Leseprobe
aus Eva Scala: Die geheimsten Wünsche. Erzählungen (Vollständiger Abdruck aus der Titelerzählung Die geheimsten Wünsche)
Da steh ich nun und kann nicht anders – haha. Aber nach drei Tagen möcht ich meine Seminararbeit im Kasten haben, wenigstens. Zu Hause haben sie gemeint, das kann nur schief gehen mit Goldie, jeder Besuch bisher sei ein Fiasko gewesen, und auch ich erinnere mich an Schreiduelle und überstürzte Abreisen und das abschließende Gezänk im Auto. Vati hat sie ja immer verteidigt, sie zumindest amüsant gefunden: „Du hast es leicht, bist ja nicht mir ihr verwandt“, war jedes Mal Muttis giftiges Schlußstatement.
Der Vorwand: Goldies Geburtstag, das Einstandsgeschenk: eine Geburtstagstorte, mit rosa Marzipanimitat überzogen, 35 Euro, die muß ich armer Ritter beim Eintritt ins Schloß dem Ungeheuer in den Rachen werfen und damit milde stimmen, nur Prinzessin winkt mir keine, hab ich einmal das Innerste des Fischerhäusels erreicht, aber hoffentlich ein gutes Interview mit dem alten Drachen.
Ich klopf für alle Fälle, vielleicht hat sie die Glocke überhört.
„Geklopft wird in diesem Haus nicht!“
Hat doch was genützt der Lärm, sie steht schon hinter der Tür.
„Wer ist?“
„Der Hans, wir haben telefoniert.“
Hoffentlich mutet sie mir nicht zu, die Eingangstür zu ölen und die Birne im Vorhaus auszuwechseln. Die Tür öffnet sich einen breiten Spalt.
Über die Brillengläser hinweg ein scharfer Blick zu mir herauf. „Willkommen im Fischerhäusel! Der Hans, ein Koffer und eine rosarote Torte, was das wohl bedeuten mag? Ich koch uns einen Kaffee zum Einstand.“
Nach drei Stunden sitzen wir immer noch am Tisch in der Veranda, es ist kalt, die Veranda läßt sich schlecht heizen, aber der Papagei hat seinen Platz hier, und so sitzt auch Goldie meistens da, in eine dicke Decke gewickelt – und redet und redet.
Sie sind vollkommen aufeinander eingestellt Tante Goldie und der Habakuk – uralt beide, sie exakt zweiundachtzig, auf die Geburtstagstorte ließ er zwei Kerzen stecken, was ihr ein verächtliches Schnauben entlockt hat: „Da macht mich meine Verwandtschaft zum Windelkindchen –wie freundlich!“
Und wie alt ist er? Tante Goldie weiß es nicht, aber nach dem zweiten Weltkrieg war er schon ein ausgewachsenes Exemplar.
„Die Milli, deine Großtante x–ten Grades war ja mit einem Seekadett verheiratet, einem der einmal Korvettenkapitän hätte werden sollen. Klingt gut, nicht, aber als sie diesen Korvettenkapitän in spe kennengelernt hat, war der längst kein schneidiger Offizier mehr, sondern ein kleiner Beamter in der Stadtverwaltung, nicht einmal die Matura haben sie ihm anerkannt, waren ja auch genug Gestrandete aus allen Erblanden zu versorgen damals 1919 und 20, sind gottlob genug zusammen kartätscht worden und ersoffen, gerade aus der Kriegsmarine, aber noch immer genug für diesen Zwergenstaat zum Versorgen. Und die Invaliden sind bevorzugt versorgt worden, das war so ein Rest von Ehrgefühl, respektabel, aber sinnlos wie ein Kropf. Wird dir ein Fuß weggeschossen, eine Hand amputiert oder steckt dir ein Schrapnell irgendwo zwischen den Gedärmen, was hast du noch groß Interesse an allen Lächerlichkeiten: wie du günstig einkaufst und wie du heute mehr absetzt als gestern, du bleibst immer mit einem Teil deiner Seele in der anderen Welt.
Und da sind diese Einbeinigen und Einarmigen hinter ihren Schreibtischen so fett und leblos geworden wie die Aktenberge vor ihnen und nichts ist weitergegangen – gar nichts. Da hat ein Hitler kommen müssen und seine schneidigen Burschen, die haben einen eisigen Wind hineingeblasen in die verstopften Amtsstuben, das Halali für die nächste Jagdsaison.
Nun schau nicht so verbissen, Neffling, nur ich kann so reden, deine ganzen Großonkeln waren braun angeschissen bis über beide Ohren, und um mich, die Goldie, das Rotgold, hat die gesamte Verwandtschaft einen Bogen gemacht, soo weit.“ Sie steht auf, geht einen Kreis um ihren Sessel herum ab und setzt sich vorsichtig wieder hin, beide Hände um die Knie gelegt, als müßte sie die Gelenke vor dem Herausspringen bewahren. „Ja, wo waren wir! Beim Korvettenkapitän, beim Theo Sebester, dem Oberamtsleiter–Stellvertreter. Ich hab ihn ja erst in fortgeschrittenen Jahren gekannt, ein leiser, strenggescheitelter Kleinbürger mit abgeschabter Aktentasche, der Tante Milli unbeugsam ergeben.
Ob aus ihm auch ein kleinbürgerlicher Korvettenkapitän geworden wäre, ob es so etwas überhaupt hat geben können? Wo sind in diesen heroischen Zeiten all die kleinbürgerlichen Mannsbilder untergeschlupft? Oder bringen heroische Zeiten keine Kleinbürger hervor? Macht die Zeit die Männer? Aber du, Lieblingsneffling, bist ja ein Student der Philosophie und mußt es besser wissen.
Nein, laß deinen Mund lieber zu. Alle diese philosophischen Fragestellungen sind doch ohnehin nackter Unsinn, ob ich nun blöd drüber red oder ein gescheiter Mann gescheit, ein Unsinn kommt so und so raus, einmal ein blöder und einmal ein gescheiter Unsinn.“
„Tante Goldie, der Habakuk.“
„Ach so, der Habakuk, du willst endlich wissen, wo der Habakuk hergekommen ist. Die kleinen Kadetten damals, eingesperrt ins Internat in Pula und gedrillt und gewichst, bis ihnen alles Hirnschmalz erstarrt ist und sie nur mehr in Rudeln normal gehen konnten, als einzelne verfielen sie ganz automatisch in Stechschritt – diese Bürschchen wurden mit siebzehn auf eine Weltreise geschickt, mit der Admiral Tegetthoff oder der Kronprinz Bumsofen oder der Triifackel Hunzpeter, einmal rund um den Globus, damit sie die Welt kennenlernen und die Puffs in allen Häfen. Und von dieser Reise hat der Theodor Sebester, dein Großonkel unbekannten Grades, drei Dinge mitgebracht: ein Fotoalbum mit ein paar Fotografien drin, immer vier bis sechs Bürschchen in feschen Uniformen, den Säbel am rechten Bein, aufgereiht hintereinander von der Seite aufgenommen, und sie schauen verwegen aufgekratzt mit gedrehtem Kopf in die Kamera. Fünf bis sechs Milchgesichter, viel zu früh vom tropfenden Mutterbusen weggerissen, um ja noch erwachsen werden zu können. Aber lassen wir das. Und dann hat er noch zwei Lederhocker aus rotem Maroquinleder mitgebracht, sie sind bereits zu Staub zerfallen und drittens den Habakuk hier aus den Urwäldern Venezuelas.
Habakuk habe allerdings ich ihn getauft, Milli hat ihn mir anvertraut, als sie 55 nach Theodors Tod eine Busreise nach Griechenland gemacht hat, du weißt – als der Bus verunglückte und nur mehr die Zinksärge zurückkamen. Habakuk habe ich ihn nach dem alten Jidden genannt, schon erwähnt im Buch der Bücher, ein Prophet mit weißem Haar und wehendem Bart. Mein Habakuk hier hat sich da eine rotgrüne Faschingsperücke zugelegt, aber darunter sprießen die weißen Federn der Reife. Nicht wahr, Gefährte meiner alten Jahre, weiser Geliebter?“
Habakuk sieht sie aufmerksam an und kommt dann umständlich näher, indem er sich zweimal auf seiner Stange um die eigene Achse dreht, vorsichtig seine Krallen um die Rundung schließend. Seine Schnabelpartie und die beiden Krallen sind genauso grauslig, wie ich mir einen alttestamentarischen Propheten vorstelle. Tante Goldie stößt sich nicht daran, sie rückt ihren Greisinnenmund an sein grellgrünes Brustgefieder und beginnt zu schmusen, er rollt seine Zunge – eine bläuliche Wurst – aus den verhornten Schnabelhälften und knabbert an ihrer Nasenspitze. Tante Goldie bemerkt meinen Ekel, nimmt einen kräftigen Schluck aus der Kaffeetasse und sagt im Weiterschmusen: „So hat halt jedes Mannsgetier seinen unappetitlichen Körperteil, nicht wahr?“
So ist das Tantchen, nimmt kein Blatt vor den Mund.
„Die Nefflinge und Nichtlinge grausen sich vor dir, Habakuk. Das war bei der Claudia mit dem Schmollmund voriges Jahr genauso, das war die Schwester von dem vortrefflichen Sebastian, aus der anderen Nefflingslinie, weißt du noch, Habakuk? Dabei hätte sie dir so gut gefallen, so ein volles Lippenpaar. Aber kein einziges Mal hat sie dich gestreichelt. Der hast du aber was Böses nachgerufen, wie sie wieder abgefahren ist.“
„Was hat er denn gesagt?“
„Obszönitäten sind nichts für Nefflingsohren, dazu sind sie noch zu grün, könnten vor Schreck verdorren.“
„Aber Tante Goldie, wer hat ihm denn diese Obszönitäten beigebracht?“ wage ich einen kecken Vorstoß.
„Das war keineswegs ich, liebster Hans, Herzensneffling, das hat er schon in unsere Verbindung mitgebracht. Du, ich bin anfangs jedes Mal rot geworden, wenn Habakuk den Schnabel aufgemacht hat. Mehrere Freier hat er mir in die Flucht geschlagen. Stolze Barbesitzerin wäre ich, hätte das Mistvieh nicht während des fortgeschrittenen Liebesgestammels gemeldet: ‚Schau auf die Uhr, du alte Hur.‘ Oder Notarsgattin, aber da hat er während des Abendessens vom Balkon her gekreischt – gewitzt von ähnlichen Zwischenfällen hatte ich ihn diesmal ausgesperrt –: ‚Scheißdreck im Gulasch, verschwind fetter Lulatsch!‘ Und das mehrmals hintereinander. Weg war er, der Notar, hat sogar den Blumenstrauß wieder mitgenommen.“
Ihr gefältetes Schandmaul schnäbelt offen und schamlos mit dem Papagei. Ihre Hände sind viel zu groß und knochig für eine Frau, Männerhände sind das, der Daumenknochen ragt eckig heraus. Auch an den Füßen stehen zwei Überbeine aus ihren Pantoffeln, kommt sie überhaupt noch in einen Schuh rein?
Wie soll ich sie stoppen, sie erzählt einfach Stuß, Habakuk hat noch nie einen verständlichen Laut von sich gegeben, er ist ein saublödes Vieh und auch keine hundert Jahre alt und jedes zweite Wort von dieser alten Hexe ist erstunken und erlogen.
„Was hältst du davon, Habakuk, machen wir‘s wie im Märchen: wer von den vielen Nefflingen – die Nichtlinge kommen ohnehin nicht in Betracht, Frauen sind klug und daher von vornherein der Falschheit verdächtig – ganz lieb und zärtlich zu dir ist, wird Schloß und Königreich erben. Der kleine Hans wird da noch was dazulernen müssen, nicht wahr?“
Du Mistvieh, dein Haus ist mir so wurscht wie was. Meine Eltern, ja, die haben es schon im Hinterkopf, das Fischhäusel am See, ein Vermögen wert heutzutage. Aber mir ist das völlig egal, und wenn du weiter so blöd redest, dann pack ich mein Tonband ein und fahr wieder ab. Gibt ja noch andere alte Weiber, die ich befragen kann.„Und Hans, wie lang wirst du diesmal bleiben nach dem Verzehr der Geburtstagstorte? Der Koffer läßt auf das Aufschütteln der Federbetten hoffen.“
„Drei Tage, habe ich mir gedacht. Dann kommt meine Freundin Regine – du kennst sie ja von Claudias Hochzeit – von ihrer Mutter zurück und wird mich abholen. Ist dir das recht?“
Habakuk legt bei der Nennung des Namens Regine den Kopf schief, als denke er nach. Kenne ich die?
„Natürlich, Hans im Glück, natürlich, bleib drei Tage hier, hast mir ja eine köstliche Torte mitgebracht, hast freie Kost und Quartier und unterhältst mich gut, ändere vielleicht noch mein Testament. Bist ja ein ansehnliches Bürschchen geworden, tannengerade gewachsen, riechst nach frischem Baumharz, würdest einen feschen Jägerbuben abgeben, einen aus dem Heimatfilm, die echten Förster stinken ja nach Fuchs und haben rissige Pranken. Deine Hände sind weich wie Grieskoch.“ Sie legt sich ein zweites Stück Torte auf. „Vom Zuckerbäcker hab ich die Torten viel lieber, selbstgebackene schmecken so bieder nach hausfraulichem Stolz, die hier schmeckt herrlich süß und ungesund und muß auch nicht extra belobigt werden. – Was wirst du machen drei Tage in dieser Pensionistensommerfrische? Trübsal blasen ohne deine Königin, die Regine? Ich weiß es ja, in deinem Alter ist jeder Tag ohne Liebste ein verlorener. Wer teilt das Leben mit mir, nur ein geteiltes Leben ist ein ganzes Leben!“
Halt dein loses Maul, Alte, die Regine und meine Liebe geht dich gar, gar, gar nichts an.
„Eine Altersweisheit vom Tantchen, spitz deinen Philosophenbleistift: Nach der Schule gibt‘s nur mehr eines zu lernen, nämlich am Leben Freude zu haben, das ist schwer und langwierig genug, deshalb dauert so ein Leben ja so lang wie meins. Die Kinder so bis sieben, acht, die könnten‘s ja auch, rätselhaft, wieso die Menschen älter werden müssen, wieder so ein Unsinn der Schöpfung.“
„Nach deinem Rezept wär die Menschheit wohl schon längst ausgestorben.“
„Lächerlich, wenn selbst die Menschen das Klonen erfinden können, warum nicht auch der Liebe Gott. Aber mit kleinen Philosophen philosophier ich nicht, die sind mir zu g‘scheit.“ Die Wanduhr schlägt sechs, es ist fast dunkel geworden draußen, nur das weite Weiß des Sees schickt noch ein Restlicht durch die Verandafenster. Tante Goldie steht auf, die Decke fällt von ihren Hüften, sie geht ins Wohnzimmer, dreht das Licht über dem Klavier an, setzt sich umständlich auf den schwarzen Drehsessel, klappt den Deckel auf und beginnt zu spielen, ein Schubert–Impromptu, wenn ich es recht erkenne. Ihre groben Finger langen kräftig und traumwandlerisch sicher zu.
Aber nicht lange, dann beginnt ein wütendes Klopfen über unseren Köpfen. Tante Goldie steht sofort vom Klavier auf, langt nach links in die Ecke, schwingt einen Besenstiel nach oben und klopft zurück, ebenso wild und verbissen wie der Störenfried von oben. Endlos lang dauert das Klopfkonzert, ich merke, wie nervös ich werde, ich möchte dreinfahren wie bei einer ungebärdigen Kindermeute.
Unvermittelt ist der Spuk dann auch wieder zu Ende, ich habe gar nicht bemerkt, wer zuerst aufgehört hat. Tante Goldie verstaut den Besenstiel wieder in der linken Ecke.
„Das ist der General. Und was du eben gehört hast, ist unsere allabendliche Unterhaltung. Kein weiterer Kommentar. Geh an den See und rutsch nicht aus am Bootssteg, der ist glitschig, weil es diesen Winter nur taut und regnet. In den Wirtshäusern sitzen nur mehr die Wassermänner am Stammtisch.“
Ich fühle mich wie betäubt, mein Kopf dröhnt, dabei habe ich selten Kopfweh, aber der Nachmittag war zu viel für mich. Wie so bin ich nur auf die Idee gekommen, gerade Tante Goldie zu interviewen? Weil da immer so etwas Besonderes um ihre Person war. Dann fällt mir plötzlich ein witziger Spruch meines Vaters ein, den er im Zusammenhang mit Tante Goldie oft abschnurren ließ – wohl auch um meine Mutter zu ärgern: Peter und Paul, David und Saul, Beserl und Marie: eine ganze Kompanie. Den Spruch habe ich mir wohl nur deshalb gemerkt, weil ich ihn nicht verstand. Was sollte Beserl und Marie bedeuten? Was eine Kompanie in Zusammenhang mit Tante Goldie? Aber ich wollte mich nicht abwimmeln lassen, bevor ich nicht wenigstens wußte, ob sie mich bei meiner Seminararbeit unterstützen wird.
„Ich weiß nicht, ob du mitmachen willst, aber ich wollte dich was fragen. In meinem Studium machen wir so Interviews mit allen möglichen Leuten zu allen möglichen Themen. Und da sind Kollegen von mir ins Altersheim gegangen und haben die Menschen dort gefragt, ob sie mit ihrem Leben zufrieden sind.“
Tante Goldie nickt Habakuk zu: „Schau, schau, Bestandsaufnahme vor dem Verbleichen.“ Lass dich nicht irre machen.
„Sie haben die Insassen …“
„Hörst du Habakuk, Insassen, an was erinnert dich das? Gefängnis, Irrenanstalt?“
„Haben die Bewohner halt gefragt, wie zufrieden sie auf ihr Leben schauen. Und manche Antworten haben sie stutzig gemacht. Da sagten die alten Menschen: ‚Ja zufrieden schon im großen und ganzen, aber ihr wichtigster Lebenswunsch sei nicht in Erfüllung gegangen. ‚Und was war Ihr wichtigster Lebenswunsch?‘ wurden sie zurückgefragt. Und da redeten sie herum und konnten sich nicht daran erinnern. Das ist doch komisch, nicht?“
Tante Goldie lächelt schon eine Weile belustigt, als habe sie genau das erwartet.
„Was soll denn daran komisch sein?“
„Daß sie sich nicht an ihren wichtigsten Lebenswunsch erinnern konnten.“
„Was war denn dein wichtigster Lebenswunsch, Tante Goldie?“
„Da möchte ich zuerst deinen hören, trefflicher Knabe!“
„Ich möchte gerne an der Universität lehren wie mein Vater und eine glückliche Familie mit zwei oder drei Kindern, das kommt dann noch auf Regine drauf an.“
„Das ist ja ein unzulässiger Zwillingswunsch, den mußt du noch präzisieren, sonst nimmt ihn die Fee nicht an. Das wär ja einfach, wünsch ich mir einfach alles Gute und Schöne nebeneinander, der beste Weg ins Unglück. Nein, nein das Feinspitzige ist ja gerade, daß du dich entscheiden mußt.“
„Aber nun zu dir Tantchen, sag mir doch: Was war dein Lebenswunsch?“
„So leicht kann ich‘s dir nicht machen, mußt dich schon ein bißchen anstrengen. Bist ja der jüngste der drei Brüder, der Dummling, der dann doch der Klügste ist. Und wer darf einer alten Frau schon Fragen stellen! Vielleicht bringst du es selbst heraus. Schau dich ein bißchen um hier. Ist ja auch Faschingszeit, da erfährst du so allerhand, mußt dich nur umtun. Fürs erste: Geh der Katze nach.“
„Was meinst du damit, du hast ja gar keine Katze.“
„Geh der Katze nach, sag ich. Ist ja auch ein Zeitvertreib. Und die nächsten Tage tu dich um, brauch dich auch nicht immer an der Kittelfalte. Wasch das bissl Geschirr ab in der Küche, ich geh schlafen, morgen ist Faschingssonntag.“
Weg war sie.
Geh der Katze nach!
Die nächsten zwei Tage bekam ich Tante Goldie kaum zu Gesicht, obwohl ich ihr mit dem Tonband in der Jackentasche aufzulauern versuchte, aber am Morgen schien sie lange zu schlafen, und am Abend traf ich sie auch nie an. Hatte sie sich schon zurückgezogen, oder war sie gar nicht im Haus? Der Ort jedenfalls brodelte in diesen drei Faschingstagen. Der Föhn war über die Bergkämme heruntergefallen, fraß den letzten Schnee von den Wiesen und wässerte die Eisdecke des Sees auf. In der schweren, feuchten Luft blieben die Schläge der Trommelweiberzüge hängen, unermüdlich zogen sie durch den Ort, aber auch auf den Straßen in den Nachbargemeinden tauchten die weißen Ungeheuer in Rudeln auf, brunzten gelbe Marken in den Schnee und bliesen unermüdlich hunderte Male denselben Marsch in die Winterluft. Den Rhythmus der Trommeln hörte ich bis in meine Träume hinein. Ich versuchte den wilden Weibern auszuweichen, die eigentlich verkleidete Männer waren, sofort erkennbar an ihren breiten Bierbäuchen und den groben Füßen. Die Masken überboten sich an Widerlichkeit, und hatten sie die Masken hochgeschoben, so sahen sie auch häßlich aus; wie häßlich Männer doch sind, so bloßgelegt in ihrer Faschingslaune. Immer wieder ertappte ich mich dabei, daß ich Tante Goldie im Rudel herauszufinden versuchte, obwohl sie doch sicher nicht mit dem Männertrupp mitzog. Aber wo hielt sie sich sonst versteckt?
Dafür machte ich am Faschingdienstag Bekanntschaft mit dem General, der den Oberstock des Hauses bewohnte und dem der wütende Stockkampf des ersten Abends gegolten hatte. Seine Wohnung war durch einen eigenen Eingang erreichbar, übers „Brückl“, das geraden Fußes ins Obergeschoß führte, da das Fischerhaus in eine Geländestufe zum See hinunter gebaut war. Ich saß am späten Vormittag in der Februarsonne auf dem Bankerl an der Hausmauer unter dem „Brückel“ und wartete, ob Tante Goldie nicht irgendwann auftauchen würde. Mein Tonbandgerät hatte ich schon griffbereit neben mich gelegt und die Batterien nochmals überprüft. Aus der Dachrinne schnurrte ein feiner Strahl Schmelzwasser und verplätscherte im Moos. Die Februarsonne schien am späten Vormittag so kräftig, daß es gerade angenehm war, draußen zu sitzen; verschwand sie kurzzeitig hinter einer Wolke, wurde es sofort klamm. Die Meisen flatterten schon in den struppigen Hecken und ließen ein erstes helles Frühlingsgezwitscher hören. Schon nach einer Viertelstunde tat mir der Rücken weh, der Rosenstrauch an der Hausmauer überwucherte fast die Bank, die braunroten Hetschepetsch sahen zwar wunderhübsch aus, an fast jeder zweiten hing ein glitzernder Schmelztropfen, aber die graugedörrten Ruten mit ihren groben Dornen machten ein Anlehnen unmöglich.
„Ungemütlich nicht?“ Auf dem Brückl stand ein drahtiger alter Mann mit dunklen Gläsern vor den Augen und schaute in meine Richtung. „Gehörten geschnitten die Rosen.“ Er verschwand im Obergeschoß und kam wieder mit einer Baumschere in der Hand. Er stieg zu mir die Treppe hinunter. „Gerade die rechte Zeit zum Schneiden, in einem Monat stehen die Sträucher schon im Saft.“
Ich hatte wenig Lust, mich hier als Gärtner zu betätigen, fragte statt dessen: „Sind Sie der Herr General? Hatte gestern das Vergnügen mit dem Klopfkonzert. Ich bin ein Großneffe der Besitzerin, war vor Jahren öfter da, aber Sie habe ich noch nie zu Gesicht bekommen.“„Von General keine Spur, das ist eine Marotte der Gnädigen, eine von vielen!“ Er lächelte mich verschwörerisch an, und ich fand mich augenblicklich in vertrauensvoller Gesellschaft. Vielleicht könnte ich hier dem angekündigten Geheimnis näherkommen, kriminologischer Eifer wehte meinen Kopf klarer. Ich nahm die Schere entgegen – die Strauchpflege bot Gelegenheit zu einem längeren Schwatz.
„Sie leben ja schon längere Zeit in diesem Haus und ihrer beider Verhältnis scheint ja nicht das beste zu sein.“
„Ja, eine große Liebe hat uns verbunden, die Liebe ist gestorben und Haß geblieben. Aber Haß ist ja bekanntlich genauso bindend wie Leidenschaft. Verzeihen Sie, aber ich war einkaufen, und meine Füße tun mir weh, ich muß hinein, das Alter.“ Er ging, sich am Geländer anhaltend, die Treppe wieder hinauf und verschwand in seiner Wohnung. Und ich stand da mit der angefangenen Arbeit. Aber jetzt hatte ich die erste Hürde des Anfangens schon überwunden, wollte es mir auch nicht mit meinem Informanten verderben und stutzte weiter.
Ein ganz schön großer Haufen Zweige kam zusammen, ich überlegte gerade, wohin ich das sperrige Zeug transportieren könnte, da kam Tante Goldie den Weg vom Ort daher, und das wieselflink. Sie hob beide Arme in die Höhe, schlug den Stock und den Schirm über dem Kopf zusammen, schrie mir entgegen: „Bist du von allen Teufeln verlassen, was schneidest du da an meinen Rosen herum, das Haus gehört nicht dir, die Rosen gehören nicht dir, gar nichts hier gehört dir. Du Wahnsinnsneffling, scher dich zur Hölle!“ Sie stand jetzt vor mir und fuchtelte mit ihrem Stock in Richtung des gestutzten Rosenstrauchs.
„Aber er hat ja schon den ganzen Sitzplatz überwuchert.“
„Sollte er ja auch, sollte er ja auch. Glaubst du, ich will IHN hier sitzen sehen! Und das tut er, das tut er! Ich schieß ihm das zweite Aug auch noch aus! Sag, hat er dich angestiftet? Woher hast du die Schere? Natürlich, Nefflingstölpel! Aber ich werde mich nicht grün ärgern am letzten Faschingstag, morgen reißt du mir die Bank da weg, ratzeputz und fertig.“
Und mit diesem üblen Schwall verschwand sie im Haus. Ich wagte zuerst nicht, ihr nachzugehen, stand wie erstarrt, aber dann drang das bekannte Klopfkonzert gedämpft nach außen, ich ging zum See hinunter und fühlte mich elend. So hatte mich noch niemand in meinem Leben behandelt, ich hatte seit Bubentagen nicht mehr geheult, aber jetzt steckte mir ein Riesenkloß im Hals. Regine war am Handy nicht erreichbar, ich sprach ihr auf die Box, daß ich schon heute abreisen wolle, sie solle mich rückrufen.
Das Eis hatte den Uferstreifen schon losgelassen, da kräuselte sich schon das Wasser und zog den Blick in die Tiefe zu den Steinen und fettglänzenden Holztrümmern. Weiter draußen dümpelten dünne Platten, an den Rändern bereits unscharf angetaut. Neben der breiten Fichte blühten doch tatsächlich ein paar ganz kurzstielige Leberblümchen – verrückt, am 10. Februar! Das Klopfen war verstummt, dafür wehten einzelne Blasmusikfetzen vorbei, sie sammelten sich wohl im Ort zum großen Faschingsumzug. Ob heute überhaupt ein Bus hinaus ging?
Ich finde mich blinzelnd mit schwerem Kopf zwischen den Fichtenwurzeln, und vor mir Tante Goldies Stimme, gedämpft, ein breites Grinsen auf glatten, zuckerrosa Wangen, rundum ein Fetzenkleid, sie hält mir eine Hand im weißen Handschuh hin, die Riesentatze eines Eisbären. Ich laß mir nicht helfen, krabble hoch. Sie schiebt die Maske hoch, ist unterhalb auch freundlich: „Komm mit heute, die Masken sind los, wird lustig werden, ich muß zum Zug, aber heut ist es überall ausgelassen und lustig. Kannst wie du bist als strammer Jäger durchgehn, nimm dir ein Gewehr aus dem Büchsenschrank. Morgen früh bin ich bereit für dich – versprochen!“ Maske heruntergeklappt und die bunten Fetzenstreifen wippen beim Weggehen um ihre Hüften.
Beim Hinaufgehen nehme ich die Baumschere von der Bank auf, gehe über das Brückel hoch und klingle an der Tür des Generals, die Glocke scheint nicht zu funktionieren, ich klopfe. „Ich bring Ihnen ihre Baumschere zurück“ rufe ich durchs Holz. Eine Handbreit öffnet sich, ein feindseliges Altmännergesicht erscheint, keine Gesprächsbereitschaft, die Freundlichkeit von früher nur Theater, Verführungstheater. Der Spalt geht gleich wieder zu, aber eines hab ich gesehen, du hast die Sonnenbrille vergessen, General: im Feld verwundet – ein Glasaug. Im Garten nebenan erwacht eine Säge zum Leben, sehnendurchdringend. Ich geh ins Haus – stöbern! Ich schleiche mich in Tante Goldies Zimmer, aber die Kästen und der Schreibtisch sind zugesperrt, und ich trau mich nicht, die Schlüssel zu suchen, die ja auch irgendwo versteckt sein müssen. Allein die Vorstellung: Der Neffe wühlt, und plötzlich steht sie in ihrer grinsenden Maske im Zimmer! Auch der Glaskasten mit den Gewehren ist versperrt – eine beachtliche Sammlung hat sie da, Pistolen sind auch darunter, die sehen eher altertümlich aus, eingelegt am Knauf. Ich entspanne mich, etwas wirklich Wichtiges werde ich hier nicht rauskriegen in ihrem Allerheiligsten. Das Bett ist sorgfältig gemacht, die blauseidene Überdecke ohne eine Delle über den hohen Duchentaufbau gespannt, das Nachtkastel auch versperrt, die kennt ihre Nefflinge!
Ein einziges Bild hängt im Zimmer: das Brustbild einer jungen Frau mit hochgestecktem Haar, eine große ovale Fotografie in einem Goldrahmen. Tante Goldies Mutter? Sie selbst als junge Frau? Und darunter steht eine Betbank, absurd: Ich knie mich auf die rotsamtene Polsterung und schau zu dem Bild auf als wär‘s die Madonna. Sie sieht mir freundlich in die Augen, gar nicht erstaunt, plötzlich einen fremden Anbeter vorzufinden. Ihre Lippen sind auffallend breit, klaffen einen Spaltbreit auseinander. Zeigt sie mir ihre Zungenspitze, oder kann ich den Rand ihrer Schneidezähne sehen?
Wer bist du und warum hängst du hier als Andachtsbild? Sie lächelt breiter, aber es kommt keine Antwort, so sehr ich sie auch fixiere.
Den Nachmittag verbringe ich dann bei Habakuk auf der Veranda. Er ist ein aufmerksamer Geselle, läßt mich keinen Augenblick aus den Augen, als ob er meine Gedanken lesen könnte: Ich stelle mir nämlich vor, wie ich ihm genußvoll den Kragen umdrehe, ihm zuerst Tante Goldies Decke überwerfe, um mich vor den Schnabelhieben zu schützen, und dann den Hals drehe, drehe, bis es knackt. Und ihn dann rupfe, die Federn fein säuberlich aufbewahre, die langen Schwungfedern in der länglichen Spanschachtel auf der Kommode, und den weichen Brustflaum, den stecke ich in das Pölsterchen hier, in das mit dem roten Kreuzstickpärchen drauf, ist ja ohnehin schon ganz schlaff geworden, das Pölsterchen, vom müden Goldiehaupt, soll ganz weich werden für den Tantchenschlummer, soll ihren Nacken stützen beim Mittagsschläfchen, damit sie nicht so röcheln muß. Den gerupften Vogel steck ich dann ins Backrohr, füll ihn mit Kokosraspeln – ganz karibisch – und übergieß ihn mit geschmolzener Butter, viele Male, bis er braun und knusprig wird in der Röhre. Und kommt das Tantchen nach Hause, deck ich den Tisch und führ sie herein am erhobenen Händchen. Setze sie an den Tisch und laß Tafelmusik erklingen, damit es besonders gut schmeckt. Hm, hm, und weiß du, was du gegessen hast Tantchen, was dir so gut gemundet hat, daß dir der Bratensaft noch in den Mundwinkeln glänzt?
Gegen Abend gehe ich dann doch in den Ort. Ich bin stabil: Regine hat versprochen, mich morgen schon abzuholen und wenn Goldie will, kann sie mir morgen noch für ein Interview sitzen, wenn nicht, soll sie der Teufel holen, ist mir auch egal.
Es ist kälter geworden, vereinzelte Schneeflocken taumeln nieder, ich treffe niemanden auf der Straße. Beim Hirschenwirt quellen die Masken aus dem Gang heraus. Ich drehe sofort um, eine Traube ineinanderverknäulter Schreier kommt mit mir. Ich gehe schneller und habe sie bald abgehängt. Aus dem Leuner tritt eben eine Abordnung von Bläsern auf die Straße, sie formieren sich, beginnen zu spielen und biegen Richtung Schneiderwirt ein. Ihre schmalen Notenhefte haben sie an ihren Instrumenten vorne aufgeklemmt – spielen sie tatsächlich nach Noten? Es klingt durchaus ansehnlich, sie haben also die Promilleschallgrenze noch nicht überschritten, ist ja auch erst früher Abend. Ich gehe in ihrem Pulk mit und schaffe es auf diese Weise auch, beim Schneiderwirt bis in die Wirtsstube vorzudringen.
Ich klemme mich zu einem Haufen junger Mädchen an einen Tisch, sie haben sich alle schwarze Schnauzbärte aufgemalt und Hüte mit Gamsbärten aufgesetzt: sie sind die Altausseer Keksbackerbrigade und knallen mir auch sofort einen Batzen Teig auf den Tisch, drücken mir ein Nudelholz in die Hand, ich soll den Teig auswalken und mir Kekse stechen. Eine Wolke Mehl streuen sie um den Tisch, der Schneiderwirt protestiert, aber die Mädchen nehmen sich an den Schultern und schreien und schunkeln: „Ach Herrmann, sei doch nett, mit uns ist halt ein Gfrett …“ Der Rest geht unter. Die Musik hat in der Wirtsstube Aufstellung genommen und zu spielen begonnen. Die Kellnerin kommt nicht mehr durch, nur der Herrmann verschafft sich Platz, indem er die Leiber derb zur Seite drückt. Die Mädchen springen auf die Tische und tanzen und klatschen. Bald werden die Fensterscheiben herausfliegen. Ich muß lachen und schütte schnell mein zweites Bier hinunter, da muß ich ja noch einige gute Laune aufholen, ein drittes und ein viertes. Die Keksbachermädchen haben Schnaps dabei, ich lasse Wein auffahren. Der Schwindel steigt mir den Kopf hinauf und die Beine hinunter, ich trample wild mit einigen der Mädchen, bekomme Applaus, freunde mich mit ein paar Touristen aus der Pfalz an, wir wechseln irgendwann ins Max, die Keksbackerbrigade ist verschwunden, ich hab es gar nicht bemerkt.
Irgendwann an dem Abend sitzt dann Tante Goldie neben mir, statt ihrer Maske hat sie sich ein Fetzentüchel vors Gesicht gebunden.
„Hast was rausbekommen beim Herumstierln?“ schreit sie mir ins Ohr. „Wer ist denn die Madonna in deinem Schlafzimmer?“
„Was für eine Madonna?“
„Na das Bild unterm Betstuhl.“
„Das ist die Franziska, heiß, heiß, ertrunken vor neununddreißig Jahren oder ertränkt, so genau will das niemand wissen.“
Ein Lederhosenmann mit ballonförmigem Bauch setzt sich mitten zwischen uns hinein, umarmt die Fetzenmamsell Goldie neben sich und beginnt ein freundnachbarliches Schreiduell mit ihr.
In mir rasseln Daten und Erinnerungsreste ab. Eine Franziska von – ja von was und wo? Irgendeine gerichtsanhängige Sache hatte es auch einmal gegeben, lange vor meiner Geburt. Aber warum das alles jetzt, gerade jetzt, wo mein Kopf so durcheinandergewirrt und müde ist? Ich werde gehen, da gehör ich ja ohnehin nicht dazu, zu diesen Piefkes aus der Pfalz. Morgen ist die Regine wieder da, da ist dann alles gut.
Wie ich wohl in dieser Nacht nach Hause gekommen bin? Den Augenblick des Heraustretens in die herrlich frische Luft erinnere ich noch, danach nichts mehr.
Am nächsten Vormittag wartete und wartete ich, aber kein Tantchen tauchte auf. So ging ich ein wenig am See spazieren. Die unnatürliche Wärme der letzten Tage war vorbeigegangen, in der Nacht hatte es schon wieder gründlich angezogen, am Ufer hatte sich wieder ein Eisfilm gebildet, narbendurchzogen und verletzlich wie eine Haut nach Verbrennungen. Ich hatte einen leidlich klaren Kopf und setzte mich wieder zu Habakuk in die Veranda. Er rückte ganz an das Ende seiner Stange und schaute mich erbarmenswürdig von unten her an. Meine Bösartigkeit von gestern tat mir leid, ich leistete ihm Abbitte und fragte: „Kennst du die Franziska? Wie heißt sie denn noch?“
Er wurde zutraulicher und krächzte, mit einiger Phantasie hätte man es für ein „Franziska“ halten können.
„Das seh ich gern – ein freundschaftliches Tête–à–tête mit Habakuk.“ Tante Goldie war zu uns getreten. Sie schaute ernst und schien müde zu sein.
Ich wurde weicher. „Du hast mir ein Interview versprochen.“
„Das hab ich nicht, ich hab gesagt: ‚Geh der Katze nach.‘ Vor Habakuk hatten wir immer Katzen im Haus. Ist ja auch praktisch, im Herbst da drängen die Mäuse ins Warme und da kann ich ihrer kaum Herr werden. Aber Habakuk hat sich gefürchtet vor unserer letzten Katze, und da haben wir sie verschenkt.“
Tante Goldie sprach ganz normal, nicht so überdreht wie bei meinem Empfang. Ich wurde ganz ruhig und war nicht mehr auf der Hut.
„Du spricht immer von WIR. Hast du nicht immer allein in dem Haus gelebt?“
Tante Goldie lachte auf. „Nein, allein hab ich da nie gelebt, leb ja auch jetzt nicht allein, vergiß nicht den General.“
Zwei Autos fuhren gleichzeitig den Weg zum Haus vor, das hintere war das von Regine. Zuerst kam aber ein Mann mit einem riesigen Blumengesteck auf die Tür zu, Tante Goldie ging hinaus und fertigte ihn ab, ich lief zu Regine und war so glücklich, daß sie da war. Ich half ihr, das Auto wegzumanövrieren, damit das Floristenauto an ihr vorbeikonnte. Dann kam Tante Goldie uns entgegen und lud und zum Essen ein. Das gibt‘s doch gar nicht! Hier geschahen ununterbrochen die seltsamsten Verwandlungen. Beim Essen redeten wir einfach, Goldie mehr als Regine und ich, aber es war nicht unangenehm.
Wir wollten noch vor Einbruch der Dunkelheit wegfahren, ich packte meinen Koffer und erzählte Regine von meinem mißglückten Vorhaben und daß es nicht möglich gewesen war, an Tante Goldie heranzukommen. Regine wollte mir nur noch helfen, das Rosengestrüpp an ein Ende des Gartens zu schaffen und die Bank abzumontieren. Ich kam gerade mit der Schubkarre für die allerletzte Fuhre zurück, da beugte sie sich plötzlich zu Boden, zeigte mit der Hand an die Hausmauer und rief: „Schau her, Katzenpfoten.“
Ich ging zu ihr, und wirklich, in der flachen Rinne, die zwischen Hausmauer und Wiese das Schmelzwasser ableitet, waren ganz fein Pfoten eingedrückt. Da ist wohl die Katze drübergegangen, bevor der Belag noch fest war. Wir gingen die Spuren entlang, sie führten zu einem schmalen Pfad, der seitwärts in den hinteren Teil des Gartens führte. Wir schlängelten uns um ein paar Büsche herum und stiegen wieder ein paar Schritte hinauf und entdeckten dort – fast vollständig vom Gebüsch verdeckt – einen Grabstein. Die Tafel selbst war sehr unscheinbar, wir hätten sie wahrscheinlich übersehen, wenn nicht die Blumen der beiden Gestecke, die vor dem Stein hingelegt worden waren, die Stelle sichtbar gemacht hätten. Ich erkannte das Gesteck wieder, das Tante Goldie am Vormittag in Empfang genommen hatte. Ich mußte mich niederbücken, die Schrift auf dem Grabstein war schon fast unleserlich geworden. Franziska von Masch, die Jahreszahlen steckten schon halb in der Erde. Ich fuhr herum und sauste zum Haus hinauf, da hatte ich doch … Ja, ich lief zur Tür des Generals, und da stand auf dem Türschild – ich hatte es am Vortag mit halbem Bewußtsein gelesen –: Franz Georg von Masch, Oberoffizial. Regine kam mir schon entgegen, als ich wieder nach unten lief. „Du stell dir vor, da hat es ein Eifersuchtsdrama gegeben oder so etwas.“ Wir gingen wieder zum Grab hinunter und phantasierten, da kam uns Tante Goldie nach.
„Hat der Dummling, der Hans, doch noch was herausbekommen von meinen geheimsten Lebenswünschen. Ist ein Jahrestag heute, kein großer, aber immerhin. Haben beide unsere Blumen abgelegt, nacheinander, damit wir uns ja nicht begegnen, hat schon jeder seine Andachtszeit, das hat sich schon eingespielt im Lauf der Jahre.“
„Da hat es doch irgend etwas mit dem Gericht gegeben, Tante Goldie, ich erinnere mich dunkel.“
„Tante Goldie schien nicht erstaunt über mein Wissen. „Ja‚ ja, bei Schießübungen hat‘s dem General ein Auge gekostet, ein Querschläger, verstehst du? Kann passieren.“
„Wie ist die Franziska denn ums Leben gekommen?“
„Ertrunken, ja, ertrunken im See. Die Faschingstage sind ja wilde Zeiten, früher noch mehr als heute. Am Aschermittwoch haben wir sie aus dem See gefischt, es war damals viel kälter als heuer und eine feste Eisdecke, aber doch nicht so fest, daß es sie getragen hätte in ihrem Übermut.“ Tante Goldie sagte das ganz unbeteiligt, als hätte sie das alles schon hunderte Male erzählt. „So, ich seh, ihr seid reisefertig. Schön oder nicht schön, Februar und März ist schrecklich hier, neblig und naß und einsam. Laßt euch wieder einmal anschauen, aber besser nicht in der Faschingszeit, da sind die Teufel los.“
Als ich im Auto in der Tasche kramte, verhedderte ich mich in raschelnder Plastik. Jemand hatte mein Tonband in der Hand gehabt, es stand halb offen, und das Band war halb herausgerissen und ganz verwickelt. Dabei hatte ich keinen Ton aufgenommen.
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