Leseprobe
aus Stefan Sprang: Boy Meets Girl. Erzählungen
Siebenhundert Kilometer (Er und Claudine)
Sie waren glücklich. Das erzählten sich die beiden alten Damen, die hinter ihm saßen, in immer neuen Anläufen. Sie waren für vier Tage in Wien gewesen, um über die Weihnachtsmärkte zu spazieren, Punsch zu trinken und die Sängerknaben zu hören.
„Am Karlsplatz war es besonders schön.“
„Oh ja, das Gehege mit dem drolligen Wollschwein, das hätte auch unserer Pia gefallen.“
„Da hatten die Kinder aber so was von Spaß. Und der Sternentanz mit den Kleinen. Ganz süß waren die verkleidet.“
„Aber am Belvedere, da war es auch sehr stimmungsvoll.“
„Schade, dass es schon vorbei ist.“
Er sah sich um im Großraumabteil, ausgeleuchtet von einem spröden Licht aus den versteckten Röhren unter der Gepäckablage, blickte sich fragend an in der Scheibe schräg gegenüber, beobachtete sich wiederum in einer bleichen Großaufnahme, die direkt neben ihm auftauchte. Auf seinem Fensterplatz in der Vierersitzgruppe in der Wagenmitte war er eingekreist von Doppelgängern. Er schaute sie durchdringend an, aber sie schauten nur zurück.
Schade …, wiederholte er bei sich und ahnte, das er sobald nicht mehr wiederkäme. Lebe wohl, und wenn für immer, dann für immer, lebe wohl.
Er sah die Frau in dem Café, wie sie ihm mit durchgedrückten Armen ein Buch entgegenreckte, er sah Claudine im Hausflur, ihre linke Hand auf ihre rechte Schulter gelegt, den Arm vor die Brust gepresst. Er spürte den Abstand unmessbar werden und wusste, dass jetzt eine Traurigkeit kommen sollte, das in diesem Moment gültige Gefühl: von innen heraus immer gewichtsloser zu werden – bis man nur noch ein ungesichertes, kippliges Konstrukt war auf schwankendem Boden. Aber der Zug hatte Fahrt aufgenommen und raste auf unsichtbaren Schienen durch die Nacht. Mit ihm fuhr er davon, in der Bewegung fühlte er sich sicher seit eh und je, denn seit er ein Kind war, liebte er es, im Zug unterwegs zu sein. In seinem Zimmer war an der Wand neben der Tür eine Holzplatte aufgestellt mit einer H0–Eisenbahn. Das Doppeloval mit den Gleisen war eigentlich langweilig. Nur auf der äußeren Runde konnte ein Zug einigermaßen beschleunigen. Auf der Innenfläche hatte er eine kleine Siedlung aufgebaut. Auf der einen Seite gab es einen verfallenen Güterbahnhof, auf der anderen Seite den Hauptbahnhof Steinheim mit seinen leuchtend roten Ziegeldächern. Eine Durchgangsstraße, ein Marktplatz mit zwei Fachwerkhäusern, am Ortsausgang zwei moderne Zweifamilienhäuser. Alle Gebäude waren ausgeleuchtet mit kleinen Birnchen, auf dem Marktplatz stand winters ein Christbaum mit gelben Leuchtdioden. Er ließ das Rollo herunter und ging auf große Fahrt. Langsam ließ er den Trans Europa Express anrollen, neben sich auf einem ausrangierten Teewagen das Tischchen mit dem Kursbuch und den Zugführer–Utensilien. Immer wieder neue Bahnhöfe fuhr er kreuz und quer durch Europa an. Mal von Amsterdam nach Basel, mal von Hamburg nach Rom – auf dieser Strecke spannte er einen blauen Schlafwagen hinter die beige–rot lackierte Schnellzug–Lok, in der er saß und fuhr und fuhr – während draußen die Sonne schien. Der Druck in den Ohren bei einer Tunneldurchfahrt, das Kitzeln in den Gehörgängen, er freute sich jedes Mal auf den Stroboskop–Effekt der Tunnelbeleuchtung. Claudine fuhr nicht gerne durch Tunnel. Tunnel und Brücken machten ihr Angst. Das Fliegen allerdings liebte sie. Er litt sehr unter Flugangst.
Er war Claudine im Leopold Café im Museumsquartier begegnet. Am Vormittag hatte er sich eine Ausstellung mit Bildern amerikanischer Fotografen angeschaut. Im Café wollte er etwas essen, etwas Schweres. Er hatte einfach Hunger, er wollte ein großes Bier trinken, um dann wieder alleine durch die Stadt zu streifen: Das kolossale Freilicht–Museum, der Ornament–Overkill, die beleibten Bauten, die in einer fernen Vergangenheit aufgemauert worden waren, um zu bleiben durch die Jahrhunderte, um Generation für Generation standzuhalten, Wahrzeichen einer pompösen Hoffnung auf Unvergänglichkeit. All das faszinierte ihn, Er war beeindruckt von der Leistung der Architekten, die all das mit Stift und Papier bewerkstelligt hatten, Tragwerke für die Ewigkeit. Er war Prüfingenieur für Baustatik, Fachrichtung Stein–Beton, Stahlbeton, Holzbau. Zusammen mit seinem Freund Jochen hatte er ein eigenes Büro gegründet. Sie wollten unabhängig sein und hatten Großes vor. Aber erst einmal berechneten sie Standsicherheitsnachweise in der Bauklasse I: Einfamilienhäuser, die hochgezogen wurden auf geschleiften Militärsiedlungen, aufgelassenen Äckern am Stadtrand und Industriebrachen. Häuser, die aussahen wie aus dem Modellbahn–Baukasten, aber für ihre Bewohner kleine Paläste waren. Traumschlösser, die sie in Gedanken vor langer Zeit entworfen hatten für sich und ihre Partner und die Kinder und den Golden Retriever. Jochen und er rechneten nach, ob die Architekten an ein stabiles Gleichgewicht gedacht hatten, ob alles sich tragen würde und den inneren und äußeren Kräften standhielt.
Er fand einen Platz auf der verglasten Brücke des Cafés. Claudine saß schräg gegenüber auf einer Bank. Sie trug ein verwaschenes T–Shirt, bauchfrei mit einem roten Stern auf der Brust. Claudine hatte sich an dem Vierertisch breitgemacht, als würde sie dort wohnen. Bücher, ein Block, zwei Magazine lagen auf dem Tisch, Geschirr von einem großen und späten Frühstück war flüchtig gestapelt. Vor ihr stand ein halbvolles Glas Wein. Sie hockte auf der Bank, ein Bein untergeschlagen und beugte sich in einer ungesunden Haltung über ein Buch. Auf der abgewandten Seite fielen ihre dunklen Locken über die Schultern, auf der ihm zugewandten Seite hatte sie die Haare nach hinten gestrichen. Ihr Halbprofil lag im Schein einer warmen Nachmittagssonne. Er schaute sie an. Immer wieder und immer länger. Irgendwann hatte sie es bemerkt. Sie sah auf, legte den Kopf schräg und schaute von unten nach oben zu ihm mit einem Blick wie aus Fernost. Ihr Vater war ein Georgier, erfuhr er später, die Mutter Französin. Schmale Augen unter hochgezogen Brauen funkelten ihn an. Die schwärzesten Augen der Welt. Er glaubte, die Wimpern ärgerlich zittern zu sehen.
Was starrst du so? fragte ihr fuchsiger Blick. Er sah die Sehnen und Muskeln an ihrem schlanken Hals hervortreten. Aber ihr leicht gespitzter tiefroter Mund stellte wortlos fest:
Ich interessiere dich also.
Eingeschüchtert, aber entschlossen zeigte er auf das Buch, machte eine fragende Geste.
Sie hob das Buch an und hielt es ihm mit jäh ausgestreckten Armen entgegen: Der kleine Hobbit in einer Originalausgabe. Über das Buch hinweg fixierte sie ihn frech, aber mit leiser Ironie. Er lächelte und nickte stumm.
Tolkien also.
Es war Claudines Lieblingsbuch.
Ein Kinderbuch, dachte er.
Dann zog er eine schwarzweiße Postkarte, die er im Museumsshop gekauft hatte, aus der Jackentasche und schrieb:
Im Nordwesten der Alten Welt, östlich des Meeres.
Tollkühn stand er auf, ging drei Schritte und legte, ohne dass er es sich so vorgenommen hatte, die Postkarte vor sie hin. Mit einer tiefen Verbeugung wie ein gewissenhafter Diener in einem alten Film. Das wurde ihm erst bewusst, als er schon kehrtgemacht hatte, wieder an seinem Platz saß und mit nichts mehr rechnete. Oder einer bösen Bescherung. Einem Platzverweis.
Sie hatte gelesen, gelacht, winkte ihn schließlich mit zwei Fingern heran: Die strenge Erzieherin befiehlt den aufsässigen Schüler auf den Pausenhof.
Er nahm sein Bierglas und setzte sich ihr gegenüber.
Claudine jobbte in der UNO–City.
„Wusstest du, dass die Gebäude dort so gebaut sind, dass sie sich nicht gegenseitig in den Schatten stellen?“, hatte er sie gefragt.
„Klar, ich muss es ja den Touristen erklären und allen, die es sonst noch wissen wollen.“
Claudine war einunddreißig, sie machte Führungen im Vienna International Centre, informierte über die Arbeit der Vereinten Nationen und die Aufgaben der in Wien tätigen Organisationen. Sie hätte dort auch als Dolmetscherin arbeiten können. („Wenn, dann am liebsten beim Flüchtlingskommissariat. Oder bei denen mit den Weltraumfragen.“) Unendliche Weiten, die Schwerelosigkeit, das Unbekannte, das könnte ihr gefallen, sagte sie, aber sie wollte sich nicht festlegen, noch nicht, nicht so.
„Ich will Alltag ohne Alltäglichkeit. Nichts Einförmiges, so wie bei mir zu Hause. Meine Eltern sind Lehrer. Sie sind gerecht, aber geordnet. Wenn du weißt. Jedes Jahr sind wir für drei Wochen in ein kleines Haus gefahren im Süden … Jedenfalls: Ich will, dass sich was verändern kann … Wenn du Maman und Lado heute fragst, was sie in dreihundertfünfundsechzig Tagen machen, sie können es dir sagen … Ich meine, ich will was sehen von der Welt … Konkret, aber auch in einem übertragenen Sinne, wenn du weißt …“
Er wusste. Jeden Sonntag hatte es bei ihm daheim um dreizehn Uhr das Essen gegeben. Pünktlich mit den Nachrichten hatte sein Vater das Radio eingeschaltet, danach kam eine Sendung, in der bedeutende Menschen aus ihrem Leben erzählten und klassische Musik einspielen ließen, die ihnen gefiel oder etwas Besonderes aussagte. Nach dem Nachtisch spülte seine Mutter das Geschirr, sein Vater machte einen Mittagsschlaf. Er ging dann in sein Zimmer, zog den alten Drehstuhl, den sein Vater aus dem Büro besorgt hatte, an die Eisenbahnplatte. Der Trans Europa Express wartete am Bahnsteig.
„Ich bin noch jung, weißt du“, sagte sie.
Er wusste, was sie ihm sagen wollte. Claudine kam aus Straßburg, sie hatte Politik, Anglistik und Germanistik studiert. Sie sprach vier Sprachen verhandlungssicher und ein wenig Georgisch. Sprachen faszinierten ihn. Er sprach fließend Englisch, hatte es im Rekordtempo perfektioniert, als Brandi aus Toronto eines Tages in der Pausenhalle seiner Schule stand. Sie umklammerte eine helle Mappe. Er hatte den Panzer geknackt, nach zwei Wochen, als er beim Sportunterricht vor ihr in den Handstand kippte und begann, auf Händen zu laufen. Zwischen Johannisbeerlippen lachte sie ein weißes Lachen und brachte ihm bald darauf Sätze in der Sprache Shakespeares bei, die seine pensionsreife Englischlehrerin an den Rand der Ohnmacht gebracht hätten. Für Jorid hatte er begonnen, Schwedisch zu lernen.
Ich liebe Dich – Jag älska Dig … Gifta sig – Heiraten. Jorid hatte er auf einer Silvesterparty in Luxemburg kennengelernt, zu der ihn eine Schulfreundin eingeladen hatte, die dort bei einer Bank arbeitete. Jorid machte ein Praktikum in der Personalabteilung. In Stockholm auf der Brücke, unter der das süße Wasser schäumend und sprudelnd vom Mälarsee in die salzige Ostsee floss, hatten sie sich unter einem prospektreifen Januarhimmel das erste Mal geküsst. Sie sahen sich alle drei Wochen. Sie brauchten keine geprüfte Standsicherheit durch erfolgreiche Fernsehabende auf der Couch und stressfreien Hausputz. Er kannte sich aus. Stress analyst war die englische Bezeichnung für den Statiker. Die Beziehung mit Jorid hielt ein halbes Jahr.
Claudine hatte ihn das erste Mal auf Bahnsteig sieben, Westbahnhof Wien geküsst – ganz leicht und nur freundschaftlich. Sie hatte ihn zum Zug gebracht. Sie war auf dem Bahnsteig um hin herumgelaufen, wie eine Kamerafrau, tat, als wäre er ein frisch Verliebter, der bangend im Strom der Ankommenden nach jener Hälfte Ausschau hält, die er ein Leben lang gesucht hat. Er spielte mit.
„Zu dir passt keine, nicht mal ich, warte also nicht.“
Claudines Ironie.
„Aber du wartest trotzdem das nächste Mal hier, wenn ich komme?“
„Werde ich. Sehr wahrscheinlich“.
Dann fiel sie ihm einfach um den Hals, die Französin mit den schwärzesten Augen der Welt. Ihre violette Kunstlederjacke knarzte, als sie sich an ihn drückte und ihm zuflüsterte, wo er hinschauen sollte: Zu dem Mann am Steuer des elektrischen Kofferwagens, der einen sensationell gezwirbelten Schnauzbart trug, zu dem Kind, das aus der Bahnhofshalle kam und an seinem Hotdog–Würstchen leckte wie an einem Eis. Claudine sah die Kleinigkeiten. Und sie liebte an ihm, dass er sehen wollte, was sie sah, und dass er manchmal aus dem Stand kuriose Dinge tat. Zum Beispiel auf Händen über den Bahnsteig laufen.
Der Junge hatte vor Schreck fast seinen Hotdog fallen lassen.
„Als du mir die Karte hingelegt hast, im Café … Du hast dich verbeugt wie ein russischer Diener. Als würdest du Anna Karenina einen Brief von ihrem Geliebten überreichen.“
„Habe ich das?“
„Es war anders. So bin ich noch nie angemacht worden. Es war lustig. Und sehr schön.“
Neben ihm lachte jemand. Es war ein Glatzkopf mit sanftem Gesicht. Er hatte einen leichten ungarischen Akzent. Er unterhielt sich mit dem jüngeren Mann am Fenster. Sie hätten ein Paar sein können, aber sie waren es nicht. Der jüngere Mann am Fenster freute sich darauf, seine Frau wiederzusehen. Die beiden kamen von einem Kongress. Etwas mit Medizin, Immunologie, konnte er heraushören, eine Koryphäe hatte dort gesprochen. Der Jüngere zeigte dem Glatzkopf gerade aktuelle Familienfotos
„Das ist Lukas.“
Es war ein warmer Novembertag, an dem er Claudine kennenlernte. Sie machte es ihm leicht, sie redete viel und fragte wenig, nachdem er sich zu ihr an den Tisch gesetzt hatte. Aber das war gut so, denn er konnte sich in den schwärzesten Augen der Welt verlieren, diesem Blick, so beschrieb er ihn später allen Freunden, aus Fernost.
„Kennst du St. Marx.“
„Ich wusste gar nicht, dass man den heilig gesprochen hat.“
„Den Friedhof, Monsieur, den Friedhof.“
„Nein, ich kenne Wien ein bisschen, aber den kenne ich nicht.“
„Monsieur Mozart wurde dort begraben. Drittklassig wie die Österreicher eben sind. Das wäre uns nie passiert.“
„Nachdem das hitzige Frieselfieber ihn dahingerafft hat, oder war es das frieselige Hitzelfieber?“
„Weder noch, Sie Schlaumeier!“, lachte Claudine und warf entrüstet ihre Locken aus dem Gesicht. „Nachdem er hinterhältig vergiftet worden ist.“
„Wie auch immer: Da hatte es sich ausgegeigt.“
„Du nimmst mich nicht ernst.“
Sie lachte laut, aber warm. Er hatte alle seine Pläne für den Tag über den Haufen geworfen und war mit ihr rausgefahren in der Bim, der Straßenbahn. Die Sonne ging langsam unter und machte alles golden. St. Marx, erklärte sie ihm mit der übertrieben gespielten Professionalität der Führerin, war längst stillgelegt.
„Sehen Sie gleich den denkmalgeschützten Biedermeierfriedhof, ein Paradies für Melancholiker.“
Außer ihnen war niemand unterwegs in dem kleinen Park.
„Das ist meine Zeitmaschine. Hier kann ich zurückreisen“, erklärte ihm Claudine. „Qenn sich der Boden unter mir schneller dreht, als ich mich bewege, wenn es dann wackelig, so sagt man doch, wenn es wackelig wird, steige ich ein …“
Sie hob bedächtig ihre Arme und nahm ihre Locken nach hinten zusammen, aber sie sah ihn nicht an. Ihr Blick ging nach innen, als wolle sie eine schwierige Aufgabe lösen. Efeu rankte an von Wind und Wetter ausgewaschenen Grabsteinen herauf. Kopflose Engel thronten im Gewirr der Äste, amputierte und halbierte Figuren harrten so gut es ging seit über hundertfünfzig Jahren aus. Eine Frau aus Stein, ungewöhnlich gut erhalten, fasste sich bekümmert an die Stirn, als könne sie es immer noch nicht fassen. In dem Grab daneben ruhte Anton Hörbiger.
„Bedauert von seinen ihn liebenden Eltern“, las sie.
„Stein ist geduldig.“
„Hey, ich glaube, sie haben Josef geliebt. Es muss schlimm sein, wenn die Kinder vor einem sterben. Wäre ich er gewesen, wäre ich schon seit vier Jahren tot.“
„Na, eigentlich schon seit etwas mehr als hundertfünfunddreißig Jahren.“
„Aber Monsieur Statique. Sie Haarspalter. Ich meine vom Alter her. Er ist kurz vor seinem siebenundzwanzigsten Geburtstag gestorben. Ich habe schon vier Jahre mehr geschafft. Hipphipp Hurra!“
„Ob vor vier oder vor hundertfünfunddreißig Jahren. Es wäre schade gewesen um dich.“
„Merci, das ist très charmant.“
„Reiner Egoismus. Ohne dich wäre ich nie hierhergekommen … Woran er wohl gestorben ist.“
„An gebrochenem Herzen.“
„Ein Mann? Starb der damals nicht im Krieg?“
„Wo ist der Unterschied?“
Sie las die Inschrift auf dem gut erhaltenen Grabstein vor, der anscheinend restauriert worden war.
Ihr weint, weil ich von euch geschieden Weinet nicht des Himels Frieden Des Ewigen Vaterlandes Heil aus Gottes Hand ward mir zu theil.
Sie lachte.
„Ob es im Himmel damals okay war?“
„Wie kommst du darauf.“
„Damals hatte der Himmel nur ein M!“
Sein Lachen mischte sich mit dem auf und ab schwellenden Rauschen des Verkehrs auf der Stadtautobahn. Direkt hinter der Friedhofsmauer lag ein Knäuel aus Autobahntrassen. Auf der Südosttangente konnte man weiter Richtung Süden fahren. Oder man konnte den Bogen hinein in die Stadt nehmen. Ein Sattelschlepper schepperte vorüber und drückte unwiderruflich das Rascheln und Knistern der Blätter weg.
Claudine war plötzlich still geworden und wie versteinert.
Dann wachte sie mit einem Ruck auf.
„Ich bin eine lustige Melancholikerin, das musst du wissen.“
Er sagte nichts.
„Anderes Thema: Frierst du leicht?“
„Nein, ich mag große Kälte. Und ich mag große Wärme. Das Laue dazwischen mag ich nicht so.“
„Bon, dann fahren wir jetzt an den Nordpol.“
Am Nordpol war ihre Lieblingskneipe. Ein freundliches Wirtshaus mit abgewetzten Holztischen und böhmischer Küche. Sie teilten sich eine Portion Blinis und dann schaufelten sie süßes Kraut und Grammelknödel in sich hinein. Sie tranken dunkles Bier und Claudine hielt mit und rauchte, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie stellten fest, dass sein Hotel nur ein paar Straßen entfernt von ihrer Wohnung war. Aber nicht nur das stellten sie fest. An diesem Abend, umweht von Küchendunst aus Wacholder, Zwiebeln und Kümmel, sprang der Funke über. Am nächsten Tag fuhr er zurück mit dem Eurocity aus Budapest Keleti pu über Linz und Passau. Schon bei Plattling telefonierte er mit ihr, die Verbindung brach andauernd ab, aber er wählte immer wieder ihre Nummer.
Ein paar Tage später holte er sie am Flughafen ab.
„Das ist mutig von dir, einfach zu kommen.“
„Mutig wäre es, wenn ich Flugangst hätte. Wie du.“
Sie lächelte und küsste ihn auf beide Wangen.
Spätestens ab diesem Moment kreisten sie über dem Land als eine geballte Luftmasse, er und Claudine, ein ineinander verhaspeltes Wolkenknäuel am Himmel, auch als verschlungenes Gewächs rankten sie durch den Dschungel der Tage und Wochen, sie lebten überwölbt von einer kristallenen Glocke in einer Biosphäre der Zweifellosigkeit, sie waren Philemon und Baucis, die Lieblinge der Götter. Zeus würde sie belohnen und ihnen den Wunsch erfüllen, dass keiner den Tod des anderen erleben müsste. Und so wäre es gekommen, verwandelt wäre Claudine in eine Linde und er in eine Eiche. Ihre Sprache wandelte sich in einen zweistimmigen Gesang und gebar Un–worte. Hätte man sie getrennt von einander verhört, sie hätten das Geschehene in identischen Sätzen unbegreiflich und unfassbar und unbeschreiblich genannt.
In der Ankunftshalle überrumpelten sie einen kleinen rundlichen Inder, drückten ihm Claudines Handy in die Hand und ließen sich fotografieren: lachend, Wange an Wange.
Sie wurden eine Kugel aus Stacheldraht, wenn jemand zur Vernunft rief und nach der Zukunft fragte. Niemand sonst konnte verstehen, was sich da ereignet hatte ab jenem Nachmittag im Café. Dabei waren sie, hatte sein Partner Jochen berechnet, von den dreiundvierzigtausendzweihundert Minuten eines Monats meist nur neuntausendneunhundertsechzig Minuten zusammen. Aber so stimmte es nicht. In den übrigen dreiunddreißigtausendzweihundertvierzig Minuten, rechnete er Jochen vor, manövrierte zwar jeder für sich durch seinen Alltag, atmete und schlief für sich, aber sie waren dennoch verbunden. Immer wussten sie, was der andere tat, „wo er tanzt“, wie sie sagte, „womit sie sich schlägt“, wie er sagte. Am Nachmittag telefonierten sie, am Abend auch, und zwischendrin mailten und simsten sie. Sie lebten auf den Funkstrecken ihrer Mobilfunkanbieter und den magischen Kabeln des Internets. Sie waren ein Paar, aber frei, sie fühlten sich aufgehoben, aber nicht überwacht. Das gefiel Claudine, gefiel und war ihm wichtig. Sie waren Teilchen und waren doch eine Welle, so modern musste man das sehen.
„So, wie man das Leben sehen will, so schaut es einen an“, sagte die alte Dame, die direkt hinter ihm saß und machte eine bedeutsame kleine Pause. „Das hat Franz mir bei unserem ersten Rendezvous gesagt. Ich fand es so schön, dass ich ihn gebeten habe, mir das aufzuschreiben. Er hat dann heimlich ein Stück Rand abgerissen von der Zeitung in dem Café und hat dann mit dem Bleistiftstummel … Ach, Franz hat ja immer noch so eine schöne Schrift.“
Franz saß auf der anderen Seite des Ganges. Von dort hörte man ab und an ein kleines Grunzen und kurzes Röcheln. Franz war eingenickt und träumte vielleicht von diesem Tag in dem Café und wie er mit seiner Herzallerliebsten am Fenster saß und auf die Trümmer des Turmes sah, der zu jener Kirche gehört hatte, in der sie ein Jahr später heiraten würden. Sie waren glücklich damals und waren es immer noch, das hörte man an ihrer Altmädchen–Stimme:
„Damals hatte ich ja schon meinen Franz.“
Franz und sie, so würde er noch erfahren, schauten immer gerne die Wiederholungen vom Ohnesorg–Theater an. Franz und seine Frau kamen aus einer Zeit, die er sich nur schwarzweiß vorstellen konnte. In der alles in kleinen Maßen gemessen wurde und seine Grenzen hatte. In der man, wenn überhaupt, einmal im Jahr mit dem Zug fuhr. Mit dem Reisebüro–Sonderzug, der Menschen wie Franz und seine Frau und die beiden Kinder an den Wörthersee brachte, wo man einen Wanderurlaub machte. Inzwischen pendelte er mindestens einmal im Monat von Nord nach Süd und zurück. Donnerstags stieg er um kurz nach zwölf in den Zug nach Wien, montags reiste er meist zurück, manchmal musste er schon am Sonntagmittag los. In der allgemeinen Sonntagsstille klang der Abschied lauter. Das gefiel ihm nicht. In der Geschäftigkeit einer beginnenden Woche konnte man unsentimentaler aufbrechen, egal, ob die Sonne schien oder es regnete. Er fuhr gern durch Regen. Aus dem Gedächtnis konnte er inzwischen das Muster malen, mit dem Regen die Zugscheiben maserte, wenn er durch ein Tiefdruckgebiet raste. Er ahnte mittlerweile voraus, wann der grauschwarze Streifen Wald beginnen würde, ein ausgefranstes Fries in jener Kulisse, durch die er brauste und zu der auch jene Deutschlandfahne gehörte, die er geradezu antizipierte. Ein riesiges Ding in einem süddeutschen Garten an einem Mast, der selbst vor einem Ministerium eine mehr als verstiegene Sache gewesen wäre. Claudine hatte er davon erzählt und sie hatte sich für die beiden eine Geschichte ausgemalt zu der Fahne und ihrem Besitzer, die er fast für die Wahrheit hielt, so, wie er glaubte zu erkennen, wenn sich in den Ortschaften, an denen er vorbeifuhr, etwas veränderte. Sein Blick war trainiert. An das Tempo gewöhnt konnte er die Eindrücke für sich verlangsamen. Die wichtigen Passagen zeichnete er auf und spielte sie sich verlangsamt ab. Manchmal widmete er sich auch einem Standbild, einem Blick in einen Garten: eine schief aufgehängte Kinderschaukel, ein roter Sandkasten, dessen Ladung zu großen Teilen auf einer Gänseblümchen–Wiese verstreut war.
Heimstätten, ein unmodernes Wort, fiel ihm ein, und dann formulierte er, von einer unbewussten Logik getrieben, eine Variante des alten Außenminister–Witzes: Zwei Züge begegnen sich, in beiden sitze ich. Auch er war ein professioneller Reisender. Er musste auch beruflich oft genug reisen. Nicht alles konnte auf elektronischen Pfaden erledigt werden, ausgehend von seinem Notebook, das er immer in einer Umhängetasche dabeihatte, die aufgemacht war wie die Plattentasche eines DJs. Manchmal konnte er auch am Montag noch in Wien bleiben, wenn er vorgearbeitet hatte und Jochen einverstanden war. Claudine musste dann wieder in der UNO Führungen machen. Also bummelte er zum Naschmarkt, kaufte ein und kochte „Italienisch“ mit großem Geschick.
„In Rom“, sagte Claudine, sobald sie die erste Nudel elegant auf ihre Gabel gewickelt hatte, „würde ich auch gerne leben.“
Alle vier Wochen besuchte sie ihn. Er und Claudine ließen alle Fragen daheim und reisten immer nur mit leichtem Gepäck. Das vor allem war ihr Glück und führte dennoch manchmal zu Problemen. Denn das Wetter über Europa war launisch im ersten Frühling ihrer Zweisamkeit. Mal war es eiskalt mit starkem Regen, am nächsten Tag stieg das Thermometer mit der Sonne auf fünfzehn Grad. Das machte aus dem Packen manches Mal ein Garderoben–Roulette. Setzte man mehr auf Pullover oder Bluse, entschiedener auf Jackett oder Windjacke? Aber all das waren geradezu subatomare Teilstücke, Ungewissheiten, die keine Rolle spielten in ihrem Kosmos. Es waren Anlässe für Situationen, die man Hand in Hand meisterte. Keine Versäumnisse warf man sich vor, kein Satz fiel, der begann mit: „Du hättest aber …“ Es war auch nicht bedeutsam, ob er die langen Wochenenden mehr liebte, die er bei ihr war, als sie jene Tage genießen konnte, die sie bei ihm verbrachte. Sie hatten ihren Rhythmus. Den Abend nach der Ankunft verbrachten sie allein. Sie gingen essen, gewöhnten sich schnell an die körperliche Anwesenheit des anderen und planten die nächsten Tage, obwohl die meisten Vorhaben schon skizziert waren. Kam man noch rechtzeitig zum Konzert mit Adam Green, wenn man am Nachmittag die Ausstellungseröffnung besuchen wollte? Am ersten Abend gingen sie früh zu Bett und liebten sich nach Kräften und mit Macht. Ein paar Stunden nach Sonnenaufgang begannen sie damit, alles Geplante in die Tat umzusetzen: Er lernte ihren Freund Kai kennen, dem eine kleine Bar gehörte, in dem sie öfters einen Miles and More und einen Erdbeer–Daiquiri tranken. Am Sonntag zogen sie los mit Nadja, die in einem kleinen Kabarett auftrat. In seiner Heimat verbrachten sie Abende mit Jochen und dessen Freundin Alice, die bei einem Radiosender arbeitete und sie in die neuen angesagten Clubs der Stadt bringen konnte oder zum Ball des Sports. Sie hatten viele Freunde und Bekannte. In den ersten Monaten präsentierten sie den jeweils anderen, warben für ihn, fragten später „Und, wie findest du …?“, um die positive Antwort als Bestätigung zu nehmen.
Noch fiel kein Schatten auf ihre Geschichte.
Der Zug verlangsamte die Fahrt, legte sich in eine Kurve, neigte sich einer Siedlung zu. Er sah an den größeren Straßen das Orange der Quarzlampen, die opalisierenden Carports und schimmernden Giebel.
„Nur Wolkenkuckucksheime brauchen keine Statiker“, hatte Jochen gesagt, als nichts mehr zu tun war und sie an einem Nachmittag einfach losgezogen waren, um ein Bier zu trinken.
„Da ist was dran. Trotzdem schön für unser Konto, dass es so viele Bausparermetastasen gibt“.
„Weißt du, was das Verrückte dabei ist?“
Jochen grinste.
„Nein, und ich ahne es nicht mal.“
„Wir wissen, wie die Verhältnisse sein müssen, damit alles steht bis zum Sankt–Nimmerleins–Tag…“
„ … Das ist unser Job.“
„Aber darum wissen wir auch ganz genau, wo man das Dynamit anbringen muss, damit alles mit minimalem Aufwand fein säuberlich in sich zusammenklappt.“
„Du meinst ratzeputz weg?“
„Staub zu Staub.“
Er wusste nicht, ob Claudine es ernst gemeint hatte, ob sie mit jener Arglosigkeit sprach, die Teil ihres Charakters war. Oder ob sie ihn hochnahm mit jener Ironie, die auch wohnhaft war in dieser Frau, eine ebenbürtige Nachbarin der claudineschen Naivität. Er war verliebt in das eine wie das andere.
„Monsieur Statique“, fing sie an und machte weiter in Deutsch mit einem grazilen Akzent. „Bau uns ein Haus. Ein langes niedriges Haus, mit bauchigen Wänden und runden Fenstern und vielen Zimmern und viel Platz für alle Dinge, die man ansammeln kann, auch wenn man sie nicht mehr braucht, ein Haus, das nicht wackelt mit einem Strohdach. … Bau uns ein Hobbithaus.“
In der Adventszeit hätten sie vielleicht ein rotes Herz ins Fenster gehängt. Draußen sah er überall die illuminierten Fenster, die als kitschig glänzende Adventskalender–Türchen in den Fassaden hingen. Würde man sie öffnen, fände man friedvolle Szenen. So malte er sich das aus. Ein Junge oder Mädchen mit Zahnschmerzen, schlaflos aber beruhigt in den Armen der Mama. Hinter anderen, den abgedunkelten Fenstern passierten andere Dinge, unzarte Kämpfe, das Tier mit den zwei Rücken, das Treiben, das immer gleich und weich endete. Claudine hätte ihn aufmerksam gemacht auf den blinkenden Stern von Bethlehem in einem Vorgarten und gesagt:
So hat sich die Lage verändert, Monsieur Statique.
Wie?
Damals war der Stern oben und blinkte, und die Könige sind auf der Erde hinterher gewandert.
Und jetzt …
Jetzt sind die Sterne unten und morsen nach oben.
Und was morsen sie?
… vielleicht ist es ein Notruf, S.O.S. Hilfe, befreit uns …
Wovon?
Von allem …
Und wer soll es sehen, da oben?
Keine Ahnung, Schlaumeier. Denk es dir aus.
Lichtzeichen für das Weltall. Was war die Botschaft? Halbansichten, Teilansichten, manchmal Großaufnahmen. Was er draußen sah bei seinen nächtlichen Zugfahrten, fand er oft anheimelnd schön. Eine 70er–Jahre–Deckenlampe, an einem Gitter über dem Herd Töpfe und Kellen und Rührbesen. Jemand gebeugt über die Kochplatten. Er schlief nie ein im Zug wie die anderen Fahrgäste, deren Gespräch irgendwann verstummte. Das Pochen und Rumpeln, der Rhythmus des Fahrens hielt ihn wach, interferierte mit seinem Aderschlag. Vor etwas mehr als sechs Wochen waren sie zum ersten Mal zusammen verreist. Mit dem Zug. Er hatte behauptet, dass es unterwegs keine Tunnel und Brücken gab.
Claudine hatte sich einen gemeinsamen Urlaub gewünscht und immer wieder davon gesprochen. Er hatte versprochen, alles zu organisieren. Es dann aber immer wieder verschoben. Vielleicht war es der erste Fehler, den er machte, aber etwas hatte sich plötzlich getan in der Wirtschaft, die Konjunktur frischte auf, eine gute Stimmung manifestierte sich, man baute wieder und brauchte die Expertisen der Statiker, damit alles auch Bestand haben würde. Er fühlte sich beschäftigt und erfolgreich und ließ Claudines Wunsch auf der Tagesordnung immer wieder hinunterkollern. Er war gedankenlos. Bis sie plötzlich abtauchte, nicht mehr erreichbar war für zwei Tage. Schließlich bekam er eine SMS:
Du liebst mich nicht mehr.
Er simste zurück:
Ich liebe Dich mehr denn je.
Nicht was wir sagen, was wir tun, ist entscheidend, entzifferte er.
Claudine wollte auf eine Insel im Meer, eine kleine von Wellen umtoste Insel mit einem Namen, der rau und schroff klingen sollte. Sie wünschte sich nächtliche Strandspaziergänge und das Aroma der Gischt in der Nase, das in der Luft gelöste Salz, das einen schon nach ein paar Stunden husten machte. Sie stellte sich eine Pension vor, die aussah wie ein Hobbithaus. Er hatte für drei Tage eine kleine Ferienwohnung gebucht mit dem Namen
Dornröschen. Sie waren am frühen Abend angekommen, hatten sich gleich in das noch kühle Bett unter der Dachschräge geworfen. Claudine hatte es kaum ausgehalten und während der Fahrt ernsthaft Erwägung gezogen, ihn auf die Zugtoilette zu ziehen, um mit ihm, wie sie versprach, „außerordentlich unartige Dinge zu tun“. Umso ausführlicher, gründlicher und zweifelsohne unartiger liebten sie sich und verpassten darüber, sich etwas zu essen zu besorgen. Das einzige Restaurant in Dornröschens Nähe war schon winterfest verschlossen. Es war Nebensaison. Diese Einsicht machte ihren Hunger noch größer, aber sie ärgerten sich nicht und gingen sich nicht, was vielen hätte passieren können, auf die Nerven. Sie landeten in einer Kneipe und setzen sich mit voller Absicht nebeneinander an die gleiche Seite des Tisches. So machten alte Paare das gerne, hatten sie beobachtet, Paare, denen es wichtiger geworden war, in die Welt schauen zu können. Claudine behauptete, diese Paare machten das, weil es in den Augen des anderen nichts mehr zu entdecken gab. Vielleicht ist das eine große Erleichterung, nichts mehr entdecken zu müssen, hatte er geantwortet. Und sie hatte prompt eine Ohrfeige für ihn angedeutet. Zusammen mit Männern, die runzelige Fischergesichter hatten, tranken sie ein Bier ums andere und träumten von dem Fischbrötchen, das sie gleich zum Frühstück am Stand an der Hauptstraße essen wollten. Am Morgen hatten sie Glück, eine Brise hatte alle Wolken davongeschoben und den Himmel aufgerissen für eine anständig herausgeputzte Nordsee–Sonne. Die auch noch schien, als sie in den Dünen mit Schinken–Käse–Toasts und einer Thermoskanne Pause machten. Eine Sonne, die sich langsam, aber sicher verabschiedete und Wolken mit schwarzen Rändern dem Horizont überließ, als er nicht wusste, ob er Claudine in den Arm nehmen sollte. Sie hatte ihre frostig rosanen Wangen abgewandt und schluchzte leise mit dem kühlen Wind und wiederholte ein Dutzend Mal:„Als hätte ich ein Schild am Kopf … Baise–Moi, Baise–Moi, Baise–Moi …“
Sie hatte Männernamen aufgezählt, in absteigender Chronologie von ihrem letzten Freund an, Namen von Liebhabern und Affären. Er zählte mit in Gedanken an imaginierten Fingern – bis zwei Hände nicht mehr ausreichten. Er war verlegen und verblüfft. Aber dann fiel ihm ein, dass sie seit einem Jahr meist nur darüber gesprochen hatten, was sie gerade machten, was sie gemacht hatten seit dem letzten Gespräch und machen würden bis zum nächsten. Wer war Claudine?
„So lange wie mit dir, Monsieur Statique, war ich noch nie mit jemandem zusammen, verrückt, oder?“
Sie wandte sich ihm wieder zu, lächelte, wischte energisch die Tränen fort, stand auf und nahm seine Hand.
„Komm, gehen wir, bevor wir den Weg zurück nicht mehr finden … Es wird dunkel, und es sieht nach Regen aus. Und wir haben keinen Schirm dabei. Und ich habe immer noch Hunger.“
Sechs Wochen später hatte er Claudine noch einmal weinen sehen. Gestern. Am Morgen hatten sie Kai bei letzten Einkäufen geholfen. Abends würden sich alle auf einer groß angelegten Einweihungs–Party im siebten Bezirk wiedersehen, zu der er eingeladen hatte. Sie sei müde, hatte Claudine seltsam abwesend festgestellt, als sie wieder in ihrer Wohnung waren. Sie sei müde und wolle noch schlafen. Sie hatten sich hingelegt, er war dann derjenige, der schnell weggedämmert war. Seltsame Traumbilder zogen vorbei von endlosen heruntergekommenen Zimmerfluchten. Irgendwo hörte er ein Schluchzen, das ihm bekannt vorkam und kein Traumgespinst war. Es weckte ihn endgültig. Claudine hatte sich in die entgegengesetzte Ecke des Zimmers gedrückt, die Knie fest angezogen saß sie auf dem Boden. Diesmal war es nicht der Wind, der ihr ein frostiges Rosa auf die Wangen gemalt hatte. Sie hatte sie sich selber geschminkt. Der Mund leuchtete in einem Rot, das er an ihr nicht kannte. Sie trug eine Theaterperücke, ein fettes, drahtiges graubraunes Ding mit Plastikhaaren, toupiert zu einer, so stellte er sich das vor, Karikatur eines 60er–Jahre–Hausfrauenhaarschnitts. Nadja hatte ihr die Perücke geschenkt, nachdem ihr erstes Engagement ausgelaufen war. Manchmal hatte sie damit herumgealbert. Die Seiten waren aufgedreht und ragten als haarige Hörner nach vorn. Claudine hatte die Perücke tief in die Stirn gezogen, der Pony reichte bis an die Sonnenbrille. Er sah den Glanz der beiden Tränenspuren, die darunter auftauchten und sich an ihrem Kinn wieder trafen. Claudine rauchte Kette. Sie stellte etwas dar, das er nicht verstehen konnte. Eine Filmfigur, eine Geistererscheinung, ein Schattenbild. Als hätte ein anderes Ich in ihr sich brüsk nach außen gestülpt. Er setzte sich im Bett auf, schaute zu ihr und schwieg, verblüfft und verlegen. Eine drückende Ewigkeit später schaute sie auf. Er ahnte nur ihre Augen hinter der pechschwarzen Brille.
„Ich habe irgendwo gelesen, wer sich erfüllen kann, was er mag, weiß bald nicht mehr, was er sich wünschen soll“, sagte sie mit ruhiger Stimme, stand auf und ging ins Bad.
Sie kamen pünktlich zur Büffet–Eröffnung. Claudine war der ultimative Blickfang, sorgte bei der ersten Runde durch die Räume für Nervosität bei Männern und Frauen. Ihr schwarzes Kleid war ärmellos und körperbetont. In einem abgrundtiefen Ausschnitt trug sie ein exotisch designtes Collier aus Perlen, Bernsteintropfen und Muschelblättern, das er ihr geschenkt hatte. Ihre Locken hatte sie straff nach hinten gebunden. Sie bewegte sich auf ihren Pumps mit dem Zehnzentimeter–Absatz in vollständiger Harmonie mit der Erdrotation. Claudine sah furchtlos aus und begierig. Sie ließ ihn stehen und ging auf eine Mission, die er zunächst nicht verstand. Mit Kai nahm er für ein paar Minuten ein Gespräch vom Morgen über die Folgen des Klimawandels auf, dann kamen neue Gäste, die begrüßt werden mussten. Mit einer Frau, die er flüchtig kannte, erwog er zwischen Ernst und Ironie die Vorzüge der chinesischen Fünf–Elemente–Küche, trank schneller als gewöhnlich Wein und ahnte durch den aufsteigenden Rausch, dass etwas anders war als im Schema eines solchen Abends üblich. Nadja blickte zu ihm herüber, überlegte einen Moment, löste sich dann aus einer Dreiergruppe und kam zu ihm. Der elfenhafte Charme ihrer so langen wie kurvenlosen Erscheinung animierte ihn zu einem schwülstigen Spruch, den sie ignorierte.
„Was ist mit unserer Freundin …? Deiner Freundin …?“
„Warum?“
„Stimmt was nicht bei euch?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Ich meine, vielleicht solltest du dich ein wenig um sie kümmern.“
In diesem Moment tauchte Claudine auf, sie lachte, fiel ihm um den Hals, küsste ihn, drückte ihn in einen Sessel und setze sich auf seinen Schoß, um ihm ins Ohr zu flüstern.
„Und? Amüsierst du dich? … Eine wunderbare Party… Tolle Leute, tolle Männer …“
„Wie darf ich das verstehen?“
„Wie ich’s sage. Ich lerne gerade jemanden kennen.“
„Aha, aber du kennst doch schon jemanden.“
„Aber noch nicht Gordon.“
„Was macht Gordon so besonders?“
„Er ist Tierarzt. Und er interessiert sich sehr für mich.“
„Da ist er hier sicher nicht der Einzige.“
„Hey, du verstehst mich nicht. Er stellt mir Fragen.“
Und eben so schnell, wie sie über ihn gekommen war, machte sie sich los, schnappte sich mit einer filmreifen Bewegung ein neues Weinglas vom Büffet und verschwand im Nachbarzimmer.
Nadja kam wieder näher, zog die Augenbrauen hoch und stellte mit ihren Händen eine stumme Frage, die er nicht beantworten konnte. Also ging auch er in das nächste Zimmer, blieb aber hinter der Tür stehen. Von hier sah er genug. Wie Claudine dastand. Sie lehnte an der Wand, hatte die Hände spielerisch hinter dem Kopf verschränkt, legte die Achseln frei, neigte das Gesicht und fragte mit ihrem einmaligen Blick aus Fernost:
„Gefalle ich dir?“
Sie war eine einzige Einladung, die Gordon, ein nichtssagender blonder Veterinär Ende dreißig, mit glänzenden Geheimratsecken gern annahm.
Er ging wieder zurück, klinkte sich in Gespräche ein, an die er sich schon Minuten später nicht mehr erinnerte.
Als Claudine mit ihm zum dritten Mal das Spiel spielte, zu ihm pendelte, um sich an ihn zu schmiegen und Neues von Gordon zu vermelden und schließlich auch, dass sie Telefonnummern ausgetauscht hätten, beendete er die Vorstellung, ließ ein Taxi kommen und fuhr stumm mit Claudine, die widerspruchslos gefolgt war, zurück in ihre Wohnung.
Obwohl sie viel getrunken hatte, sprach sie ganz klar.
„Manchmal sehe ich dich drei Tage vierundzwanzig Stunden … Dann gar nicht …“
„Aber …“
„Kein Aber, es ist so Monsieur Statique. Die Dosis stimmt nicht. Für mich nicht. Das ist wie bei Medizin, wenn die Dosis nicht richtig ist, hilft sie nicht. Oder sie ist Gift …“
„Aber wir fanden es doch beide …“
„… erst mal richtig so? Vielleicht wussten wir es nicht besser. Ich weiß ja, manchmal bin ich ziemlich naiv. Vielleicht ist es auch ganz anders?“
Er runzelte die Stirn und schaute sie feindselig an.
„Wie anders?“
„Ich dachte, ich wäre in dich verliebt.“
Die Pause dehnte sich, aber sie sagte nichts.
„Du hast gesagt, mit mir würdest du … wäre alles …“
„Halt! Ja, ja und noch mal ja! Gesagt habe ich das und noch ein paar andere Sachen. Mit dir … Wer ist das eigentlich? Ich meine, wer bist du? Vielleicht weiß ich gar nicht, wer du bist. Du hörst dich immer gleich an und tust immer das Gleiche… Dabei dachte ich, du wärst unberechenbar.“
„Was sollen wir jetzt tun …?“
„Ich weiß nicht mal, was ich tun werde …“
Er würde nicht mehr bei ihr bleiben. Sie hätte nichts dagegen gehabt, das merkte er, vielleicht hätten sie sogar noch einmal miteinander geschlafen, von allen Zweifeln eingeholt, ratlos und mit aufschiebender Wirkung. Viel musste er nicht mehr zusammen packen, es war ohnehin der frühe Morgen vor seiner Abreise am Nachmittag. Draußen hörte er Amseln singen, mitten im Dezember. Sie pfiffen und trällerten, als würde an allen Fronten der Frühling durchbrechen. Angesichts eines Tages, der wieder zu warm werden würde für die Jahreszeit, entschlossen sich die Vögel zu balzen. Die Natur lässt ihnen einfach keine andere Wahl, dachte er und fragte sich, ob die Vögel spürten, dass etwas nicht stimmte. Claudine hatte ihn zum Haustor gebracht, um wieder aufzuschließen. Wie lange hatten sie in dem kühlen Flur gestanden? Zwei Momente Gegenwart? Die altersschwache Jugendstil–Deckenlampe ließ ein trübes Licht über sie sickern. Als wolle sie sich ein für alle Mal das Mädchenhafte austreiben, zog Claudine ihre Locken glatter und glatter. Sie hatte die rote, rund gewölbte Unterlippe eingesogen und presste den Mund zusammen.
„Na dann“, hatte er den Satz begonnen, der keine Fortsetzung mehr finden würde.
„Ja, dann“, hatte Claudine ihm geantwortet.
Als er sie an sich ziehen wollte, war sie ganz leicht zurückgewichen, hatte sich an die Tafel mit der Hausordnung und dem Putzplan und der Werbung eines Schlüsseldienstes gelehnt, hatte ihre linke Hand auf ihre rechte Schulter gelegt, den Arm vor die Brust gepresst. Er war nach links in die Gasse gegangen, im Schlepp den Rollkoffer, dessen Klackern sich an den bröckelnden Fassaden brach. Er ließ seine Winterjacke offen, hatte aber den mit Fell gefütterten Kragen aufgestellt. Er ging vorbei an dem Tabakladen, in dem er seine Zigaretten gekauft hatte, an dem Drogeriemarkt, in dem er sich eine Zahnbürste besorgt hatte, nachdem er seine damals vergessen hatte: die erste Übernachtung bei Claudine. Aus dem Schaufenster der Bäckerei mit den katastrophal weichen Brötchen lachten ihn drei Weihnachtsmänner an, die eine blinkende Lichterkette hielten. Es war der Dritte Advent.
Aus seinem Rucksack hatte er den kleinen Karton mit dem Spielzeugboot aus Blech geholt, das er auf dem Weihnachtsmarkt am Spittelberg gekauft hatte, als Claudine einen Augenblick abgelenkt war. Sie hatte eine Bekannte getroffen und ein Gespräch angefangen. Er hatte Claudine das Boot nach der Party schenken wollen, um es mit ihr vor seiner Abreise auf Jungfernfahrt zu schicken. Es war ein Kerzendampfboot nach einem alten Vorbild. Er wog das stilisierte und bronzen schimmernde Boot in der Hand und las die Bedienungsanleitung. Man füllte Wasser in ein Rohr im Bootsrumpf. In einem Löffel wurden dann ein Docht und Wachsreste angezündet. Das Flämmchen schob man vorsichtig unter den Kessel, der im angedeuteten Dach der Kajüte steckte. Das Wasser in dem winzigen Röhrensystem erwärmte sich. Nach ein paar Sekunden begann die Fahrt. Bis das Flämmchen heruntergebrannt war und noch ein Stück darüber hinaus würde die Dampfkraft das Boot am Rand der Schüssel vorantreiben: immer im Kreis.
Mit wem würde er das Boot jetzt ausprobieren? Mit wem würde er dieses Jahr Weihnachten feiern? Eigentlich wollte er am Heiligen Abend in Wien sein. Würden er und Claudine versuchen, Tango zu tanzen auf verbrannter Erde? So hatte Jochen einmal den Versuch, gute Freunde zu bleiben, umschrieben. Er war müde, und seine Gedanken waren richtungslos. Von irgendwo glaubte er die Melodie von Wonderwall zu hören – Oasis aus einfachen Ohrstöpseln an einem MP3–Player. Ein Teenager mit einer Sporttasche schlurfte durch den Gang. Etwas hatte sich verändert. Die glücklichen Damen und der dazugehörige Fritz waren ausgestiegen. Er glaubte sich an Bruchstücke einer Diskussion zu erinnern. Die Freundin von Fritz’ Gattin wollte schon zwanzig Minuten vor Ankunft aufstehen, sich den Mantel anziehen. Sie war unsicher und hatte Angst, nicht rechtzeitig aussteigen zu können, aber ihre Freundin hatte ihr sanft zugeredet.
„Der Fritz macht das schon mit den Taschen, wirst sehen, der macht das immer noch mit links.“
Die beiden Forscher waren tief in ihre Sitze gerutscht und dösten sich einer späteren Ankunft entgegen. Er erinnerte sich an die eckig intonierte Ansage des Schaffners.
„In wenigen Minuten erreichen wir Würzburg Hauptbahnhof.“
Er schaute auf das Boot und fühlte, wie er von innen heraus immer gewichtsloser wurde, wie sich das Gleichgewicht der Kräfte langsam auflöste in Traurigkeit. Aber der Zug ruckte schon wieder an, die wenigen Menschen auf dem nächtlichen Bahnsteig zogen vorbei in schneller werdender Folge, Schilder begannen allmählich zu verwischen, durch die Gleisharfe suchte der Zug sich seinen vorgeschriebenen Weg vorbei an grünen Signalen. In etwas mehr als einer Stunde wäre er zu Hause. Daran versuchte er zu denken. Viel Zeit zum Schlafen blieb ihm dann nicht mehr. Jochen würde im Büro sehr früh auf ihn warten, sie mussten sich besprechen, bevor ein möglicher Kunde kommen würde, der einen lukrativen Auftrag versprach. Er hörte den dicken Schaffner, der nach aufgewärmter Erbsensuppe roch, langsam durch den Gang kommen. Perfekt im Rhythmus und von Wiederholung zu Wiederholung deckungsgleich im Melodiebogen fragte er nach den neu Zugestiegenen und merkte nicht, dass hinter ihm ein weiblicher Fahrgast ungeduldig seinen Platz suchte. Sie schaute nach rechts und nach links, prüfte die Schilder mit den Sitzplatz–Nummern, glich sie ab mit ihrer Reservierung. Auf seiner Höhe blieb sie stehen, verharrte und lächelte. Sie hatte in der Vierergruppe den Platz am Gang, ihm schräg gegenüber.
„Pardon, Sie können mir helfen?“
Er nickte, wollte etwas sagen, aber sie sprach schon weiter.
„Ist Koffer schwer.“
Ihre hellblauen Augen blitzten auf wie ein Leuchtfeuer. Weiche Haarwellen in der Farbe eines Erdbeer–Sahne–Bonbons fielen auf ihre Schultern. Er nahm sich zusammen in einem Sinne, der wahrer nicht sein konnte, rappelte sich auf, stand sicher im schlingernden Zug und wuchtete ihren alten Lederkoffer auf die Ablage. Den Mustern einer geheimnisvollen Bewegungslehre folgend verbeugte er sich tief. So sah ein gewissenhafter Diener in einem alten Film aus. Sie dankte mit einem gespielt gnädigen Lächeln. „Guten Abend, meine Name ist Vera. Bin ich auf Weg nach Riga, aber mache ich Stopp in Frankfurt bei Freundin. Reisen Sie wohin?“
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