Leseprobe

aus Julian Szell: Matrioschka (Auszug aus dem 1. Kapitel)

Bei meiner Geburt sei alles in Ordnung gewesen, jammerte meine Mutter zu jeder Gelegenheit.
Daß Schwäche und Gier den Dreck der Welt anziehen, fluchte mein Vater auf seinem Sterbebett, kaum daß er mein Gesicht in der Tür erkannt hatte.
„Gier ist stärker als Angst“, konstatierte Präses Schäfer, der nach mir durch die Tür geschritten kam.
„Ich will in Ruhe verrecken!“ schrie mein sterbender Vater.

Dabei war ich nur schwach, ich meine das nicht im Sinn einer Unzulänglichkeit der Muskulatur, was von einem Mann in dieser Hinsicht erwartet wird, damit habe ich keine Probleme.
Und bedenken Sie, Gier fällt auch nicht leicht, wenn es einem an nichts mangelt.
Ich meine, Geld und so.
Kurz und gut, es war mir mehr oder minder in die Wiege gelegt worden, daß mir eines Tages die Pendants der väterlichen Musterbilder genauso wie die von ihm hochgeschätzten Maßanzüge Made in Saville-Row passen würden.
Steck deine Kindheit in die Tasche und renne davon, denn das ist alles, was du hast, hatte mir mein Onkel Reinhardt ins Poesiealbum eingetragen.
Ich las noch Indianerbücher, ich hatte noch keine dreizehn Sommer erlebt, aber ich sah mein Ziel schon damals vor mir und nichts mehr sollte mich davon abbringen:
Zum Kummer meiner Mutter und zur Belustigung meines todesnahen Erzeugers wurde ich tatsächlich ein Schriftsteller.
Man muß nicht alle Götter ehren, wenn man erfolgreich werden will, dachte ich damals.
Trotzdem habe ich während meines ganzen Lebens immer sehr hart gearbeitet.

Aber, erwarten Sie jetzt keine Selbstbiographie.
Dafür kenne ich weiß Gott interessantere Geschichten und eine von denen sollte mich am Ende sogar den Kopf kosten.
Es wird ihnen also etwas berichtet werden, worin es um nicht wenig geht.

Der ganze Schlamassel fängt an damit, daß wir damals, in dem heißen Sommer, als die Wälder brannten, Freunde waren.
Wir saßen auf der Terrasse am Chemin de Froideterre, wir sahen den Canadair-CL-215- Wasserbombern zu, wie sie mit dröhnenden Motoren vom Meer herüberkamen.
Wir waren zusammen oft betrunken.
Wirklich oft.
So, wie es sich für Freunde gehört.
Ich vertrug damals noch eine Menge, einen ganzen Stiefel voll, wie das in der alten Heimat genannt wird, aber darin schlug er mich auch.

Selbst wenn sich die Menschen wie schelberige Raupen vor der Mittagshitze verkrochen, sah ich ihn nie ohne einen Drink.
Er nahm schon morgens Casanis-Pastis zu sich, je nach Laune mit Eiswasser, etwa um eine Handvoll Kopfschmerztabletten herunterzuspülen, abends fiel er über meinen Piemonteser Wein her, den ich pro Quartal von Berry Bros.& Rudd aus London beziehe.
Der Rotwein ist die Freude der alten Knaben.

Wie gesagt, brannten die Zedern, Kiefern, die Krüppeleichen-Wälder.
- Soweit alles normal.
Außergewöhnlich wäre es gewesen, wenn die Zeitungen von einem Jahr ohne Waldbrände berichtet hätten; es brennt jeden Tag irgendwo in der Sommerglut der Provence, nur: in dem Sommer, in dem die Geschichte, die auf den folgenden Seiten berichtet wird, ihren Ausgang fand, trat dazu ein wilder Mistral auf, der aus begrenzten Brandstellen ein Inferno entfachte, wie es in der Erinnerung der Alten in diesem Jahrhundert noch keines gegeben hatte.

Doch, das sei nur am Rande erwähnt, und mit dem Fortschreiten der Ereignisse am Chemin de Froideterre standen die Brände in keiner Verbindung.
Es ist nur dieses Bild, das geblieben ist:
Tagsüber, die rauchverhangenen Berge.
Aus der Ferne, wie die Nebelwälder von Belize.
In der Nacht die zwischen Erde und Himmel in glühendem Rot tosenden Brandfahnen.
Wenn der Wind auf Nordwest drehte, trieb der Brandgeruch wie Beize unter die Markise am Chemin de Froideterre, und wir mußten ins Haus.
Darüber der Himmel und die sturen Wasserbomber.
Wie gesagt, das Eingangsbild.

Mir war klar, íhn bedrückte etwas, kein Mensch säuft, ohne daß er dafür irgendwelche Gründe hat, oder als ein in die Welt geborener Knickschwanz wenigstens vorgeben kann, nur ich wollte ihn nicht drängen. Einmal bin ich kaum neugierig auf irgendwelche Leutegeschichten, offen gesagt, ich halte nichts von Mitleid, aber ich behaupte auch, daß eine gute Geschichte sozusagen wie ein Fluß den verdienten Lauf findet; und wenn sie noch etwas mehr ist, dann wird sich irgendwann einer finden, der sie aufschreibt.
Das war die Konstellation um den 14.Juli herum.

Er hatte eine Angewohnheit, mit der ich damals, als wir uns kaum kannten, höchstens erst zwei, drei Tage oder so, also ganz zu Beginn der verhängnisvollen Ereignisse, nicht zurechtkam.
Nachdem wir die Nacht durchgetrunken hatten, nahm er irgendwann gegen Morgen mit der rechten Hand die Flaschen eine nach der anderen vom Tisch, in der linken behielt er sein Glas wie eingeschraubt, so wie das ordentliche Bürger in bestimmten Etablissements in Belsunce tun, wenn sie abseits des Boulevard d‘Athenes geraten sind und stellte sie wie eine Reihe angetretener Soldaten neben seinem Sessel auf.
Preußens 1. Bataillon, Leibgarde No.15
Fredericus Rex. Sie wissen schon.
Fertig zum Appell.
Dann saß er da. Regungslos.
Schweigend.
Die Hand immer noch um das Glas gekrallt. Die Knöchel hart und blutleer.
Ich vermutete ausgeprägten Ordnungssinn, wie das Zeichen zum Aufbruch nach einer langen Nacht.
Vielleicht wollte er nur verabschiedet werden.
Ich war müde und deshalb war ich auch aufgestanden.
Er blieb sitzen.
Er sah mich an, aber er sagte nichts.
Weil ich etwas erwartete, setzte ich mich wieder.
Es kam nichts.
Er sah mich an, ich sah ihn an.
Ich gähnte laut, den Rachen krokodilsmäßig aufgerissen, ich gab mir keine Mühe, ich nahm auch nicht die Hand vor den Mund.
Schließlich, nach einem knappen Gruß, ging er.

Der nächste Abend endete wieder dort.
Es war wie ein Ritual: Die Flaschenreihe, das Schweigen, die kurzangebundene Verabschiedung.
Ich erinnerte mich an den russischen Brauch, bevor ein Reisender das Haus verläßt, verharrt er zum Abschied eine stille Minute.
Der Einfall vergnügte mich, weil, mein Besucher war mein Nachbar, der im Haus nebenan wohnte, spätestens am nächsten Nachmittag würden wir uns am Gartenzaun wiedersehen.
Daran gemessen, erschien mir der schöne Brauch überzogen.

Dann saßen wir abermals um den abgeräumten Tisch.
Die Flaschen leer. Die Aschenbecher voll.
Alles wie gehabt und schon bekannt.
Ich war müde, doch bevor mich mein Nachbar verlassen konnte, stand ich auf, verstaute die Flaschenordnung in meinem alten Quedlinburger Gartenkorb und stieg die steile Kellertreppe hinab.

Das bereitete mir Mühe, wegen meiner Arthrosis meide ich Treppen, besonders wenn es abwärts geht, sehe ich aus wie ein von der Lähme gequälter Hund, weshalb ich jeden Morgen darauf achte, einen für den Tag genügend bemessenen Vorrat aus dem Keller in die Speisekammer heraufzuholen. Ehrlich gesagt, ich mag auch keine Keller, ich habe schon als gesundes Kind die Gerüche nach Eierkoks und verspakten Mäusekartoffeln verabscheut und habe mir bis heute immer vorgestellt, daß es wie in Großvaters Gewölbekeller nach altem Sherry und Madeira riecht.
In dieser späten Nacht krabbelte ich über die Stiegen, auf Händen und Füßen und mit schmerzstechenden Gelenken, weil es auf ein paar Stunden früher oder später nicht ankam, sagte ich mir. In Wahrheit nahm ich das Martyrium auf mich, weil ich den Gast nicht verlieren wollte.
Ich kehrte mit dem nächsten Freisa di Chieri aus der Speisekammer zurück, ich erwartete insgeheim ein Lächeln, doch er zeigte keine Regung.
Erst nachdem der Korken auf dem Tisch lag, fand er seine Sprache.
Da hatte ich begriffen.

Die gemeinsamen Nächte an der Peripherie von Aix-en-Provence wurden zu einem Ritual. So wie ich lebte, war ich von vielen Dingen abgeschnitten.
Ich spreche das frei heraus: es war der Wunsch, dazuzugehören, der mich zu dem werden ließ, was sich der Besucher wünschte: ein Zuhörer, ein confident, wie das die Franzosen nennen.

Auch die Musikwahl unterlag der Bestimmung des Besuchers, stets entschied er sich für die Glenn-Gould-Konzerte, wie es wohl jeder getan hätte, der glaubt, etwas von Klaviermusik zu verstehen.
Es ist tatsächlich so: In unserer armen Welt grassiert die Glenn-Gould-Seuche.
So wurde das Schallplattenwechseln meine dritte Aufgabe.
Das bedeutete zunächst für mich, aus dem Deck-Chair aufzustehen, wenn er das Gartentor öffnete, jeden Nachmittag um halb vier, worin er anfangs so korrekt wie seine Gardeflaschen war, und den Plattenspieler zu unterbrechen.
Keinen Arturo Benedetti Michelangeli.
Den mochte er nicht.
Keine Debussy Préludes.
Die verabscheute er.
Er schwärmte für Mozarts Klavierkonzert Nr. 24 in c-Moll, die Aufnahme, auf die ich eigentlich stolz sein müßte, das Mastertape ist nie veröffentlicht worden, Gould wollte es so, weiß Gott, warum er das wollte, aber so war der verehrte Gould: kontinuierlich nur in seiner nichtnachvollziehbaren Exzentrik, dennoch konnte er nicht verhindern, daß die Aufnahme in der 110 St. Clair West in Toronto abhanden kam. Es ist daraus sozusagen eine Privatpressung in geringer Stückzahl für die Fanatiker der Glenn Gould- Society entstanden, trotzdem eine Aufnahme, der ich außer Gefühlsseligkeit nichts abgewinnen mochte, sie erinnerte mich auch an Goulds Worte zu Mozarts l0. Klaviersonate. Wenn es schon Gould sein muß, habe ich immer das eigentümliche Fließen der letzten Goldberg-Einspielung vorgezogen.
Ich muß aber gestehen, daß ich den Gast zu diesem Zeitpunkt nicht mehr unwillig ertrug, so wie es an dem Abend war, an dem wir uns kennengelernt hatten, sondern ich mochte ihn gern. Das sage ich ehrlich, und ich führe es heute noch auf so etwas wie ein Band zwischen uns zurück, das ein poetisch begabter Mensch vielleicht Seelenverwandtschaft nennen würde. Landsmanship, glaube ich, heißt das im Amerikanischen. Keiner hielt es sonst mit mir aus, und das ist wirklich nicht so hingesagt, weil es einfach dem Leben in der Wahrheit entspricht.

Fragen Sie jetzt bitte nicht, warum.
Wenn Sie trotzdem so impertinent sind und weiterfragen wollen, tun Sie das, niemand wird Sie dafür tadeln, und Sie sollen selbstverständlich eine Antwort bekommen.
Wollen Sie akzeptieren, daß mir die Leute einfach egal sind?
Ich werde auch Ihre Meinung respektieren, selbst wenn Sie mich verrückt nennen.
Damit kann ich gut leben.
Schließlich wird das Bewußtsein vom Sein bestimmt.

Sogar der Spinner Cassian Voslensky hatte mich verlassen.
Der Ostersonntag war keine drei Monate her.
Den Gründonnerstag hatten wir noch bei Frühlingswetter am Meer verbracht, dann von Monsieur Jaques im Hotel de Ville den Schlüssel zum Uhrturm geholt und die Aussicht über die roten Ziegeldächer genossen, abends gab es mir zuliebe Luccio in Salsa Mantovana , nach einem Rezept, das Cassian der patrona di casa in Mantua, in der Nähe der Piazza delle Erbe, abgeschwatzt hatte.
Die Stadt Monteverdis und der Gonzaga.
An einem herrlichen Nachmittag.
Cassian Voslensky, fünf Tom Collins intus, angetrunken im Restaurantgarten.
Und in jeder Beziehung bestechend.
Wie immer.
„Kein Genuß ist vorübergehend, denn der Eindruck, den er zurückläßt, ist bleibend“, sagte Cassian an diesem Nachmittag in Mantua.
Ich hätte das nicht besser ausdrücken können.
„Goethe“, sagte Cassian Voslensky.
In meinem Garten in Aix blühten am Ostermorgen die Kirschbäume.

Nach zwei Tranxilium wurde ich gegen Mittag mit Nasenbluten wach, als er bis auf den Geruch seines Floris-Haarwassers, das Haus schon verlassen hatte.
Ohne Ankündigung.
Ohne Brief.
Einfach so.
Und dann betrat ich das vermaledeite Schlafzimmer, das ich Cassian zuliebe, von Jacques Garcia hatte einrichten lassen, nur um ihn sofort Ruby red pfeifen zu hören, und ich wußte, daß er nie zurückkommen würde. Auf dem Nachttisch fand ich Jean Gionos Buch Schau deine Einsamkeit und werde Mensch.
Hausschlüssel und Wagenschlüssel lagen auf dem Kopfkissen, das Bett war gemacht, das Zimmer aufgeräumt. Als ob die Steuerrevision angekündigt wäre. Ich hätte schreien können, aber ich habe nur die Baccara-Rosen samt Vase und den Giono durch das geschlossene Fenster gefeuert.
Danach, glaube ich, habe ich mich wieder mit Tranxilium schlafen gelegt.

Aus dem Nachhinein: Am letzten Abend hatte er mit seinen Bürsten die Hirnholz-Hackblöcke gesäubert, obwohl es im Fernsehen einen Woody-Allen-Film gab, was er sich sonst nicht entgehen ließ. Cassian Voslensky war ein Mensch, der sich zuviel mit Dingen beschäftigt, mit denen wir uns zuwenig beschäftigen.
Das hat jetzt nichts mit Kino zu tun.
So hat mir seine Mutter am Telefon den Sohn erklärt.

Seine Cafe-au-lait-Tasse und der Toastteller waren in die Spülmaschine geräumt, natürlich in den oberen Korb. Das Papier seiner Daintee-Toffees lag Ecke auf Ecke gefaltet im Mülleimer. Im Kühlschrank war einer der beiden vom Vorabend übriggebliebenen Johannisbeerkrapfen nicht mehr da.
„Ich habe einen Krapfen mitgenommen“, hatte Cassian in seiner zierlichen Schrift auf die Kühlschranktafel geschrieben, als ob ich ihn dafür hätte verklagen können.
Im Haushaltsraum stand die Weichspülerflasche neben der Waschmaschine, im Wäschetrockner lagen nur meine Slips.
Ein Bild für die Götter: Cassian Voslensky, mit Johannisbeerkrapfen und geflauschten Unterhosen zu neuen Gefilden unterwegs.
Geld fehlte auch keines.
Immerhin.
Trotzdem, eine Scheißgeschichte war das.

          Zum Autorenprofil