Leseprobe

aus Marco von Rodziewitz: Dein gebündelt Babylon. Roman (Auszug aus dem ersten Kapitel)


Kapitel Eins: Mengenleere oder Der Tänzer im Kreideumriss

Abschnitt 1
In einer medial übersättigten Welt, in der hauptsächlich die westliche Zivilisation tendenziell schwanzgesteuert orientiert ist, gibt es womöglich nichts vergleichbar Pornografischeres als den Schalldämpfer eines Maschinenblasters.
Diese Phallusverlängerung schraubte er mit geübten Bewegungen auf den Penis seines Geliebten, worin jedoch keinerlei Zärtlichkeit, sondern ganz im Gegenteil eher ein gewisser stumpfer, routinierter Phlegmatismus zu erkennen war. Er spielte die Rolle der versierten Maschine auf dem aktuellsten, weil mustergültigen Stand der Technik; sein wendiges Hirn bestach durch Datentransfer mit unbegrenzter Kapazität. Sensorisch empfangene Informationen wurden von einer Synapse zur nächsten nicht nur mit Überlichtgeschwindigkeit transferiert (was rein formell betrachtet heißen sollte, jedwede brauchbare Wahrnehmung wurde bereits erfasst, bevor sie überhaupt in brauchbare Impulse formatiert war), sondern ebenso rasch sortiert und verarbeitet. Für gewöhnlich trank er nach dem Aufstehen – oder, wie er es zu bezeichnen pflegte, beim Plug–in – zwei Liter destillierte Energie, vermittels derer sein Blut den moderaten Kreislauf tüchtig in Wallung versetzte. Er war eine Maschine, deren Effizienz nicht auf Eigennutz basierte. Seine skrupellose Tätigkeit ward nicht diktiert vom Leben, sondern von den kooperativen Souffleusen des Todes. Er war eine Maschine. Das war er …Die vorrangige Prämisse des heutigen Tages lautete schlicht: abwarten. Zugegeben, es handelte sich nur um stagnierte Zeit, die er ankurbeln musste, aber das Warten war ihm ein vertrauter Komplize. Jeder Mensch in dieser Stadt beschäftigt sich vorwiegend mit dem Warten, ganz gleich, ob auf einen tranigen Kaffee, auf einen ordinären Fick in Hundestellung oder auf das leutselige Geschwätz puritanischer Straßenprediger. Überall lungern deformierte Gestalten herum, scharen sich um kokelnde Öltonnen und schauen abwechselnd auf die Kirchturmuhr oder in den smogverschleierten Himmel, an dem eine

Fußnote: Vgl. hierzu Anton Zeilinger, Einsteins Spuk. C. Bertelsmann Verlag, München 2005.

Ereignis, das ihr Leben, und sei es nur kurzweilig, verändert und sie ein bisschen ablenkt von dem, was sie unter dem Begriff ihrer Alltagsprobleme subsumieren. Sie erinnern sich nicht an den Anfang, der sie zu ihrem jämmerlichen Dasein berechtigt hat, und sei es nur durch Zwang. Sie recken die Hälse, rollen den Kopf im Nacken und monieren ihr Schicksal, das jemand anderes scheinbar für oder besser formuliert: gegen sie geschmiedet hat. Sie warten. Und verplempern beiläufig die Hälfte ihres Bewusstseins …

Er legte den Maschinenblaster behutsam zur Seite, bettete ihn aufs Kopfkissen und streichelte dessen glatte Flanke. Ein ebenso willen– als auch gewissenloser Liebhaber, geküsst vom matten Tageslicht, flauschig umarmt. Zerrupfte Flocken tänzelten in dem spartanisch, für seine gestutzten Verhältnisse jedoch ausreichend eingerichteten Hotelzimmer. Er hatte seine Sonnenbrille aufgesetzt, ein schäbiges Ding, das er irgendwem gestohlen, bevor er ihn erledigt hatte. Er ließ seine schmalen, manikürten Finger über die Schulterstütze des Bla–sters gleiten. Sie waren mehr als verbündet, sie waren vermählt, seit jenen denkwürdigen Abend, da er das erste Leben in einer bemerkenswerten Reihe ungezählt folgender negierte.
Die muffige Matratze ächzte, als er sich in Zeitlupe erhob und zum ungeputzten Fenster schlurfte. Tausend Volt im Bruchteil einer Sekunde, eine grellweiße Stichflamme, direkt zwischen die Schläfen: zwei Millionen gespeicherter Gedanken, portioniert zu einem wirkungslosen Ballast, den er getrost über Bord warf. Trotz der Sonnenbrille verengte er die Augen gegen das Sonnenlicht. Seit wann schmerzte es seine Retina? Seit es die verwischte Wolkendecke mit einem Dolchstoß durchdrang?, seit die Nacht aufgehört hatte, an den Morgen zu glauben?, seit das zänkisch Geplärr der Kinder in der Nachbarschaft verstummt war, von autoritärer Hand zum Schweigen gezwungen?, seit er begonnen hatte, nicht mehr zu lächeln, wenn er den Maschinenblaster an die Stirn der anderen drückte und ihren Verstand in blutigmatschiger Grütze im Umkreis mehrerer Meter verteilte?, seit die Zeit das Archiv seiner Erinnerung zustaubte und er seinen Blick fürs Wesentliche beschränkt hatte auf die mannigfaltige Hässlichkeit dieser trostlosen Stadt?
Zu viele Fragen für zu wenig Antworten. Er hatte es herausgefunden, noch bevor er in dieses billige Zimmer eincheckte.

Er äugte über die Schulter zum Bett. Frisch bezogen, die Laken steif von Wäschestärke, die vom puerto–ricanischen Zimmermädchen penibel gefaltete Decke am Fußende, das Kissen mit einem zuvorkommenden Lächeln, das ihre Einsamkeit bestätigte, zweimal hastig aufgeschüttelt. Der Maschinenblaster hatte sich wie ein grotesker Splitter in dieses ansonsten harmonische Bild geschlagen, ein Handkantenhieb in die methodische Ordnung. Es entbehrte keineswegs eines gewissen Abscheus. Sein Werkzeug. Sein Wegbegleiter. Sein wortloser Liebhaber. Kaskaden sirupartigen Blutes hatten sie verursacht. Sie waren nicht zugrunde gegangen. Sie waren nicht gescheitert. Sie waren immer noch an der Oberfläche!
Unten auf der verkehrsfreien Straße prügelten sich zwei schmutzige Kinder. Ihre langmähnige Mutter prostituierte sich einen Block weiter an jedermann, der einen Schein lockermachte. Ihre Tabulosigkeit wurde nur noch überboten von ihrer Taktik, den Männern innerhalb dreier Minuten sämtlichen Sprit abzuzapfen. Sie annoncierte jeden Mittwoch in der lokalen Zeitung und propagandierte sich darüber hinaus auf ihrer im pornografisch zulässigen Limit gestalteten Website als unwiderstehlich. Die anderen waren stets der Abschaum. Das hatte sie ihm gesagt, in der verregneten Nacht, als sie sein Schamhaar mit dem Zeigefinger lockte und ihm, den Tränen nahe, in die Augen schaute. Ich bin ein anständiges Mädchen. Sie täuschte sich, ihn allerdings nicht. Dennoch hatte er Ja geantwortet. Das warst du. Hunderte waren geifernd über sie hinübergestiegen, hatten ihre Fotze gezüngelt und ihr zwei Fingerbreit geheuchelte Leidenschaft in den Arsch gerammt; verschwitzte, ungewaschene Körper, fettleibige Kerle mit fauligem Atem, nur um ein paar Minuten animalischer Gier willen. Für zwei lockere Scheine kniff sie die Augen zu und dachte an die Engel.
Die Kinder rauften in einer aufgeplusterten Staubwolke, inmitten derer sie über den rissigen Asphalt kugelten. Hier ein Bein, dort ein Arm, ohne Zusammenhang, in einem Nimbus der Aggression. Kein noch so scharfes Auge vermochte sie zu unterscheiden. Sogar ihre heiseren Stimmen krakeelten aus einem Munde.
Warten galt als oberste Prämisse …
Er blickte auf die Uhr mit dem zerknitterten Zifferblatt. Gelegentlich erlaubte sie sich einen Scherz mit ihm und wollte ihm weismachen, es sei noch gestern. Er hatte sie durchschaut. Der große Zeiger zitterte vor der Zwölf. Reicht nicht.
Auf dem Bett rekelte sich der Maschinenblaster im zerknautschten Tageslicht. Die Sonne stand mittlerweile im Zenit. Was jetzt mein Auge blendet, ist bereits Jahrzehnte alt. Demnächst wäre eine dunklere Brille fällig. Die hier war der letzte Schrott!

Das puerto–ricanische Zimmermädchen hörte auf den einfallslosen Namen Rita. Die Mutter der beiden Krawallgören da unten verkaufte ihren Namen an jeden, der ihr zwei zerknüllte Scheine in die ausgestreckte, gewölbte Hand tätschelte. Rita hatte ihre Mundwinkel hinter die Ohrläppchen genäht. Sie erfüllte bedingungslos jeden Wunsch. Man hatte ihr die Demut injiziert, lang bevor sie ein Wort der fremden Sprache gesprochen. Er verlangte nicht viel. Eine Flasche Bourbon und zwei/drei beiläufig ins Fleisch gehauchte Zärtlichkeiten. Rita klagte nicht. Das Klagen, das hatte sie rasch verlernt. Man hatte ihr Hirn sorgfältig seziert, ihr den Verstand scheibchenweise sortiert und ihre Bedürfnisse der Notwendigkeit angegliedert. So durfte sie überleben. So konnte sie sich als wertvoller Beitrag zur Öffentlichkeit profilieren …

Der rohe Vormittag neigte sich seinem Ende. Er hielt einen Schluck für durchaus angebracht. Er labte sich an dem ungerahmten Bild seines Liebhabers. Küsste ihm flüchtig die Füße, als er sich zu ihm gesellte. Er hatte sein Leben lang gewartet. Das hier, das fiel nicht mehr ins Gewicht. Er konnte träumen, wenn er wollte. Seine Nächte waren schwarz.
Die perfekteste aller Maschinen, hundertprozentig verlässlich. Kein erwähnenswerter Defekt seit Beginn der Odyssee. Auf dem aktuellen Stand. Ja. Ja, natürlich! Er trank seinen Bourbon schweigend, er war kein Mann mit großer Überzeugung. Sein Willen war kaschiert auf den sturen Blick nach vorn.
Draußen hatte die Prügelei Einhalt gefunden. Ein marineblauer Wagen war vorgefahren. Die Jungen bettelten simultan um Geld. Irgendein spendabler Mistkerl warf ihnen Münzen mit respektloser Jovialität vor die Füße; er bezahlte sie bereitwillig dafür, dass sie sich eifrig bückten. Anders als ihre hurende Mutter verlangten sie nur ein bisschen Zuwendung. Ihre knabenhaften blassen Hinterteile hatten aufgehört, sich zu beschweren. Ihr Marktwert sank rapide. Aber für drei klimpernde Münzen war man Herr über ihre Jugend.
Heute nicht. Er drehte das Gesicht dem Fenster zu. Er hörte, wie die beiden sich artig bedankten, nachdem sie gezankt hatten um das geprägte Metallstück eitler Macht. Sie krochen im Staube; ihre Kleidung ließ beim ersten oberflächlichen Betrachten auf ihre erbärmliche Herkunft schließen. Doch die beiden, mitsamt ihrer schlampigen Mutter, waren Könige in dieser miserablen Gegend. Dies war ihr bepinkeltes Revier. Niemand war so dreist oder wagemutig, ihnen das – zumindest das – streitig zu machen. Jeder Fremde war ihr Kunde. Und niemandes sonst!
Sie verschwanden lärmend im nachbarlichen Treppenhaus, ihre Schritte böllerten auf den morschen Stufen. Jetzt langten sie vor einer Wohnung an, sie hämmerten mit ungeduldiger Kinderfaust gegen die Tür, aber niemand öffnete ihnen. Die sonore Stimme ihres Gönners schlich sich heraus, NIEMAND ZU HAUSE?!, spottete sie, man wusste hier genau Bescheid.
Er kannte diese großspurigen Arschlöcher, die Delegierten der Aristokratie, die für ein vergnügliches Intermezzo in dieses abgelegene Viertel kamen und mit ihren aufgerollten Scheinchen zwei Stunden lang die ganze Welt erstehen, mit flacher Hand ohrfeigen sie die blitzblanken Popöchen der Angewiesenen, ihr poliertes Grinsen verlangt Untertanen und überbietet das gleißende Sonnenlicht.
Es klopfte an seiner Tür. Er ließ den Blick schweifen. Die sonore Stimme, direkt im Anschluss. Er hatte ihn schon am Geräusch seiner schleppenden Schritte erkannt. Davor sogar, als er den Jungen die Münze in den Schmutz schnippte. Dieses verdammte schwule Arschloch; mit all seinem ergaunerten Geld machte er sich breit auf dem unbestrittenen Thron der Stadt. Er konnte alles kaufen, jeden anheuern, ganze Stadtteile finanziell beeinflussen. Er spielte eine kleine Runde Gott, keine Frage. Doch ließ er andere in seinem Namen walten. Es klopfte abermals.
„Ja?“
Das Timbre seiner Stimme schrammte knapp an dem maskulinen Bariton vorbei, mit dem er sonst ungebetene Gäste abkanzelte. Vermutlich war das Warten schuld. Zwei Schluck Bourbon brachten die Stimmbänder wieder auf Vordermann. Ein Vogel hatte sich auf dem Fenstersims niedergelassen und putzte sein schillerndes Gefieder. Er ließ ihn nicht aus den Augen, als er sagte:
„Ich bin nicht da …“
„Das weiß ich“, antwortete der andere laut telefonisch vereinbarter Parole.
Der Vogel zupfte sich ein paar bläuliche Federn unter den Flügeln aus.
„Ich wollte mich lediglich nach Pedro erkundigen!“
„Pedro schläft bereits!“, versetzte er und formte mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole.
Erst erschoss er den Vogel, dann ballerte er sich selbst eine Kugel in den Schädel.
„Ruf mich an, wenn er aufgewacht ist!“
Das war keine Bitte, es war eine Forderung.
„Mach ich. Keine Sorge …“

Pedros Schwanz war hart wie Stahl. Er massierte ihn mit unsanften Bewegungen auf und ab. Pedro war fantastisch. Sein Orgasmus hatte schon mehrere Existenzen im roten Nebelschleier beendet. Pedro lag gut in seiner Hand. Ein grandioser Liebhaber. Der Beste, wenn man‘s genau nahm; und das tat er! Bei jedem spektakulären Finale lachte er analog zu Pedros ruckartigen Konvulsionen. Wenn Pedro seine Kugeln spuckte, konnte ihm niemand entwischen. Blutiger Dunst schwängert die Luft. Das klingt wie abgedroschene Kolportage, aber genau so sieht es aus. Es legt sich bedächtig, aber der Geruch, dieses kupferne Wimmern, bleibt stundenlang in der Nase …
Die Schritte vor der Tür entfernten sich, gemächlich treppabwärts. Unten stießen die beiden Jungen neuerdings mit ihm zusammen, und die sonore Stimme brummelte ein schales Auf Wiedersehen. Die Jungen verlangten ein winziges Trinkgeld als Entschädigung für nichts. Er gab es ihnen. Er hatte es ja …
Unten auf der Straße klappten die Türen des großen, chromglänzenden Wagens. Er hatte ihn schon einmal gesehen, doch zumeist hörte er nur das zufriedene Schnurren des Motors. Geschmeidige, weibliche Rundungen, wie die einer Frau, auf deren ausladende Taille man seine beringte Hand platziert und die betörend duftende Haut liebkost. Der Wagen freilich war nichts Sensationelles, es gab weitaus protzigere Schlitten in dieser Stadt, doch für einen Abstecher in diesen Bezirk genügte er zur Demonstration materieller Überlegenheit. Die sonore Stimme hatte ihm einmal während eines Glases Absinth in einer dämmrigen Spelunke, weismachen wollen, er verlange nicht nach ausuferndem Reichtum, sein mehrere Grundstücke, Immobilien und Aktienfonds umfassender Besitz genüge ihm vollauf. Selbstverständlich war das gelogen. Mit seinen schleimigen Lügen und seiner bemühten Sorge um Pedros Schlaf stahl er sich geschickt durch die Schatten. Irgendwo gab es immer irgendwen zu entdecken. Diesmal hatte er ihn getroffen. Und Pedro, zweifelsohne …

Manchmal las er Bücher, um sich zwischen den Zeilen wiederzufinden, was jedoch selten gelang. Nur ein Stück Selbstoffenbarung. Natürlich, es hatte nie jemanden gegeben, der ihm mit ein paar gedruckten Buchstaben hätte die unvermeidliche Wahrheit der Eklipse feilbieten können. Man muss die Zähne zusammenbeißen, nachdem man einen Happen vom Leben geschluckt hat, und dann sehen, wie man es verdaut. Die Bücher hatten ihn einstweilig vergnügt, sie hatten ihm vagen Einblick verschafft in die funktionale Allegorie des Todes, die allgegenwärtige Präsenz des Sensenmannes. Er hatte immer darauf gewartet. Der schwache Abglanz in den wässrigen Augen seiner Opfer, die regressive Erkenntnis, dass etwas beendet wurde, was erst die Hälfte der Summe aller Erfahrungen darstellt, und die unzweifelhafte Ankündigung der eigenen Vergänglichkeit. Sobald Pedro auf den Plan trat, öffnete sich ihr Geist, und die Alchimie des Niedergangs klammerte sich wie mit Krokodilklemmen in ihr Antlitz, sobald sie die Absolution begriffen, die er ihnen wortlos gepredigt.
Der Tag draußen war ein Hardrocksong. Ein verzerrtes Gitarrenriff. Ein gleichgültiger Hieb auf das Schlagzeug. Der jammernde Bass, der Unheil verspricht. Doch das Unheil wartet. Pedro hatte die Augen noch nicht aufgemacht.

In diesem Zimmer hatte er kein einziges Buch aufstöbern können. Da lehnte nur ein fast leeres Regal an der Wand, mit ein bisschen kitschigem Nippes, irgendwelche Porzellanfigürchen, deren aufgepinseltes Lächeln eine Verlogenheit an den Tag legte, die nahezu beeindruckende künstlerische Fähigkeiten voraussetzte. Puppenköpfe mit wächsernen, glanzlosen Augen, erstarrt in einer albernen Pose der Zweideutigkeit. Kein Buch. Er hatte es gemocht, als ungebildetes Kind, die knisternd dünnen Seiten der Bibel umzublättern, ohne sich um die Handlung zu scheren. Endlose Wortgliedmaßen, aneinandergekettet zu einem kontroversen Evangelium. Er hatte nie viel in der Bibel gelesen, weil es stellenweise angsteinflößend war, konnte aber mit einer schiefen Grimasse der Verzückung Stunden mit dem aufgeschlagenen Ledereinband im Schneidersitz vergeuden und langsam, gleichsam in einer Art Zeremonie, die unbebilderten Seiten umblättern, das von unachtsamer Behandlung bedrohte dünne Papier systematisch betasten und dessen staubiges Aroma inhalieren, als könne er Gottes Botschaft auf nasalem Wege begreifen lernen. Ein paar Begriffe hatte er aufgeschnappt, es war von Verrat die Rede, von Ehrfurcht und sehr vielen Lügen, von Erlösung und Unterwürfigkeit.
Rita. Rita, du bist bis zur Belastbarkeitsgrenze unterwürfig. Wenn du bisweilen dein naturgelocktes schwarzes Haar aus deiner Stirn wischst, schält sich deine latente Schönheit aus der abgenutzten Haut, die dein Gesicht tapeziert. Deine Anwesenheit ist wie ein ganzes Buch ohne Handlung.

Er drehte sich unschlüssig im Kreise und streckte den Oberkörper in die Senkrechte. Das ehedem straffe Bettlaken war ein Schlachtfeld seiner unruhigen Gedanken. Er hatte einmal vergebens versucht, Rita mit Pedro bekannt zu machen. Im trunkenen Zustand hatte er wahrhaft geglaubt, er könne Jesus spielen. Zeitlebens trug er ein Kreuz auf der halluzinogenen Suche nach der ebenbürtigen Person, die ihn draufnagelte. Rita hatte ihn nicht verstanden. Sie kam nicht häufig auf dieses Zimmer. Ihre paar Gefälligkeiten, die sie ihm mutwillig offerierte, hatten ihren ehedem skurrilen Geschmack eingebüßt.

Er starrte desillusioniert ins fahle Sonnenlicht. Die beiden Jungen tummelten sich erneut auf der Straße. Sie scharrten mit den nackten Füßen im Sand, als gebe es da irgendeine denkbare Variante ihrer Zukunft zu entdecken. Er hätte wetten können, dass sie freiwillige Sklaven der visuellen Tyrannei waren. Die kannten keine Bücher oder das erhabene Gefühl, das vergilbte Papier zu berühren. Eine Million gesegnete Worte hätte ihnen nicht die Pforte zum Paradies geöffnet. Sie scheiterten jeden Tag ein wenig mehr an ihren nachhaltigen Versäumnissen.
Er blieb aufrecht sitzen und kaute an einem störrischen Fingernagel.Drüben rührte sich was. Er angelte sich flugs das Fernglas. Man hatte ihm gesagt, der Typ heiße Leon. Das konnte selbstverständlich ein genauso verlogenes Synonym sein wie der ganze erbärmliche Rest. Aber das spielte keine tragende Rolle. Namen waren unterm Strich bedeutungslos, weil austauschbar. Nur ein Etikett, das sie dir nach der Geburt auf die Stirn drücken, eine Bescheinigung, dass die Kreativität deiner Erzeuger sich in Plagiaten erschöpft. Wenn du‘s nicht schaffst,

Fußnote: Vgl. hierzu Richard Dawkins, Der Gotteswahn, S. 328 ff. Ullstein Verlag, Berlin 2007

Hinterkopf eintätowieren. Die gesellschaftliche Kartei unterliegt strengster Kontrolle. Alljährlich klopfen die methodischen Männer in den schwarzen Plastikmänteln mit ihren administrativen Scannern an die Tür deines schäbigen Lebens und bestätigen deine Existenz aufs Neue.
Er hatte sich von derlei kategorischen Konventionen gelöst, hatte einen Schleichweg durch ihr hinterhältiges Überwachungssystem gefunden. Sie versuchten, die Geburtenrate niedrig zu halten, und wenn irgendwer vor der gesetzlichen Zensur stirbt, bietet das Platz für einen Nachkömmling, den sie inhaftieren können. Sein eigener inszenierter Tod hatte ihn befreit. Im Grunde war der krasse Gegensatz sein Erhaltungstrieb. Er hatte versucht, sich mit Weihwasser zu betrinken, doch die einzige Beichte, die je über seine Lippen kam, war das stille Bekenntnis, fortan namenlos seine Dienste durch mündliche Reklame anzubieten.

Leon hieß er also. Interessant. Die hagere Visage sprach Bände von seinem zyklischen Entzug. Dort drüben, in seiner verwanzten Bude, kroch Leon täglich auf dem mürben Parkettboden herum und sammelte die Nadeln vom Morgen danach auf. Er hatte Leon schon geraume Zeit im Visier. Gelegentlich standen sie sich gegenüber, Auge in Auge, in einer Distanz von einer Straßenbreite. Natürlich hatte Leon keinen Schimmer, dass er ihn auf dem Kieker hatte. Die Panik hatte sich aus seinen vier Wänden an die Öffentlichkeit gedrängt. Es gab einen Altar dort drüben, mit einer schwarzen Schatulle, in der Leon sein Gebetbuch in Form mehrerer Spritzen und eines rostigen Löffels aufbewahrte. Das mit dem Rost, das war keine angenehme Angelegenheit. Leon hingegen hatte sich weitgehend von der landläufigen Notwendigkeit der Hygiene verabschiedet, ihm schien es scheißegal zu sein, welche eklatanten, medizinisch nicht weiter spezifizierten Nebenwirkungen er sich in den Körper drückte. Mitunter, wenn er sich vor seinem Altar hastig entkleidete und sich mit Unschuld wusch, konnte man seine aufgedunsenen Venen unter der schimmelweißen Haut erkennen. Die Spritzen waren nicht sehr sanft zu ihm. Er wies eine nennenswerte Anzahl blauer Flecken auf. Sein Schlaf war ein Fiasko; Leon hatte es aufgegeben, an einen Funken Weisheit zu glauben. Sobald er auf Droge war, wälzte er sich hysterisch kichernd auf dem splittrigen Parkett herum, verbrannte sich an einer glühenden Zigarette und stocherte mit einem Taschenmesser mehrere Wunden in die Brustwarzen. Es war langweilig geworden, seiner rücksichtslosen Destruktion via Fernglas beizuwohnen. Es geschah nichts mehr, nur eine symptomatische Wiederholung seines störrischen Wahnsinns. Leon war weder besonders gerissen noch in irgendeiner Art raffiniert, er hatte sich irgendwie durch das Chaos gemogelt und war den Männern in den schwarzen Plastikmänteln entwischt. Leon kannte sich aus. Ihn auszeichnen oder ihm helfen tat es allerdings keinesfalls.
Seitdem er es sich zur Aufgabe gestellt hatte, diverse einflussreiche Leute, unter anderem den Bürgermeister, mit seinem Dreckzeug zu beliefern, hatte Leon die florierende Konkurrenz, in Sonderheit die alteingesessene, hellhörig und infolgedessen mit seinen unverschämt niedrigen Preisen zornig gemacht. Leon wartete nicht, im Gegensatz zu anderen Spekulanten. Er spielte ausgiebig Weihnachtsmann und ließ es das ganze Jahr über munter schneien. Er hätte damit rechnen müssen, dass man ihn genauer in Augenschein nahm. Vielleicht ahnte er trotz seines zugekifften Verstandes etwas, aber die winzigste Regung war zu viel für ihn. Wenn er seinen geschundenen Hohlkörper nicht gerade ausgiebig misshandelte, schleppte er sein krummes Rückgrat die Straße rauf und runter und belästigte jedermann, der seine ausgestreckte Hand ignorierte. Woher er seinen Stoff bezog, hatte man ihm nicht mitteilen können (oder wollen). Jeder nimmt ein paar Geheimnisse mit ins Grab, und an Leons wurde seit länger als einem Monat fleißig geschaufelt, sogar der Stein war schon in Auftrag gegeben worden. Man mühte sich redlich, um Leons Bestattung zu einem epochalen Großereignis zu stilisieren. Man würde Champagner auf die frische, duftende Erde pissen und Zigarren anstelle eines Blumenstraußes pflanzen. Es galt, ein mahnendes Exempel zu statuieren, und Leon war zu schade für eine Träne, vermutlich würde sogar die Sonne strahlen.

Er setzte das Fernglas ab und rieb sich die Augen. Der Großteil der Stadt war von solchen Bazillen wie Leon infiziert. Es war, als hätten sämtliche Leons der Nation, ach was: der Welt, sich während eines kollektiven Besäufnisses entschlossen, diese Stadt zu infiltrieren. Er war ihnen im Dutzend begegnet. Pedro begegnete ihnen stets mit einer Verachtung, die auch ein geregeltes Maß an Sympathie implizierte. Es kam vor, dass er den letzten zuckenden Rest ihres Hirns mit dem Stiefelabsatz zermatschte, nur um ganz sicher zu gehen, dass kein noch so geringes Lebenszeichen übrig blieb. Ihr dampfendes Blut in der eiskalten Luft war das Tonikum seiner durchwachten Nächte, das Balsam für seine strapazierte Seele …
Der Auftrag war so simpel, dass man hätte darüber lachen können.
Ein Blick auf die Uhr.
Warten.
Er war die Maschine, und die ganze versiffte Stadt sein Ersatzteillager. Präzise, geräuschlos, beharrlich. Er klaubte sich seine Persönlichkeit sukzessive zusammen und puzzelte an seinem Ego. Leon wäre ein unerheblicher Beitrag.

Fußnote: Vgl. hierzu B. Stafford, Das Bewusstseinsprinzip, Kap. 12 § 13: Das Missverständnis der Seele. Hybris Verlag, Freiburg 1995 sowie Volker Knapp, Die Seele als Chauffeur. cave canem Verlagshaus, Cuxhaven 1997

Abschnitt 2

Dienstag, 12:56 Uhr, 2021.
Du hast die Stadt in der Hand, sie pocht darin wie ein spasmischer Muskel oder ein verzweifelt Herz, vom Tode geküsst.
Sag nur, wie viele Tage hast du verplempert, um dir die zweifarbige Straßenkarte, diese Repräsentation eines verschlungenen Labyrinths, ähnlich dem deiner Gedanken einzuprägen, besessen vom Jähzorn, es handele sich um die codierte Kartografie einer anderen Realität? Sieh sie dir an, diese Stadt, an diesem diesigen Januarnachmittag, wie sie deiner spottet, ohne jeglichen gebührenden Respekt, doch empfindest du selbst Respekt vor dir?

Aus der überwiegend zickzackförmigen Skyline ragen gelegentlich die trotzigen Ausrufezeichen einiger Wolkenkratzer in den bleigrauen Himmel, heute allerdings wirkt es wie eine gelinde gesagt skizzenhafte Kulisse, die unsensibel einen konvexen Horizont verbirgt, hinter den etliche Leichen gewandert sind nach all den nadelspitzen Jahren, die kein Kompliment für dich waren.
Die weiße Wintersonne verschwindet beizeiten hinter verwehten Wolkenschleiern und gestattet zahllosen Schatten, dein Augenlicht zu beeinträchtigen. Du kennst jeden gottverdammten Winkel, jeden zornigen Mauervorsprung, jeden aufmüpfigen Dachgiebel, jeden vollgemüllten Hinterhof dieser erbärmlichen Stadt, du weißt Bescheid. Keine abzweigende Gasse, die du nicht durchwandert hättest, kein schummriger Hauseingang, und in sämtlichen Bezirken dieses Molochs ist es schummrig, in den du ein Auge geworfen. Du verbringst ganze Stunden damit, vor dem insektuös summenden Monitor zu hocken, der dein frühzeitig abgemagertes Antlitz mit giftig grünem Licht bespeichelt, und dich der Namen jener zu entsinnen, deren Gesichter du im Laufe deiner zweifelhaften Karriere aus einer stinkenden Blutlache gezogen hast. Dein wendiges Gedächtnis ist ständig auf dem Prüfstand. Du hast eine Zeit lang für jede Leiche in einer abgelegenen Gosse einen Strich an die unverputzte Wand deines engen Büros, das dir Obhut, Zuflucht und Inhaftierung zugleich bietet, gekritzelt, aber später warst du zu faul, um dich bis an die Fußleiste zu bücken. Es wäre närrisch, Bilanz zu ziehen hinsichtlich jeden Mordes in dieser hinterlistigen Stadt. Den Verantwortlichen hilft das mitnichten. Und dir schon gar nicht. Du lässt es kommentarlos geschehen und bist dennoch zuversichtlich, dass du irgendwann zu alt dafür wirst …
Sieh sie dir an, diese Stadt!

Wie ein Pin–up–Poster in einem verrauchten Hinterzimmer, wo ein ächzender Deckenventilator mühevoll die dicke Luft kitzelt. Wo ein Kalender noch vom vorherigen Sommer nostalgiert, zwei Palmen an einem puderzuckerweißen Strand, eine entblößte Blondine rekelt sich geschmeidig auf einem Falten werfenden Badetuch, ein aufgeschlagenes Buch, keines mit religiösem Inhalt, wie du ahnst. Die milde salzige Meeresbrise zaubert Wellen in die Frisur und blättert ein paar Seiten um. Du lässt gern deine Gedanken schweifen zu diesem fernen Ozean, und du möchtest mit der Faust die arrogante Fensterscheibe einschlagen und in die vulgäre Visage dieser Stadt spucken. Dieser triste Januarnachmittag ist eine endlose Warteschleife, er beginnt immer wieder von vorn.
Steck dir noch eine Zigarette an. Mmmm, ja, womöglich geschieht noch etwas …
Du drehst dich um, du blinzelst – gegen den Rauch, der aus deinem Munde fährt –, weil du dein Büro nicht erkennst. Dabei wohnst du gewissermaßen hier. Jedes Möbelstück ist ein vertrauter Insasse, ein Mitbewohner, der um Platz buhlt.
Jeder Schritt weiß um das Knarren der Diele, das auf den nächsten folgt. Sie alle sind blass, haben ihre Farbe verloren, genau wie du. Der drehbare Schreibtischstuhl beschwert sich japsend, als du dich hineinpflanzt. Legst die Beine auf den geduckten, stämmigen Tisch, nestelst an deinem Hemdkragen, bis du genügend Luft bekommst, aber es wird nie genügend sein, nicht mehr.

Der graue Metallschrank mit den zahlreichen Aktenordnern, der halb abgekratzte Aufkleber in der oberen Ecke der partiell eingedellten Tür, die nicht richtig schließt. Du kennst den Spruch darauf auswendig, auch wenn die Jahre ihn ausradiert haben.
Selig seien die geistig Armen.
Gelegentlich murmelst du das verdrossen vor dich hin, wenn niemand auf dem Korridor lärmt und die klickklackenden Tremoloschritte der Sekretärin vor der Tür verhallen, dann, wenn gerade genügend Stille einkehrt, dass du deinen eigenen Worten lauschen kannst, sprichst du leise zum Fenster hin: Selig seien die geistig Armen. Den kausalen Sinn hast du längst vergessen, doch es bringt vorübergehend Spaß, einmal etwas zu sagen. Du sagst ja sonst nie viel. Zumindest bist du der Meinung, die sie nie teilte, weil sie zur Überzeugung gelangt war, dass du ein Jongleur der Worte bist, nur eben nicht verbaler Natur

Der Charakter dieser Stadt ist abgrundtief schlecht. Jeden Morgen, wenn die Sonne sich widerspenstig, wie es dünkt, aus der Grabstätte des Horizonts über die Skyline schiebt und das Grauen verscheucht, hoffst du, es gebe irgendwo einen unentdeckten Ort, entlarvt vom jungfräulichen Licht, damit du dir eingestehen kannst, du habest dich geirrt. Jeden Morgen, wenn du abermals an diesem Fenster stehst mit der inzwischen zerknüllten Straßenkarte in der Hand, leugnest du deine Angst, diesen plappernden Parasiten, den dein Hirn unfreiwillig beherbergt, und wirst gegen Nachmittag, sobald sie vollständig erwacht ist, doch von ihr überrumpelt. Diese Stadt ist in vielerlei Hinsicht der Superlativ der Bosheit …
Nein, schau nicht hinaus, nimm einen tüchtigen Zug an deiner, wievielten?, Zigarette und beobachte den mäandernden Riss in der Decke, mit genügend Konzentration wirst du vielleicht erkennen, dass er sich bewegt, eine geschmeidige Schlange im tiefen Gras, die sich heranpirscht und ihre Zähne genau in der Sekunde in deine Ferse schlägt, als du sie gewahrst.
Heute ereignet sich nichts mehr, sei getrost, guck nur genau hin, zwei Millimeter länger als gestern, dieser Riss. Irgendwo schwirrt eine Fliege. Der Korridor vor deiner Tür ist kahl. Niemand kümmert sich um die paar Topfpflanzen in den unterschiedlichen Räumen, um ihr ständiges Bedürfnis nach Erlösung von ihrem Durst.
Die farblosen Tapeten lösen sich an heißen Tagen schmatzend von den Wänden. Du hast einen Schimmelpilz in einem der Zimmer entdeckt, der aussieht wie die Landkarte eines unerforschten Kontinents. Wo der kristallklare Ozean an puderzuckerweißen Stränden leckt und eine entblößte Blondine sich

Anmerkung des Lektors: Seien Sie unbesorgt: Hier gefallen sich die Geschichten förmlich darin, sich babylonisch aus– und wieder einzufädeln, dass es einem schwindlig werden könnte. Zum Schluss, wenn man den ganzen Erzählteppich, dieses gebündelte Babylon, vor Augen hat, erkennt man freilich die ganze Wucht dieses ungewöhnlichen Wurfs, der mich übrigens an Pynchon erinnert hat. Dabei kennt ihn Marco von Rodziewitz gar nicht. Ich fass es nicht! (Allerdings trau ich ihm zu, dass es nur ein Vorwand war, ihn nicht zu kennen. Seine Aussage hat mich nämlich mit wachsendem Fortschreiten der Lektüre hinsichtlich ihres Wahrheitsgehaltes zunehmend verunsichert, wie der ganze Text, verdammt noch mal, mich überhaupt gleichzeitig verunsichert wie angezogen hat.)

Fußnote: Endet hier. Keine Ahnung, wer hier gemeint ist, die Schrift allerdings wirkt ziemlich androgyn, sodass der/die Verfasser/in eingedenk des Geschlechts keineswegs festgelegt ist; auffällig waren jedoch die ohne zusätzliche Interpunktion eingeschobenen, durch eigenen Absatz hervorgehobenen Intermezzi. (Wurden mittlerweile „eingeebnet“; Anm. des Lektors.)

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