu dieser Tageszeit herrschte im Löwenhof und den ihn umgebenden Gebäuden und Höfen für gewöhnlich völlige Ruhe. Die streng Rechtgläubigen mieden diesen unheimlichen, gottlosen Ort ohnehin, und die Übrigen verließen ihn spätestens bei Anbruch der Dämmerung.
Dies war die Zeit, so glaubten die meisten Bewohner der Festung, zu der die grässlichen, fremden Dämonen aus ihrem Schlaf erwachten und durch den verlassenen Bezirk zu streifen begannen; jene Wesen, die die Besatzer damals aus ihren fernen Landen mitgebracht und später, als sie flüchten mussten, herrenlos zurückgelassen hatten.
Ein Jugendfreund hatte Gereon vor langer Zeit das erste Mal in den Hof der Löwen mitgenommen. Es war eine Mutprobe gewesen. Sie hatten sich bei Nacht gemeinsam in die Höfe und Hallen gewagt, hatten Tore und Arkaden durchschritten. Als jedoch der Wind aufgekommen und durch die leeren Hallen gestrichen war, waren sie beide zur gleichen Zeit vor seinen unheimlichen Geräuschen geflohen.
Nach jener Nacht aber hatten Gereon die Bilder der Brunnen, Kuppeln und Statuen immer wieder im Traum aufgesucht. Zuerst hatte er geglaubt, ein Dämon habe Besitz von ihm ergriffen; doch zu seinem Erstaunen war Gereon aus diesen Träumen stets mit einem Gefühl von Ruhe und Zufriedenheit erwacht. Schließlich verstand er. Die Schönheit des Gesehenen verfolgte ihn. Er musste an diesen wundersamen Ort zurückkehren, allen Dämonen zum Trotz.
Er, der selbst mit dem Stein arbeitete, war fasziniert von der Kunstfertigkeit und der Liebe, mit der die Fremden ihren Werken Leben eingehaucht hatten. Im Hof der Löwen lebten seine lang schon zu Staub zerfallenen Erbauer fort, und allein ihre Schöpfungen erinnerten an ihre im Nebel der Zeit versunkene Welt, Kunstwerke und Grabmäler zugleich.
Seither hatte der Bezirk der Fremden nichts von seiner Anziehungskraft auf Gereon verloren. Manchmal spazierte er, wohin ihn seine Füße gerade zogen; ein anderes Mal saß er ruhig, die Augen auf eine Statue, einen Brunnen oder ein Detail der Ornamente gerichtet.
Gereon war indes nicht der Einzige, der gelegentlich diesen Ort nach Anbruch der Dämmerung aufsuchte. Der Hof der Löwen galt zwar als verboten, jedoch nicht in dem Sinne, dass irgendeine weltliche oder geistliche Macht den bestrafte, der ihn betrat.
So gab es seltene Abende, da Gereon die Schatten des Hofes mit anderen teilte; meistens handelte es sich bei den Besuchern um die Ärmsten der Armen, manchmal jedoch auch um Liebespaare.
Die Verbindungen der Liebenden aber, die sich hier zum Stelldichein trafen, waren ohne Zweifel unstatthaft; kein Liebespaar wäre sonst auf den Gedanken gekommen, sich an diesem verfluchten Ort zu treffen.
Denn verflucht war dieser Ort in den Gedanken, Worten und Taten der Menschen, ganz so, als sei nicht in Wirklichkeit die gesamte Festung verflucht, ganz so, als könne man, indem man einen Ort vor den anderen kennzeichnete, den Fluch von den übrigen Plätzen und Straßen nehmen. Eines indes hatten alle, die hierher kamen, gemeinsam, mochten sie nun Bettler oder Liebende sein; sie zeigten voreinander keine Heimlichkeit, keine Scheu. Auch wenn es in all der Zeit kaum jemals vorgekommen war, dass Gereon mit einem anderen Menschen in diesem Hof ein Wort gewechselt hatte, so verbarg sich hier doch keiner; der Platz war weit, die Besucher spärlich genug, damit sich jeder offen und frei bewegen konnte. Vielleicht, überlegte Gereon, hatte er sich getäuscht; vielleicht hatte er gar kein Knirschen gehört, und wenn doch, dann hatte nicht der Schritt eines Menschen es verursacht. Ein Tier musste es gewesen sein. Womöglich war jene Katze, die er schon des Öfteren hier angetroffen hatte, hinauf auf eine der Mauern gesprungen, mager, mit zerzaustem Fell von den vielen vergeblichen Jagden so vieler Nächte. Doch Gereons Sinne blieben angespannt. Er rührte sich nicht. Er wusste, dass er, vom Zugang des Hofes aus gesehen, im Schatten der Mauer lagerte. In völliger Stille hatte er seinen Gedanken nachgehangen. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, sich zu verbergen; doch er war verborgen, und in diesem Augenblick war er froh darum.
Angestrengt lauschte Gereon in die Dunkelheit hinaus. Er hörte das Rauschen seines Blutes. Der Wind ging über den Sandstein; das Zirpen der Grille klang durch die Nacht.
Und dann war es wieder zu hören, leiser, viel leiser als beim ersten Mal. Diesmal hatte Gereon das Knirschen tatsächlich nur wahrgenommen, weil seine Ohren danach gesucht hatten. Es konnte keinen Zweifel mehr geben: Jemand schritt durch die Dunkelheit, und er wollte unbemerkt sein. Wer aber an diesen Ort kam wie ein Dieb, der brachte Gefahr mit sich!
Noch tiefer sank Gereon in den Schatten. Diese geringe Bewegung erzeugte ein feines Schaben seiner Kleidung gegen die Mauer. Die Schritte hielten inne.
Da löste sich aus einem Schatten an der gegenüberliegenden Seite des Hofes eine winzige Maus, huschte über eine vom Mond beschienene Sandfläche und verschwand erneut in der Dunkelheit. Das wäre die richtige Beute für jene struppige, ausgehungerte Katze gewesen, überlegte Gereon, doch da war keine Katze.
Für einen Augenblick herrschte völlige Stille; dann nahmen die Schritte ihren Gang wieder auf, ruhig und abgemessen. Gleichmäßig entfernten sie sich in Gereons Rücken und verschwanden schließlich durch die Arkadengänge an der schmalen Stirnseite gegenüber dem Eingangsportal.
Gereon wartete angespannt; die Schritte waren verklungen, nichts Ungewöhnliches war mehr zu hören. Doch noch immer verharrte er, bemüht, ohne jegliches Geräusch zu atmen. Der Wind ging durch die Stille, nichts als der Wind. Da endlich sprang Gereon auf und rannte aus dem Hof, ohne sich noch einmal umzuwenden, hinein in die Nacht.
Träume
„Ich weiß nicht, ob ihr schon die Erregung bemerkt habt“, begann Meister Johannes mit geheimnisvoller Miene, „die heute in unserer geliebten Festung herrscht. Wir Alten spüren so etwas natürlich eher als ihr Jungen, die ihr ohnehin noch von Unruhe getrieben werdet. Aber …“, er senkte seine Stimme, „es gibt einen guten Grund für diese Erregung. Die Horde …“, er wartete einen Augenblick, um dem ausgesprochenen Wort die zustehende Wichtigkeit zu verleihen, doch es hätte dieses Zögerns kaum bedurft. Seine Gesellen hingen gebannt an seinen Lippen.
Unter ihnen verfolgte auch Gereon aufmerksam Meister Johannes’ Rede; so aufmerksam es der kurze und unruhige Schlaf der letzten Nacht eben zuließ. Jene Begegnung im Löwenhof, so man sie überhaupt als solche bezeichnen konnte und wollte, hatte ihn lange nicht zur Ruhe kommen lassen. Auch wenn im Grunde nichts geschehen war, so hatte sich Gereon, selbst im Nachhinein, eines Gefühls der Bedrohung nicht erwehren können. Der folgende Morgen hatte ihn dementsprechend übernächtigt vorgefunden.
Auf der Baustelle war Gereons Zustand Meister Johannes sofort aufgefallen, denn der Meister hatte seine Augen überall, und stets war er achtsam. Zudem war Gereon einer seiner besten Schüler. Der Meister hatte ihn die Disziplin gelehrt, die in seinem hoch geachteten, wenn auch für die Gesellen schlecht bezahlten Beruf, die Grundlage aller Dinge war; jene Disziplin, aus der die Kunstfertigkeit folgte, der wiederum die Kunst entsprang; so wie auch beim Bau eines Hauses das Wichtigste das sichere, unerschütterliche Fundament war, ohne das auch das schönste und prachtvollste Dach keinen Halt hatte.
Gereon war unter den sieben Gesellen, die am Bau der Kathedrale mitwirkten, neben Matthias der einzige, dem Meister Johannes es zutraute, es selbst zum Meister zu bringen. Mit diesen beiden hatte er Großes vor. Auf den Schultern dieser beiden ruhte sein Ruf. Denn gänzlich allein war selbst der größte Meister nicht in der Lage, vor den kritischen Augen seiner Auftraggeber zu bestehen und auch weiterhin deren Gunst zu genießen.
Vor wenigen Tagen erst waren der Kardinal und der Herzog von Krangat auf der Baustelle erschienen, um den Fortgang der Arbeiten zu begutachten. Während der Kardinal in seiner Robe unter der spitzen Mütze trotz seiner hoch gewachsenen Gestalt eher ein wenig verloren gewirkt hatte, hatte der Herzog von Angesicht zu Angesicht Kühnheit und Willenskraft ausgestrahlt. Die zwingenden blauen Augen, die wallenden Haare unter dem Helm, der Bart, der das markante Gesicht so selbstverständlich gegen jede Mode einrahmte, all das setzte sich zu einem Bild von Stärke und Mut zusammen.
Meister Johannes hatte sich alle Mühe gegeben und den hohen Herren begeistert von den Fähigkeiten seiner beiden besten Gesellen vorgeschwärmt. Tatsächlich hatte vor allem der Herzog wohlwollende Kenntnis von Meister Johannes Musterschülern genommen und mit wenigen, aber wohl gesetzten Worten deren Arbeit gewürdigt.
So konnte es kaum verwundern, dass an diesem Morgen Meister Johannes das bleiche Antlitz Gereons, ebenso wie dessen schwerfällige Bewegungen nicht nur auffielen, sondern ihn auch beunruhigten.
Insbesondere jetzt, da sie alle ohnehin unter großer Anspannung arbeiten mussten, um die Figuren für die neue Kathedrale nicht nur in gewohnter Qualität, sondern auch in der vom Kardinal gesetzten Frist anzufertigen, kam dem Meister Gereons Zustand mehr als ungelegen.
Es war vorgesehen, das Westportal der Kathedrale an Jacobi feierlich zu weihen. Sollte das Portal samt Figurenschmuck bis dahin vollendet sein, hatte der Kardinal ihnen allen eine hohe Prämie in Aussicht gestellt. Das heißt, einstreichen würde natürlich Meister Johannes die Prämie, aber es sollte seinen Gesellen nicht zum Schaden gereichen. Gute Arbeit verdiente schließlich gutes Geld. Also, was sollten ausgerechnet jetzt die Ringe unter Gereons Augen? Zu Beginn der ersten Pause trat Meister Johannes zu Gereon hin.
„Hast du gestern Abend mehr getrunken, als dir gut tat?“, fragte er seinen Gesellen. „Oder hast du dich in Liebeshändel verwickelt? Wenn ja, dann nimm dich in Acht; schon so mancher ist durch eine Frau zu Grunde gerichtet worden.“
Gereon schüttelte den Kopf.
„Es ist nichts“, erwiderte er.
Meister Johannes sah ihn prüfend an.
„Ich kann auf der Baustelle keine übermüdeten Gesellen gebrauchen“, sagte er. „Unsere Arbeit verträgt keine Nachlässigkeit.“
„Es wird nicht wieder vorkommen.“
Meister Johannes schien noch etwas hinzufügen zu wollen, doch stattdessen nickte er einfach nur.
„Ich verlasse mich auf dich, Gereon.“
„Das könnt Ihr, Meister.“
Dieser bedachte Gereon mit einem nachdenklichen Blick, dann wandte er sich um und trat zu den übrigen Gesellen und Lehrlingen hin. Bald wandte sich das Pausengespräch den neuesten Gerüchten vom Tage zu. Hierin war Meister Johannes von ebenso großer Kunstfertigkeit wie in der Bearbeitung der Steine. Bei aller Bedeutung, die er Disziplin und Ordnung beimaß, liebte er genauso das schnell dahingestreute Wort.
Zu Gute kam ihm bei dieser Leidenschaft seine herausragende Stellung. Als auserwählter Steinmetz des Kardinals verstand es sich von selbst, dass er zu höchsten Kreisen und somit auch zum Königshof Zugang hatte. Da sich dort jedoch alles traf, was im Reich – einem Reich, das sich nur mehr auf die Festung beschränkte – Rang und Namen hatte, konnte es nicht verwundern, dass Meister Johannes stets, wenn schon nicht mit neuen Tatsachen, so doch mit neuen Gerüchten aufwarten konnte. Und kam dies nicht im letzten Ende auf dasselbe hinaus?
„Die Horde“, wiederholte Meister Johannes, „es wird behauptet, es gäbe Bewegung.“
„Was? Wirklich? Ziehen sie ab?“
Aufgeregt riefen seine Gesellen durcheinander.
Er antwortete ihnen mit einem mitleidsvollen Blick, den sie nur allzu gut kannten.
„Haben euch denn eure Eltern mit dem Waschwasser ausgeschüttet?“ hob er an. „Hat man denn so etwas schon einmal gehört? Die Horde zieht ab? Seit wann fließt Wasser denn den Berg hinauf? Unfug.
Die Horde wird niemals abziehen, jedenfalls nicht freiwillig. Entweder, und Gott gebe, dass dies niemals geschieht, werden sie unsere Festung einnehmen – und was sie dann mit uns machen, das brauche ich wohl nicht auszuführen –, oder aber wir werden sie endlich besiegen und vertreiben, zurück in jene kargen Steppen, Gebirge oder unwegsamen Sümpfe, aus denen sie aufgebrochen sind, um Verderben über diese ohnehin geplagte Welt zu bringen. Nein, die ziehen niemals von selbst ab. Sie hängen an unserer Kehle, wie das Wiesel an der Kehle seines Opfers.“
Seine Stimme nahm nun den salbungsvollen Unterton eines Weisen und Gerechten an, der versucht, selbst die Dümmsten und Verstocktesten unter seinen Schafen an seinen Erkenntnissen teilhaben zu lassen.
„Nein, sie ziehen nicht ab. Aber es wird einen neuen Waffengang geben. Es wird behauptet, diesmal ginge es gegen unseren Teil des Verteidigungsringes. Aber …“, er legte den Finger auf die Lippen, „kein Wort zu niemandem. Ihr wisst, es ist einzig den Rittern erlaubt, über diese Dinge Genaueres zu wissen oder gar darüber zu sprechen. Wir sind Arbeiter, sie Krieger; sie halten ihre schützende Hand über uns.“
„Und das ist der Fehler.“
Beinahe hatte Gereon auf diesen oder einen ähnlichen Satz gewartet. Matthias hatte sein Stichwort erhalten und hatte es wie jedes Mal, wenn das Gespräch darauf kam, ohne zu zögern aufgegriffen.
„Das ist der ganze Fehler. Wir sind so viele. Wir sind kräftig; wir könnten lernen zu kämpfen, Steinmetze, Fleischer, Gerber, Schmiede, und so viele andere. Wenn wir alle Seite an Seite, Schulter an Schulter kämpfen würden, wie sollte uns da die Horde standhalten? Seit so vielen Jahren belagern sie uns jetzt. Sie müssen genauso erschöpft und müde sein wie wir selbst, doch das hier ist unser Land. Wir könnten sie hinwegjagen. Aber nein, wir dürfen nicht.“
„Genau, wir dürfen nicht.“
Meister Johannes war die Freude darüber anzumerken, dass er Gelegenheit erhielt, seine Beredsamkeit und Logik auszustellen. Manchmal gewann Gereon fast den Eindruck, als betrachteten Matthias und Meister Johannes ihre hin und wieder im Beisein der übrigen Gesellen stattfindenden Streitgespräche als eine Art Spiel.
„Ihr Grünschnäbel tätet besser daran, euch nicht den Mund zu verbrennen. Sollte diese Rede einem der Herzöge zu Ohren kommen, so würde es dir wohl schlecht ergehen, Matthias. Auch der Kardinal wäre kaum erfreut. Sei froh, dass ich schweigen kann wie ein Grab, und rede nicht über Dinge, von denen du nichts verstehst.
Dein Vater ist innerhalb dieser Festungsmauern geboren, so wie ihr und ich auch. Aber mein Vater, der bestellte als junger Mann das Land außerhalb dieser Mauern. Er pflügte mit dem Ochsen. Er wanderte durch die Auen und Wälder. Das war, bevor die Horde kam. Das Getreide wuchs zweimal im Jahr zu großer Höhe, die Wälder des Königs waren voller Wild, und wenn es Frühjahr wurde und im fernen Gebirge der Schnee schmolz, dann trat der Fluss über seine Ufer und überspülte die ganze, weite Ebene.“
Wie immer, wenn Meister Johannes von jener Zeit erzählte, so, als habe er sie selbst noch erlebt, bekamen seine Zuhörer glänzende Augen. Ach, wenn man doch einmal nur auch diese Dinge zu Gesicht bekommen könnte.
„Aber das war, bevor die Horde kam. Mein Vater hatte einen guten Herren, einen tapferen Ritter; den spannten sie zwischen zwei junge Bäume, biegsam und stark, und so zerrissen sie ihn. Sie töteten die Tiere, die Frauen schändeten sie und den Fluss vergifteten sie. So etwas hatten Menschen von Menschen, wenn man die Krieger der Horde denn überhaupt Menschen nennen kann, noch niemals erduldet, nicht einmal in den Zeiten des Jochs.
Und schrecklich waren sie anzusehen, mit langen Bärten und Fellen als Bekleidung, schmutzig und mit bösen Augen. So machten sie unser Dorf dem Erdboden gleich, brannten alle Hütten nieder und vernichteten das Getreide. Und es waren ihrer viele, so viele. Die ganze Ebene überschwemmten sie mit ihren Zelten, und immer noch kamen neue Krieger aus den Wäldern im Westen hervor.
Unsere Ritter aber, die sich ihnen entgegenstellten, wurden von den Kriegern der Horde durch deren bloße Zahl erdrückt. Viele edle Männer unseres Reiches verloren ihr Leben. Die Feinde wanden Fesseln um die Knöchel der nackten Leichname und zogen sie an Pferden durch den Staub ihrer Lager hinter sich her. Und mit den Kriegshäuptlingen der Horde konnte man nicht verhandeln. Wen sie fanden, den töteten sie. Sie machten keine Gefangenen. So zumindest hat mein Vater es mir erzählt. Und mit dieser Horde wollt ihr Grünschnäbel es aufnehmen?“
Der Meister lachte.
„Ja, mit dieser Horde wollen wir es aufnehmen“, entgegnete Matthias, aber er stand nunmehr auf verlorenem Posten. Nicht nur den anderen waren jetzt Angst und Schrecken ins Gesicht geschrieben; auch Matthias selbst hatte viel von seiner anfänglichen Forschheit verloren.
„Aber ihr Alten lasst uns ja nicht“, beharrte er dennoch auf seinem Standpunkt.
„So viele Jahre werden wir jetzt schon belagert. Wir Jungen kennen es gar nicht anders. Es wäre doch an der Zeit, nun endlich einmal etwas Neues zu versuchen. Wir können uns doch nicht für immer hinter diesen Mauern verstecken.“
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