Leseprobe

aus Herbert Dalhoff Perlenjäger & Co.
(Titelkapitel Perlenjäger & Co.)

Neulich abends saß ich in einem Strandhotel an der Bar, trank Bier und futterte salziges Knabberzeug aus einer Art-deco-Glasschale. Wandlüster und gedimmte Deckenstrahler machten den sandfarbenen Rechtecksaal gediegen hell, aus einem halben Dutzend getarnter Wandlautsprecher schallte dezent Instrumentalmusik herein.
An den Tischen saßen ein paar Genies, Pferdezüchter, Sportangler, Versicherungsvertreter und gestreßte Psychoanalytiker, glücklicherweise auch einige Frauen.
In der Mitte des Saales stand auf einem mit tannengrünem Teppichboden verkleideten Holzpodium ein Flügel, schwarz, auf Hochglanz poliert, unbenutzt verschlossen. Der Pianist, Anfang Dreißig, schmales Gesicht. Zopfträger, war erkrankt. Er spielte gut, ich hatte ihn einige Tage zuvor spielen hören.
„Du spielst erstklassig, Kilian. Morgen komme ich mit der Kamera.“
„In Ordnung.“ Er hatte selig gelächelt.
Am nächsten Tag wartete ich stundenlang mit der Kamera, aber Kilian kam nicht. Fieber, Schüttelfrost, sagte man mir. Es wurde nichts aus der Nummer.

Neben der Tür vom Männerklo sah ich einen Mann sitzen, um die Siebzig, weißes Jackett, Seidenschal, dunkle Hornbrille, melancholischer Blick. Er zeigte ein paar prima Kartentricks, aber niemand schaute hin. Zwischendurch nippte er immer wieder an seinem Gin-Soda.
Ich packte meinen Pana-Cam mit hundertfachem Digital-Zoom aus und legte eine Kassette ein. Ich hatte eine Menge von den Dingern dabei, mein alter rückenkranker Kumpel Didi Erdenberg hatte sie mir für ein Kasten DAB und eine Kiste Havannas besorgt.
Der Alte neben dem Klo ließ jetzt eine Karte in einer Hand verschwinden und sie urplötzlich aus dem Nichts wieder auftauchen. Prima Sache! Gefiel mir. Ich nahm meine Kamera und ging rüber zu ihm. Er blickte nur ganz kurz hoch, trübe alte Augen, glanzlose Kugeln, die viel gesehen und erlebt hatten. Sein Blick war entrückt und leer.
Wortlos konzentrierte er sich auf seine Karten.
Er hielt den Stapel in der linken Hand, die Pik-Dame lag zuoberst, mit einem sanften, fast zärtlichen Handstrich ließ er die Dame verschwinden und den Pik-König erscheinen.
„Mannomann, Sie haben aber wirklich ein paar prima Tricks auf Lager“, sagte ich.
„Yop.“
„Hätten Sie etwas dagegen, sich von mir filmen zu lassen?“
„Wozu?“ Er nahm einen Schluck.
„Na ja, interessante Menschen faszinieren mich eben.“
„Yop.“
Ich machte meine Kamera startklar und schaltete den Halogenspot ein. Der Alte trickste unbeirrt weiter.
„Brandini“, sagte er.
„Wie bitte?“
„Mein Künstlername.“
„Brandini?“
„Yop.“ Er nahm wieder einen Schluck. „Schon mal gehört, den Namen?“
„Nein. Leider.“
„Naja, bist auch noch ein bißchen jung dafür.“
Ich schaute durchs Objektiv.
Wie frisch er aussieht, dynamisch, der Weichzeichner läßt ihn glatt um zwanzig Jahre jünger aussehen. Ich schaltete die Kamera ein und filmte ihn.
„Haste ein Messer bei, Jungchen?“ Fragte er und schaute durch seine Brille hoch in die Kamera, und seine alten Augen blitzten. Ich schaltete die Kamera aus, kramte in meiner Hosentasche und reichte ihm meine preiswerte Schweizer Offiziersmesserimitation. Er klappte die lange Klinge heraus, legte das Messer in die flache Hand und taxierte dessen Gewicht. „Mhm, müßte klappen“, sagte er. „Nun paß mal genau auf, Jungchen.“ Er stand auf und zog mit magischem Getue die oberste Karte und drehte sie um. „Wie du siehst, habe ich hier das Herz-As, klar?“
„Klar.“
„Gut. Nimm sie.“
Ich nahm sie. Soweit ich das beurteilen konnte, handelte es sich dabei um eine ganz normale Karte aus einem ganz normalen 52-er Kartenspiel. Er hielt mir die restlichen Karten fächerförmig entgegen.
„Jetzt schieb das As hier irgendwo hinein“, sagte er.
„Egal wo?“
„Yop.“
Ich steckte das Herz-As ungefähr in die Mitte des Fächers, er schob den Fächer geschickt zusammen und tippte mit dem Mittelfinger der anderen Hand dreimal auf den Stapel.
„So, Jungchen, und jetzt kannst du deinen Teufelsapparat laufen lassen. Und halt die Tür da im Auge.“
Ich stellte mich in Positur und nahm die Kamera hoch. Ich hatte den Alten gut im Bild. Fertig! Ich drückte den Auslöser.
Mit einer elganten Handbewegung ließ er die Karten hochspritzen, sie wirbelten durcheinander, hoch und höher, ich schwenkte hinterher, fast rauf bis an die Deckenleuchte, ich kriegte es gerade noch ohne große Wackler hin, die Karten flatterten herunter wie ein Schwarm bunter Schmetterlinge. Dann zischte das Messer duch die Luft und sauste auf mich zu.
Es fliegt direkt auf mich zu... Äh... Wie ein Pfeil kommt's. Die scharfe Klingenspitze bedrohlich voran.
Ich starrte bangig durch den Sucher.
Ich seh's kommen... Es kommt. Es saust in meinen Brustkorb. Es wird sich zwischen meine Rippen hindurch einen Weg bahnen und mit einem scharfen Schnitt eindringen. Es wird mein Herz treffen... Ein kurzes Stechen, ein kleiner Piekser, ich spüre, wie sich die glänzende Klingenspitze in mein Herz bohrt... Oh mein Gott...
Es fliegt höher, als ich dachte. Es zischt heran und wird sich in meinen Hals bohren, es wird die Schlagader durchtrennen, das Blut wird herausspritzen, und niemand von den labernden Klugscheißern wird wissen, was zu tun ist. Ich blute aus, und alle stehen untätig da und sehen zu...
Ich seh's deutlich, das Messer flitzt auf mich zu. Es will mich töten. Tragischer Unglücksfall! wird's heißen. Verwegener filmte seinen eigenen Tod! werden Sie sagen. Todesmutig bis zum Ende! Spektakuläre Aufnahmen eines Krepierenden! Meine letzten Aufnahmen sollen gute Aufnahmen werden.
Das Messer kommt angesaust. Es saust auf mich zu. Aber saust es wirklich auf mich zu?
Glücklicherweise zischte es einen Meter an meinem Kopf vorbei. Ich hielt die Kamera drauf, ein rasanter Schwenk. Plopp machte es. Die Klingenspitze hatte sich mitten durchs rote Kartenherz und das goldfarbene Schild vom Männerklo in die Tür gebohrt und blieb zitternd im dunklen Edelholz stecken.
Ich zoomte, nahm die Klinge und das Herz-As in Großformat. Dann schaltete ich ab. Ein paar Leute schauten neugierig herüber und wunderten sich stumm. Der alte Mann sah es nicht und schwieg.
„Donnerwetter, ein prima Trick“, sagte ich.
„Yop.“
„Ist bestimmt schwierig, was?“
„Alles reine Übungssache. Mit Geduld geht's. Geduld ist alles im Leben... Geduld und Training. Mein Vater hat mich trainiert. Er war ein strenger Lehrer, sehr streng. Er wollte, daß ich gut werde. Jeden Tag mußte ich ran, stundenlanges Training, Training, Training... Die Fingerfertigkeit und Körperbeherrschung lernen. Und wenn ich mal keine Lust zum Trainieren hatte, dann setzte es was mit dem Rohrstock.“
„Ihr Vater war auch Artist?“
„Yop.“
„War er berühmt?“
„Er tingelte mit dieser Nummer über Jahrmärkte, bis ihn der Schlag getroffen hat... Auf der Bühne, während seines Auftritts, hat ihn der Schlag getroffen... Ein schöner Tod, nicht wahr? Einen schöneren Tod kann ich mir nicht vorstellen. Du stehst da oben auf der Bühne, du zeigst dem Publikum deine Tricks, das Publikum ist begeistert, applaudiert, und auf einmal machts's peng, und du kippst tot um... Ja, ja, so war das damals. Das ist jetzt mehr als zwanzig Jahre her.“
„Haben Sie noch mehr Tricks drauf?“
„Eine ganze Menge, Jungchen“, sagte er, ohne mich dabei anzusehen, „Aber das ist mein bester von denen, die ich noch kann.“ Er trank den Rest aus seinem Glas. „Früher war ich besser“, fuhr er fort, hielt das leere Glas in seiner Hand und schaute es gedankenverloren an, „vor ein paar Jahren noch... Tja, aber man wird eben alt, die alten Knochen werden morsch und lahm, sie wollen nicht mehr so richtig...“ Seine Hände fingen an zu zittern. Er stellte das leere Glas auf den Tisch.
Mario, der braungebrannte, schwarzgelockte Barkeeper aus Cagliari kam angetrabt und stellte sich dicht neben den alten Mann. „Lieber Brandini“, raunte er ihm diskret zu, „Das ist bereits die zweite Toilettentür in dieser Woche, die Sie mit Ihrem Messertrick demolieren.“
„Yop.“
„So geht das aber nicht.“
„Ich wollte dem Jungchen hier nur mal zeigen, was ich alles drauf habe.“ Er schlurfte rüber zur Tür, zog das Messer mitsamt Herz-As heraus und ließ die Klinge einschnappen.
„Ich hab's gesehen“, sagte Mario.
„Hat's dir gefallen?“
„Ich werd's der Chefin melden müssen.“
„Setz die verdammte Tür und das verdammte Schild und was sonst noch auf meine Rechnung.“
„Es tut mir sehr leid, Brandini, aber wir sind eine Hotelbar und kein Varieté.“
„Nun halt mal die Füße still“, sagte der alte Mann und gab mir mein Messer wieder. „Ist doch bloß 'ne Tür.“
„Bitte, Brandini, unterlassen Sie zukünftig Ihre Kunststücke. Das gibt bloß Ärger, und den sollten Sie sich und mir ersparen.“
„Yop.“
„Versprochen?“
Der alte Mann nickte traurig.
Mario bobachtete ihn argwöhnisch, zögerte, dann stiefelte er mit kurzen Schritten davon.
Der Alte setzte sich wieder auf seinen Stuhl. „Na, Jungchen, haste alles in deinen Teufelsapparat gekriegt?“ fragte er mich, holte ein Taschentuch raus und putzte seine Brille.
„Mhm. War echt toll.“
„Verdienst wohl dein Geld damit?“
„Ja.“
„Viel?“
„Manchmal ein bißchen, hin und wieder ein bißchen mehr... Ich, naja, also ich stelle keine besonders hohen Ansprüche.“
Er setzte seine Brille wieder auf und steckte das Taschentuch ein. „Aber den teuren Schuppen hier leistest du dir.“
„Na ja, klar. Warum auch nicht? Es ist was Besonderes für mich, wie einmal im Jahr Austern essen... Obwohl, eigentlich schmeckt das Glibberzeugs ja wie salzige Rotze. Es ist wie eine, äh, Gaumenpoesie. Man muß mal davon gekostet haben.“
„Mhm, ich verstehe. Ich verstehe ganz genau, was du sagen willst, Jungchen.“
„Tatsache?“
„Hör mal, du hättest mich damals sehen sollen, als ich jung war, ich mit meiner Nummer auf unbedeutenden miesen kleinen Hinterhofbühnen... In den billigen Kaschemmen hab ich angefangen, wo unter jedem Tresen eine Knarre liegt und die Kellnerinnen Löcher in den Strümpfen haben. Als Gast wär ich da niemals reingegangen, ehrlich... Niemals! Du kannst gut sein, perfekt sein, ein Meister sein, da in diesen Kaschemmen merkt es keiner... Und weißt du auch, warum? Weil du vor den falschen Leuten stehst! Säufer, Spieler, Taschendiebe bringen deinen Stern nicht zum Leuchten... Ich genieße es, hier zu sein.“
„Mhm, ich auch.“
„Und wie ist die Aufnahme geworden?“
„Echt toll.“
„Schön, sehr schön. Dann haste ja alles, waste brauchst. Vielleicht revanchierst du dich mit einem Drink.“
„Na klar. Und vielen Dank auch.“
„War mir ein Vergnügen, Jungchen.“

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