Leseprobe
aus Uwe Appelbe: Draußen in der Nacht. Unheimliche Geschichten
Leute eurer Art
Woking
Einem Schutzgürtel aus Beton gleich umschließt die dreispurige M25 London. Ein Band aus Stahl und Stein trennt das Land von der Hauptstadt. Hinter dem unablässigen Strom aus Personen– und Lastkraftwagen liegen die schönen Landschaften Südenglands. Hält man sich westlich von London, beginnt eine Reise nicht nur zu altertümlichen Dörfern und historischen Städten, die in einer parkähnlichen Landschaft verschlafen liegen, sondern auch eine Reise durch die Zeit. Je weiter westlich, desto tiefer dringt man in die Geschichte des Landes ein, vorbei an mittelalterlichen Kathedralen und herrschaftlichen Gutshäusern, bis zu Orten wie Stonehenge oder den Siedlungen aus der Bronzezeit im Dartmoor. Dort ahnt man die Weite der Zeit, die verflossen ist, seitdem die Insel von Menschenhand berührt wurde.
Es scheint so, als müsste London sich davor schützen. Von jeher empfanden die Bewohner der Hauptstadt das sie umgebende Land als unkultiviert. Allenfalls besuchte man seine Verwandten in den ländlichen Grafschaften zu einem sommerlichen Wochenendausflug. Für die Viktorianer war schon Sussex Wildnis, und Cornwall galt als Ort voller Schmuggler, Verbrecher und unheimlicher Gestalten. Conan Doyle lässt keinen Zweifel darüber, dass seinem Helden Sherlock Holmes bei seinen gelegentlichen Besuchen in der Provinz ein gewisses Unwohlsein befällt; wie immer, wenn ein Zivilisierter auf vermeintlich Rückständige trifft.
Direkt hinter der M25 liegt eine verwirrende Anzahl kleiner und kleinster Orte und Städte, miteinander verbunden durch unzählige Straßen und Wege. Dazwischen finden sich Wälder und Auen, alte Häuser und Ruinen. Das alte und das moderne England verschmelzen in diesem Gebiet zu einem undurchsichtigen Gemenge. Immer noch geht der Londoner, mit seinen klaren Vorstellungen von Wegen und Richtungen, in diesem verwilderten Garten gerne verloren. Bei Regen und in der Nacht weicht dann so mancher ungewollt vom Wege ab und findet sich an Orten wieder, die er besser nicht betreten hätte.
Wie lächerlich Andrew doch aussah. Er gestikulierte wild mit den Händen, während er auf den Tankwart einredete. Sein Kopf fiel dabei ständig von einer Seite auf die andere. Ein Hampelmann, den ein kleines Mädchen immer wieder springen ließ. Der Tankwart stand stocksteif vor ihm, zog den Kragen seiner Dienstuniform zurecht. Im Neonlicht der Deckenleuchten erinnerten sie beide an die vergilbten Fotos ungeliebter Verwandter.
Hazel beobachtete ihren Mann vom Wagen aus, puderte sich die Nase und strich mit der Hand ihre Haare zurecht. Sie blickte auf die Uhr neben dem Tachometer. Es war kurz vor neun. Seit drei Stunden suchten sie den Weg nach Woking. Ein scheinbar sinnloses Unterfangen. Zum Glück hatte der Regen nachgelassen.
Eine junge Frau in einem durchnässten Ballkleid verließ lachend den Verkaufsraum. Vor ihrer Brust schleppte sie einen Berg aus Dosenbier, Zigaretten, Videobändern und Zeitschriften. Der Tankwart hob kurz die Hand zum Gruß, um sich dann wieder mit ernster Miene dem aufgebrachten Andrew zu widmen. Die Frau lief an ihrem Wagen vorbei, nickte Hazel zu und verschwand in der dunklen Passage zwischen Garage und Schnellrestaurant. Die an Drähten gespannte Leuchtreklame schwang über ihr bedächtig im Wind. Der Himmel war pechschwarz. Hazel konnte keine Sterne entdecken.
Ungeduldig begann sie mit den Fingern auf den Plastikdeckel des Handschuhfaches zu klopfen. Der Gummihund auf dem Armaturenbrett zitterte unter den Schlägen. Sein Halsband verzierte der Spruch All things remain in God. Hazel holte den Lippenstift aus ihrer Handtasche.
Die Scheinwerfer eines Wagens verfingen sich in ihrem Spiegel. Einem Luftkissenboot gleich schwebte eine weiße Limousine über den Platz, schlängelte sich entlang der markierten Linie und kam vor dem orange gestrichenen Schnellrestaurant zur Ruhe. Fasziniert beobachtete sie, wie sich der Wagen mit einem leichten Zischen sanft senkte. Sein Scheinwerferlicht fingerte durch die Dunkelheit hinter der gläsernen Front der Raststätte, tastete über leere Stühle und Bänke. Aus der Tiefe des gläsernen Gebäudes grinste ein Pappclown. Plastikflaschen und Gläser stapelten sich vor den Registrierkassen. Deutlich baumelte das Schild OPEN an der Tür. Trotzdem war kein Mensch zu sehen.
Die Scheinwerfer des Wagens erloschen. Blitzartig floss die Nacht wie schwarzes Erdöl in den Raum.
„Wir sind vollkommen falsch.“
Andrew reichte ihr einen Stapel Zeitschriften und mehrere Dosen. Er ließ sich in den Sitz fallen, startete den Motor und steuerte den Wagen auf die schlecht ausgeleuchtete Straße.
„Worüber hast du mit dem Tankwart geplaudert?“
Sie blätterte durch die mitgebrachten Magazine. Ein nackter junger Mann, kräftig gebaut, mit blondem, lockigem Haar diente einer schwarz gekleideten Frau als Stuhl.
„Über dieses und jenes. Was ihm so widerfährt, wenn er Nachtschicht hat.“
Auf der nächsten Seite ließ sich die Frau im Anzug von einem nackten Jüngling die Schuhe putzen.
„Du warst lange weg. Nicht gerade angenehm, hier draußen auf dich zu warten“, sagte sie.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass du dich vor irgend etwas fürchtest“, antwortete er.
Sie schaute in den Rückspiegel. Der weiße Wagen folgte ihnen.
„Hast du die Limousine gesehen?“
„Die auf dem Rastplatz? Solche sieht man jetzt überall. Man kann sie mieten.“
„Mieten?“
„Ja, um mit seinen Freunden durch die Gegend zu fahren und vor Kollegen anzugeben.“
„Seltsam.“
„Wieso?“
„Nur ein ungutes Gefühl.“
„In der Nacht bildet man sich vieles ein“, sagte er.
Sie nickte, als würde sie ihm zustimmen und blätterte durch die Magazine.
„Warum hast du nur Pornos gekauft?“
„Der Tankwart hat sie mir geschenkt. Er wollte sie loswerden.“
Verwundert schaute sie auf.
„Er sagte, er könne nachts unmöglich den Anblick von nackten Frauen ertragen. So ungefähr hat er sich ausgedrückt. Tagsüber schaue er sich die Hefte gerne an, aber nachts wäre es ihm unmöglich. Ein seltsamer Kerl.“
„Die Hefte haben sich sehr verändert. Sie machten früher bessere Fotos – nicht so künstlich.“
Ihre Finger betasteten das Bild zweier nackter Frauen, die auf einem rosaroten Himmelbett lagen und sich gegenseitig durch Cunnilingus stimulierten. Ein großer Hund mit einer gelben Schleife im Fell saß davor und schaute ihnen beim Liebesspiel zu.
„Blödsinn. Früher waren die Hefte genauso albern wie heute.“
„Jedes Mal wenn ich ein solches Heft in der Hand halte, muss ich an die Sache von damals denken. Du hast ihn in der Schulkantine erwischt, oder?“, sagte sie.
„Er hatte geglaubt, das Mittagessen wäre wegen des Ausflugs ausgefallen. Er hatte ganz vergessen, dass nur die untersten Klassen zum Strand gefahren waren. Ich kann mich noch genau an dieses dummdreiste Gesicht erinnern. Pickel hatte der Kerl. Sein Gesicht sah aus, als hätte er die Masern. Sein Haar wurde immer von seiner Mutter am Wochenende kurz geschoren und er trug eine Brille, die Gläser groß wie Wagenräder. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, als sich wichsend vor Papierschönheiten aufzubauen. Er bekam sowieso keine ab. Edward hieß er noch zum Überfluss.“
„Wenn man bedenkt, dass du wegen dieser Sache deine Laufbahn als Lehrer an den Nagel hängen konntest – eigentlich lächerlich. Ich verstehe bis heute nicht, warum du seiner Behauptung, er hätte das Heft vom Direktor bekommen, Glauben geschenkt hast. Ein Disziplinarverfahren einzuleiten, wegen einer solchen Unwichtigkeit – absurd!“
Sie schlug das Heft zu und warf es auf den Rücksitz.
„Ich glaube es immer noch“, sagte Andrew sehr bestimmt, „auch glaube ich, dass alle in seinem Jahrgang solche Hefte erhielten wenn sie dem Direktor gefällig waren. Heath war ein solches Schwein.“
„Ein erfolgreiches Schwein, das sich mit einer schönen Rente auf einem Landsitz in Sussex ausruht, während du hingegen missratenen Töchtern aus reichem Haus die Hausaufgaben korrigierst.“
„Wenn du nicht zufälligerweise mit dem Sohn unseres hoch geschätzten Heath eine Affäre gehabt hättest, wäre die Sache vielleicht anders verlaufen“, antwortete er, „das hat sicherlich ein schlechtes Licht auf mich geworfen.“
„Ich bitte dich. Die Sache mit George lief doch schon ein halbes Jahr. Das war doch keine böse Absicht.“
Andrew antwortete nicht. Er umklammerte das Lenkrad und starrte auf die regennasse Straße. Hazel klappte den Sonnenschutz an ihrer Seite herunter, blickte in den kleinen Spiegel, überprüfte die Farbe ihrer Lippen und korrigierte mit dem Stift einzelne Stellen.
Nachdem der Stift mit einem lauten Klacken in ihrer Handtasche verschwunden war, schaute sie ihn an und sagte:
„Du kennst die Gründe. Ich bin dir immer dankbar gewesen, dass du soviel Verständnis zeigtest. Es ist doch unwichtig, was die anderen von uns denken. Andere Frauen hätten sich einfach scheiden lassen, das weißt du. Der Nichtvollzug einer Ehe gilt als ausreichender Grund.“
Er nickte müde. Mit einer hastigen Geste wusch er sich Tränenflüssigkeit aus den Augen. Beide schwiegen. Die weiße Limousine erschien neben ihnen. Hinter den schwarzen Scheiben des Straßenkreuzers sah sie die Fratze einer Frau. Erschrocken wollte sie Andrew darauf aufmerksam machen, als ihr bewusst wurde, dass das Glas spiegelte.
Dann zog der Wagen an ihnen vorbei. Der Abstand zu den Rücklichtern vergrößerte sich schnell. Die Lichter wurden immer schwächer, bis sich die Nacht hinter ihnen schloss. Übrig blieb die leere Straße und das Klopfen des Regens auf dem Dach.
„Vielleicht sollte ich doch noch mal einen Arzt aufsuchen. Da soll es in Cambridge einen Spezialisten geben“, sagte er schließlich.
„Wenn du meinst.“
„Allerdings soll er nicht billig sein.“
„Sie sind nie billig“, sagte sie.
Weitere Minuten vergingen, ohne dass sie miteinander sprachen. Sie schaltete das Radio ein. Eine krächzende Stimme gab die Cricket–Ergebnisse durch. Sie suchte nach einem anderen Sender, fand nur Rauschen und Knarren und schaltete das Gerät wieder aus.
„Wann endet diese Straße denn bloß?“
„Ich weiß auch nicht“, antwortete er, „eigentlich hätte die Abzweigung nach Woking schon längst kommen müssen.“
„Ich stelle fest, du hast keine Ahnung, wo wir sind.“
„Wir können nicht weit von der Autobahn entfernt sein.“ Gelangweilt griff sie erneut zu den Heften auf dem Rücksitz. Diesmal waren ausschließlich Frauen in zu knappen Krankenschwesteruniformen abgebildet.
„Diese Fetischmagazine sind wirklich putzig. Sie erinnern an Kinderfantasien.“
„Hier müsste irgendwann ein Hinweisschild zu einem Schloss oder einem Kloster kommen.“
„Müssen wir wirklich nach Woking fahren? Es hat doch keinen Sinn.“
„Du weißt ganz genau warum“, sagte er.
„Ja, um deinen Bruder zu besuchen. Immerhin geht es um eine Stelle in seinem Betrieb.“
„Genau, schließlich besitzen wir außer dem Wagen nicht viel.“
„Andrew“, beim Bild von zwei nackten Männern, die Hände haltend am einem Strand standen, blieb sie hängen, „wie teuer ist ein solcher Spezialist?“
Er gab keine Antwort.
Irgendwann musste er von der Hauptstraße abgekommen sein, denn der Weg wurde deutlich schmaler und uneben. Die Bäume rückten näher heran und spannten ihre Äste über den Fahrweg. Immer öfter preschte der Wagen durch große Schlaglöcher, voll gelaufen mit Regen. Wasser schlug gegen die Frontscheibe. Die Straßenlaternen, deren Schein zuerst noch regelmäßig als helle Inseln die Nacht durchbrochen hatten, wurden spärlicher und verschwanden schließlich vollständig. Dann ragten plötzlich an beiden Seiten Felsblöcke aus der Dunkelheit hervor, Megalithen gleich, jeweils drei, geschliffen wie die Zähne eines ausgestorbenen Raubtieres, und streckten ihre Zacken in den Fahrweg hinein. Augenblicklich wurde die Straße noch schlechter, verwandelte sich in eine mit Kies gesäumte Trasse.
Hazel vergrub sich in den Sitz und starrte auf die Äste der Bäume, die ihr Netz immer dichter zogen. Zwischen den vom hellen Scheinwerferlicht weiß gestrichenen Zweigen blitzte eine totale Nacht hervor. Ab und zu sah sie Schatten, wahrscheinlich Fledermäuse, die auseinander stoben wie Pfeile.
Sie kniff die Augen zu, weil sie meinte hinter den Ästen rote Punkte erkennen zu können, wie kleine Flammen, oder gierige Augen. Doch dann waren es nur Zweige im Scheinwerferlicht.
„Was einem die Nacht alles vorspielt“, sagte sie.
Hinter einer lang gezogenen Kurve geschah es. Der Wagen geriet aus der Bahn. Der alte Rover stellte sich quer. Andrew riss hilflos das Steuer hin und her. Als sie seine entsetzten Augen sah, musste sie lachen. Dann hämmerte in kurzen Abständen irgendetwas gegen den blechernen Boden, und der Wagen glitt, sanft, wie eine stürzende Eiskunstläuferin, das Heck zuerst, in den Straßengraben. Die Bäume kippten zur Seite als wären sie es plötzlich müde, aufrecht zu stehen.
Ihr Lachen verstummte, der Motor schwieg. Selbst das Pochen des Regens versickerte. Stattdessen fingerte Mondlicht durch die aufreißende Wolkendecke, tastete sich über die Motorhaube in die Kabine hinein.
„Können Sie aufstehen?“
Vor ihm stand ein Mann, perfekt gekleidet in einem schwarzen Anzug und sah ihn an.
„Hazel“, sagte Andrew.
„Ihrer Frau geht es gut; sehen Sie.“
Der Fremde deutete auf die weiße Limousine, die ein paar Meter entfernt am Wegesrand wartete. An der offenen Vordertür stand Hazel, aufrecht, scheinbar unverletzt, den Kopf leicht nach vorn gebeugt und starrte in das Wageninnere.
„Können Sie aufstehen?“, fragte der Mann erneut.
„Ich glaube schon“, sagte Andrew und drehte seinen Oberkörper vorsichtig nach links.
Ein starker Schmerz in der Brust ließ ihn bereuen, keinen Sicherheitsgurt getragen zu haben.
Er sah dem Mann ins Gesicht. Seine Augen, die ihn mehr neugierig denn besorgt anschauten, saßen in viel zu großen Höhlen, als wären sie nachträglich eingesetzt worden. Der Fremde beugte sich vor und strich mit seinen Fingerspitzen über Andrews Schulter und Hals.
„Scheinbar keine ernsthafte Verletzung“, sagte er, richtete sich auf und hielt den Daumen hoch; eine Geste, die eher einem Jockey nach gewonnenem Rennen zukam.
Andrew schaute zum Wagen hinüber. Hazel war nicht zu sehen. Der Wagen stand alleine im Mondlicht, die Vordertür weit offen.
„Haben Sie die Polizei informiert?“
„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte der Mann, „alles ist gerichtet. Es wird allerdings eine Weile dauern, die nächste Station ist nicht gerade um die Ecke.“
„Wo sind wir eigentlich?“
„Sie wissen nicht, wo Sie sind?“
In den Augen des Fremden schimmerte ein mattes Glühen.
„Nach Compton habe ich die Orientierung verloren. Seltsam, man ist so nahe bei London, und trotzdem sind die Wege verlassen.“
„Das ist ein sehr alter Weg. Seitdem die Autobahn gebaut wurde, wird er kaum noch benutzt. Sie haben Glück gehabt, dass wir vorbeigekommen sind.“
„Scheint so“, sagte Andrew und streckte seinen Arm aus.
Der Schmerz meldete sich sofort wieder. Er biss die Zähne zusammen, berührte mit den Fingern das Armaturenbrett unter der zersplitterten Glasscheibe. Der Gummihund stand immer noch an derselben Stelle. Nur das kleine Plastikschild war verschwunden.
„Wenn Sie mir helfen, könnte ich es schaffen, aus dem Wagen zu kommen“, sagte er.
„Sie bleiben, wo Sie sind“, befahl der Fremde.
Seine Mundwinkel zogen sich zusammen und seine Augäpfel wurden transparent, wie Milchglas vor einer endlosen Leere.
„Holen Sie bitte meine Frau.“
Der Mann deutete mit dem Kopf zum Wagen.
„Seien Sie ruhig, sehen Sie nicht, dass sie gerade vorgestellt wird?“
„Was meinen Sie damit?“
Andrew blickte zur Limousine. Der Wagen stand unverändert an der gleichen Stelle. Die geöffnete Vordertür schwankte leicht im Wind. Ein Bilderbuchvollmond ließ sein Blech blitzen. Hazel konnte er nirgendwo entdecken. Die getönten Gläser machten es unmöglich auch nur einen Schatten von dem, was sich im Wageninneren abspielte, zu erahnen.
Erst nach einiger Zeit sah er, dass sich etwas hinter der geöffneten Tür bewegte. Langsam und kriechend, wie eine Natter, schob sich ein bleicher Stumpf nach vorne – nicht weit, so dass er nicht klar erkennen konnte, was es war – und zog sich wieder in die Finsternis des Wagens zurück, um dann wieder hervorzutreten. Ein glattes, helles Ding, das im Mondlicht schimmerte. Dabei war es durchsichtig wie das Fleisch einer Qualle. Darüber schwebend sah er Hazel mit geschlossenen Augen und seltsam bleicher Haut. Nur für einen Augenblick: Eine Wolke trat vor den Mond, und ihr Gesicht verschwand. Übrig blieb dieses Ding, das sich weiter aus dem Wagen herausschob und dabei die Form einer kopflosen Schlange annahm. Als die Länge eines Unterarmes sichtbar geworden war, richtete sich die vordere Spitze ein wenig auf.
Andrew presste die Hand auf seinen Mund, um nicht zu schreien.
„Verzeihen Sie, die Königin ruft mich“, sagte der Mann und schritt auf den Wagen zu.
Andrew folgte entsetzt dem würdevollen Gang des Mannes, der elegant über den moosigen Boden schritt und dabei immer mehr an körperlicher Substanz verlor. Am Ende des kurzen Weges, für den er unendlich lange brauchte, war seine Haut fast transparent. Durch seine großen Hände schimmerten die Zweige der Bäume.
Der Mann beugte sich nach vorn, verharrte einen halben Meter vor dem aufgerichteten Ende des Dinges. Er erinnerte in grotesker Weise an einen Soldaten, der seine Befehle von seinem Vorgesetzten entgegennahm. Als er sich wieder aufrichtete und zu Andrew herüberschaute, waren seine Augen dünn und gelb, wie die eines hungrigen Reptils, und plötzlich erklang, leise, aber deutlich, aus der Finsternis des Wagens heraus Hazels Wimmern. Es erinnerte an ein Kind, das unter Schlägen Dinge tut, die es nicht tun will, ein hilfloses Schluchzen aus einer blechernen Höhle.
Andrew zog sich am Lenkrad hoch, presste die Zähne zusammen und wuchtete sich aus dem Wagen. Er stürzte nach vorne, schlug mit dem Kopf gegen die Wagentür und fiel auf den Rücken, die Beine hoffnungslos zwischen Lenkrad und Sitz eingeklemmt.
Über ihm spannte sich ein Sternenhimmel, durchbrochen von den Ästen der Bäume, die im Wind hin und her schaukelten. Er hörte die Schritte des Mannes, der sich wieder näherte, das Aufschlagen einer großen Masse auf dem Waldboden und schloss vor Entsetzen die Augen. Hazel war furchtbaren Qualen ausgesetzt, und er lag hier auf dem Boden, hilflos wie ein Käfer, und konnte nichts tun. Seine Wut schlug schnell in Verzweiflung um, und er fing an zu weinen, zuerst verstohlen, doch dann unkontrolliert heftig, so dass er nicht das Knacken der kleinen Äste unter den Schuhen des Mannes hören musste und Hazels Schluchzen durch sein eigenes übertönt wurde. Er lag da, die Augen geschlossen und heulte wie ein Kind in der Dunkelheit.
„Er steht neben mir, ich spüre seine Nähe“, sagte er sich und drehte den Kopf hilflos hin und her.
Als er unverhofft eine Hand auf seiner Stirn spürte, schlug er die Augen auf.
Neben ihm stand ein Mädchen. Es trug eine Schuluniform und hatte blondes Haar, das in modischen Locken sein Gesicht umrahmte. Es schaute ihn verblüfft an.
„Haben Sie denn die Wächter nicht gesehen?“
Andrew schüttelte den Kopf.
„Sie haben hier nichts zu suchen, dass wissen Sie doch. Jedenfalls nicht um diese Jahreszeit.“
„Wer bist du?“
„Leute eurer Art vergessen so schnell. Als wärt ihr schon immer hier gewesen. Dann bringt ihr euch in Situationen, aus denen ihr nicht mehr herausfindet. Ihr habt nachts in diesen Wäldern nichts verloren. Ihr habt doch die falschen Augen.“
Andrew wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Plötzlich war es ihm peinlich, geweint zu haben.
„Wo ist meine Frau? Ist sie im Wagen?“
Das Kind stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute hinüber zur Limousine.
„Ja“, sagte sie, „sie ist bei ihr. Eine hübsche Frau haben Sie. Ich gratuliere.“
„Was heißt das, beim wem ist sie und was macht sie?“
„Sie würden es nicht wissen wollen. Für Leute wie Sie ist das Ganze nicht angenehm anzuschauen.“
Andrew versuchte, sich aufzurichten.
„Lassen Sie das. Sie können doch nichts tun.“
„Und er“, fragte Andrew, „was macht er?“
„Er wartet.“
„Worauf?“
„Dass ich gehe und er Sie für die Königin präparieren kann. Sie kann nur vorverdaute Nahrung zu sich nehmen.“
„Wie eine Spinne?“
„Sie ist so etwas Ähnliches – und doch wieder anders. Sie ist die letzte ihrer Gattung und älter als das Land“, antwortete das Mädchen, „schon die ersten deiner Art haben ihr gehuldigt. Die Kelten haben sie gefürchtet, und selbst Cromwell hat verordnet, dass dieses Stück Land niemals bewirtschaftet werden soll, da er ihre Macht respektierte. Aber warum weinen Sie?“
Tatsächlich liefen ihm wieder die Tränen über die Wangen, sosehr er sich auch bemühte, sich zu kontrollieren.
„Weil ich mich fürchte“, sagte er, „und du über das Ding im Wagen mit soviel Stolz redest.“
„Natürlich, schließlich ist sie meine Mutter. Aber“, und damit kniete es nieder, „fürchten Sie sich nicht, solange ich bei Ihnen bin, werden weder er noch sie Ihnen etwas tun.“
„Bleibst du bei mir?“
„Wenn Sie mir gefallen.“
„Was muss ich tun, um dir zu gefallen?“
Das Mädchen hielt seinen Zeigefinger vor dem Mund und schaute nachdenklich. Über ihrem blonden Haar funkelten die Sterne. Ein Flugzeug zog seine Bahn zwischen den leuchtenden Punkten. Er fand es tröstend, dass dort oben Menschen wie er versuchten, Schlaf zu finden oder einen Martini tranken. Es gab also noch eine Welt außerhalb dieses Waldes.
„Für Ihr Alter sehen Sie gut aus. Sie sind nicht zu dick und haben noch die meisten Haare. Außerdem gefielen mir schon immer Männer mit dunklen Augen. Ich glaube, wenn Sie mich küssen würden, ich meine, richtig wie im Kino, dann würde ich bei Ihnen bleiben, bis die Sonne aufgeht.“
„Und meine Frau?“
„Machen Sie sich um die keine Sorgen. Sie lieben sich doch, was sollte sie denn gegen einen harmlosen Kuss haben?“
„Sicher, du hast Recht“, sagte er, „ich glaube wir könnten es wagen.“
„Gefalle ich Ihnen denn?“
„Ich finde, du bist ein hübsches Mädchen“, sagte er und blickte durch die Zweige in den Himmel.
Das Flugzeug war verschwunden.
„Schließen Sie die Augen“, hauchte sie.
Er traute sich erst nach einiger Zeit, ihrem Wunsch zu folgen, da er Angst hatte, sie würde sich in irgendein Tier oder etwas noch Schlimmeres verwandeln, auch waren die Schritte auf dem Waldboden wieder zu hören und jemand schrie vor Schmerzen. Doch bald verdrängte eine tiefe Ruhe seine Furcht. Ihre Lippen waren schwer und süß und die Zunge flink wie eine Schlange. Er hatte das Gefühl, sie würde in seinem Rachen etwas ablegen, kleine, honigsüße Eier vielleicht, und er fühlte sich auf seltsame Weise gesättigt und geschützt.
Als die ersten Sonnenstrahlen seine Stirn streiften, schlug er die Augen auf. Vereinzelt schnatterten Vögel. Über ihm spannte sich ein klarer Himmel, in dem Wolken wie Schiffe trieben. Ein Flugzeug schnitt weiße Streifen mitten durch das Blau. Diesmal kam es ihm wie ein Störenfried vor.
Nicht fern von ihm sprachen mehrere Menschen. Jemand mit einer dunklen Stimme redete sehr förmlich; andere plapperten hektisch und aufgeregt. Er erkannte Hazels Stimme.
Sie lebte also, und alles war gut gegangen. Sie beide hatten es überstanden, und er trug die Früchte des Waldes in sich. Er spürte noch den honigsüßen Geschmack in seinem Mund. Andrew lächelte und verfolgte die treibenden Wolken. Wie friedlich alles war. Er würde diesen Wald nie wieder verlassen.
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