Leseprobe
aus Helga Laugsch: Nachtgeschichten. Erzählungen
Das Gewissen der Stadt
für Margot
Ohne Nora ist die Stadt anders. Ich zeichne mit den Wimpern die Silhouette nach, ihre bescheidene Skyline, falsches Schimmern im Süden, harter Glanz im Norden. Nirgendwo streicht jetzt Noras Mantel um die Ecken, aber ich, ich husche nach.
Nora war immer da, solange ich mich zurückerinnern kann. Sie war die Mohrrübe, ich der Esel, der hinterherlief, in sicherem Abstand, der sich niemals zu verändern schien, so sehr ich mich auch bemühte. Zeitlich versetzt durchliefen wir alle entscheidenden Stationen; ich versuchte schon früh, immer in ihrer Nähe zu bleiben, seitdem sie im Sandkasten einem Jungen die Plastikschaufel über den Kopf zog, der vorher einen Käfer ermordet hatte. Mir war nur mein lächerliches Weinen eingefallen. Nora war stets ein bißchen Mehr als ich und das lag nicht nur an den zwei Jahren, die sie älter blieb.
Im Kindergarten spielte Nora für den Elternabend ein Schneewittchen, groß und gelassen, das jeden Prinzen überflüssig machte. Ich war der kleinste und rundeste der Zwerge und kauerte an ihrem Rocksaum, blausamten, den ich mit meiner Faust festhielt. Und als ich ihr endlich in die Volksschule nachfolgen durfte, wie das damals noch hieß, gehörte ich zu denen, die während des Unterrichts aus Versehen vom Stuhl fielen, oder deshalb, weil sie gestoßen wurden. Zu denen, die man bestrafte, weil sie andere abschreiben ließen, die verspottet wurden, weil sie Kainsmale wie Brillen, rote Haarschöpfe oder zu weiße Söckchen trugen.
Noch heute fällt es mir schwer, die Trennlinie, die unausgesprochene, zwischen dem gewünschten Sein und Erscheinen und dem verachtenswerten zu erkennen. Ich vermag nur, sie festzustellen, da sie ohne mich und meine Einwilligung besteht; solche wie ich sind nicht maßgeblich.
Nora hingegen kämpfte gegen Demarkationslinien an. Einmal, und ich war wieder einige Meter hinter ihr, griff sie eine Gruppe Schuljungen an, die einen kleineren Buben quälte, alleine, so wie sie meistens war. Nora schleuderte ihren Schulranzen, sie schlug und trat, sie rempelte und sprang, denn die üblichen Weiberwaffen wie Beißen, Kratzen und Zwicken verachtete sie sicherlich. Ich stellte meine Mappe ab, krempelte die Manschetten hoch und seufzte über die engen Ärmel meines Kleides. Dann zog ich Nora nach und fühlte zum ersten Mal meine Muskeln. Auch ich schlug zu, erst blind, dann gezielter, sah in erstaunte Jungenaugen, die immer wütender wurden. Und dann spürte ich einen Stiefel im Gesicht, einen plötzlichen, süßen Schmerz, den Blutstrom, der aus der Nase knirschte. Der Himmel über mir sprang ins Unendliche zurück, und als er sich wieder senkte, hielt mir Nora ein Taschentuch hin. Wir waren ganz alleine. Ihre gefiederten Augenbrauen zuckten ein wenig in die Höhe und die Brombeeraugen sahen mich traurig an. Es war der vollkommenste Augenblick meiner Kindheit.
Noch jetzt bin ich froh, daß ich nie wieder so klein sein muß, nur aus Warten bestehe, darauf, daß endlich das Eigentliche, das Wichtige beginnt; auch in Büchern lese ich die Erinnerungen an die Kinderzeit nur gereizt und beginne bald, zu überblättern. Immer noch möchte ich all das möglichst schnell hinter mir lassen, mit weiten Schritten durch die Stadt jagen und den lästigen Rucksack abstellen, der immer schwerer zu werden scheint. Wer sagt, daß man ihn sein Leben lang mit sich schleppen muß? Von Nora habe ich die Streifzüge übernommen, da sie nicht mehr des Nachts durch die Straßen geht, und ich trachte, ihre Fußabdrücke zu finden; sie muß Spuren hinterlassen haben.
Der Wind, Gefährte so vieler Abende und Nächte, läßt mich an einer Toreinfahrt stranden. Hingegeben lehne ich an einer Hausmauer, neben mir Bündel von gesammelten Altkleidern, die wiederum viele Schneider der Dritten Welt arbeitslos machen werden. Zu diesem Blick wurde ich ebenfalls durch Nora veranlaßt. Es gibt nichts, was dieser Stimmung gleich kommt, dabei wird nichts geschehen, das weiß ich.
Ich warte, so, wie ich immer gewartet habe, wenn es mich aus der Wohnung heraus trieb, hinterher trieb. Torbögen sind Schwellen, und vieles kann sich hinter ihnen verbergen, was nicht einmal zu erahnen ist; sie sollten mit Grabsteinen und Engeln geschmückt werden, Balladen sollten von ihnen künden, wie von aller Ausweglosigkeit.
Ich drängte so sehr, auf dasselbe Gymnasium zu kommen wie sie, mein Vater gab erstaunt nach. In der Klosterschule aber war vor allem Nora fehl am Platz – wie hatte das geschehen können? Hatte sie eine Fehlentscheidung getroffen, fast undenkbar, war sie gezwungen worden, oder aber wollte sie es uns beiden möglichst schwer machen? Als ich übertreten konnte, lief ihr durch die ausgeblichenen Korridore schon ein gewisser Ruf voraus oder hinterher, mit Verärgerung und Ehrfurcht versehen.
Nora war die Erste, die von einem Freund abgeholt wurde, auf dem Motorrad drehten die beiden eine Ehrenrunde durch den Schulhof, ihre Haare flatterten, seine Haare flatterten und ich fuhr mit der Hand durch meinen Kurzhaarschnitt. Ihre Freunde wechselten, doch alle hatten etwas verlockend Wildes für mich, wenn sie lässig und trotzig Nora umarmten. Ich hatte nun eine Ahnung, was um die nächste Ecke liegen könnte, wäre ich nur in der Lage, damals oder jemals, abzubiegen, um sie herumzugehen.
Über den großen Schulskandal wurde nichts Genaues bekannt, aber Noras Name war unmittelbar damit verbunden. Flugblätter seien verteilt worden, mit revolutionären Aufrufen; kurze Namen wie Ho und Che hörte ich zum ersten Mal.
Ich war wie im Fieber, doch als am nächsten Tag der Unterricht wieder ganz normal stattfand, so wie immer, die Nonnen mit gleichmütig stillen Mienen in ihren Hauben, die Schülerinnen nur kleinlich rebellisch, dann, wenn es um Hausaufgaben ging, wurde ich klamm.
Ich wartete noch einige Tage, und als nichts geschah, hängte ich einige Zeilen aus einem Gedicht von Günter Eich ans Schwarze Brett. Sie endeten: Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt.
Dieser Spruch verschwand kommentarlos nach sehr kurzer Zeit, niemand sprach darüber, so, als hätte es ihn und mich niemals gegeben. Nora hingegen erhielt einen Direktoratsverweis und wurde noch blasser und dunkler. Ihren bodenlangen Mantel schien sie nie mehr abzulegen.
Noranoranora raune ich durch die nächtliche Stadt und warte zumindest auf ein Echo. Sie konnte nicht völlig verschwunden sein, war sie doch meine einzige Realität all die Jahrzehnte hindurch. Und nun wehen mich Schatten an; Hinterhöfe sind stets zugig, dort finden sich Ecken und Nischen, Sinnlosigkeiten, die sonst keinen Platz mehr haben. Wenn ich nur genau genug hinhöre, und dazu bin ich bereit, kann ich den Gesang der nassen Mauern immer deutlicher vernehmen, melodisches Murmeln, das langsam von der großen Klage übertönt wird. Gleich Nora habe ich niemals angezweifelt, daß ich dazu unberechtigt sein könnte.
Als ich mit dem Studium begann, begrüßte mich ein Wahlplakat mit Noras Bild, eine gespreizte Hand an die Schläfe gehoben, die andere zur Faust geballt; sie kandidierte für eine Studentengruppe. So wurden mir die Seminarräume und Hörsäle schnell vertraut, konnte doch Nora jederzeit in ihnen auftreten, gespannt und energisch, vorwärts wollend. Manchmal traf mich ihr Blick, und ich meinte, daß sie mich erkannte, zumindest billigte. Ich vergrub mich immer mehr, gerade in die anderen Inhalte, die ungleich Wichtigeren. Ich wurde dünner, ich wurde gehetzter und schärfer, und ich wollte dabei sein. So verteilte ich Flugblätter, auf denen Noras Thesen standen. Mittlerweile baumelten gleichfalls filterlose Zigaretten in meinen Mundwinkeln, früh und spät.
Und in der Nacht war ich auf den Festen dabei, zu denen die Arbeitstreffen gerieten. Nora, die bleiche Sonne, zog Musiker und Theaterleute an, Künstler, fast immer als einzige Frau in einer Gruppe von Männern. Ich sah genau zu. Damals kam mir der Gedanke, daß sie schutzbedürftig sei. Sie brauchte jemanden, der auf sie aufpaßte, und wer außer mir in der Ferne hätte dies tun können? Allzusehr lieferte sie sich aus, war im Fadenkreuz, auf Tischen sitzend, irrlichtern redend, mit hochgekrempelten Ärmeln, die Haare immer wieder zurückstreichend. Keiner von den hübschen und hungrigen, den achtlosen jungen Männern um sie herum schien dazu geeignet.
Im Laufe dieser Nächte kam sogar ich ihnen näher; ich hatte mich verändert. Nicht, daß ich mich sonderlich geschickt dabei angestellt hätte; ich weiß immer noch nicht, wie es Nora gelang, sie in ihren Kreis zu ziehen. Vielleicht lag ihr zu wenig daran. Aber bereits damals verfügte ich über ein gewisses Maß an Zähigkeit und Durchhaltevermögen. Ich fragte einen meiner Bettgenossen, einen mit Wolfsaugen und kantigem Kinn, nach ihr: Wie ist sie?
Nora, sagte er seltsam unbeteiligt. Eine tolle Frau, aber wenn du mich fragst, sie taugt nichts im Bett. Schwer gestört. Frigide.
Da setzte ich eine Maschine in meinem Becken in Bewegung, so wie noch nie; ich hätte ihn am liebsten zu Tode geritten, böse, wie ich nur konnte, beobachtete ich ihn aufmerksam, als er unter mir versickerte und zusammensackte. Ich tat es für Nora.
Mit Nora könnte ich jetzt unter einem grünsilbrigen Wasserfall stehen, ebenso algenverfangen, angekettet, die Frau, die unter der Oberfläche gehalten wird. Dabei ist ihr Herz schon längst geborsten und ihre Seele wandert und wandert. Ich werfe den Kopf in den Nacken, so, wie sie es oft tat, um mich naß regnen zu lassen. Dann merken wir nicht, daß wir weinen. Es trösten die alten Schornsteine, ihre alten Schatten, deren Magie nicht einmal Parabolantennen bannen können. Erneut bedauere ich, daß sich Sonnenuntergänge in dramatischen Farben und wilde Schauer ausschließen. So lange und so aufrichtig habe ich immer noch gehofft, daß alles möglich sei, und die Unvereinbarkeit wurde nicht leichter, sondern schwerer, als ich älter wurde. Kinder genießen noch einen Freiraum im Wünschen, als die einzige Freiheit ihres Zustandes.
Nach dem Ende des Studiums standen Nora und ich auf der Straße, wo wir auch hingehörten, und das kultivierten wir dann. Es gab keine angemessenen Arbeitsplätze für uns, obgleich versprochen; die Gesellschaft konnte es sich leisten, auf uns zu verzichten. Nun, es gibt wohl Schlimmeres, dennoch war das eine entscheidende Grenzsetzung und Verweigerung. Nora gründete die erste Alternativzeitung dieser Stadt, mit all ihrer Kraft. Ich weiß nicht, ob sie damals noch schlief. Sie begann ihre nächtliche Gänge durch die Straßen, auf der Suche nach den kleinen und großen Lügen, den kleinen und großen Ungerechtigkeiten und Verbrechen. Sie recherchierte, deckte auf und schrieb darüber, unerbittlich, immer aufs Neue. Nicht, daß sie die Gemeinheiten hätte beseitigen oder verringern können, doch sie führte sie stets wieder auf, in einer endlosen Reihe. Nora wurde zum Gewissen der Stadt, wieder gefürchtet und bewundert, wieder einzigartig. Sie konnte gerade davon leben, so wie ich und ihre anderen Mitarbeiter, aber wir wollten das so. Wir paßten auf und schrieben an einer anderen Chronik.
Das Ende stand in Zusammenhang mit einer Katze. Nora hatte sie auf einem ihrer Streifzüge gefunden, in einer Mülltonne, gerade noch am Leben. Sie brachte sie in die Redaktionsräume mit. Wir pflegten und fütterten sie, und die Katze, ein hochbeiniges, dreifarbiges Tier, nahm es an. Freilich schien sie zu Nora eine besondere Beziehung zu haben, die diese aber nicht erwidern wollte. Eines Nachts hatte ich meinen Geldbeutel in den Büros vergessen und mußte deshalb umkehren. Das kleine Gebäude im Hinterhof lag ruhig da, wie meistens um diese Zeit, zu der Nora unterwegs war und wir anderen normalerweise schon schliefen. Ich war gerade eingetreten, als ich in Noras Zimmer laute Musik und ein leises Licht bemerkte. Vorsichtig ging ich näher heran, denn ich wollte sie nicht stören, konnte mich aber nicht zurückhalten und blieb bald wieder stehen, als ich die beiden sah.
Nora saß auf dem Boden, an die Wand gelehnt, mit aufgestützten Beinen und klaffendem Mantel, in der Hand eine Flasche. Sie starrte geradeaus. Die Katze war eben ein paar Schritte auf sie zugegangen, sehr abwartend und vorsichtig, und setzte sich dann wieder auf die Hinterpfoten. Aufmerksam sah sie Nora an. Diese blickte immer noch wie eingefroren, ihre Wangen glitzerten vor Nässe. Erneut kam die Katze näher. Und durch die Musik hindurch, es war ein Stück von den Doors, konnte ich Noras heisere Stimme hören: Geh weg, hörst du, geh weg. Mir darf niemand zu nahe kommen. Die Katze verstand, kniff die Augen zusammen und blieb ruhig sitzen. Da schrie Nora eine Textzeile mit: Never saw a woman so alone, wobei sie den letzten Vokal zu einem häßlichen Au–Laut herunterzog.
Die stille Katze, die klagende Nora; ich stand nur da und wollte nicken. Nora hatte wie ich Zugriff auf den Gesamtvorrat an Leid. Davon konnte uns keiner erlösen. Und doch hätte ich mir Männer gewünscht, für Nora, Väter, Brüder und Liebhaber, diese um sie gruppiert, damit sie sanft wären zu ihr, sie trösteten und aufnahmen, wiegten. Ich wagte es nicht, ich hätte ihr zu ähnlich sein können. Langsam ging ich nach Hause.
Kurz nach dieser Nacht war Nora verschwunden. Zuerst wollte es niemand wahrhaben; sie hatte ein eigenständiges Leben geführt und war nicht immer greifbar gewesen. Zunächst machte sich keiner Sorgen, da ihr Lebensrhythmus bekannt war und sie öfter tagelang verschwand. Dann wurde gemunkelt, sie sei aus dem Weg geräumt worden, da sie einer ganz großen Sache auf der Spur gewesen sei. Und noch später machte sich Ratlosigkeit breit. Ich hatte eine andere Vermutung, doch ich behielt sie für mich.
So nahm ich die Katze in meine Wohnung auf, es schien ihr zu behagen. Ich bemühte mich, Noras Aufgaben zu übernehmen, vielleicht hatte sie doch mich als ihre Nachfolgerin auserwählt. Wie hätte ich manche ihrer Blicke, auf mich gerichtet, sonst deuten können? Ich würde für sie weitermachen, hatte ich doch unser Geheimnis in jener Nacht erkannt.
Und heute hat mich wieder ein seltsamer Wind erfaßt und treibt mich um die Ecken, auch süß im Geschmack. Keine Strecke ist zu weit, keine Straße zu einsam, keine Gasse zu dunkel, mir wie ihr, die Einsamkeit wie ein Banner um den Leib geschlungen. Und wenn ich einmal nicht mehr kann, wenn ich gehen muß, so werde auch ich eine haben, der ich das Gewissen und die Kontrollgänge vererbe, eine, die dann läuft und sucht und aufschreibt; manchmal ahne ich schon ihre Spuren.
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