Leseprobe
aus Ady Henry Kiss: Wir sind alle schlauer. Erzählungen
Erholungen
Im Gegensatz zu vielen anderen Reisenden hatte ich für Castello Filipe die gleiche Kleidung gewählt, die ich bei 25 bis 35° Celsius auch in der Heimat getragen hätte.
Castello Filipe war eine erst kürzlich für den Tourismus erschlossene Insel, die vor der Landung aus der Luft wie eine weiße Fläche mit grünen Tupfern erschien. Das Weiße waren die Bauten und die Straßen und Plätze aus weißen Plattenelementen. Vereinzelt standen rechteckige Wolkenkratzer. Das Grün zwischen den Bauten und um die Swimmingpools, von denen einer auf drei Großbauten kam, waren schüttere Rasenflächen.
Während des Bustransfers zu meinem Block fiel ich rasch in einen Zustand, in dem der Schlaf mich binnen weniger Sekunden überwältigen würde. Mein Widerstand brach zusammen, noch ehe wir das Flughafengelände verlassen hatten.
Ich kam erst wieder zu mir, als ein Spanier oder Italiener in einem Fahrstuhl auf mich einredete. In dem Hotel schien kaum jemand zu wohnen. Mein Zimmer roch nach Möbelpolitur mit Nussgeschmack.
Bett. Tisch. Einbauschrank. Ein kleines Handtuch, ein großes Handtuch. Auf dem Balkon ein Stuhl aus Kunststoff. Der Spanier oder Italiener überreichte mir im Namen des Hotels eine Flasche Rotwein. Frühstück gäbe es automatisch, sagte er und wünschte mir dann Gute Nacht.
Ich duschte erst und saß dann noch ein paar Minuten lang auf dem Balkon.
Die Geschäfte, Restaurants und Bars waren zeilenweise wie hohe schmale Schachteln an den Wegen entlang aufgereiht worden. Lagen sich zufällig zwei Zeilen gegenüber, dann sah das aus wie eine aus weißen Marmorblöcken errichtete Schlucht, wobei die Straße oder der Weg die Talsohle bildeten, an welcher die Wände der Zeilen aufragten. Menschen sah ich fast gar keine. Nur wenige Lokale waren erleuchtet. Es gab auch kaum Reklamen, und die an Urlaubsorten übliche Musik fehlte ebenfalls.
Am nächsten Morgen wirkte das Wetter wie drohend. Der Himmel hatte eine Farbe zwischen Pflaumenlila und Grau, welche sich unharmonisch in den rasenumkränzten Pools zwischen den Ferienblocks spiegelte. Ich hatte zwar ohnehin nicht vor, mich zum Strand zu begeben, weil ich erst Geld umtauschen wollte, doch trotzdem empfand ich das Wetter als störend.
Die einzige Bank in der Nähe hatte geschlossen. Ich beeilte mich, in das Hotel zurückzukommen, um das Frühstück nicht zu verpassen. Der Mann vom Abend zuvor zuckte die Achseln und entschuldigte sich, weil er inzwischen bemerkt habe, dass meine Buchung gar kein Frühstück beinhalte, das Arrangement sehe aber täglich ein freies Getränk am Swimmingpool vor. Ich zeigte ihm den Katalog, wo Frühstück wortreich garantiert wurde. Er zuckte mit den Achseln, sagte, er werde die Reiseleitung befragen und gab mir umgerechnet einen Euro, um damit irgendwo zu frühstücken.
Auch keine der anderen Banken hatte geöffnet. Außer einem Postboten begegnete mir niemand. Die Läden waren verschlossen, Bars und Restaurants lagen versperrt, selbst Soft–Eis war nicht zu bekommen, obwohl kein Feiertag und auch nicht Wochenende war. Ohne ein Frühstück erhalten zu haben, kam ich wieder ins Hotel.
Ich fragte den Mann, woher er denn sein Essen bekomme. Er gab mir von seiner Mutter gebackenes Brot. Viel davon aß ich nicht, sonst hätte er keins mehr zum Mittagessen gehabt.
Ich kaufte noch einige Flaschen Wasser bei ihm und ging auf meinen Balkon. Minuten später sah ich den Manager auf einem Mofa davonfahren, in den düsteren Horizont hinein, als habe er sich geradewegs auf eine Fahrt in die Hölle gemacht. Ich wußte nicht recht, was ich tun sollte, legte mich auf mein Bett, grübelte lange hin und her, welche Möglichkeiten ich hätte, kam aber letztlich auf keine Idee. Ich nickte ein und wachte erst am Abend wieder auf.
Es gab im Zimmer keinen Strom mehr, auch auf dem Korridor nicht. Fast ganz Castello Filipe war dunkel. Lediglich eine der Einkaufsschluchten war noch elektrisch erhellt. Vielleicht bekam man dort etwas zu essen.
Tatsächlich konnte man in der Straße an einem fahrbaren Schalter maximal zwanzig Euro tauschen, und ein Händler mit einem Korb verkaufte kleine Brötchen. Sonst war auch hier alles geschlossen, aber verschwenderisch beleuchtet.
In einem trocken liegenden Brunnen standen zwei Säulen, zwischen denen auf einer Leinwand ein Film zu sehen war, dessen Publikum aus neun Leuten bestand, die auf der Brunnenumrandung hockten. Außer ihnen, dem Mann, der das Geld wechselte und dem Händler war in der Einkaufsstraße niemand zu sehen. Durch die Straße bewegte sich ein gewaltiger, überbreiter Eisenbahnwagen. Ich sah durch die Fenster, der Wagen war leer.
Mein Abreisetag rollte ab, ohne dass ich abreisen konnte. Von da an fand ich jeden Morgen vor der Tür meines Zimmers eine warme, in Aluminium geschweißte Mahlzeit und einige Geldscheine vor.
Der Flughafen lag verlassen, die Rollbahnen waren mit Sand zugeweht. Hätte einem jemand erzählt, dass dort vor dreißig Jahren das letzte Flugzeug gestartet sei, ein Nicken wäre ihm sicher gewesen. Nachts saß ich wach, weil ich hoffte, die unbekannte Person, die mir Essen und Geld brachte, überraschen zu können. Ich wartete auf ihren Schritt, verpasste aber immer den Augenblick ihres Erscheinens. Mal übermannte mich der Schlaf, mal war es mir zu langweilig, und ich wandte mich den wenigen schundigen Büchern zu, die ich im Ferienblock aufgetan hatte. Ich las sie im Schein eines Camping–Gaskochers, den ich in einer Kammer zwischen Gartenmöbeln und Planen gefunden hatte. Durch das Wetter hatte der Himmel das Aussehen einer purpurn geäderten Kuppel aus angelaufenem Stahl, welche sich Tag für Tag einige Zentimeter tiefer gegen die Oberfläche der Insel senkte.
Eines Nachmittags entdeckte ich den Brötchenverkäufer, den Mann, der das Geld wechselte und einen dritten Bewohner der Insel am Strand. In ihrer Mitte lag ein Schlauchboot, das vom Händler aufgepumpt wurde, um sie herum lagen Taschen. Ihre Beschämtheit darüber, dass ich sehen konnte, wie sie Vorbereitungen zum Wegfahren trafen, war deutlich zu erkennen.
Der Händler senkte den Kopf und starrte auf den Boden. Die anderen beiden versicherten, dass alles in Ordnung sei. Sie hätten bloß vor, wie in jeder Woche von einem Frachter, der die Insel in geringer Entfernung passierte, zollfreie Zigaretten zu holen.
Ich blieb am Strand, um ihre Rückkehr zu erwarten, weil ich glaubte, mit dem Frachter vielleicht entkommen zu können.
Als das Schlauchboot mit den Dreien wieder zurückkam, ging schon die Sonne unter. Der dritte in der Gruppe, von dem ich nicht wußte, was auf der Insel seine reguläre Beschäftigung war, erklärte mir, dass sie den ganzen Nachmittag über kein einziges Schiff gesehen hätten. Mit Zigaretten sei es nichts. Das Schlauchboot wurde zusammengefaltet, die Drei stapften schweigend davon und verschwanden zwischen den Dünen.
In der folgenden Woche war es das Gleiche: kein Frachter, keine anderen Schiffe. Offenbar hatte jemand die Insel zu unserem Gefängnis gemacht, es blieb bloß im Dunkeln, weshalb.
Die Summe, die ich morgens bei dem Essen an der Tür vorfand, war mal größer, mal bescheiden. Eines Tages blieb sie ganz aus. Zwei oder drei Wochen später kam auch kein Essen mehr. Anstelle des früheren einen fuhren nun viele riesige Eisenbahnwagen durch die beleuchtete Ladenzeile. Sie waren silbern, bewegten sich langsam und majestätisch, und es sah aus, als verströmten sie Dampf. Die Läden, sonst stets verschwommen, bekamen bei der Vorbeifahrt der Eisenbahnwagen übergangslos klare Konturen.
Die Zahl der Menschen verringerte sich immer weiter, auf der Brunnenumrandung saßen jetzt sechs vor den Filmen. Ich nahm keinen Kontakt zu ihnen auf, stellte mich aber eine Weile zu ihnen. Der Film, der gerade ablief, entsprach nur wenig meinem Geschmack. Ich dachte mir, dass es schöner wäre, jetzt einen anderen Film zu sehen.
Sofort waren die Bilder auf der Leinwand durch den Anfang eines neuen Films ersetzt.
Ich wiederholte meinen Wunsch mehrere Male, und immer wurde der Film sofort ausgewechselt.
Was ich mir wünschte, passierte hier tatsächlich. Vermutlich waren auch die Stromabschaltung und die anderen Auffälligkeiten Ergebnisse von Wünschen.
Mir wurde klar, dass ich es einfach bloß wollen musste, um sofort nach Hause zu kommen, und dass ich auch Essen bekommen hätte, wenn ich den Wunsch danach innerlich genauso klar formuliert hätte wie vorhin mein Verlangen nach einem anderen Film. Stattdessen war ich umhergetappt, um nach Nahrung zu suchen. An meine Abreise dachte ich nicht mehr.Es würde angenehm sein, den erfüllenden Effekt von Castello Filipe von jetzt an bewusst zu nutzen, zu bleiben, während die Insel alle anderen Leute mechanisch aus dem Dasein abberief, um auf diese Art immer mehr Platz für die Erfüllung meiner Wünsche zu schaffen.
| Zum Autorenprofil |
