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Leseprobe
aus Bruno Wendt: Der Monadenkönig. (Auszug aus dem Beginn des Romans)
Null-Stellen
Erschöpfungen
Erschreckt - warum erschreckt? - stiert der Monaden-König in sein Welt-Fenster. Irrungen, Wirrungen allerorten, Flitzendes, Heulendes, Sich-Jagendes, endend in einem Schießpark voller Armeebaracken, Panzeraufmärsche, Waffenhaufen, Raketen, Ramboledergestalten, springend, laufend, sich duckend Spezial-MGs schwingend, Drahtverhaue durchdringend, Funkensprühen, Granateinschläge, Pyromanen-Inferno, rauchende Himmel, zitternde Erde, berstende Krater, drohende Kanonenaufragungen, Abschußblitze, durch die Luft geschleuderderte Leiberfetzen, alles in Spielhöllensauberkeit.
Das Nachrichtentor. Schlagzeilen wirbeln heran, beschlagen das Fenster, als prallten sie vor einer fühllosen Stirn ab:
Computer stürzen zum Jahreswechsel ab. Todesstrafe in Peking vollstreckt. Das Wissen der Kräuterhexen. Massaker nähren Furcht vor blutigem Hamadan. Jahrmarkt der Genüsse. Straßenschlachten in Nairobi. Die Toten träumen von der Zukunft. Tote nach Überfall auf Flughafen. Sportfernsehen gründet Internetdienst. Römische Dogmen zum Priesteramt verbittern Katholiken. Telebücherdienst schlägt neue Seiten auf. Internet-Süchtige ließ Kinder verwahrlosen. Frauen mit 12% im WWW auf dem Vormarsch. Computerspiele boomen in aller Welt. Justiz ermittelt gegen Tupacamaru.
Vermummte in schwarzen Uniformen vor der aufragenden Häuserwand Gebäudesturm Geballer, Hofleichen, Gerenne, Dachpostensschüsse, schreiende Fenster-Aufpralldumpftöne, Türeneintreten, Schießungen, Korridorbodengetrappel, ängstliches Zurückweichen verwöhnter Fratzen in Galadress, Schwarz-gegen-Bunt-Getümmel, Frontenklärung, Eingesperre, Türengebummse, Hilfslosigkeits-Schweigen, Anführerberatung am Kolonialschreibtisch, Promi-nentenvorführung, Erschießungs-Kommando-Aufstellung, Wimmern um Gnade. Schleichen-de Eingreiftruppe-Augen verbinden, Versteckspiel -Huschen der guten Schwarzen, zunehmende Nervösität der bösen Schwarzen, Gebäudeklettermaxen an Wurfseilen, Finger-am-Abzug, Fenster-Entern der Schwarz-Gerechtigkeiten, befrackte Todesangst …
Greif ein! Greif doch ein! Du hast die Eingreifmöglichkeiten, du kannst den Handlungsknoten lösen, du könntest für dich die Welt ändern, brutal den Tod des Opfers beschleunigen, christlich-human den Kommandanten besänftigen, technisch das Ganze zurückfahren, retardieren, Zeit gewinnen mit der Zeitlupe oder zynisch mit deinem Polite-De-livery-Verfahren alles zerstören.
Statt dessen zappst du einfach weiter, gleitest sanft durch die Glückshöhle, Röhrengeschraubtes rundet dein Fenster, Spiralenfarbiges überfährt dich, Sound-Sample betäuben, Schraubwindungen ziehen dich hinein,Grell-Dunkel-Blitze weiten deine Pupillen, je enger dein Geist der Geisterbahn ohne Geister gängelt, Geistloser, gondelst du, vorbei, nur vorbei. Wo solltest du auch anecken im Zahlenrund? Nullfahrten, deine Therapie, Nullstrecken zur Einzigkeit, Null-Längungen zur Unendlichkeit. Keinerlei Angst vor den Kurvenösen, neue Unübersichtlichkeiten entdecken, die Weite verbuchen, Fernreisen-Weh, sich nirgendwo suchen,vagabundieren über Steppen, grasnarbenarm, Tanztraumlandergüsse, Wildfremdes vernamen, die Glückseligkeit der Gleichgültigen ausrufen.
Fühlst dich unbehaglich im Saal der tausend Augäpfel, weißtulpenfelder gleiche Anordnung: Falthüllen-Viereck, Kugellagerung, Braunbärenaugenknopf, Retina-Rollen, Irisstechen trifft dich. Alle Augen warten auf dich, neugierden dich bald bis zum Verfolgungswahnsinn, die Strahlenhatz beginnt, hindurch, nur hindurch! Du möchtest jetzt eingreifen, dich beschleu-nigen. Doch im Rhythmus musealer Führung mauserst du dich aus allen Blickwinkeln von einem Augenblick zum nächsten, zum übernächsten, bis ihr Augenverdrehen in der Hüllenfülle verendet.
Glaubst dich gerettet im Gestrüpp-Labyrinth, Papierblumenblättrigkeit umstellt dich, bahnt deinen Durchgang, längt deinen lautlosen Schritt. Sie haben sich gegen dich verschworen, liegen auf der Lauer, planen deine Verirrung, zeichnen den falschen Pfad, locken dich um die nächste Ecke, sirenen dir let's go. Wer nur? Den Ariadne-Faden deiner Vernunft schlagen sie dir hinterlistig aus der Hand, die Big-Brothers-Checklist verfolgt deine rasenden Gedanken. Rosarot-Himmels-Stimmen:
Alles, was Sie wissen, könnte falsch sein, wenig mehr als rekonstruierte Erinnerungen, die Ihnen zum Zweck der Gedankenkontrolle eingepflanzt wurden.
Du musst mit Befehlsnachrichten an dein Unbewusstes rechnen! Ach, könntest du fliegen! Die Unsichtbaren halten dich nieder, so sehr du auch deine ganze Kunst dagegensetzt. Also weiter, du Ferngesteuerter, spute dich, nimm deine Gripsreste zusammen, durchschaue ihre Spielzüge, schlag eine eigene Gangart ein, kapituliere nicht, tu willig, aber sei trotzig, sei dein eigener Magnet, lass dich vom Ende anziehen, klick dich hinüber, tastature dich vorwärts, befreie dich selbst.
Sieh da, deinen Drang nach Anderssein respektieren sie, weisen den Ausgang ohne dein Zutun. In der Fremde sind sie dir Führer, drücken dich in eine Steppenweite hinaus, du stehst geblendet vor Prisma-Horizonten, Violett hat es dir angetan, sie färben dir die Heidelandschaft violett ein, Waisenmädchenhaar, Ranunkeln, sonst gelbblühender Astralagus, Jurinea-Disteln, jetzt mit purpurvioletten Köpfen. Die weißen Fäden der Stipa verstecken sich, nur der Federgras-Eindruck bleibt dir in der sonst öden Einseitigkeit.
Du verlangst die Natürlichkeit zurück, die du dir vielleicht selber geraubt, aber sie fixieren deine willigen Augen auf einen winzigen Punkt, den sie dir näher bringen: Fort? Nein, ghost-town? Nein. Latifundie? Hacienda? Farm! Ja, eine Häuseroase, die Violett durchbrechende Umzäunung, gelbe Fensterlichter, auf der Veranda Wartende, du empfängst die Signale des Weiblichen, öffnest dich ihnen, wenn Manequinschritte sich dir nähern, dich übernehmen. Widerspruchslos lässt du es geschehen, betrittst das Herrenhaus über die weißen Stufen. Du staunst kaum über den Ewigkeitsdrang der weißlackierten Drehtür, windest dich in den Salon, wo eine Weißschürzigkeit deiner harrt, dich einlädt Platz zu nehmen. Und plötzlich nimmst du wahr, wo die dich befindest, Perlmuttweiß, Terracotta-Töne für Lippen und Lider, Rouge a la Levrès, Hydrassimat, lip-Glow, Zartfarbenglanz, der das Licht einfängt, golden reflektiert, Dunkel-auf-Hell-Gemaltes, Salbentöpfchen, Duftfläschchen, Sommerduft von Escada, Organza riecht blumig-holzig nach Gardenien und Muskatblüte, Aire nach Lindenblüte - du riechst das alles wirklich! - auch der Frisierstuhl unter dir duftet nach herber Männlichkeit, sobald eine langbeinige Schöne mit dem Gurkentablett dich nach hinten kippt, zwei andere hochgeschraubte Frisuren ein White-Linen-Breeze-Laken über dich ausbreiten, dein betuchtes Gesicht weiß zu cremen beginnen, Lady-Langbein dir die Gurkenscheiben auf deine Faltenentwürfe, Versteinerungen, Verkrustungen unter deinen Schneisen am Haarstrang, drückt dein Überbeinkinn schält und glättet, die Wangenbrache mit Whitening-Formula zur Frühlingsblüte treibt, während die Hübschhaartrachten beiderseits deine welken Hände mit Bio-Permance-Cream behandeln. Vergißmeinnichtblau-Lippen hier, mintgrüne Brauen dort, Perfect-Ligh-Make-up, Graphisme-Look, Parfum-Yvresse-Einatmungen, Schneeweißchen-und-Rosenrot-Busen, Eau-de-Toilette-légère-Schöße, Vanille-Eiscremebeine.
Und du vertuschst deine verborgene Steifstelle nicht, bekennst dich zu deiner Unschuldslamm-Erektion, möchtest diese unbedingt verständlich machen, bäumst den Unterleib hoch, begehrst das Cremeweib, die tatsächlich ihre Hand auf die Lustbeule legt, aber - ach - nur um die Horizontale aufzuheben, der Stuhlmechanismus unter dir rastet ein, deine Männlichkeit zuckt zusammen, die Orangenhand geht in ein irisierendes Fliederlila über und schon hält sie dir einen Rundspiegel, fast gleichzeitig streifen die Seitengirls deine noch fettigen Hände trocken.
Dir aber tritt dein eigenes Gesicht entgegen, jungbrunnenverjüngt, Intellekutellen-Oval, Augenblauwiderschein, geschönte Nasenebenheit und Mundwinkelgrinsen, dazu die Spiegel-schrift:
Schön ist das sinnliche Scheinen der Idee.
Hegel hätte Sigune zu sagen gewusst, du stellst dir eher Jeschi vor: Wenn sie dich so sähe! Ebenbildlich und ebenbürtig! Die Schrumpelhände geglättet, die Braunhaarlücken beseitigt, die Wangenfurchen geliftet, die Lendenpartien stärker denn je. Doch die Duftgrazien heißen dich aufstehen, prüfen deinen wieder federnden Gang bis zum Schwenktor gegenüber der Drehtür, schieben dich sehr sanft hinaus, strecken ihre passionsfrüchtigen, kardamon-und-kümmel-zierlichen Arme wie Paradieswächter-Engel abweisend aus, die Rückkehr-unmöglichkeit signalisierend. Siehst die Welt als Dorf mit anderen Augen, stilisierte Natur! Du hast eine Gartenidylle vor dir, kommst gar nicht dazu, die Farbenpracht der Baumblüten, das Sträucherleuchten, die Blumenbeetanordnungen, das Schachbrettmuster des Kieswege-netzes im Einzelnen zu erfassen.
Du bist von Stimmengewirr babylonisch umfangen, wirst ganz Gehör, kannst die Schall-melodien von Sprachmengen kaum herausfiltern, konzentierst dich auf deutsche Tonfetzen:
bekenne-grunzda-jaaaa, ich auch Sprayer, immer noch da baba umzingelt - bin neu hier - Marder beissen dich - komm herab - schwarzweiss wie Schnee.
Und dir scheinen die Bäume zu sprechen, aber es sind keine Boxen in ihren Kronen versteckt, nein, die Hainbuche lautet, die deutsche Eiche posaunt etwas hinaus, die Esskastanie trötet, Ahorne krächzen Der Zittergesang der Espen, die Silberweiden-Näselung, das Trällern der Fächerpalme. Sogar die Kletterhölzer kreischen dazwischen, über allem das Taubengurren der Tannen, in den Pausen das Radiogedudel der Lärchen. Hin und wieder quietscht der Lorbeer, nur der Savannenaffenbrotbaum hüllt sich in Schweigen. Und du hast keine Leitlinie mehr, bist ganz auf dich selbst gestellt, drauf und dran, dir wie Odysseus die Ohren zuzuhalten, das Sirenengaukelspiel abzuschalten. Aber du kannst nicht, kommst dir immer noch fremdgeleitet vor, weitergeschoben auf den sauberen Kiesweg zur deutschen Eiche hin. Sich annähernd, fühlst du dich wohler, auf einmal, weil du deutlich, überdeutlich dir Vertrautes vernimmst:
Woher kommt es, dass die Flucht vor der Langeweile immer wieder in der Langeweile mündet?
Solange du bleibst, bist du ihren Reden ausgesetzt. Also weiter, nur weiter. Dich Vorüber-gehenden streifen Redensarten, geflügelte Worte.
Die Erschaffung der Wirklichkeit aus dem Quantenchaos - - Ihr Modem sollte eine Übertragungsgeschwindigkeit von vierzehntausend bps schaffen! -
Dich streifen geflügelte Worte, bevor du in die Allee der dass-Sätze einbiegen kannst. Die Waldwörter interferieren mit den Glaubensätzen der schnurstracksigen Pinien, die im Chor zu schnattern scheinen:
Wir glauben, dass du glücklich werden kannst – wir hoffen, dass wir in der besten aller Welten leben - wir fürchten, dass es immer noch Pessimisten gibt - wir streben danach, dass alles gut bleibt - wir sorgen dafür, dass alle Arbeit und Brot haben - wir sind der festen Überzeugung, dass es einen Gott gibt.
Rennst auf den freien Platz zu, wo Totenstille herrscht, urplötzlich, als hätten sie den Ton auf Null gedreht. Du erstarrst vor der Verwandlung um dich herum, die Baumstämme über-blenden sich zu gußeisernen Pfählen, ihre Wipfel zu schwarzweißen Großuhren, die verschiedene Zeiten anzeigen: Weltzeit, MEZ-Zeit, Ortszeit, Sommerzeit, Winterzeit, Amerikazeiten, Rußlandzeiten,Tokiozeit, Australienzeit, und über allem die Donnerstimme, die dir gilt:
Sag der Welt deine Botschaft.
Weißt keine, hast keine, tauchst verzweifelt in dein aufgeweichtes Gehirn, kratzst den Schmalz all deiner Jahre zusammen, ahnst, was sie von dir fordern, hebst wie von selbst anzusprechen, tust ihnen den Gefallen:
Sag ja zu den himmelschreienden Waldriesen im Unlaub, zu den fleckigen Panzerschneisen unter unseresgleichen, zu den Schweinfraßtüten hinter den Plastikpalästen, zu den vergifteten Brunnen in deinen Untiefen. Sag ja vor den Scheibtischtätern elektronischer Müllkippen, vor den adretten Netzbeschmutzern ohne Kuckucknestwärme, vor den hautengen Königsdirnen auf Papierwandelgängen, vor deinem leeren Blatt vor dem Mund.
Du wartest wieder verfolgungswahnsinnig auf ihre Reaktion, liest dabei auf der vorderen Uhr fünf vor zwölf ab, verstehst ihr Noch-Schweigen nicht, erwartest deine Vernichtung. Aber nein! Sie jubeln dir zu, klatschen frenetisch. Es ticken die Uhren lauter, bevor sie wieder Baumriesen werden, die sich vor dir verneigen, die Sträucher schlagen ihr ultravilolettrotes Blattwerk zusammen, die dass-Pinien-Allee komponiert dir zu Ehren einen neuen Chorsatz.
Wir empfehlen, dass der Ja-Sager zum Cyberritter geschlagen wird!
Und jene Donnerstimme über allem gewährt gütiger als vorher freies Geleit. Siehe da! Alle Wege stehen dir offen, der Kies leuchtet breiter als anfänglich, ja, es ist dir, als ob der Stimmenwald lichter scheine, die Lauthainbuche, die theologische Eiche, die trötende Eßkastanie, die krächzenden Ahorne vor dir zurückwichen, Platz schüfen für deinen Abgang. Dich noch einmal umblickend durchschaust du das Ganze: Du befindest dich im
rogala-e-garden (http//WWW.mcs.net)
und das QuickTimeVR hat dir einen Speakers-Corner zur freien Rede in einer Geistersoiree reserviert.
Lass dir die Illusionen nicht rauben! Noch nicht! Mach deinen Weg, schreite nur hinein in den Tarantino-Dom, dessen silberne Flügelpforten dich sperrangelweit einladend begrüßen, keine Menschenseele zwischen den Säulenhimmeln, gähnende Leere überall, wohin du auch deinen Verjüngungskurkopf hinwendest, den federnden Schritt lenkst. Ob du Nischenaltarsprüche wie Sick or Sanctified oder A God among Men in dein geliebtes Deutsch zu übersetzen versuchst, ob du Moses einbalsamiertes Gehirn skeptisch mit deinen geglätteten Händen berührst, den Film-Oscar auf Goldbarren gestellt bewunderst, den Apfel der Zwietracht hinter Tabernakelgittern verbannt entdeckst, oder ob du die neue Göttin der Harmonie Tarantomania als Mariannen-Madonna im alles verhüllenden Zeitkleid huldigst - du bist und bleibst in der eisigen Einsamkeit dieser zu Gott strebenden Steinsortimente: Gneis, Grauwackegänge, backsteingotischeWandungen, Kalksteinsäuligkeiten, Basaltabsätze, Tufftönungen, Quarzitquader, Marmorstufen, die gewöhnlich am Hauptaltar enden, hier wahrscheinlich nicht. Alles ist viel zu hoch, viel zu steil, und du hast Mühe, die Treppenabsätze in ihrer Menge abzuschätzen, geschweige denn zu besteigen.
Aber es zwingt dich etwas dazu, dem hohen Nichts zuzustreben, das da oben dir entgegengähnt. Auf halber Höhe wendest du dich atemschöpfend um, erreichst die Vogelperspektive über das Nischensystem. Über dem Portal keine Orgel, im Mittelgang fehlt die Kanzel. Du vermisst die Betbänke, den Bischofssitz, das Kreuz; nicht einmal Schwalbensegeln durch die wuchtigen Säulenbögen, aber auch gar nichts Lebendiges. Eine Konstruktion wie aus einem Trümmerfeld emporgeschossen, hastig, lieblos, kurzfristig für dich, als du daherkamst. Damit wollen sie dich fromm stimmen?
Was bedeutet dir dieser Kirchentorso, dieser Geologieklotz, dieser GOD im MUD? Trotzdem bist du neugierig, wie es weitergeht, wenn du ganz oben bist. Und nur diese Neugier treibt dich weiter hinauf bis an den Rand des vermuteten Abgrunds. Nichts tut sich auf, nichts, weil im selben Moment eine riesige Spiegelwand größer als hundertfünfzig aufeinander gestapelte Bildschirme die Treppenrampe zu begrenzen beginnt. Und du verliebst dich in dein eigenes jüngeres Gegenüber, dessen Lip-Glow-Make-up dir Fast-Weiß-Zähne perfect-light blitzend entgegenbläcken. Du kennst dein wahres Alter nicht mehr, begreifst dich verdoppelt, aber nicht wie der teufelbesessene Menardus, eher wie die unzertrennbaren Zwillinge Kastor und Pollux, eigentlich altersmäßig unterscheidbar, jetzt geklonte Gleichartigkeit davor und im Glasschrein.
Aber das Schlimmste ist: Du bleibst wie angewurzelt, wo du bist, glaubst an kein Zurück mehr. Ehe dir andere Ausweglosigkeiten einfallen können, befiehlt dir jene Donnerstimme gedrosselt und angenehmer als je zuvor:
Strecken Sie Ihre Arme aus! Lassen Sie sich einfach fallen!
