Leseprobe

aus Tom Wildt: Shanghai bringt mich um. Ein Cyberspace-Thriller (Auszüge aus dem 8. und 10. Kapitel)


Kapitel 8:
„Komm zurück, Tom!“

Wie fühlt man sich, wenn einem übers Telefon die Einladung zu einer Party zugeflüstert wird, die vor siebzig Jahren stattgefunden hat oder stattfinden sollte? Stellt sich die Frage, ob man so gegen Mitternacht beim Zimmerservice eine kleine Zeitmaschine ordern soll. Der Gang zu einem Kostümverleih wäre auch keine schlechte Idee, denn in einem echten Frack oder Smoking aus jener Zeit könnte man garantiert einen glänzenderen Auftritt hinlegen als in einer Hugo Boss–Kreation aus dem Jahr 2006. Oder demonstrierten die weißen Gentlemen damals ihre kolonialistisch gefärbte Arroganz den gelben Eingeborenen gegenüber immer noch mit diesen komischen Tropenanzügen einschließlich Helm und blank gewienerten Stiefeln? Doch wohl eher nicht. Shanghai war eine Weltstadt, damals schon, nicht vergleichbar mit Rudyard Kiplings Dschungelbuchindien, und die Typen in Vicky Baums Schmöker „Hotel Shanghai“ zum Beispiel waren ja für jene Epoche ganz normal gewandet. Und die gute alte Vicky musste es ja wissen, war sie doch, wie man liest, in den Dreißigern tatsächlich hier vor Ort.

Das Ganze als einen schlechten Scherz abtun und einfach vergessen, wäre eine Alternative. Aber nicht unbedingt eine empfehlenswerte. Wer sich in ein mörderisches Projekt hineinziehen lässt, bei dessen Realisierung angeblich die Grenzen der Wirklichkeit überschritten werden, muss mit allem rechnen, Raum– und Zeitverschiebungen inklusive.

Schade, dass die skurril anmutende, aber wahrscheinlich todernst gemeinte Partyeinladung nicht vor meinem Gespräch mit Helen kam. Sonst hätte ich ihr … was: Von dem Anruf erzählt? Bin mir nicht ganz sicher …
Überhaupt, die Helen, diese vor Sex Appeal sprühende Sphinx mit dem unschuldigen Augenaufschlag, die immer so tut, als hätte sie von nichts eine Ahnung, die immer nur ganz brav ihren Routinejob als Redaktionssekretärin macht – Kaffee in die Sitzungen bringt, die Post verteilt, Vertreter abwimmelt, wichtige Gäste bezirzt – und die dann manchmal urplötzlich eine scharfe Bemerkung oder provokative Frage rauslässt, die beweist, dass sie’s faustdick hinter ihren schön geformten, mit Glitzerclips behängten Ohren hat. Einmal, ist noch gar nicht so lange her, ich hatte meine leider nicht lange währende Zigarettenabstinenzperiode noch vor mir, und wir rauchten gerade eine zusammen auf der Terrasse draußen, fragte sie mich ganz beiläufig, wo ich denn in der Legion gewesen sei damals. Und ich dachte: He, die weiß ja mehr, als für meine offizielle Rolle als Redakteur von New TransPacific gesund ist, und woher wohl? „Tja“, rückte ich, ohne es eigentlich zu wollen, mit der Wahrheit heraus, „im Tschad, da hatten die Franzosen damals Zoff mit dem Gaddafi, und das war überhaupt nicht gemütlich.“
„Hast du echt gefighted, geschossen, getötet?“
Sie wollte es ganz genau wissen.
„Also weißt du, wenn du vorhast, in deiner Uniform nur eine Zielscheibe für die von der anderen Seite abzugeben, dann kannst du’s gleich vergessen. Sobald die in die Schusslinie geraten, musst du versuchen, auf sie zu ballern, bevor sie zurückballern können. Klar, oder? Und na ja, dass ich jetzt hier mit dir darüber quatsche, ist ja wohl der Beweis, dass die anderen nicht mich, sondern ich die anderen erwischt habe. Ein paar von denen. Tun mir ja leid, die Jungs, aber was sollte ich sonst machen?“
Ich hoffte, damit das Thema erschöpfend abgehandelt zu haben.
Doch Helen outete sich als Pazifistin:
„Wie wär’s mit desertieren gewesen? Hättest doch abhauen können, oder?“
Allmählich begann sie mich zu nerven:
„Abhauen! Und wohin, du naives Schäfchen? In die Wüste zu den Kamelen, oder was? Okay, vergiss den Scheiß, aber jetzt mal was ganz anderes: Woher weißt du überhaupt davon?“
„Der Jeff hat’s mir gesteckt, als ich vor ein paar Wochen drüben in Atlanta war.“
„Du warst …“
Ich schaute sie an, sie schaute mich an, und dann klingelte ihr Handy, und wir mussten unsere kleine Unterhaltung im interessantesten Moment abbrechen.

Die Fortsetzung folgte eine Woche später, in der Spaghetteria am Bellevue. Ich hatte sie in diese Fast–Pasta–Kneipe, weit weg von der Redaktion, eingeladen, und sie hatte bereitwillig zugesagt. Sie legte gleich nach der Bestellung los und eröffnete mir, dass dieses klärende Gespräch absolut „key“ sei und von Jeff Ecclestone ausdrücklich begrüßt würde und er anschließend auch darüber informiert werden müsse. Ich beobachtete sie und sagte erst mal gar nichts. Ganz schön clever, die Schöne, dachte ich, und dann überlegte ich, welche Konsequenzen diese für mich völlig neue Situation haben könnte. Helen ließ das erst mal auf mich wirken, schwieg vor sich hin und tat so, als suche sie etwas in ihrer Handtasche.
„Du hast noch einen Nebenjob bei New TransPacific, richtig?“, fragte ich endlich, vermied es, sie anzublicken und betrachtete stattdessen ein bisschen kritisch den Spaghettiteller, den der Kellner gerade vor mich hingestellt hatte.
„Richtig“, bestätigte sie.
Ich wollte es genauer wissen.
„Du bist also ein Maulwurf, der seinen Wirkungskreis hier in der Zürcher Redaktion des Magazins hat und bei seinen Wühlereien peinlich darauf achtet, anders als seine natürlichen Artgenossen ja keine verräterischen Haufen aufzuwerfen.“
„Gut beschrieben, Partner Maulwurf“, grinste sie und sah mir herausfordernd in die Augen.
„Na prima“, sagte ich, weil mir keine schlauere Antwort einfiel und wusste erst mal nicht weiter.
Also übernahm sie die Initiative und erzählte mir ganz offen und ohne jedwelche Hemmungen den Beginn der Geschichte: Wie sie Jeff in einer Bar in New York angebaggert hatte, als sie gerade ihren Job in einer kleinen Vermittlungsagentur für Models verloren hatte und sich noch nicht sicher war, ob sie nach Europa zurückkehren oder lieber in der Stadt einen spendablen Sugar Daddy suchen solle, was ja nicht so schwer sein könne, wo doch Blondinen mit einem europäischen Touch wie sie ziemlich weit oben auf der sexuellen Wunschliste ständen.
„Und Bingo, es hat schon beim ersten Anlauf geklappt“.
„Mmh“, brummte ich und stellte mir Jeff und Helen zusammen im Bett vor, was meiner ohnehin nicht großen Sympathie für unseren gemeinsamen Boss einen ziemlichen Abbruch tat.
„He, Tom, Partner. Mach dich das etwa …?“
Helen tat echt erstaunt.
„Sollte es?“, murmelte ich zurück und gab ihr anstelle einer konkreten Antwort zu bedenken, dass unser Gespräch in den letzten Minuten vom eigentlichen Thema abgedriftet sei – und zwar in eine Richtung, die nicht so ganz im Sinne unseres gemeinsamen Brötchengebers sein könne.
„D’accordo“, sagte sie und kam dann auf den Punkt.
Und dieser Punkt war, dass die Typen vom Blue Bamboo Projekt für Zürich eine Verstärkung geplant hatten.
„Sollst du mich überwachen?“, unterbrach ich sie.
Helen verneinte und strich mir sogar ganz kurz mit der Hand übers Gesicht.
„Ich bin deine Supporterin. Soll dich unterstützen, wenn’s losgeht und unterdessen die Ohren offen halten.“
Ich nahm als Reaktion einen Schluck von dem billigen Chianti und wartete gespannt, wie’s weiterging.
„Und es war ja wohl von vornherein klar, dass dafür nur ich in Frage kam und mein Platz kein anderer als ein Job im New TransPacific Zürich sein konnte“, fuhr sie ein bisschen arrogant fort.
Dann fragte sie mich, ob ich bereits wisse, dass das Projekt sehr bald in die heiße Phase eintreten würde, und ich nickte und teilte ihr resigniert mit, dass ich keinen blassen Schimmer hätte, wie diese heiße Phase aussehen würde.
„Die wollen doch sicher nicht zusammen mit ihren asiatischen Verbündeten in Shanghai irgendwas Verrücktes inszenieren?“, fragte ich und gab mir gleich selbst die Antwort. „Ich meine, die Lage dort unten ist doch völlig stabil, und der Versuch, einen Coup zu landen, hätte überhaupt keine Chance. Schließlich leben wir nicht mehr in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Stadt ein Pulverfass war, an das man nur die Lunte zu halten brauchte.“
„Was ja einige auch tatsächlich getan haben“, entgegnete Helen, und war ganz meiner Meinung. „Nein, die haben was ganz Anderes vor. Lassen sich aber nicht in die Karten gucken.“
„Stimmt genau.“
„Okay, aber was das Timing betrifft, soll ich dir etwas von Jeff ausrichten: Du wirst bald, sehr bald eine Einladung zu einem Flug nach Shanghai erhalten. Eine ganz offizielle, im Zusammenhang mit einem Job für das Magazin. Um was es dabei aber wirklich geht, wirst du von ihm persönlich erfahren.“
„Schön, dann ist gespanntes Warten angesagt. Und was tun wir in der Zwischenzeit?“
„Unseren Job machen, wie immer“, antwortete sie und rief nach dem Kellner, um Espressi für uns zu bestellen.

„Komm zurück, Tom!“
Ewa’s Stimme. Ich wachte auf und fand mich in einem neuen Traum wieder: einen, der auf den ersten Blick in N’Djamena handelte, der glorreichen Metropole des Tschad; genauer: in jenem schäbigen Café mit dem verblichenen provençalischen Charme, in dem ich manchmal, wenn die Luft gerade einmal nicht zu bleihaltig war, zusammen mit einem Legionär aus Leipzig einen gar nicht so schlechten Café Crème trank und dazu einen zwanzig Tage alten Figaro las. „Salut, ma poule“, sagte ich zu der schwarzen Kellnerin, blickte auf und sah, dass es zwar ein Café, aber nicht das in N’Djamena war und dass die Kellnerin nicht schwarz war, sondern sehr chinesisch aussah und kein Französisch verstand. Und mir gegenüber saß nicht der Sachse aus meinem Regiment, sondern E–Wa in ihrer ganzen virtuellen Schönheit.

Kapitel 10:
Die Umgebung ist instabil.

Es war knapp gewesen.

Vor weniger als einer halben Stunde erst hatte mein zweites Bewusstsein eine wichtige Erkenntnis generiert: dass es in meinem neuen Leben äußerst ungesund ist, sich ohne Waffe in der virtuellen Öffentlichkeit zu bewegen. Das war, als das ekelhafte Rattern einer Maschinenpistole die gemütliche vormittägliche Caféhausstimmung im Les Fleurs du bien des Jahres 1936 ultimativ beendet hatte. Das war, als zwei uns jagende Gun Men von der einen Politgangster–Fraktion durch zwei, mit dem gleichen Auftrag aufkreuzende Gun Men der anderen Politgangster–Fraktion in die ewigen Jagdgründe geschickt wurden. Ja, es war verdammt knapp. Aber es hat funktioniert …
Die beiden Drachenkämpfer waren ausgeschaltet:
Sie rührten sich nicht mehr.
Sie bluteten nur noch vor sich hin.
Der eine der beiden Killer von der Blue Bamboo Fraktion hielt seine MP im Anschlag.
Der andere screente das Lokal.
Die Café–Gäste klebten wie erstarrt auf ihren Stühlen.
Von der Kellnerin war nichts mehr zu sehen.
Pulvergeruch hing in der Luft.
Jemand hustete.
Und dann hatten sie ihr Ziel ausgemacht.
Doch der Terminator schaffte es nicht mal, uns mit seiner MP ins Visier zu nehmen.
E–Wa ließ ihm absolut keine Chance.
Sie griff blitzschnell zu ihrer Tasche.
Riss den Reißverschluss auf.
Zog etwas heraus, das wie eine ganz ordinäre Spraydose aussah.
Öffnete den Verschluss.
Zielte auf die beiden Typen.
Und im nächsten Augenblick war das ganze Café in einen Nebel gehüllt: höllenfeuerrot, beißend und undurchdringlich.
Und wir waren verschwunden.

***
Ein noch etwas fahler, trotzdem bereits frühlingswarme Strahlen auf den kühlen Märzboden verteilender fernöstlicher Mittagssonnenklon lachte über die Dummheit der Menschen und ihrer virtuellen Spiegelbilder. Die Wege waren sorgfältig gepflegt, die Blumen blühten in allen Farben des Regenbogens, auf dem zartgrünen Rasen lag ein vergessener, rotweißer Ball, Amahs waren mit den herausgeputzten Kindern ihrer weißen Herrschaft unterwegs, ein alter, ziemlich distinguiert wirkender Chinese mit eisgrauem Spitzbart und einem um die klapprigen Glieder schlotternden, aber offensichtlich aus feinstem Tuch gefertigtem, pyjamaähnlichem Gewand trug einen Paradiesvogel spazieren, der aufgeplustert in seinem Käfig stand und mit seinen überall in den Ästen der frühlingsgrünen Bäume sitzenden Artgenossen um die Wette tirilierte … Peace now. Sorrow tomorrow.
Der Park, in den es uns wie auch immer nach dem Caféabenteuer verschlagen hatte, beeindruckte mich zwar in seiner naturunechten Harmonie, doch mir war der Orientierungssinn abhanden gekommen. „Haben Sie mich nicht darüber aufgeklärt, dass es unmöglich ist, von einem in ein anderes Level zu switchen, Miss Lara Croft?“
E–Wa lachte, fasste mich bei der Hand und deutete mit dem Zeigefinger ihrer anderen auf die üppig wuchernden Bambusbüsche zu beiden Seiten des Weges, den wir, wie ich es interpretierte, ziellos entlangspazierten. Und statt einer Antwort kam eine Gegenfrage:
„Hast du gewusst, dass der Bambus die Idee des Taoismus verkörpert? Nachgeben und wieder zurückkommen. Das ist die Kunst des Überlebens.“
„Nichts gegen den weisen Laotse. Aber kannst du mir unsere ganz konkrete Kunst des virtuellen Überlebens nicht ein wenig praxisnäher erklären?“
„Komm, setzen wir uns“, schlug E–Wa vor und zog mich zu einer sonnengeschützten Bank in einen schmalen Seitenweg, der sich zwischen einem dichten Bambusvorhang auf der einen und einem breiten Rasen auf der anderen entlangschlängelte.
Danach saß ich dort wie ein zu groß geratenes Fragezeichen, schaute mit nur mäßigem Interesse den vorüberspazierenden Parkbesuchern in ihrer wie aus einem Hollywoodfilm der Chaplin–Ära wirkenden Bekleidung und dem nach meinem zeitgeistigen Geschmack ziemlich affektiertem Gehabe zu, sagte erst mal gar nichts und wartete ungeduldig darauf, dass mir E–Wa die Lage erklärte.
Ganz ähnlich wie vorher in diesem Café fielen wir beide in unserem Outfit überhaupt nicht auf. Was die missbilligende Aufmerksamkeit einiger Shanghailander, vor allem solcher weiblichen Geschlechts, erregte, war die wahrscheinlich allen damaligen Benimmregeln zuwiderlaufende Tatsache, dass sich am helllichten Tag ein Europäer mit seiner chinesischen Geliebten ganz ungeniert in der Öffentlichkeit zeigt. Wenn die wüssten, was ich weiß oder eben nicht weiß, dachte ich und murmelte etwas von einer verrückten, im wahrsten Sinne des Wortes ver–rückten Welt vor mich hin, was meine kleine toughe, neben mir sitzende und mit ihren winzigkleinen, in Goldsandalen steckenden Füssen für mich unentzifferbare Schriftzeichen in den Sand malende chinesische Geliebte nicht überhörte.
E–Wa rückte noch näher zu mir.
„Was hast du, Tom?“ fragte sie, während sie sich ein wenig aufrichtete, mir ihre Arme um den Hals schlang, ihre Stirn an meine drückte und mich aus ihren dunklen, nur wenige Zentimeter von mir entfernten Augen mit einem Blick ansah, den ich nicht recht zu deuten wusste, weil er sowohl einen leisen Vorwurf wie auch so etwas wie eine Bitte zu enthalten schien.
Dich habe ich“, entgegnete ich ihr, und wie als Beweis, dass mir dieser Besitz und ihre Nähe überaus wichtig und unentbehrlich seien, ergriff ich ihre langen Haare, zog sie ganz nah zu mir heran und legte sie mir um die Schläfen, so dass unsere beiden Gesichter wie hinter einem schwarzseidenen Vorhang versteckt waren.
Einen winzigen Glücksmoment lang schien sie diese Geste zu genießen. Doch dann befreite sie sich von mir: Die permanent wachsame E–Wa wollte unbedingt den Überblick behalten und sich keinesfalls eine Blöße geben, die irgendwer oder irgendwas ausnutzen könnte.
„Auf der Avenue Joffre zu bleiben, das wäre zu gefährlich gewesen“, erklärte sie, „deshalb habe ich dich in den French Park entführt, und das musste eben so rasend schnell gehen, dass du es nicht registrieren konntest.“
Ich musste erst mal schlucken, um wieder in unsere Situation zurückzufinden.
„Okay, der French Park, der wahrscheinlich in meiner Lebensechtzeit auch einen anderen Namen hat“, stöhnte ich, und dann hatte ich mich wieder voll im Griff und ließ meine Fragen auf sie niederprasseln. „Aber wie hast du das geschafft, im Café? Was war das für eine Waffe? Ich meine, das sah aus wie inszeniert, irgendwie nicht richtig echt. Und vor allem: Wieso meinst du, dass wir hier sicherer sind? Selbst im wilden Shanghai der dreißiger Jahre kann es sich die Polizei kaum leisten, das Gemetzel in einem Café einfach zu ignorieren. Oder ist das auch nur ein Fake?“
„Fuxing Garden“, informierte sie mich knapp.
Sie war mir plötzlich nicht mehr so nahe, und in ihren Augen stand jetzt ein Vorwurf. Als wenn sie sagen wollte: ‚Ich habe uns aus einer extrem gefährlichen Situation gerettet, und alles, was du willst, sind immer nur irgendwelche Erklärungen.’
Ein geschniegelter europäischer Typ spazierte vorüber, ließ seine klebrigen Blicke über E–Wa’s Figur wandern, bedachte mich mit einem spöttisch–anerkennendem Blick und zog im Vorbeigehen mit einer anzüglichen Geste seinen Borsalino, falls es ein Borsalino war, denn ich verstehe nicht viel von Hüten.
„Asshole“ sagte ich nicht sehr laut, aber doch vernehmlich. Und dann stellte ich mir vor, was passieren könnte, wenn Monsieur Elegant zurückkommen und mich für meine Beleidigung zur Rede stellen würde. War aber nicht der Fall, und so würde ich leider nicht erfahren, ob es damals vielleicht sogar noch Duelle gab. Doch in diesem Moment unterbrach E–Wa meinen kleinen abschweifenden Gedankengang mit einer in meinen Ohren ziemlich dramatisch klingenden Feststellung.
„Ich habe Angst, dass du mir nicht richtig vertraust, Tom“, begann sie, und nach einem kurzen Blick zu mir: „Nein, bitte, unterbrich mich jetzt nicht … Es wäre zu kompliziert, dir die Funktionsweise meiner Waffe, wie du es nennst, zu erklären. Wichtig ist nur, dass wir entkommen sind. Und ich kann dir versichern: Es war kein Fake. Es war die gefährliche Realität dieser Umgebung, in der wir uns befinden und überleben wollen.“
„Aber das sah doch alles aus wie gerendert, nicht echt“, entfuhr es mir.
E–Wa schüttelte traurig den Kopf.
„Gerendert! Wenn die ganze Umgebung nur gerendert wäre, dann wären wir es als Teil dieser Umgebung doch auch, oder etwa nicht? Nein, so ist es nicht, so kann es nicht sein … Und falls es doch so wäre, könnten wir es überhaupt nicht wissen – weil dann unser Bewusstsein nicht über die Grenzen dieses gerenderten Konstrukts hinausreichen würde.“
Ich versuchte, sie zu besänftigen, abzulenken:
„Das ist ein interessanter, eigentlich ein philosophischer Aspekt. Da kommt mir Bertrand Russell in den Sinn, den wir auf der Midnight Party gesehen haben. Er hat mal die verrückte These aufgestellt, dass die Welt erst seit vierundzwanzig Stunden existiert, und dass alles, Krieg und Frieden und Revolutionen und Naturkatastrophen, einfach die ganze Geschichte, nur in unserer Einbildung existiert.“
„Wobei nicht klar ist, wie sich diese Einbildung in den Köpfen der realen Menschheit konfiguriert hat und wer dafür verantwortlich ist“, ging sie auf meine Idee ein.
„Absolut. Genau wie in dieser altmodischen Spiegelbildwelt, in diesem Konstrukt … Aber vielleicht warst ja du hier die geheimnisvolle Macht!“
Als ich sie ansah, wusste ich, dass ich sie verletzt hatte.
„Tut mir leid. War ironisch gemeint.“
„Ist schon gut, Tom … Du hast dich noch nicht an dein neues Leben adaptiert. Lebe es doch einfach. Ich werde alles tun, was mir möglich ist, damit dir nichts passiert. Glaube mir und vertraue mir!“
„Ich vertrau dir doch, ich weiß doch, wie clever du bist.“
Ich nahm sie wieder in die Arme, und es war mir scheißegal, was die Passanten dachten.
„Aber ich fühl mich total hilflos. Ich kann einfach nichts tun, weil ich nicht weiß, wo ich ansetzen soll. Ich weiß nicht, wo unsere Gegner sind und wie und wann sie zuschlagen. Ich hab mich unter dem Schutzschild von dir verkrochen, das kann’s doch einfach nicht sein.“
Ein langer, hilflos klingender Monolog. Ich hielt inne und sah sie fragend an.
E–Wa löste sich wieder von mir und stellte eine Prognose:
„Deine nächste Bewährungsprobe kommt wahrscheinlich früher, als dir lieb ist.“
Sie sah mich an und definierte meine Situation.
„Du gehörst zu denen, die zwei Tote sterben können, ist dir das bewusst?“
„Ist es. Genau aus diesem Grund …“
„Wir haben gefährliche Gegner. Extrem gefährliche. Aber die Polizei ist nicht unser Problem“, unterbrach sie mich. „Bevor die hier im Park eintreffen, befinden wir uns bereits auf einer anderen Zeitebene. Denn die Umgebung ist instabil … Es passiert bereits. Spürst du es?“
Ich sagte gar nichts. Ich hatte keine Zeit, ihr zu antworten. Weil das, was jetzt passierte, meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Die Luft veränderte sich.
Der Geräuschpegel stieg an.
Verkehrslärm.
Brummen von Motoren.
Ein Silberjet am Himmel.
Modern gekleidete Chinesen
Eine europäische Touristengruppe.
Junge Pioniere mit roten Halstüchern.
Ein klotziges Denkmal mit den Ikonen Marx und Engels zwischen Blumenbeeten.
Und wie eine zitternde Fata Morgana tauchten am Horizont Wolkenkratzer auf …

Ich sah E–Wa an, aber ich sah nicht die E–Wa von soeben. Etwas musste falsch gelaufen sein in diesem rätselhaften Transformationsprozess. Etwas katapultierte mein Bewusstsein zurück in mein anderes Leben. Zurück in Room 443 des Peace Hotels. Zurück zu jenem Abend, an dem mich eine „andere E–Wa“ angebaggert und in mein Zimmer begleitet hatte.

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