Leseprobe

aus Albert Braun: Türen zur Wirklichkeit. Erzählungen

Jadran I

Es war Hochsommer, wir saßen unten am Hafen in Rovinij,
mit Blick auf den Segelhafen.
Wir waren müde nach dem Mittagessen, der Schatten tat gut.
Rudi machte ein paar Späße, die Mädels dankten es mit Blicken.
Ich lag faul im Stuhl, Leon hatte die Beine hochgelegt.
Und plötzlich begann er zu erzählen.
Der Blick auf den Hafen hatte Erinnerungen geweckt.


I.
Die Tage tröpfelten dahin. Nur die Wellen hatten ihr Auf und Ab. Niemand wollte etwas von mir. Ich von niemandem. Leere weit und breit, auch am Strand. Ganz weit weg die helle Kirchenglocke überm Berg.

Ich nahm mein Fahrrad und fuhr über die Insel. Tagelang. Am Strand entlang. Die Berge hinauf. Weiße Häuser, mediterrane Vorgärten, Staub, Hitze, flimmernde Luft über dem Asphalt. Manchmal habe ich angehalten, oben. Habe die Buchten gesehen, die Olivenhaine. Terrassen abwärts.

Ich habe am Hafen gestanden, die Luft von Fischen und Tang eingezogen. Mit neuen alten Augen habe ich die Gassen gesehen, die Frauen in Vorgärten, hinter Mauern, gebückt, alt, mit schwarzen Kopftüchern.

In Seitenstraßen war ich, die vor Hausmauern enden. In Höfen und Gärten. Auf Parkbänken habe ich gesessen, am Hafen. Ich kenne alle Motorradfahrer im kleinen Ort, die ihr Bier dort tranken, wo ich meinen Wermut trank.

Kein Bistro, keine Kneipe, die ich ausgelassen habe. Ich habe unter weißen Sonnensegeln beim eiskalten Martini gesessen, in den Hafenkneipen, im Café, mit den Arbeitern und Alten. Ich habe mit zahnlosen Alten in Baskenmützen geredet. Öde hat mich auf blank geputztem Stahl und in PVC–Hallen die neueste Musik angeplärrt.

Aber dann war ich zuletzt unten am Hafen, um die Ecke, bei Jadran. Die Luft wehte kühl vom Meer herein. Ich saß im Schatten. Der Fußboden nass, gerade abgespritzt. Zum Marktplatz hin Oleander hinter Oleander. Die Kellner waren noch freundlich am Morgen. Unverbraucht vor dem neuen Tag. Leise zog der Duft von gegrilltem Fisch an mir vorbei. Ich hatte meinen Platz gefunden. Unten am Hafen, mit Blick auf Wasser und Leben in den Seitenstraßen. Dort habe ich tagelang gesessen. Bei Tag und bei Nacht.



II.
Am späten Nachmittag sagte man mir, er fahre mit dem Auto ins Dorf. Grillfleisch einkaufen. Wenn ich könnte, sollte ich mitfahren. Man brauche Mineralwasser. Er fahre um 18:00 Uhr. Er sei gerade angekommen, spät nach uns. Er wolle auch ein paar Tage hier sein.

Ich kenne ihn seit Jahren. Habe ihn ein– bis zweimal im Jahr gesehen. In derselben Mannschaft haben wir Fußball gespielt, waren beim Schifahren mit Freunden auf der Hütte gesessen. Dennoch kennt er meinen Namen nicht. „Bist Du nicht der …“ Genau der bin ich. Er ist laut, hitzig, mit Verve wie keiner. Diskutieren ist schlecht mit ihm, er ist lauter als andere, hat keine Zweifel, nicht einmal Selbstzweifel. Lustig, geistreich und humorvoll, aber nur selten. Warum er in seinem Freundeskreis geachtet wird? Sie sind alle laut dort, alle haben immer recht.

Man schätzt ihn, seine Arztpraxis geht gut. Er ist erfolgreich; ich habe Schwächere in Ehrfurcht von ihm reden hören. So ein Kerl. Sicher, er ist zuverlässig, ehrlich, er stiehlt und betrügt nicht. Ich habe nie mit ihm diskutiert, mich nie niederschreien lassen, vielleicht kennt er deswegen meinen Namen nicht.

Ich bin pünktlich. Um 18:00 Uhr stehe ich auf der Straße. Man bedeutet mir, es sei gut so, er sei sehr pünktlich, warte nicht, klingle nicht, wenn er sage 18:00 Uhr, gelte 18:00 Uhr.



III.
Eigentlich wollte ich ihm schon immer einmal sagen, dass er nur den Dissens liebe, ja geradezu die Zerstörung. Ich kam bisher nicht dazu. Vielleicht war ich nicht laut genug.

Nun sitzen wir im Auto, viel zu sagen haben wir uns nicht.

Ich werde informiert über die Bautätigkeit am Ort. Wie es vor sechs Jahren hier gewesen sei, dass die doch nur von unserem Geld lebten, und dann noch frech seien. Die Straßen seien ja auch das letzte. Und überhaupt, der Südländer habe die Arbeit nicht gerade erfunden.

Ich wollte eigentlich nur Mineralwasser einkaufen, wende ich ein. Aber zum Bäcker müsse ich unbedingt mitkommen. Brötchen wie zu Hause. Müsse ich einfach sehen. Ich wollte eigentlich ganz geruhsam das Mineralwasser einkaufen. Jetzt hetze ich hinter ihm her. Er zwei Schritte voraus, zum Bäcker. Nebenbei noch einige Hinweise, wartende Frauen in schwarzen Kopftüchern werden überholt. Das Wechselgeld klingelt und dann Kopf hoch und hinaus. Frauen in schwarzen Kopftüchern staunen.

Gegenüber der Metzger. Eine wartende Schlange. Touristen machen aber auch alles kaputt. Sogar beim Metzger muss man jetzt schon warten. An der Schlange vorbei geht nicht, hier haben sie keine schwarzen Kopftücher auf.

Ich könne ja schon mal mein Mineralwasser kaufen. Er komme gleich. Ich solle vorne an der Ecke warten. Er müsse mir noch unbedingt etwas zeigen, so etwas hätte ich noch nie gesehen.

Ich nehme zwei Flaschen Mineralwasser, fünf Flaschen Wermut, drei Flaschen Brandy und eine Stange von denen mit dem Loch im Schuh. Kaum habe ich Gelegenheit, die Tüten im Auto zu verstauen. Bevor die Tüten drin sind, klickt schon die Schließanlage. Ich wieder zwei Schritte hinterher.

So etwas hätte ich noch nie gesehen. So eine kühle Luft wie bei Jadran gäbe es auf der ganzen Insel nicht. Man sitze hier im Schatten, der Fußboden werde mit Wasser abgespritzt. Eine wunderbare Kühle. Zum Marktplatz hin stehe Oleander hinter Oleander. Die Kellner seien eben Südländer, damit müsse ich mich abfinden. Ich sollte mal den Fischduft schnuppern. Drüben lägen Fischerboote, da sei auch ein kleiner Hafen mit Werften.

Er hat mich bis zu diesem Augenblick niemals angesehen, er redete nur für sich selber und die Umwelt, zur Selbstbestätigung.

Dann saßen wir bei Jadran am Tisch. Ich habe gesehen, wie irr seine Augen waren, wie sein Blick wirr durcheinander irrte, ich habe gesehen, wie seine Lider zuckten, ich habe gesehen, wie ruckartig sich sein Kopf nach allen Seiten bewegte, seine Hände, sein Oberkörper niemals still standen.

Dann habe ich mich über den Holztisch vorgebeugt. Ich habe ganz langsam meinen Wermut genommen, habe meine Augen in seine gekrallt und ihm ganz leise und langsam zwei Fragen gestellt.


Jadran II

Und Leon erzählte weiter.
Wir nahmen noch einen Digestiv und waren auf einmal nicht mehr müde.
Man hatte den Fußboden nochmals abgespritzt.
Es war angenehm kühl.



I.
Bei Jadran war kein Bleiben mehr. Eigentlich mussten wir nur noch die Rückfahrt im Auto überstehen. Der Wermut hatte mich schwer gemacht. Ich konzentrierte mich darauf, mit Anstand und ohne allzu großes Schwanken die Oleanderbüsche bei Jadran zu passieren.

Sei es, dass die lange Wermutreise des Tages und der Wermut bei Jadran meinen Blick geweitet hatten, sei es, dass die tief stehende Abendsonne und das Glitzern des Hafenbeckens mich geblendet oder ich einfach angesichts solch wirrer Augen alles um mich herum vergessen hatte. Jedenfalls habe ich nur am Rande bemerkt, dass mich ein Mädchen mit langen blonden Haaren, drei Tische weiter, fixiert und mir zugenickt hatte. Sie hatte ihm, wie er später erzählte, gesagt, da drüben sitze einer, der sähe aus wie Leon. Unmöglich, hatte er darauf geantwortet. Sein Freund Leon könne nicht hier sein.



II.
Ich hatte gerade die Oleanderbüsche passiert, als jemand hinter mir halblaut „Leon“ sagte. Ich habe mich umgedreht und in ein strahlendes Gesicht geblickt. Braungebrannt, hellblaue klare Augen und ein dichter blonder Vollbart. Er hat nochmals „Leon“ gesagt und mit strahlend weißen Zähnen gelächelt.

Plötzlich hatte ich ihn erkannt. Nach 25 Jahren wieder getroffen, bei Jadran, auf der Terrasse, hinter rotem Oleander. Dann sind wir uns in die Arme gefallen.

Vor 25 Jahren waren wir hier in der Gegend vorbeigekommen, auf einer langen gemeinsamen Reise. Acht Wochen Motorradtour hatten damals hinter uns gelegen. Nun saßen wir wieder dort, wo vor 25 Jahren unser großes Abenteuer zu Ende gegangen war. Dann haben wir ganz langsam unseren Wermut genommen und uns immer wieder ermahnt, 25 Jahre nicht in ein paar Minuten erzählen zu wollen. Wir haben uns über den Holztisch bei Jadran gebeugt, haben uns in die Augen gesehen, eine ganze Nacht lang erzählt und Fragen gestellt. Es wurde eine lange Nacht bei Jadran, unten am Hafen. Die Luft wehte kühl vom Meer herein. Wir haben zuerst im Schatten und dann beim Kerzenschein gesessen. Der Fußboden war nochmals nass gemacht worden. Zum Marktplatz hin standen Oleander hinter Oleander. Leise zog der Duft von gegrilltem Fisch an uns vorüber. Wir hatten unseren Platz gefunden, unten am Hafen, hinter rotem Oleander, kühl, mit Blick auf Fischerboote und kleine Werften, auf Wasser und Leben in den Seitenstraßen.

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