Leseprobe
aus Barbara King: Heiligenlegenden
Die Legende des Heiligen Christophorus
„Scher dich weg!“ zischte der feiste Haushofmeister. Der hünenhafte Mann, den er angesprochen hatte, zuckte zusammen.
„Auf dir hat der Teufel Erbsen gedroschen! Deine Häßlichkeit ist eine Schande für den ganzen Hof! Geh mir aus den Augen!“ Damit raffte er seine prunkvollen Gewänder und verschwand im Innern des Palastes.
Reprobus nahm unverdrossen seine schwere Arbeit wieder auf.
„He, Reprobus! Mach dir nichts daraus; denn sein Turban bedeckt nicht den Hintern! Dieser fette Angeber ist nicht mal 'ne Zwiebelschale wert!“
„Nett von dir, daß du mich aufheitern willst, Amar! Zwar bist du ein Zwerg, doch deine Zunge ist scharf wie ein Schwert und die Schreibfeder der Wahrheit. Doch ich habe mich nun mal entschlossen, dem Mächtigsten zu dienen. Alle, die ich fragte, meinten der König sei der mächtigste Herr, also diene ich ihm. Dieser eingebildete Einfaltspinsel von Haushofmeister kann mich nicht von hier vertreiben!“
„Bravo, gut gesprochen, Reprobus! Doch du mußt wissen, daß unser König nicht der mächtigste Herrscher ist. Merke: Selbst der ist ein mächtiger Mann, der sich der Flöhe erwehren kann!“
Reprobus beugte sich zu dem Zwerg hinunter, der ihn gespannt aus seinen listigen Augen anschaute. „Du lebst von deinem frechen Mundwerk; denn du bist der Hofnarr. Und ich beneide dich um deinen Schneid. Ich bin nur ein häßlicher Riese, dem seine Heideneltern den verfluchten Namen der Verworfene gegeben haben. – Und du meinst wirklich …“
„Ganz bestimmt. Du dienst hier nicht dem Mächtigsten. Doch komm jetzt mit in den Palast. Dort wird man heute einen neuen Spielmann auftreten lassen, der dir sicherlich die Trübsal vertreiben wird!“
Der König saß wahrhaft majestätisch auf seinem Thron. Sklaven fächerten ihm Kühlung zu. Jetzt klatschte er und rief ungeduldig: „Ein Rätsel! Ich warte auf ein Rätsel! Wo steckt mein Hofnarr?“
„Hier Majestät!“ rief der Zwerg und wieselte zum Thron. Dort stand er auf dünnen Beinen in viel zu großen Schnabelschuhen.
Es wurde still im Saal.
„So sagt mir denn, was es ist:
Ein Tuch ohne Faden gewebt
besiegt die Soldaten von Sidon und den Kaiser.“
„Und?“ fragte der König ungeduldig.
„Es ist der Schlaf, Majestät!“
„Herrlich! Und nun noch ein Rätsel!“
„Wie Ihr wünscht, Majestät. So sagt mir, was ist das?
So groß wie eine Handfläche ist er,
um die ganze Welt reist er.“
„Sag's mir schnell, Hofnarr!“
„Nun, Majestät, es ist der Mond.“
„Großartig, einfach großartig! – Doch laßt nun den Spielmann kommen!“
Der Haushofmeister klatschte, und ein dunkelhäutiger Mann in einem schwarzen Kaftan erschien. Er schlug eine kleine Trommel, während er heiser die Taten des Teufels, des Schaitan oder Luzifer, besang. Und immer wieder schlug der König das Kreuz.
Reprobus, der das nicht verstand, winkte Amar zu sich, um ihn danach zu fragen.
„Unser König fürchtet, der Teufel könne sonst Gewalt über ihn gewinnen!“ antwortete der Zwerg ernsthaft.
„Moment, mein kleiner Freund. Willst du damit sagen, daß dieser Schaitan mächtiger als unser König ist?“
„Genau so ist es!“
„Dann muß ich ihn suchen, damit er mein Herr wird und ich sein Diener!“
Reprobus zog suchend durch das Land, doch er konnte den Teufel nicht finden. Als er eines Tages durch die Geröllwüste wanderte, traf er auf einen Trupp Soldaten.
„Großer Fremder, wohin des Weges?“ fragte ihn der Soldat in der prächtigsten Rüstung.
Und Reprobus berichtete von seiner erfolglosen Suche.
„Komm mit mir; denn ich bin der, den du suchst!“ rief der Soldat und lachte. „Du mußt nämlich wissen: Zu Gott humpelt man, aber zu mir springt man!“
Also diente Reprobus dem Teufel aufrichtig und treu, obwohl ihm keineswegs gefiel, was sein neuer Herr anstellte.
Er schmeichelte den Menschen, die ihm glaubten. Doch er legte sie allesamt herein. Er belog sie, betrog und verführte sie. Wenn er einen ermunterte, von einem Felsen zu springen, dann versprach er ihm, daß ihm nichts geschehen könne, da er ihn auffänge. Doch er hielt sein Versprechen nicht und ließ den solchermaßen Getäuschten sich zu Tode stürzen.
Als sie eines Tages an einem Wegkreuz vorbeikamen, rannte der Teufel davon.
„Warum denkt Ihr mit den Beinen, Herr?“ rief ihm Reprobus mit lauter Stimme nach. „Wollt Ihr mich um meinen Glauben an Euch betrügen?“
„Betrug ist keine Kunst, Reprobus, sondern Gewandtheit!“
„Ach, tatsächlich? Ihr meint wohl, daß auf fremde Ärsche gut klatschen ist?“
„Nun ereifere dich nicht, mein Freund!“
„Sagt mir auf der Stelle, bedeutet Euer Verhalten, daß Ihr nicht der Mächtigste seid?“
„Gott schuf das Böse, damit die Hölle nicht leer steht! Mächtiger als ich ist nur ein Mensch gewesen. Er hieß Christus, und man hat ihn ans Kreuz geschlagen. – Wenn ich dieses Zeichen sehe, muß ich fliehen!“
Reprobus machte sich erneut auf die Suche. Doch keiner konnte ihm helfen, diesen Christus zu finden. Endlich traf er einen Einsiedler. Der bedürfnislose gütige Mann lehrte ihn den christlichen Glauben.
„Was ist der Satan, weiser Mann?“
„Der Satan, Reprobus, der Satan ist einer der beklagenswerten Irrtümer des Schöpfers. Denn nachdem Satan aus dem Himmel verstoßen wurde, bat er Gott um eine letzte Gunst. Er hatte gehört, daß demnächst der Mensch erschaffen werden solle. Er wird Gesetze brauchen! – Das ja. Doch du wirst wohl nicht darum bitten wollen, seine Gesetze zu machen? Im Gegenteil, der Satan bat Gott darum, daß der Mensch das Recht erhielte. – Ja, und so geschah es. Du siehst, Reprobus, ein wahrhaft großer Irrtum.“
„Egal, wie lange ich in einer Höhle meditieren werde, niemals erlange ich Eure Weisheit. Eher sterbe ich!“
Da riet ihm der Einsiedler, zum Fluß zu gehen, in dem viele beim Übersetzen zu Tode kamen, um sie sicher zum anderen Ufer zu bringen.
„Du bist riesengroß und stark wie ein Bär. Das wird dem König Christo sicher genehm sein. Vielleicht offenbart er sich dir eines Tages!“
Fröhlich pfeifend machte sich Reprobus auf den Weg. Er fand die ihm vom Einsiedler genannte Stelle am Fluß, wo er sich eine Hütte baute. Er war beliebt; denn er brachte viele Leute sicher zum anderen Ufer. Ruhig durchschritt er die Fluten. Dabei stützte er sich auf einen langen Stab, den er sich aus einem kleinen Baum zurechtgehauen hatte.
Eines Abends ruhte Reprobus in seiner Hütte, als er glaubte, die Stimme eines Kindes gehört zu haben, die nach ihm rief. Er rappelte sich auf und trat in die Dämmerung. Ein blasser Mond leuchtete bereits über dem Horizont. Der Tag lebte nur noch wenige Minuten, denn die Schatten wurden länger und gingen bereits in Dunkelheit über.
Reprobus konnte niemanden sehen und dachte, er habe sich geirrt. Noch zweimal hörte er die Kinderstimme. Beim dritten Ruf endlich entdeckte er einen kleinen Jungen, der bat, über den Fluß getragen zu werden.
„Willst du nicht bis zum Morgen warten? Du kannst gerne in meiner Hütte schlafen.“
Der Junge schüttelte den Kopf. Also nahm Reprobus das Fliegengewicht auf seine breiten Schultern und machte sich daran, den Fluß zu durchqueren.
Das Wasser stieg urplötzlich bedrohlich an, und er befürchtete, eine neue Sintflut sei ausgebrochen. Der Junge wog schwer wie Blei, und Reprobus kämpfte tapfer, damit ihn das Gewicht nicht unter Wasser drückte. Er hatte das Gefühl, am Ende seiner Kräfte zu sein. Doch unbeirrt ging er auf das Ufer zu. Erschreckte Fische flitzten an ihm vorbei, ein dicker Frosch klappte seine goldenen Augen zu und tauchte vor seiner Nase in die Tiefe. Doch eine Gans, die in die Strömung geraten war, konnte sich nicht mehr in ruhigeres Wasser manövrieren und wurde in einen gurgelnden Strudel gezogen. Der Fluß war zu einem bedrohlichen Feind geworden. Endlich konnte Reprobus den Jungen am anderen Ufer absetzen.
Keuchend ließ er sich auf einem Stein nieder und meinte erschöpft: „Junge, du hast mich in große Gefahr gebracht! – Du bist ziemlich schwer gewesen!“
„So wisse, du hast nicht nur die ganze Welt auf deinen Schultern getragen, sondern den, der sie erschaffen hat! Ich bin Christus, dem du dienst. Zum Beweis meiner Worte, sollst du deinen Stab neben deiner Hütte in die Erde stecken; er wird grünen und Früchte tragen! Von nun sollst du Christophorus heißen; denn du hast Christus getragen.“
Christophorus wollte etwas erwidern, doch das Kind war verschwunden. Also machte er sich kopfschüttelnd auf den Rückweg, steckte seinen Stab neben der Hütte in die Erde und legte sich zur Ruhe.
„Da brat mir doch einer einen Storch!“ rief er am nächsten Morgen, als er sah, daß sein Stab Blätter und Früchte der Dattelpalme trug. „Also war er's doch!“
Er lachte laut und machte sich vergnügt auf den Weg, die Macht seines Herrn zu verkünden.
Voller Stolz und Freude berichtete er von seinem neuen Herrn, der sich als der mächtigste erwiesen hatte.
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Heute ist Christophorus der Beschützer und Nothelfer der Autofahrer. Er wird vorwiegend von Berufsgruppen verehrt, die mit Verkehr zu tun haben: Fuhrmännern, Schiffern, Flößern, aber auch von Pilgern, Reisenden, Gärtnern und Landwirten.
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Heutige Namensformen von Christophorus sind: Chris, Christoph, Christopher, Christof, Christoffel, Stöffel. Stofferl, Stoffl.
Die Legende des Heiligen Christophorus / Konzeption
Um die Legende nicht zu statisch und allein auf den Glauben bezogen zu erzählen, hat Barbara King um den Heiligen herum andere Personen agieren lassen, in der festen Überzeugung, daß das Leben eines Heiligen nicht so steril abgelaufen sein kann, wie es in Büchern häufig dargestellt wird.
Wie an der Legende des Heiligen Christophorus ersichtlich, hat Barbara King sich bemüht, den Personen und Heiligen Farbe und eine Portion Schlagfertigkeit zu verleihen.
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