Leseprobe
aus Reinhard Febel: Giftiger Fisch. Elf Erzählungen
(Kompletter Abdruck der Titelgeschichte)
Giftiger Fisch
Wie ein aus der Tiefsee geschnittener Block hängt das riesige Aquarium im Raum (irgendwo im Marianengraben muss nun ein ebenso großes Loch klaffen). Bunte, nicht essbare Fische schwimmen darin. Bunte Fische sind nie essbar. Fast nie jedenfalls. Am Boden des glitzernden Quaders segeln Krebse entlang und tasten mit langen Fühlern nach den Enden des Wassers. Schnecken kriechen an den Scheiben auf und ab, die Sohlen und Münder bloßgelegt.
Das Becken schwebt in der Mitte des Firmenrestaurants, von geschickt verborgenen Stahlseilen gehalten. Die dicken Glaswände sind untrennbar miteinander verschmolzen. Weißes, glänzendes Licht fällt aus versteckten Strahlern auf die Scheiben, perfekt justiert, ohne Reflexion. Der Quader glitzert, einem Eisblock täuschend ähnlich. Wie können sich die darin eingefrorenen Lebewesen bewegen?
Fische stoßen nie an. Sie haben empfindliche Organe in der Seitenlinie, die auf geringste Druckveränderungen reagieren. Die Barsche schwimmen an den Scheiben entlang. Sie scheinen ins Glas eingewachsen und ziehen vorüber, als würden sie vorbeigeschoben. Längs und quer, in unveränderlicher Ruhe und Wachheit oder im Schlaf. Fasziniert betrachtete ich das ständig wechselnde Bild.
Der Kellner schob einen langen strumpfartigen Kescher in das Becken und um einen walzenförmigen Fisch, eine Art Wels vermutlich, hob ihn heraus und legte ihn auf ein Brett. Mit beiden Händen, eine auf dem Kopf, die andere auf dem Schwanz, drückte er ihn flach. Der Küchenchef kam hinzu, setzte gekonnt das Messer an und hob einen rechteckigen Teil der Oberseite bis zur Mittelgräte ab, legte ihn auf ein silberfarbenes Tablett und teilte ihn in fünf kleine Vierecke, die auf unsere Teller wanderten. Der Fisch schrie nicht. Dann setzte der Kellner ihn zurück in das Aquarium, wo er sich krümmte und spiralförmig durch das Becken trudelte, wie ein angeschossener Bomber: danach eine Bruchlandung im Kies. Dort lag er. Der Mund schnappte schweigend, die Kiemen flatterten. Aus der rechteckigen Vertiefung in seiner Seite zogen Schlieren davon und verteilten sich im Becken. Schnecken und Seesterne krochen neugierig herbei.
Frischeren Fisch gibt es wohl nicht. Wir aßen ihn noch warm sozusagen – das heißt natürlich: noch kalt. Fischers Fritz fischt frische Fische tauchte in meinem Kopf auf sowie die Angst vor unkontrollierbarer Übelkeit.
Dieser Gang machte mir und meinem Magen ernsthaft Sorgen. Zwar war schon die Vorspeise eine Herausforderung gewesen: babyfish. Ein Happen oder eher ein Schluck von Hunderten winziger, lebendiger Fischchen. Noch immer spüre ich die winzigen Flossen von innen gegen meine Backen patschen. Aber das.
Ich trank schnell noch einen sake. Nein zwei.
„Schmeckt er Ihnen?“, fragte der Direktor.
Ich nickte.
„Wir sind so sensibel geworden“, sagte Herr Tachikawa, der mich durchschaut hatte.
„Zu sensibel“, sagte der Direktor liebenswürdig.
„Der Autor Melville“, fuhr Tachikawa fort, „beschreibt in einem Roman, Typee heißt er, wenn ich mich nicht irre, sehr ausführlich, wie sich im letzten Jahrhundert die Seeleute verpflegt haben.“
„Walfänger. Wir handeln auch mit Walfleisch“, sagte der Direktor. „Eine unserer Konservenserien heißt Ismael.“
„Die Walfänger also“, fuhr Tachikawa fort, „steuerten oft die Galápagosinseln an und deckten sich dort mit Riesenschildkröten ein. Es gab eine gewaltige Menge von ihnen, sie waren friedlich und leicht zu fangen. Natürlich.“
„Etwas schwer zu tragen allerdings“, sagte der Direktor.
Herr Tachikawa deutete routiniert ein Lachen an.
„Man brauchte sie nur einzusammeln“, sagte Tachikawa, „und sie marschierten dann auf den Decks der Segler umher. Man fütterte sie ab und zu, wahrscheinlich mehr aus Spaß und um mit ihnen zu spielen, um eine Beziehung aufzubauen sozusagen, denn sie können auch hundert Tage ohne Nahrung auskommen. Sie müssen wissen, jedes Schiff brauchte damals ein paar Tiere als Maskottchen, ein Schwein, das nicht gleich aufgegessen wurde wie die anderen, einen Hund, ein Lamm, einen Papagei, was weiß ich. Als Zugabe zur Galionsfigur, zwei Glücksbringer gewissermaßen: eine Frau und ein Tier. Die Schildkröten wogen mehrere hundert Kilogramm. Man konnte sie beim Pokern als Sessel benutzen. Bei Sturm rollten sie auf den Decks hin und her. Aber sie waren eben keine Kuscheltiere sondern Proviant, und, wie Melville so schön beschreibt, wenn Bedarf bestand, drehte man eine von ihnen um und schnitt eine Portion Fleisch ab, ein Bein vielleicht …“
„Der Sessel wackelte dann ein wenig“, sagte der Direktor.
„ … oder etwas Muskelfleisch. Die Tiere blieben trotz dieser Prozedur am Leben, und zwar erstaunlich lange, und man kann diesen Vorgang durchaus mehrmals wiederholen.“
„Sie halten sozusagen ihr eigenes Fleisch frisch“, sagte der Direktor.
„Und das war eine willkommene Ergänzung zu dem ewig versalzenen Pökelfraß“, sagte Tachikawa.
„Es war“, sagte der Direktor, „wenn man so will, die Erfindung der Konserve.“
„Wie grausam“, sagte die Übersetzerin abwesend.
„Hunger ist grausam“, sagte die Architektin.
„Der Mensch ist grausam“, sagte der Direktor respektvoll und leise.
Die Unterhaltung stockte eine Weile. Ich blickte nicht ins Aquarium und nahm einen Schluck sake. Ich schaute mich um.
„Bei uns“, sagte ich, „hat übrigens fast jedes asiatische Restaurant ein Aquarium oder sogar mehrere. Manche behaupten, dass deren jeweilige Insassen einen Code darstellen. Eine geheime Botschaft an die Mafia oder die yacuza.“
„Wie interessant“, sagte der Direktor.
„Nicht wahr? Ob Schutzgeldzahlungen geleistet werden, wie viel, an wen, oder schon gezahlt worden sind, oder ob der Chef so gut wie pleite ist und nicht mehr zahlen kann, wie viele illegale Tellerwäscher er beschäftigt oder braucht, alle möglichen Sachen. Jede Spezies hat demzufolge eine ganz bestimmte Bedeutung. Eine Geheimschrift aus Fischen, was für eine Idee! Aber sicher ist das nur ein Witz“, sagte ich. „ Haha. Oder …“
„Ja“, antwortete Herr Tachikawa, „sicher ein Witz.“
Der Direktor verzog den Mund ein wenig zu einem Grinsen.
„Hier ist es nur Zierde“, sagte Tachikawa. „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Der Anblick von Fischen ist beruhigend. Hat nicht auch Ihr Kanzler ein Aquarium im Büro?“
Ich bejahte höflich und beschloss, dieses Thema nicht weiter fortzusetzen.
„Ein schönes Restaurant“, sagte ich.
„Unser Büro hat es gebaut“, sagte die Architektin. „Wir dachten, es wäre interessant für Sie, einen ersten Eindruck von unserer ästhetischen Anschauung zu bekommen. Deshalb sind wir hier.“
„Und wegen des guten Essens“, sagte der Direktor.
Ja, ja, dachte ich und nickte zustimmend.
„Die Konzernzentrale“, fuhr sie fort, „stellen wir uns so ähnlich vor wie dieses Restaurant. Darf ich Ihnen eine Vorstellung von unserem Plan geben?
Die Empfangshalle wird sich im obersten Stock befinden. Dort begrüßen wir die Besucher und Geschäftspartner, servieren ihnen den ersten Drink und so weiter, und das bedeutet: in dieser Umgebung schaffen sie sich ein Bild von unserem Geschäft. Dieser erste Eindruck ist ungemein wichtig, wie Sie wissen. Wir werden deshalb den Raum bis in das kleinste Detail durchdenken. Die Architektur, das Licht, sämtliche Materialien, die Farben und Oberflächen; Schattenwurf, Tastempfindungen von den Türgriffen bis zu den Tischplatten, einfach alles. Da kommen Sie ins Spiel.“
„Ich verstehe“, sagte ich.
„Man hat Sie uns eindringlich empfohlen. Sie haben Geschmack und das nötige Wissen. Es gibt Tausende von verwendbaren Materialien.“
Ich dachte nach, wer mich wohl empfohlen haben könnte. Das Angebot war aus heiterem Himmel gekommen, ein Fax, ein Telefonat, ein Flugticket.
„Morgen werden wir einen Rundgang durch die Räumlichkeiten machen“, sagte Herr Tachikawa und bat die Architektin fortzufahren.
„Im Großen und Ganzen haben wir folgenden Plan: Das gesamte Stockwerk wird ein einziger Raum sein. Er ist rechteckig. Die Proportionen gleichen übrigens denen dieses Aquariums. Wir werden die vier Wände für je ein großes Fenster durchbrechen. Fenster vom Boden bis zur Decke, einfach Lücken in der Wand. Man kann also in jeder Himmelsrichtung über die Stadt blicken, über den Finanzdistrikt, über shinjuku und den Bahnhof, über den Park und über die östliche Vorstadt bis zum Hafen. Die Fensterlücken werden aus zwei Glasscheiben bestehen, jeweils die Außen– beziehungsweise Innenkante der Mauer fortsetzend. Wir erhalten also eine Art gläsernen Block, eine durchsichtige Stelle in der Wand. In die Fenster wird Wasser gefüllt, völlig farblos oder höchstens etwas bläulich getönt, und wir setzen Fische hinein. Man blickt also gleichzeitig in den Himmel und in das Meer. Oder auf eine im Wasser versunkene Stadt, wenn Sie so wollen.“
„Das Meer ist unser Element. Dorthin versetzen wir die gesamte Stadt. Sie verstehen die psychologischen Implikationen. Damit gehört sie uns“, sagte der Direktor.
„Hoffen wir, dass den Fischen nicht schwindlig wird, wenn sie hinunterschauen“, sagte ich. Ob die Fische überhaupt sehen, was hinten den Glasscheiben passiert?“
„Fische können nicht fallen. Wohin auch“, sagte Herr Tachikawa sachlich.
„Das klingt schon sehr beeindruckend“, sagte ich.
„Wird es auch sein“, sagte der Direktor, und die Architektin fuhr fort:
„Hiermit ist die Rolle des Wassers in diesem, darf ich sagen, Gesamtkunstwerk aber noch nicht ausgereizt. Natürlich wird in der Mitte des Raumes auch ein großes Aquarium stehen oder besser hängen, so wie dieses hier, in welchem wir unsere Produkte vorstellen, nämlich alle Fische, die in unseren Konserven und Gefrierprodukten zu finden sind. Und auch die anderen Lebewesen: Seegurken, Muscheln, Algen und so weiter.“
„Sofern sie sich vertragen und nicht gleich gegenseitig auffressen“, sagte Herr Tachikawa. „Sie kennen das Bild von dem kleinen Fisch, der von einem größeren gefressen wird, welcher wiederum von einem größeren gefressen wird, welcher von einem ganz großen gefressen wird, welcher …“
„Ja“, sagte die Architektin. „Haifische und Barsche zum Beispiel müssen wir trennen. Aber dazu haben wir ja den Fischbestand in den Fenstern. Und einer, unser wichtigster Klient eigentlich, muss ganz draußen bleiben. Der Wal.“
„Aus Platzgründen.“„Natürlich. Aber damit sind wir, was das Wasser betrifft, immer noch nicht am Ende. Noch lange nicht. Zu den Wänden: Sie werden aus dunklem, edlem Material bestehen, vielleicht aus Marmor oder gefärbtem Beton.“
„Da gibt es Möglichkeiten. Kein Problem“, sagte ich.
„Sie werden uns gut beraten. Kosten spielen dabei keine Rolle.“
„Keine große Rolle“, bestätigte der Direktor.
„Das Entscheidende bei den Wänden“, sagte die Architektin, „wird sein, dass sie von einem dünnen Wasserfilm bespült werden. Das heißt, an allen vier Wänden läuft von der Decke bis zum Boden eine ganz dünne Wasserfläche herab und verschwindet in einer Rinne. Dies wird völlig lautlos und, auf den ersten Blick zumindest, unsichtbar geschehen. Wir haben Experimente gemacht. Es ist möglich. Man muss den Verlauf des Wasserfilms genau berechnen, sozusagen in einem Wasserkanal anstelle eines Windkanals. Die Besucher werden also völlig von Wasser umgeben sein, dies aber erst nach und nach, oder auch gar nicht, zur Kenntnis nehmen.“
„Wir kreisen sie mit unserem Element ein“, sagte der Direktor.
„Ein seltsames Glitzern der Wände vielleicht“, sagte Tachikawa, „und höchstens ein leises Murmeln. Auf jeden Fall eine spezielle, nie gehörte Raumakustik: trocken, aber doch nicht trocken, wenn Sie mir dieses Wortspiel gestatten.“
„Überdies wird die Decke aus Glas sein. Wir sind ja im obersten Stock“, sagte die Architektin. „Und wenn es regnet, …“
„ … was hier allerdings selten ist“, führte der Direktor fort, „dann sind die Gäste ganz umzingelt.“
„Optisch wie akustisch“, sagte Tachikawa. „Die schweigenden Wasserfälle an den Wänden und das Trommeln der Regentropfen über dem Kopf.“
Schweigende Wasserfälle. Sehr poetisch, dachte ich.
„Bei den Chinesen war übrigens tropfendes Wasser eine beliebte Foltermethode“, sagte der Direktor. „Einen lecken Wasserhahn über einer Glatze postieren und dann einfach warten.“
„So meinen wir es natürlich nicht“, sagte Tachikawa.
„Natürlich nicht“, sagte ich.
„Übrigens“, fuhr der Direktor fort, während er gütig und kalt in die Ferne blickte, „seien Sie doch bitte so freundlich und halten Sie in Ihrem Magen noch ein Plätzchen frei. Ein Ehrenplätzchen sozusagen.“
Nichts leichter als das, dachte ich. Bei diesen Portionen. Automatisch griff ich nach dem Sake. Was wird man als nächstes servieren? Mein Sakekrug war leer.
„Noch ein wenig Tee? Oder Sake?“, fragte Herr Tachikawa.
Ihm entging nichts. Der Kellner brachte mir noch „ein wenig“, das heißt einen neuen Krug. Keinen Tee. Trank ich zu viel?
„Sake entspannt“, sagte Tachikawa. „Sehr gut für unser, na ja, Projekt. Wir haben ein Sprichwort, das lautet: Betrunkene und Narren stehen mit den Göttern … wie sagt man das?“
Er blickte fragend zur Übersetzerin.
„ … mit den Göttern. Narren und Betrunkene werden von den Göttern geschützt?“, meinte sie.
„Genau. Werden von den Göttern geschützt. Der heilige Narr, aber eben auch der heilige Säufer.“
Narr, war das eine Anspielung? Als Geschäftsmann muss man sich immer unter Kontrolle haben. Nicht zu persönlich werden, aber auch nicht zu steif sein. Auf die Dosierung kommt es an. Ich war mir keines Fehlers bewusst – die Sache mit der Yakuza vielleicht? Das war doch nur ein Scherz gewesen!
„Ich denke, wir haben auch so etwas Ähnliches“, sagte ich und scannte die Flaschen und Krüge auf dem Tisch.
Alle tranken viel. Kein Grund zur Besorgnis.
„Auf das Geschäft“, sagte der Direktor, und wir nahmen einen Schluck.
Die Übersetzerin lächelte mir zu. Als sie die Schale hob, glitt ihr Kostüm ein wenig nach oben und auch die weiße Bluse. Die Form des Stoffes füllte sich. Ihr Körper zeichnete sich ab. Sie war schön. Ich sah und spürte beinahe, wie die Seide an den Spitzen ihrer Brüste rieb.
„Alkohol lockert, das stimmt“, sagte ich. „Und zwar nicht nur den Geist …“
„Auf den kommt es aber an“, sagte der Direktor. „Prost. Sind Sie schon gelockert?“
„ … sondern auch den Körper, hab ich Recht? Es gibt diese Theorie, dass Besoffene, wenn sie stolpern oder fallen, sich nicht verletzen. Sie bewegen sich instinktiv unverkrampft und sozusagen richtig. Was ja oft gar nicht so leicht ist.“
„Nur allzu wahr“, sagte der Direktor. „Kenne ich aus eigener Erfahrung.“
„Wenn wir heute Nacht nach Hause wanken, kann uns also nichts geschehen“, sagte Herr Tachikawa.
Wir mussten lachen.
„Ich bringe Sie dann zum Hotel“, sagte die Übersetzerin zu mir.
„Das erinnert mich an eine drollige Geschichte“, sagte der Direktor.
(Ja, er verwendete wirklich ein Wort, das man am ehesten mit drollig übersetzen könnte.) „Es ist schon einige Zeit her. Wir kamen von einer Betriebsfeier. Natürlich mit viel Bier und noch mehr Sake. So ist das eben. Wie immer. Auf jeden Fall hatten wir das Restaurant verlassen und machten uns auf den Weg zur Untergrundbahn. Man beginnt, sich zu verabschieden und seiner Wege zu gehen. Die Gesellschaft wird nach und nach kleiner, aber das zieht sich hin. Sie kennen das ja. Aus irgendeinem komischen Grund ist man gut gelaunt, obwohl man eigentlich möglichst schnell nach Hause will. Oder noch woanders hin. Sie wissen schon, was ich meine. Na ja. Ich jedenfalls kann diese endlosen Verabschiedungen nicht ertragen. Wir standen also gerade auf einer Überführung und da saß jemand auf dem Geländer, mit einer Bierflasche in der Hand. Er schwankte und war offensichtlich ziemlich betrunken. Dieser Bursche pendelte also auf der Brüstung hin und her und wedelte mit seiner Flasche herum. So. Zuerst dachte ich, er wäre einer von uns. Es war eine Menge von mehr oder weniger besoffenen salarymen unterwegs. Wir befanden uns ja mitten in shinyuku oder shibuya, ich weiß nicht mehr genau; an einem Freitagabend war es, denke ich, und es wimmelte von Menschen. Auf jeden Fall kippt dieser Kerl plötzlich nach hinten über das Geländer und stürzt auf die darunter liegende Straße. Oder auf die Eisenbahngleise. Ich erinnere mich nicht mehr. Das war ein ziemlich tiefer Fall, einige Stockwerke. Er gab übrigens keinen Ton von sich. Wir sahen ihn nur wegkippen und mit einer Art Salto mortale verschwinden. Das Ganze hatte etwas, wie soll ich sagen, Bewundernswertes oder Akrobatisches. Wir rannten natürlich sofort ans Geländer und schauten hinunter.“
„Und?“, fragte ich.
„Tot“, sagte er. „Mausetot.“
Wir lachten.
„Das ist er. Der fugu“, sagte der Direktor unvermittelt und tippte mit dem Fingerknöchel an das Glas des Aquariums und gegen den Kopf eines kleinen, runden und dicken Fisches. Ein kugelförmiger, stacheliger Fisch, der, wie soll ich sagen, etwas Lustiges oder Fröhliches ausstrahlt. Mit seinem Mund aus zusammengewachsenen Zähnen formt er ein immerwährendes erstauntes O.
Schon nahm er es mit dem Direktor auf, der es gewagt hatte, an sein Reich zu pochen, pumpte sich mit Wasser voll und schwoll zu einem Ballon. Der Schwanz drehte sich wie ein batteriegetriebener Propeller und der Ball prallte gegen die Scheibe. Wie in einem Comic, dachte ich. Jerry hat Tom den Feuerlöscher in den Hintern gesteckt und …
„Gleich platzt er“, sagte die Architektin. „Bumm.“
Aber er verwandelte sich wieder in einen liebenswürdigen kleinen Fisch und ließ vom Direktor ab.
„Tetrodoxin“, sagte Herr Tachikawa.
„Das stärkste bekannte eiweißfreie Gift. Stärker als Strychnin. Seine Innereien sind voll davon. Für eine Maus mittlerer Größe liegt die tödliche Dosis bei einem 16 Millionstel Gramm. Für einen erwachsenen Menschen bei etwa ein bis zwei Milligramm. Tetrodoxin ist ein Nervengift. Es blockiert die Reizleitung, indem der Transport von Natriumionen durch die Zellmembranen verhindert wird. Charakteristisch ist, dass die Symptome rasch einsetzen, das heißt bereits nach fünf bis zehn Minuten.“
„Symptome welcher Art?“, fragte die Architektin.
„Bei einer schweren Vergiftung“, sagte Tachikawa, „kann Ihnen alles Mögliche passieren, nacheinander oder gleichzeitig: zunächst vermutlich Atemstörungen …“
„Auf jeden Fall merken Sie ziemlich schnell, dass etwas nicht stimmt“, sagte der Direktor. „Hab’s schon miterlebt.“
„ … Sie können blau anlaufen, Ihre Glieder werden starr, oder Sie beginnen, grotesk zu schielen. Atemlähmung und Herzlähmung. Der Tod erfolgt zumeist etwa sechs bis vierundzwanzig Stunden nach der Vergiftung.“
„Und man kann nichts dagegen tun?“
„Nichts.“
„Gar nichts? Kein Gegengift? Den Magen auspumpen?“
„Gar nichts. Das Gift gelangt augenblicklich in die Nervenzellen, und dort kriegen Sie es nicht mehr heraus. Es kommt allerdings manchmal vor, dass, wenn Sie diese ersten vierundzwanzig Stunden überleben, eine vollständige Heilung eintritt.“
„Der Kampf zwischen Mensch und Tier. Unschön anzusehen“, sagte der Direktor bewegt.
Wir aßen alle Fugu. Der Teller war, wie zu erwarten, ein Meisterwerk, das mit der Transparenz zweier Ebenen spielte. Die hauchdünnen Filets waren in Form einer Chrysantheme angeordnet. Haut– und Flossenstückchen bildeten die Staubgefäße und den Blütenboden, aus dem der fleischige Blätterkranz emporstieg. Der Teller selbst war mit bunten Motiven aus Pflanzen, Blumen und Seelebewesen bemalt, die durch das blassweiße Fischfleisch hindurchschimmerten, ähnlich der sfumato–Technik in der italienischen Ölmalerei, so dass die Gestalten der Fische und Pflanzen sich auf mehreren Ebenen durchdrangen. Dazu: nichts.
Wie schön und unschuldig, dachte ich. Man sollte es so lassen. Viele Kalorien werden in dieser durchsichtigen Folie nicht versteckt sein: also das ist die gefährlichste Diät, die ich bisher versucht habe. Ich nahm die Stäbchen zur Hand und begann, das Kunstwerk zu zerstören, ein Irrer im Trenchcoat, der im Louvre sein Teppichmesser gegen die Mona Lisa zückt – so kam ich mir vor.
Es schmeckte nicht schlecht oder eigentlich: es schmeckte nicht, das heißt, nach nichts. Auf der Zunge spürte ich ein schwaches Prickeln, das auch in den Fingerspitzen auftauchte, aber vielleicht bildete ich mir das nur ein. Möglicherweise standen mir aus Angst ein wenig die Haare zu Berge, während ich auf meinen Tod wartete, und mich fror etwas. Aber der Koch hatte offensichtlich gute Arbeit geleistet, die giftigen Organe entfernt und dabei auch nicht die Gallenblase angeschnitten, so dass kein Saft mit dem Fleisch in Berührung gekommen war. Alles in allem: ein Fischfilet, das mich an meine trübe und regnerische Heimat erinnerte. Vielleicht war die Jahreszeit auch nicht günstig, denn der Giftgehalt in der Muskulatur schwankt im Jahreszyklus.„Wir leben noch. Im Gegensatz zum Fugu“, sagte ich.
Herr Tachikawa lächelte, denn Ausländer machen in diesem Augenblick immer eine lustige Bemerkung, um ihre Erleichterung und somit die vorhergehende Anspannung zu verbergen.
Unter dem Tisch ließ die Übersetzerin ihren Fuß an meinem Bein entlanggleiten. Sie hatte den Schuh abgestreift. Ich stellte mir das Material ihrer Nylonstrümpfe vor, fuhr in Gedanken mit dem Fingernagel den Schenkel entlang und hörte das knisternde Rupfen des Kontakts, wenn sich die mikroskopischen Fasern verhaken und lösen, verhaken und lösen. Wie ein mit Kolophonium bestrichener Bogen, dachte ich. Oberflächenbeschaffenheiten, das fiel ja in mein Arbeitsgebiet. Berührungen. Stoff und Haut. Glasfasern und Stein. Winzige Häkchen, sich reibende Materialien. Manche bekommen eine Gänsehaut, wenn sie über einen Pfirsich streichen, der wie mit einer Staubschicht von feinsten Härchen bedeckt ist. Ich nicht. Mich fasziniert das. Von den anderen unbemerkt legte ich einen Moment lang meine Hand auf ihr Knie und bewegte sie leicht: nun regte sich das feine Nylonnetz zwischen zwei Häuten, meinem Finger und ihrem Schenkel, welche sich ein wenig spreizten.
„Es gibt noch einen anderen Fisch“, sagte Herr Tachikawa beiläufig mit einem Blick zum Direktor; dessen Kinn nickte unmerklich, eine bewundernswerte Präzisionsarbeit, und Tachikawa durfte fortfahren.
„Einen anderen Fisch, der weit weniger bekannt ist. Interessiert Sie das?“
Ich Lügner nickte.
Tachikawa sagte:
„Sein Name tut nichts zur Sache, der ist sowieso lateinisch. Kein Speisefisch im engeren Sinne. Wir haben allerdings ein paar Exemplare hier und könnten sie auch zubereiten. Allerdings …“
Er zögerte.
Ich verstand schon.
„Das Risiko?“, fragte ich.
„Das Risiko ist etwas größer als beim Fugu“, sagte Herr Tachikawa.
„Etwas größer“, sagte ich.
Eine kurze Pause folgte, die hieß: reinen Wein einschenken? Dann sagte der Direktor mit einem Blick in die Ferne:
„Seien wir ehrlich zu unserem verehrten Freund und Kollegen. Es ist beträchtlich größer.“
„Das ist wahr“, sagte Herr Tachikawa, erleichtert über die Erlaubnis weiterzureden, und zwar Klartext.
„Es lässt sich sogar in Zahlen ausdrücken. Ungefähr eins zu hundert. Eine Art russisches Roulette, aber mit einem riesigen Revolver: hundert Fächer, und nur in einem davon befindet sich eine Kugel.“
„Dies ist eine akzeptable und doch noch interessante Proportion“, sagte der Direktor, „vorausgesetzt, man setzt sich dieser Prozedur nicht allzu oft aus.“
Er lächelte, schwelgte vielleicht in angenehmen Erinnerungen – so schien es zumindest: wieder ein Moment Schweigen.
„Das Risiko ist nicht nur größer, sondern auch von ganz anderer Art“, sagte dann Tachikawa.
„Wie meinen Sie das?“, fragte ich.
„Das ist schnell erklärt. Was den Fugu angeht, so heißt die Gefahr lediglich: menschliches Versagen. Der Koch, der natürlich eine spezielle Ausbildung zur Fuguzubereitung hat, muss die giftigen Organe entfernen. Wenn er dabei keinen Fehler macht, kann gar nichts passieren. Zugegebenermaßen schwankt das Restgift im Filet ein wenig im Rhythmus der Jahreszeiten beziehungsweise der Fortpflanzungsaktivitäten. Aber das macht ja gerade das Unvergleichliche dieses Gerichtes aus, ein feines Prickeln in den Gliedern, als ob das Blut mit Kohlensäure versetzt würde.“
„Habe ich gespürt“, sagte ich.
„Ja. Es war allerdings bei diesem Exemplar nicht sehr deutlich wahrzunehmen. Aber immerhin. Das ist alles. Wenn also der Koch nicht besoffen ist …“
„ … oder wenn er nicht einen Mord plant“, warf ich ein …
„ … dann ist man nicht in Gefahr. Wahrscheinlich gibt es mehr Todesfälle durch ganz normale Lebensmittelvergiftungen als nach dem Verzehr eines Fugu.“
„Bei Unglücksfällen stecken oft auch Mutproben dahinter“, sagte der Direktor. „So wie bei der Geschichte dieses Schauspielers … wie hieß der doch? Die Kostbarkeit der Nation … Na, wer hilft mir?“
„Mitsugora Bando der Achte“, sagte Tachikawa. Ein sehr berühmter Schauspieler. Jeder kennt ihn.“
„Kannte“, sagte der Direktor.
„Kannte. Natürlich. Man nannte ihn …“
„ … nennt ihn …“
„ … nennt ihn tatsächlich einen nationalen Schatz.“
„Dieser Herr also, diese Kostbarkeit“, fuhr der Direktor fort, „besucht in den siebziger Jahren ein Fugu–Restaurant in Kyoto, zusammen mit einigen Kollegen. Vielleicht gibt es etwas zu feiern. Die Gäste essen und trinken ausgiebig, kreuz und quer durch die Fugu–Karte. Aus welchen Gründen auch immer: die Stimmung heizt sich auf. Eifersüchteleien vielleicht. Man kennt die Schauspieler ja: Machtkämpfe, Rangansprüche. Jedenfalls beschließt man, den Reiz des Fugu–Menüs noch ein wenig zu steigern. Der Koch sagt natürlich ganz entschieden nein, zumindest zunächst.“
„Es ging ja immerhin um seine Lizenz“, ergänzte Tachikawa.
„Schließlich muss er aber dem berühmten Schauspieler doch entgegenkommen. Er geht so weit, wie er gerade noch gehen kann, und serviert jedem ein winziges Stückchen der Innereien …“
„ … Leber, Eingeweide, Eierstöcke – wo sich das Gift konzentriert …“
„ … jedem ein winziges Stückchen. Man isst, doch drei der Gäste lehnen ab. Der nationale Schatz greift zu und verspeist auch noch diese drei Portionen.“
„Man soll nichts verkommen lassen – so soll er gescherzt haben.“
„Und das überlebte er nicht. Leider. Ich habe die verfluchte Zahl gegessen, waren seine letzten Worte.“
„Die Vier ist nämlich unsere Unglückszahl“, erklärte Tachikawa stolz.
„Für ihn war sie das allerdings. Der Koch verlor übrigens nach einem komplizierten Prozess, der natürlich durch die Presse ging, seine Lizenz. Er wollte Selbstmord begehen …“
„ … hatte sich die Geschichte sehr zu Herzen genommen …“
„ … und machte dann einen Suppenimbiss auf, der nach einer Weile recht gut ging. Vor einiger Zeit haben wir ihn an unsere Testküche geholt. Er ist ja trotz allem ein hervorragender Koch.“
Herr Tachikawa nahm den Faden wieder auf:
„Sehen Sie. Das ist typisch für den Fugu. Ein Unglücksfall durch eigene Schuld. Vorhersehbar und deshalb eigentlich vermeidbar.
Doch zurück zu jenem anderen Fisch. Da ist das nicht so. Insofern kann man ihn, wie schon gesagt, keineswegs mit dem Fugu vergleichen. Menschliches Versagen ist bei ihm eben nicht das Problem.“
„Warum nicht?“, fragte ich, „wie ist es denn dann?“
„Es ist ganz einfach so: Entweder ist dieser Fisch giftig oder er ist es nicht. Von hundert Exemplaren enthält durchschnittlich eines die tödliche Substanz. Aber das kann man vorher nicht feststellen, es gibt keinen erkennbaren Unterschied und es ist auch zwecklos, irgendwelche Organe entfernen zu lassen, weil das Gift im ganzen Organismus verteilt ist.“
„Eine spontane Variation“, meinte ich. „Wie die Bittermandel.“
„Das kann sein. Ähnlich vielleicht. Aber diese erkennt man meines Wissens am Geruch. Hier ist das nicht der Fall.
So verhält sich das. Deshalb der Vergleich mit russischem Roulette. Und es gibt, im Gegensatz zum Fugu, keinen Koch, der vorher die Patronen aus der Trommel lösen kann.“
„Das aber macht gerade den Reiz der Sache aus“, sagte der Direktor. „Man sollte natürlich, wie gesagt die Prozedur nicht allzu oft wiederholen.“
„Zum einen aus Gründen der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die Ihnen sicher einleuchten werden, zum anderen aber auch, weil sich eine Art Suchtverhalten einstellen kann. Bis zum Ende“, sagte Tachikawa. „Deswegen ist dieses Gericht selbstverständlich, Sie verstehen, illegal.“
Der Direktor fuhr fort:
„Und man kann es durchaus als Ehre betrachten, bei einem solchen Akt dabei sein zu dürfen.“
Ich fühlte mich nicht geehrt. Höflich und verlogen nickte ich.
Seltsamerweise war der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam: Sie werden doch unser Projekt nicht aufs Spiel setzen? Wenn einer von uns – wie soll ich mich ausdrücken? – ausfiele, dann wäre doch alles, die Vorbereitung, die Planung, meine Anreise, sinnlos gewesen? Oder handelt es sich um eine sozusagen archaische Herausforderung, um danach in unserem Vorhaben umso erfolgreicher zu sein? Ja, das wäre doch denkbar: Es wird absichtlich ein Faktor in unsere Arbeit eingebaut, der, ich spüre es ja schon, die Spannung des Ganzen steigert und sich vielleicht sogar auf die ästhetische Qualität des Resultats auswirken kann. Die Anspannung wird also an anderer Stelle wieder zutage treten. Es ist ein Ritual, die Simulation und damit Vorwegnahme oder Beschwörung aller möglichen Unwägbarkeiten. Denn es wäre ja auch denkbar, dass jemandem von uns während der Arbeit etwas anderes zustieße. Man könnte einen Autounfall haben. Es könnte einem ein Ziegelstein auf den Kopf fallen, ein im Baugewerbe nicht gänzlich unwahrscheinliches Ereignis.
Alle vorstellbaren Risiken sollen also gebündelt und von vornherein aus dem Weg geschafft beziehungsweise abgehakt werden. So jedenfalls dachte ich mir das, und ich konnte den Hauch einer fremden, aber nicht völlig unbegreiflichen Logik spüren.
Doch eigentlich war die Sache viel einfacher. Ich brauchte den Auftrag. Das heißt, ich wollte ihn auch. Was glauben Sie, wie viele uninteressante Arbeiten ich schon hinter mir habe: Beleuchtungen in Luxusvillen, Holzvertäfelungen in Konferenzräumen und was noch alles. Das hier ist etwas Besonderes.
Vielleicht wollte ich auch die Übersetzerin beeindrucken. Sicher sogar wollte ich das.
„Ich denke, ich werde etwas anderes nehmen“, sagte die Architektin.
„Ich auch“, sagte die Übersetzerin besorgt.
„Hoffentlich schmeckt der Fisch“, sagte ich.
„Erlesen. Sie werden zufrieden sein“, sagte Herr Tachikawa erleichtert. „Kein Vergleich mit Fugu. Ein Gedicht.“
Er sagte tatsächlich a poem und es klang wie aus einem Reiseführer.
Der Direktor flüsterte mit dem Kellner und sogleich trat der Küchenchef an unseren Tisch.
„Dreimal“, sagte der Direktor. „Sie wissen schon. Und für die Damen bitte noch einmal die Karte.“
Wieder beugte sich ein Kellner über das große Aquarium und holte mit einem Kescher drei kleine, unscheinbare Fische heraus, schüttelte sie auf ein Tablett und verschwand in der Küche. Das ist er also: der König der giftigen Fische, nicht besonders bunt, sonder eher blassgrau und unauffällig. Ich betrachtete die übrigen Exemplare, die noch durch das Becken segelten. Um eine kleine Familienfeier aufzumischen, dafür würde es wohl noch reichen.
Die grauen Fischchen waren mir bisher gar nicht aufgefallen. Keine spektakulären Stacheln oder Schwanzflossen oder Farbmuster. Ihre Bewegungen haben nichts Beeindruckendes an sich. Die Flossen sehen aus wie Büschel von Blättern, auf keinen Fall zur pfeilschnellen Fortbewegung geeignet, sondern eher für eine Art trunkenes Herumschwanken wie kleine überladene Busse im Hindukusch. Wahrscheinlich macht das Gift besondere Verteidigungs– oder Fluchtstrategien überflüssig. Die Natur denkt wirklich an alles.
Die Damen blätterten lustlos im Menü.
Es war spät geworden. Nur noch wenige Gäste saßen verstreut an den Tischen, und es war sehr still. Die Beleuchtungen hatte man fast alle gelöscht. Über uns hing noch ein gelber Schein. Das riesige Aquarium glitzerte in dem verwandelten Licht, als wäre es nun mit Quecksilber gefüllt. Wir spiegelten uns darin, und die Fische zogen Bahnen durch unsere Gesichter. Ein dunkler Schatten lag unter dem Wasserblock auf dem Boden. Niemand sagte etwas und auch aus der Küche drang kein Laut. Kein Klappern von Geschirr, kein Zischen oder Brutzeln, nichts. Wie diese Spezialität wohl zubereitet wird?
Dann kam das Gericht. Ein paar blasse, feuchte Scheiben, garniert mit Seegrasschnipseln. Gleichzeitig ergriffen wir drei die Stäbchen und aßen. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Wäre es bei diesem ersten Moment geblieben, das Ganze wäre nicht schlimm gewesen, sondern höchst interessant: Ich sah seltsam klar, nein ich sah nicht nur klar, sondern die gesamte Wahrnehmung und damit meine ganze Existenz schärften sich auf herrliche, übermenschliche Weise. Man blickte mich besorgt an, wie mir schien, aber ich sah alles und fürchtete mich nicht. Eine Sekunde lang.
Doch dabei blieb es nicht. Mir wurde schwindlig. Ich fühle mich nicht gut oder Mir ist auf einmal so heiß oder etwas ähnlich Belangloses muss ich wohl gesagt haben. Dann wurden meine Glieder weich, und ich rutschte unter den Tisch. Die Übersetzerin erschrak und rief etwas. Einer ihrer roten Schuhe lag auf der Seite neben mir auf dem Boden. Ich sah an ihren wunderbaren Beinen hinauf in das Dunkel zwischen den Schenkeln. Sie trug keinen Slip. Alles drehte sich und leuchtete. Man zog mich nach oben und setzte mich wieder, öffnete mir den Kragen. Herr Tachikawa und der Direktor sprachen miteinander, aufgeregt aber leise. Etwas wurde entschieden und Tachikawa kam auf mich zu.
„Wir sind bestürzt“, sagte er ernst, „das Unwahrscheinliche ist eingetreten … und dazu bei Ihnen … dass gerade Sie, der Sie noch nicht lange bei uns sind …“
„Das muss Ihnen alles sehr fremd vorkommen“, sagte der Direktor mitfühlend. „Und deshalb werden wir bei Ihnen …“
„ … ausnahmsweise …“
„ … von den Regeln ein wenig abweichen und …“
„ … das sind wir Ihnen schuldig …“
„ … als Privileg sozusagen, in Anbetracht und Würdigung Ihres Mutes …“
„Ihrer Größe“, fügte der Direktor hinzu.
„ … haben wir beschlossen, Sie in das … Geheimnis … einzuweihen, denn …“, Herr Tachikawa zögerte „Sie wissen noch nicht alles. Die Zubereitung des Gerichtes ist kompliziert und langwierig. Deshalb das lange Warten.“
„Und deshalb ist es so teuer“, sagte der Direktor.
„Das interessiert den Herrn jetzt nicht. Schnell“, rief die Übersetzerin auf Englisch.
Ich strengte mich an zuzuhören. Die Worte schwankten an mein Ohr und klangen seltsam verzerrt.
„Der Koch“, fuhr Tachikawa fort, „muss nämlich vor jeder Portion folgende Prozedur durchführen. Er füllt zunächst hundert völlig gleich aussehende Fläschchen mit Wasser. In eines davon träufelt er dann ein paar Tropfen Tetrodoxin, ein starkes Gift. Sie kennen es schon vom Fugu. Dann verlässt er die Küche, und eine andere Person, die einzige, die außer ihm noch eingeweiht ist, mischt die Fläschchen durcheinander. Der Koch kommt zurück, wählt eines aus und injiziert dessen Inhalt mit einer Spritze in das betreffende Filet. Dann werden sofort alle Fläschchen entleert und ausgewaschen.
Sie verstehen nun die Risikoberechnung eins zu hundert …“
„ … beziehungsweise eins zu neunundneunzig, um genau zu sein“, sagte der Direktor.
„Eins zu neunundneunzig ist präzise“, bestätigte Tachikawa. „Es ist ein Spiel. Ein gefährliches Spiel. Der Fisch selbst ist nicht giftig.“
Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass ich begriffen hatte, aber meine Zunge ließ sich nicht bewegen. Es gab keine Verbindung mehr dorthin. Doch ich sah und hörte noch.
„Wir bedauern aufrichtig und zutiefst, dass es ausgerechnet Sie getroffen hat“, sagte Tachikawa. „Ein Arzt ist unterwegs. Es muss alles getan werden, was getan werden kann.“
„Sie sind ein Gentleman und ein Vorbild für uns“, sagte der Direktor. „Deshalb werden Sie sicher verstehen, wenn wir trotz allem Wert darauf legen müssen, dass wir diese Angelegenheit ohne großes Aufsehen, wie sagt man, von der Bühne …“
Er blickte fragend zur Übersetzerin.
„ … Bühne … über die Bühne bringen“, sagte sie.
„ … über die Bühne bringen müssen. Dies alles ist geheim. Auch die Kellnerinnen wissen nichts. Dürfen wir Sie bitten, nicht allzu viel Aufsehen zu erregen …“ Ich gehorchte und nahm das Geheimnis mit ins Grab.
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