Leseprobe
aus Traudel Keller: Trottellumme oder Das Kreuz mit den Wörtern
Die Vorfahren der Trottellumme kamen aus dem Norden, dort, wo die Gegend direkt ans Meer grenzt, manchmal so plötzlich, daß sie turmhoch in die Tiefe abstürzt. Und hier, auf den Felsenklippen, saßen, wie in einem Fußballstadion, die Vorfahren der Trottellumme mit ihrer ganzen Großfamilie und mit allen anderen Großfamilien näher und entfernt verwandter Trottellummen.
Schaumgekrönt, Welle um Welle und Brecher um Brecher, krachte das Meerwasser wütend gegen die Felsen. Es gurgelte, schäumte und putzte in den Ritzen, Spalten und Höhlen herum, es spritzte hinauf bis zu den Vorfahren der Trottellumme. Die Vorfahren der Trottellumme beeindruckte das wenig. Sie vertraten sich ein bißchen die kurzen Beine, reckten die Flügel, wirbelten dabei getrockneten Tang und Kot auf. Es sah ziemlich unaufgeräumt aus auf der Klippe. Das Meer hatte diesmal auch nichts ausrichten können und zog sich grollend und schmatzend zurück.
Wenn der Himmel ganz grau und miefig war und seine schlampigen Wolkenzipfel bis auf die Wasseroberfläche des Meeres herunterhängen ließ, dann wurde das Meer schwarz vor Wut. Und es bekam einen richtigen Reinigungsfimmel. Eimerweise schüttete es Wasser auf die Klippenterrassen, schrubbte in den hintersten Ecken, spülte, schwenkte, spritzte, daß es zum Fürchten war. Die Trottellummenmütter hatten alle Flügel voll zu tun, ihre Eier in Sicherheit zu bringen und die Trottellummenväter krächzten völlig sinnlos, aber ungeheuer wichtigtuerisch, ihr „Arrah!“, „Arrahh!“. An solchen Tagen hing der Klippenfrieden schief. Aber abends, wenn der miefige Himmel seine zipfligen Wolken hochgerafft hatte, das Meer, erschöpft von der vielen Wischerei und Putzerei ganz platt dalag und am Horizont die Sonne kreisrund und blutrot durch ihren Sparschlitz verschwand, da saßen die Trottellummen ganz still, und sie betrachteten das großartige Schauspiel.
Die Trottellumme selbst war allerdings im Zoo ausgebrütet worden. Es war mit ziemlich viel Umständen verbunden, damals. Zoologisch betrachtet war es ein Affentheater. Die Mutter, krank vor Sehnsucht nach dem Sonnenuntergangsschauspiel, hatte ganz vergessen, wie das mit der Brüterei ging. Der Vater schloß sich zu der Zeit immer den Nachmittagsspaziergängen der Pinguine an. Er vernachlässigte so in einer für Trottellummen völlig ungewöhnlichen Art und Weise seine väterlichen Brutpflichten. Dank der Erfindung des Brutkastens und eines sich aufopfernden Tierpflegers schlüpfte die Trottellumme doch noch aus ihrem birnenförmigen Trottellummen-Ei. Dies wurde sogar in der Lokalzeitung in der Rubrik „Freudige Ereignisse im Zoo“ erwähnt. Aber das konnte die Trottellumme damals noch nicht lesen.
Sie konnte auch als ausgewachsene Trottellumme noch nicht lesen. Sie wußte nicht einmal, was auf dem Schild, das vor ihrem Gehege angebracht war, geschrieben stand. Ihr Gehege, in dem sich ein kleines Schwimmbecken befand, in das breite, schiefe Treppenstufen hineinführten, war von einem Zaun umgeben. Der Zaun war nicht sehr hoch. Ein einigermaßen sportliches Pferd hätte leicht darüberspringen können. Und nun fragt man sich, warum ein so großer Vogel mit so großen Flügeln nicht über so einen Zaun fliegen kann. Ja - und das ist nun das Problem der Trottellummen. Es sind so dicke Vögel, daß sie beim Abflug dieselben Startschwierigkeiten haben wie ein Flugzeug. Sie brauchen einen unendlich langen Anlauf, bis sie so in Schwung kommen, daß sie abheben. Und genau diese Startbahn hatte die Trottellumme im Gehege nicht. Da war das Wasserbecken im Weg und die Steinstufen. Das hatten sich die Zoowärter raffiniert ausgedacht. Der Trottellumme aber war es egal. Sie kannte sich mit der Fliegerei überhaupt nicht aus. Aber sie war stolz darauf, daß sie die Wasserbeckenstufen hinauf- und hinunterhüpfen konnte. Ganz ohne Zwischenpause.
Was wußte aber die Trottellumme schon davon, wie es ist, wenn sich der Aufwind unter die ausgebreiteten Flügel preßt, höher und höher trägt, weit über die Klippen hinaus. Sie hatte auch noch nie gesehen, wie das Meer von oben aussieht mit den lustigen weißen Mützen auf den Köpfen der Wellen. Natürlich hatte sie auch keine Ahnung davon, wie schwierig es ist, nach einem solchen Höhenflug punktgenau, ohne Überschlag vorwärts, auf einem Felsvorsprung zu landen. Sie wußte nicht, wie lange das geübt werden mußte: stundenlang, tagelang, wochenlang, und daß es aber dann am Ende alle doch gelernt haben. Sie kannte auch nicht den unbändigen Spaß, den es bereitet – Kopf voraus, Schwanz hoch, einem Fisch hinterher -, sich ins Wasser zu stürzen. Was wußte sie schon davon, wie gefährlich es war, wenn das Meer mal wieder Großreinetag hatte und die Klippen schrubbte und unter Wasser setzte. Und wie friedlich dann die Abende sein konnten, wenn die Trottellummen zusammen auf den Aussichtsterrassen saßen und sich den Sonnenuntergang vorführen ließen.
Doch das Allerschlimmste: die Trottellumme wußte nicht einmal, daß sie eine Trottellumme war. Sie hätte genausogut ein Perlhuhn oder eine Gans sein können.
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