Leseprobe
aus Claudia Kort: Filmriß in Locarno.
Für Harald Thiehmann, dessen
Gegenwart in einer frühen
Morgenstunde mich zu dieser
Geschichte inspirierte
Filmriß in Locarno
Es war, so erinnerte sich Frau Montecatini, ein sehr schneller Entschluß gewesen. Ein Entschluß, dem keinerlei Abwägen eines Für oder Wider vorausgeeilt wäre. Ähnlich einem Einfall, dem ein bestimmtes unartikuliertes Wissen vorausging, hätte es sie überfallen.
Sie saß an diesem Vormittag alleine in dem Frühstückssaal des Hotels BONCONTE und las Zeitung. Es schien ein sehr schöner Tag zu werden. Sie langweilte sich ein wenig. Ihr Mann war noch nicht zurück, und sie hatte keine Lust die Wartezeit mit dem Schreiben der unvermeidlichen Urlaubsgrüße zu überbrücken. So vertiefte sie sich mehr als gewöhnlich in die Tageszeitungen. Besondere Aufmerksamkeit schenkte sie dem Kulturteil. Als Frau eines relativ bekannten Ausstellungsmachers war sie immer über laufende Ausstellungen informiert.
Ihr Blick fiel zufällig auf eine Überschrift:
„Das 50. Filmfestival von Locarno versucht einen deutlichen Spagat zwischen den spektakulären Kinomutationen aus Hollywood und den radikalen „Cinéastes du présent“.
Es schien zunächst so, als wolle sie die Seite überschlagen, aber irgend etwas hielt sie auf, und sie begann weiterzulesen. Unbehaglich dachte sie jetzt noch an den langen spitzen Stich, der vom Geschlecht bis zum Kopf durch sie durch ging – unerhörter Schmerz –, dem sie keinen Laut gab. Es war ein stummer Schmerz - den sie durch eine überhelle Wachheit verstärkt empfand. Sie wußte noch, daß sie sich ermahnte „jetzt bitte nicht mit dem Atmen, jetzt um Gottes willen nicht mit dem Atmen aufhören“.
Atmen war ihr eine Gewißheit des Lebens. So las sie den Artikel ganz durch. Ein Film wurde sehr gut darin besprochen. Es mußte ein sehr trauriger und auch ein sehr poetischer Film sein. Es handelte sich um einen Rückblick auf das Leben zweier wohlsituierter Familien der amerikanischen Gesellschaft der 70er Jahre. Die Hauptprotagonisten lebten in ihren eingefrorenen Gefühlen, bis ein schreckliches Ereignis in die Ordnung ihres Alltags einbrach. Gelobt wurde vor allem der präzise Blick auf die Details der Requisite und Ausstattung sowie die Leichtigkeit, mit der das Banale, aus dem der Schrecken kam, erzählt wurde.
Frau Montecatini, eine attraktive Frau Anfang der Vierzig, deren Lebenshorizont mit freudigen Ereignissen ausgestattet zu sein schien, ließ für einen Moment die Zeitung sinken, dann erhob sie sich etwas zu abrupt und ging schnell auf ihr Zimmer. Dort packte sie ihre Sachen in die kleine rotbraune Tasche: Unterwäsche, Zahnbürste, Lippenstift, ein Wollpullover. Die Hose zog sie an, das Kleid stopfte sie in die Tasche. Dazu noch ein Buch über die Schönheit und die Unfähigkeit des Auges, diese festzuhalten – also über die Träne –, das kleine französische Klappmesser noch. Schließlich zählte sie ihr Geld. Es blieb nicht viel übrig – sie mußte die Fahrkarte noch kaufen –, wenn sie Glück hatte und sparsam war, reichte es für sieben Tage.
Sie warf sich ihr Tuch über und ging zum Bahnhof. Es war ein heißer Tag, erinnerte sich Frau Isabella Montecatini.
Regen tropfte von der Leinwand herunter – der Platz hatte sich in Sekundenschnelle geleert. Unter den Arkaden der den Platz umschließenden Häuser unterhielten sich die Standbesitzer über das schlechte Geschäft, verursacht durch die heftigen Wolkengüsse, die die Stadt seit zwei Wochen überschwemmten. An der Nordseite des Platzes, dort, wo schmale sich schlängelnde Gassen den Aufstieg in die Altstadt anzeigten, stand eine junge Frau mit nassen strähnigen Haaren in einem roten Kleid. Als sie unter den Arkaden an ihnen vorüberging verstummten die Gespräche und einige pfiffen ihr hinterher, andere wollten sie auf einen Kaffee einladen. Sie war die einzige Frau, die nachts und bei diesem Wetter noch alleine unterwegs war. Außerdem war sie wohl gerade erst angekommen. Die Händler sahen sie zum ersten Mal. Sie gehörte nicht zum Stammpublikum der Sommergäste.
Bevor sie zum Bahnhof ging, erinnerte Frau Montecatini sich, saß sie für einen kurzen Moment reglos auf dem großen Hotelbett und betrachtete ihr Spiegelbild. Südländischer Typ, dachte sie. Den großzügigen Mund hatte sie von der Mutter geerbt, genauso auch die starken Wangenknochen. Sie mußte ihr Haar nachfärben, der Ansatz wuchs zum Teil schon wieder grau heraus. Auf einmal war es still um sie herum, so still als hätte sich plötzlich eine große Glasglocke über sie gestülpt. Das provençalische Muster der Tagesdecke, die über dem mächtigen Doppelbett lag, wurde auf einmal so riesenhaft groß, als würde sie es unter einer Lupe betrachten. Sie hatte Angst, und auf einmal, es war ganz seltsam, ohne daß sie das gewollt hatte, formte ihr Mund die Worte „Mama verzeih mir“. Während sie den rauhen Klang ihrer Stimme hörte, wurde sie sich der absurden Situation bewußt, kniff die Augen zusammen, schlug die Unterschenkel aneinander und sprang vom Bett auf. Sie erinnerte sich noch, daß sie das alte Foto aus der Brieftasche kramte und dann in ihrer schöngeschwungenen Schrift eine Nachricht für M. Tom hinterließ:
„Such mich nicht, ich weiß nicht ob ich zurückkomme. Isabella.“
Während sie zum Bahnhof ging, dachte sie an den Morgen zurück. Sie war an diesem Morgen aufgewacht, weil der Mann neben ihr sich bewegte. Der massige Körper neben ihr versuchte sich vorsichtig an ihren Rücken zu schmiegen – hilflose, bedürftige Bewegungen in ihrem Rücken. Sie wurde steif, hielt den Atem an und drückte die Augen ganz fest zu. Isabella Montecatini ekelte es. Als seine Anstrengungen heftiger wurden, sprang sie aus dem Bett, hinein in das Bad und drehte das Wasser voll auf. Die Wünsche sprachlos geworden, brachen hervor in stummer Wut und Angst. Die Spannungen verebbten im Schweigen des Raumes.
Die junge Frau in dem roten Kleid mit den nassen Haaren schien etwas enttäuscht oder resigniert zu sein. Einer der Händler sagte zu ihr, daß erst morgen wieder Filme gezeigt würden, jetzt wäre Schluß, basta. Die junge Frau fragte nach dem Büro des Organisationskomitees des Festivals. Der Händler zeigte auf eine der hinter ihr liegenden Gassen und sagte, die haben jetzt auch schon geschlossen. Es war eindeutig zu spät. Die junge Frau dachte auf einmal, es ist auch verrückt, was ich hier tue, nur weil mir ein junger Mann mit dem Namen Sebastiano zu tief in die Augen geschaut hat, stehe ich jetzt hier wie ein begossener Pudel! Sie ärgerte sich über sich selbst. Aber dann fiel ihr der Satz wieder ein, den er während des Gespräches über die frühchristliche Malerei der Renaissance insbesondere aber über die „Verkündigungen“ des Fra Angelico gesagt hatte: „Die Liebe nimmt in den Hoffnungen der Menschen ihren Anfang.“ Oder war es umgekehrt? „Die Hoffnung der Menschen nimmt in der Liebe ihren Anfang.“ Sie entschloß sich gegen die Gesetze der Logik dafür, beide Varianten schön und deshalb beide richtig zu finden. Aber was hatte Sebastiano gemeint?
Isabella Montecatini erinnerte sich, daß es nach langer Zeit wieder die erste gemeinsame Reise war, die sie zusammen unternahmen. M. Tom ging es seit einiger Zeit nicht gut, er litt unter einem zu stark pochendem Herz und Schweißausbrüchen. Für die vom Arzt verschriebene Herzdiät hatte er zuwenig Disziplin und angesichts der vielen repräsentativen Aufgaben war sie wirklich schwer durchzuhalten. Der Arzt hatte einen Kuraufenthalt vorgeschlagen. Er empfahl die Schweiz und ließ sich auf den Vorschlag der beiden ein, hernach noch einen kleinen gemeinsamen Urlaub anzuhängen.
Sie verschwiegen dem Arzt und wahrscheinlich auch sich selber, daß der Urlaub den Spuren ihrer ersten Begegnung folgen sollte und daß der Kur ein Versprechen nicht der Heilung des Körpers so doch der Seelen, ihrer beider wunden Seelen, zugrunde lag. Vielleicht wußten sie es selbst einfach nicht. Beide logen sie den jungen Arzt M. Dumont mit einer nahezu verschwörerischen Heiterkeit an: Seit acht Jahren glücklich verheiratet, ja! – M. Dumont ließ sich schnell von der eloquenten Offenheit der beiden einwickeln. In dem den Franzosen auf den Leib gewachsenen Charme wies er darauf hin, daß er nicht umhin könne, auch ein paar Fragen, die das Intimleben der beiden berührte, anzusprechen, aber die Seele und der Körper wären nun einmal aufeinander angewiesen, und das Problem der Körper-Seele-Trennung könne manches Mal durch offene Worte, durch heilsame Aussprache zu einem liebevolleren Bündnis führen. Die zwei spielten sehr gut, einzig, als M. Dumont fragte, ob denn je ein Kinderwunsch verspürt worden war, setzte ein irritiertes Schweigen ein, das allerdings nur kurz andauerte, denn M. Tom erklärte etwas zu schnell, daß das gewiß ein schwieriger Punkt für sie beide sei, da die berufliche Tätigkeit wenig Zeit lasse, aber im übrigen schließlich doch immer wieder so eine Art ständigen Geburtsvorgang simulierte. Isabella Montecatini dachte an seinen Wutanfall vor sieben Jahren, ihre darauf erlittene Fehlgeburt und schwieg. Ihr Mann kam ihr vor wie ein die Sprache als Mittel nutzender Exorzist. Bereits mit seinen Worten trieb er dem noch nicht Eingetretenen die Erfüllung aus. Im übrigen erinnerte sich Frau Montecatini an die Schadenfreude, die sie durchzog, als er keuchend die großen marmornen Treppen zu dem weißen und Gesundheit ausstrahlendem Kurgebäude emporstieg. Er schwitzte und spürte sein Herz pochen, was schließlich der Grund seines Hier-Seins war. Sie hingegen tat, als bemerke sie nichts, und genoß den Anblick der Pinien, den dunkelgrün gewässerten Rasen, den Duft von Oleander und Hibiskus, den Anblick der Bougainvilleen, die weiche Hügellandschaft.
Nachdem die junge Frau in dem roten Kleid und den nassen Haaren sich fragte, was Sebastiano gemeint haben könne, ließ sie den gestrigen Abend noch einmal Revue passieren. Noch zu später Stunde tummelte sich eine kleine Gesellschaft um die Bar des Hotels, das einen verblichenen Charme hatte und dessen Jugendstilambiente von größeren Tagen erzählte. Bis in den frühen Morgen hinein hielten es aber nur drei Menschen miteinander durch, bestehend aus M. Tom, Sebastiano und sie selbst. Zu ihrer Verblüffung bemerkte sie, daß sich ihr die Frage stellte, mit wem sie nun den Rest des Abends oder besser eigentlich den Morgen verbringen sollte. Die Antwort war dann nicht in ihrem Sinne, aber immerhin auf einfache und unkomplizierte Weise gelöst. Während die Drei sich unterhielten, hörte man im Hintergrund „When the party 's over and all the people have gone you've got to pay the band that played your song“. M. Tom saß neben ihr. Schon etwas beleibter und mit väterlichem Charme hielt er das Gespräch in Gang, das angesichts der späten Stunde etwas schleppend und unkonzentriert verlief. Der junge Mann hatte die Ausstellung mit vorbereitet. Er rauchte ständig und beobachtete die Frau während des ganzen Abends. Sie hatten sich mit einem kleinen seltsam geführten Wortwechsel an der Bar kennengelernt. Er stand neben ihr, während sie auf den Kellner wartete, und sprach sie an.
„Noch ganz schön viel los hier.“
„Zum Glück. Stellen Sie sich vor, jeder hätte es vorgezogen, gleich nach Hause zu gehen. Die Eigenschaft eines Magneten ist nun einmal, daß ihm Anziehungskräfte zu eigen sind.“
„Und was bedeutet Ihr ironisches Lächeln bei diesem Satz?“
„Vielleicht können Sie sich anderes vorstellen, trotzdem aber folgen Sie den Gesetzen der Anziehung?“
„… die immerhin verschiedene Magneten ausüben können.“
Er blickte ihr direkt in die Augen. Seine Pupillen hatten sich während des Gespräches plötzlich geweitet und kurz flackerte ein seltsames Licht in seinen Augen auf. Der Blick traf die Frau unerwartet. Sie spürte eine heiße Welle, die sich langsam unter der Haut brach, ausbreitete und sich überall verteilte. Ihr wurde warm und ihre Knie waren auf einmal weich. Sie hielt sich an der Bartheke fest und sah sich nach dem Kellner um. Dieser nahm gerade die Bestellung eines Paares auf und bedachte sie mit einem Kopfnicken, das bedeutete, Nein, ich habe Sie nicht vergessen. Der junge Mann sagte verständnisvoll, daß es wirklich sehr voll heute abend sei und daß es sich bei Monsieur wohl um einen ziemlich großen Magneten handeln mußte, bei dem Wartezeit einzukalkulieren wäre. Das Gespräch begann einen normalen Verlauf zu nehmen und nach einer Weile setzte die Frau sich zurück zu M. Tom. Bis in den frühen Morgen hinein blieb sie in die Lehne des bequemen Sessels hineingekuschelt und trank. Eine einzige zärtliche Geste hatte indessen gereicht und den Besitzanspruch eines Mannes gegenüber einer Frau markiert. M. Tom hatte der jungen Frau etwas ins Ohr geflüstert, und sie hatte ihren Kopf zärtlich in seine Hand geschmiegt. So fand die Beziehung der jungen Frau zu M. Tom für den jungen Mann, mit Namen Sebastiano, eine ihnen zugehörige gesellschaftliche Rahmung. Dennoch hielt es der junge Mann, der, wie sich während des Gespräches herausstellte, regelmäßig im Organisationskomitee des Filmfestivals beschäftigt war, welches dieser Tage gerade zu Ende ging, bis zum frühen Morgen mit den beiden aus. Irgendwie mußte er sich Hoffnungen machen. Für die Ausstellung des M. Tom war er für einen befreundeten Maler eingesprungen, der plötzlich ein Stipendium für New York bekommen hatte. M. Tom war ein reizender Gastgeber. Indes gab er vor, die unsichtbaren Verbindungen, die sich da zwischen der Frau in dem roten Kleid und jenem jungen Mann hergestellt hatten, nicht zu spüren. Er behauptete sich.
Als Isabella Montecatini in der Schlange vor dem Fahrkartenschalter stand, erinnerte sie sich an einen Urlaubs-Tagesprogrammpunkt: Baden an einer geheimen Stelle mit Wasserfall, Frühstück in der Bar CENTRALE, dann PALAZZO DI BRERA – der tote Christus von Andrea Mantegna, Tempera auf Leinwand 1470-1474. Nach der Plünderung von Mantua gab es den „toten Christus“ lange nicht mehr.
Ihr fiel die Erzählung eines Kollegen ihres Mannes ein, daß einige Soldaten der kaiserlichen Heerscharen bei dem Einzug in den PALAZZO DUCALE ein anderes Bild des Mantegna erschossen hätten. Es zeigte die Hofgesellschaft des Marchese L. Gonzaga mit einem weiblichen Zwerg, der den Betrachter frontal und seltsam starr anschaute, mit einem Blick, der Angst machte. Ein böser Blick, den man überwältigen mußte, wollte man nicht von ihm vernichtet werden. Peng – Peng – Peng.
Frau Montecatini dachte über die Blicke nach, über die Augen, die als Spiegel der Seele galten und in denen sie, so kam es ihr manches Mal vor, tatsächlich lesen konnte. Sie wurde sich bewußt, daß sie an die Seele glaubte, und als sie den toten Christus betrachtete und an die Restaurierung der Darstellung der Hofgesellschaft dachte, fragte sie sich, ob ein Künstler Teile seiner Seele in seinen Werken zurückließ, die irgend jemand irgendwann wiederfinden würde und die solcherart zu einer Art Auferstehung gelangte. Auferstehung in dem Sinne, daß etwas Totgeglaubtes oder Verschwundenes und damit Nicht-Existentes plötzlich wieder ins Leben tritt und damit jeglichen aktuellen Sinn des Lebens zurückwarf auf etwas Einzigartiges, das es schon immer gegeben hatte.
Ihr Mann war schon vorausgeeilt und sortierte wichtige Werke aus der aktuellen Hängung heraus, die sie gesehen haben mußte. Ob Mantegna sich fremd in der Welt des Hofes gefühlt hatte, ob er ein ironisches Verhältnis zu seinen Auftraggebern und Statthaltern der Macht einnehmen durfte, wie sie es bei Tizian vermutete. Wie hatte er diese Farben gefunden? Mußte er eine Angst bannen, den toten Christus so zu malen? Oder war er ein frommer Maler, der beim Malen des Toten eine wunderbare Andacht vollzog? Glaubte er an die Auferstehung der Seele nach dem Tod? Konnte man den toten Christus als eine Auslegung dieser Hoffnung lesen? Hätte Luther diesen Jesus gut gefunden? Der ihr die Kunstgeschichte hoch und runter vorauseilende Mann sah, was wichtig war. Die Frau dachte: „Ich könnte ihm den Hals zudrücken und seine Augen zurück in ihre Höhlen quetschen – damit er sehen lernt, wo zu sehen ist, und hört, welche andere Sprache neben dem Geplapper seiner überstrapazierten Stimmbänder noch in ihm existiert.
Sie sah sich ein Blutbad neben dem grünlichen Mantegna-Jesus anrichten. Zerfleischung eines Körpers, um an das Unsichtbare zu gelangen, das es nicht gab. Ihr Mann lächelte ihr von weitem zu und winkte. „Meine Liebe, wir sollten uns ein wenig beeilen - soviel Zeit haben wir nicht.“ Frau Montecatini erinnert sich noch daran, daß sie die Zähne zusammenbiß und wie sie zurück in ihre Kälte fiel.
Die junge Frau in dem roten Kleid spazierte dreimal um den Platz herum. Sie betrat zögerlich suchend einige Bars, verließ diese aber sofort wieder. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen und einige Händler begannen ihre Stände abzubauen. Es war schon nach Mitternacht und jetzt zeigte sich niemand mehr. Die Frau betrat schließlich doch die größte Bar des Platzes, bestellt einen Kaffee und erkundigte sich bei dem Kellner nach einem jungen Mann mit dem Namen Sebastiano, einem mittelgroßen, drahtigen dunkelhaarigen Mann. Der Kellner machte erst einen Scherz, er selbst hieße doch Sebastiano, ob la bella nicht vielleicht zufällig ihn meine? zuckte dann aber mit den Schultern und fragte, wer das denn sein solle. Sie antwortete, er habe mit der Organisation des Festivals zu tun. Er gab ihr den Tip, es in dem Foyer des großen städtischen Kinos zu versuchen. Sie zahlte und ging zurück, woher sie gekommen war. Das Kino war auf der anderen Seite der Stadt. Während sie durch die mittlerweile abgekühlten Gassen lief, entschied sie sich, daß Sebastiano gemeint haben mußte: Die Liebe nimmt in den Hoffnungen der Menschen ihren Anfang. Und sie wiederholte diesen Satz so lange, bis sie vor dem Kino stand. Das Foyer des Kinos war leer bis auf eine dicht zusammenstehende Gruppe von jungen Männern. Die Frau in dem roten Kleid nahm ihren Mut zusammen, ging direkt auf die Gruppe zu und fragte so, als wäre es das selbstverständlichste von der Welt, ob jemand wisse, wo Sebastiano stecke. Die Männer schauten sie ein wenig überrascht an, vielsagende Blicke wurden verschickt, aber bevor einer von ihnen ein Spielchen anfangen konnte, antwortete ihr einer der Männer, Sebastiano sei an diesem Abend zu seinem Vater nach Turin gefahren, denn diesem ginge es wohl sehr schlecht, er habe einen Schlaganfall erlitten. Die Frau in dem roten Kleid erschrak und wandte sich zum Gehen, aber einer der jungen Männer hielt sie auf und schlug ihr vor, Sebastiano anzurufen, falls es sehr dringend sei. Sebastiano müsse jetzt noch zu Hause zu erreichen sein, da er noch ein paar Sachen packen wollte. Außerdem mußte er seine Katze noch zu seinen Nachbarn bringen, damit diese während seiner Abwesenheit versorgt sei. Sie riß sich einen Zettel aus ihrem Kalender und schrieb die Telefonnummer auf. Dann ließ sie sich vom Kino aus verbinden. Nach einiger Zeit hörte sie eine Männerstimme „Pronto“, sagen. Die Frau sagte nur: „Ich bin‘s. Die Frau von gestern.“ Es folgte eine lange Stille, in der nur das Atmen der Frau war. Sebastiano sagte schließlich: „Ich habe auf dich gewartet, aber nicht mit dir gerechnet. Ich fahre in cirka einer Viertelstunde nach Turin.“ Die Frau sagte: „Ich weiß“ – „Kommst du mit?“ Die Frau schwieg – ihr Herz klopfte wild –, die Frau schwieg. Sebastiano hängte ein. Er hatte keine Zeit zu verlieren.
Sie kaufte sich eine Tageszeitung, bevor sie den Zug bestieg, erinnerte Isabella Montecatini sich. Sie las nur die Kritiken über die Filme. Der Zug fuhr zum Glück durch, sie mußte nicht umsteigen. Je näher sie kam, desto mehr füllte sich der Zug mit jungen Menschen, die alle zu dem Festival unterwegs waren. Eine seltsame Ruhe durchströmte sie auf einmal. Tatsächlich stiegen die meisten in Locarno aus. Angekommen schlug sie sofort den Weg Richtung Altstadt zur piazza grande ein. Es war immer noch sehr heiß, und die schattigen Plätze unter den Arkaden waren übersät mit Menschen. Sie betrat die größte Bar des Platzes. Sie bestellte einen Kaffee, öffnete ihre Tasche und suchte darin etwas. Im Hintergrund dudelte Jazz – „love had to go – had to play – love is away – away from a play – of fooling the day – with tear drops and headaches – all of again – only a game – a kiss or a show – reaching for my hand – love walked away – sighing to leave – love walked away and I walked away with love. Frau Montecatini dachte an das Foto, das sie auf dem Bett des Hotels zurückgelassen hatte und das sie selbst in einem roten Kleid vor zehn Jahren zeigte. Schließlich kramte sie einen zerknitterten Zettel hervor, auf dem eine Telefonnummer stand. Sie wartete einen Moment, bestellte sich noch einen Cognac, schüttete diesen mit einem Mal hinunter und fragte den Kellner schließlich nach dem Telephon. Während sie die Treppen zu dem Telephon hinunterging, dachte sie, die Liebe nimmt in den Hoffnungen der Menschen ihren Anfang.
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