Leseprobe

aus Frieder Faist: Das Flannery-Fragment.


1

Laß fahren alle Hoffnung, denn dahin ist der Tag und die Nacht ohne Ende. Es war dieser eine Satz, der Flannerys Leben ein frühzeitiges Ende bereitete. Hinter seinem Rücken zu Papier gebracht, konnte Flannery nichts von den düsteren Worten wissen. Er wußte nur, ein guter Mann, der beste, den er kannte, war ausgeknipst worden. Einfach so! Zack und aus, vorbei, Schluß. In seinem Zorn konnte es Flannery kein Trost sein, daß die Figur hinter dem Schalter auch keinen übermäßig lebendigen Eindruck machte. Jedenfalls bewegte sie sich nicht. Allerdings gab sie Geräusche von sich. Chraaah–püh, chraaa–püh. Bei genauerer Betrachtung konnte Flannery die Nasenflügel beben sehen. Die Unterlippe stülpte sich vor und zog sich flatternd wieder zurück. Stülpte sich vor, zog sich flatternd zurück. Im Chraaa–püh–Rhythmus. Flannery ließ die geballte Faust auf die Tischplatte donnern.
„Laß fahren alle Nacht“, lispelte der Erwachende, „denn dahin ist das Ende und die Hoffnung währet tagelang.“
„Keine Predigten!“ forderte Flannery.
„Tagelange Hoffnung? Blödsinn. Muß ich geträumt haben“, murmelte der Mann hinter dem Schalter. Mittleres Alter, leichtes Übergewicht, schütteres Haupthaar, blasse Gesichtsfarbe, Lesebrille, registrierte Flannery automatisch. Coproutine. Berufserfahrung ließ ihn auch den Frageton erahnen, der Antworten hervorbrachte. Schreibtischhengste wollten den Hut in der Hand sehen und kapierten nur zäh. Also schraubte Flannery die eigene Wut und Ungeduld zurück. „Ich störe nur ungerne Ihre Konzentration, aber gewiß haben Sie die außerordentliche Freundlichkeit, mir zwischendurch einen Hinweis zu vermitteln, Chef. Bin ich hier richtig in der Beschwerdestelle?“
„Mitnichten. Sie haben sich in das Amt für Registrierung verirrt.“
„Mein Vorschlag, beschreiben Sie mir den Weg zur Beschwerdestelle und schon können Sie wieder ungestört registrieren.“
„Kaum Einträge in den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren“, gähnte der Beamte.
„Tut mir leid, Meister. Schmerzlich, zusehen zu müssen, wie ein großes Talent brachliegt.“
„Nicht, daß Sie glauben, ich hätte nichts zu tun! Bis in die 40er Jahre hinein ging es hier rund. Nach all dem Streß ist man dankbar, für ein paar Jahrzehnte Ruhe.“
„Glaube ich Ihnen unbesehen. Tja, war nett, mit Ihnen geplaudert zu haben. Aber nun muß ich wirklich weiter. Wie sagten Sie doch gleich, finde ich am schnellsten zur Beschwerdestelle?“
„Nichts dergleichen sagte ich. Eine Beschwerdestelle existiert nicht. Existent ist ausschließlich das Amt für Registrierung.“
Laß fahren alle Hoffnung, denn dahin ist der Tag und die Nacht ohne Ende. Der ausgeknipste Flannery ließ seine professionelle Verbindlichkeit in den Wind schießen. „Die nützt mir eine verdammte Ladung Hühnerkacke, Ihre Registerbude.“
Der Beamte linste abschätzig über den Rand seiner Lesebrille. „Da haben Sie allerdings recht. Sie dürften ja wohl kaum Anspruch auf Registrierung geltend machen können.“
So durfte man Flannery nicht kommen, egal ob ausgeknipst oder nicht. „Woher wollen ausgerechnet Sie Schnarchsack das wissen?“
„Ich kenne Sie nicht“, lautete die Antwort. Flannery war ehrlich verblüfft. Offenbar mangelte es dem Schreibtischschnarcher an einem gesunden Empfinden für Logik. Der Typ zog Erkenntnisse aus der Unkenntnis. „Ich kenne Sie nicht“, wiederholte der Mann, „und ich möchte meinen, die Verleger kennen Sie nicht. Lektoren, Dramaturgen und Redakteure kennen Sie nicht. Die Kritiker kennen Sie nicht. Die … “
„Mal langsam! Ich kenne diese Leute auch nicht! Was sagen Sie dazu?“
„Ich sage, die Leser kennen Sie nicht. Und unter den Nichtlesern kennt Sie auch kein Aas. Kennen Sie sich wenigstens selbst?“
„Ich bin Flannery.“
„Wenn Sie darauf bestehen …“
„Darauf können Sie ihren Pensionsanspruch verwetten.“
„… sollen Sie meinethalben der sein, für den Sie sich halten. Das ändert nichts an der Tatsache, daß Ihr allgemeiner Bekanntheitsgrad erheblich unterhalb des Gefrierpunkts tendiert. Und damit sind Sie zweifelsfrei selbst von einem unteren EE Lichtjahre entfernt.“
„Von einem unteren was?“
„Eventueller Ewigkeitswert. Was glauben Sie, wo Sie sich befinden? Im Zentrum der Unsterblichkeit! Meine Dienststelle registriert die Anträge literarischer Gestalten auf eventuellen Ewigkeitswert.“
In einer einzigen, wundersam fließenden Bewegung zog und entsicherte Flannery seine Dienstwaffe. „Mein Antrag ist zwischen Ihre Äuglein gerichtet, Compañero. Was die meinen sehen wollen, ist, wie Sie ihn registrieren.“
„Ein Draufgänger aus 'nem Actionschmöker“, seufzte der Beamte. „Ihr begreift es nie, Leute! Ihr seid für den schnellen Verbrauch geschrieben! Gestern gedruckt, heute gelesen, morgen vergessen. Was soll denn das für ein Fabrikat sein, Ihr Ballermännchen?“
„Wilberforce & Hepplewhite“, gab Flannery Auskunft.
„Hab ich mir doch sofort gedacht! Ihr Autor ist ein blutiger Amateur! Kennt noch nicht einmal die gängigen Schußwaffen. Erfindet skrupellos Markennamen, anstatt ordentlich zu recherchieren. Ich will keine Behauptungen aufstellen, aber es ist gut möglich, daß Sie bei einem derartigen Verfasser noch nicht einmal die Subkulturschwelle erreicht haben.“
Verunsichert schob Flannery den Revolver ins Schulterhalfter zurück. Konnte es sein, daß seine Schuhe von Wilberforce & Hepplewhite waren? Ziemlich ausgelatschte Kähne übrigens. Auch der blaue Anzug zeigte an den Ärmeln deutliche Anzeichen von Verschleiß.
„Total verratzt sind Sie …“, sagte der Beamte und zog sich verstummend aus Flannerys Griffweite zurück.
„Wenn was?“
„Ich möchte Sie nicht unnötig ängstigen.“
„Mich doch nicht“, trumpfte der ausgeknipste Cop trotz eines dumpfen Drucks in der Magengrube auf.
„Ah, ich vergaß. Sie sind einer von den ganz harten Burschen. Actionheld.“
„Detective Sergeant“, verbesserte Flannery. „Nun spucken Sie's schon aus! Total verratzt bin ich, wenn was abläuft?“
„Wenn nichts abläuft. Wenn nichts passiert. Nichts, was zählt. Mit anderen Worten, wenn Sie – was ich gleich vermutet habe – nur geschrieben, aber nie gedruckt worden sind.“ Einer Kunstpause folgte die honigsüß vorgetragene Versuchung: „Könnte ich überprüfen! Wie war noch mal der Name? Flannigan?“
„Flannery.“
Der Beamte knackte vorbereitend mit den Fingerknöcheln, ehe er sich auf der Tastatur seines Computers auf Buchstabensuche begab. „Name: Flannery. Vorname?“
„Ähm, fällt mir im Augenblick nicht ein.“
„Sie haben keinen; stimmt's? Mann, Sie riskieren, herauszufinden, daß Sie in Ihrer Schwarte nur unter ferner liefen rangieren.“
Unwichtig welchen Platz der Besetzungsliste du einnimmst. Wichtig ist, daß du deinen Job gut machst. Von irgendwoher kam der Spruch Flannery in den Sinn. Und er paßte. Flannery machte seinen Job gut. Verdammt, das wußte er!
„Soll ich trotzdem weitermachen?“ sülzte der Beamte süßsauer. „Auf Ihre Verantwortung. Sie sind's, der die traurige Wahrheit wegstecken muß. Vorname: unbekannt. Dienstgrad: Detective Sergeant.“
„New York Police Department.“
„ NYPD. Mal sehen, ob das reicht. Warten Sie … Na, wer sagt's denn! Schon sind wir Ihrem kleinen Geheimnis auf der Spur! Wie es aussieht, sind Sie einem anscheinend vorzeitig aufgegebenen Text entsprungen, der während der letzten drei bis fünf Minuten entstanden ist. Wenn ich sofort im Fiction–Net andocke, könnte ich Ihnen einen Ausdruck erstellen. Das heißt, sofern ich mit einer Portion Glück den Text noch auf den hinteren Seiten der Aktualitäten–Page auftreiben kann. Warten wir nur ein paar Sekunden zu lange, ist die Schmonzette bei meiner Rechnerkapazität unerreichbar unter dem weltweiten Wust von Neuschriftgut vergraben.“
Flannery nickte auffordernd, der Beamte bestätigend. Die Computermaus klickte. Ein Drucker ratterte.

Geben Sie dem Affen eine Banane. So lautete die Pointe des einzigen Witzes, den Flannery annähernd 24 Stunden im Schädel behalten hatte. In einer verdammt kühlen Nacht hatte er den Witz gehört, in der verdammt kalten nächsten ihn weitererzählt. Danach hatte sich die Geschichte verkrümelt, aber auf ihrer Pointe kaute Flannery noch zwanzig Jahre später herum. Geben Sie dem Affen eine Banane. Wieder und wieder torkelte der Satz irrlichternd durch Flannerys Bewußtsein, ein durchgeknallter Gag ohne Job, ohne Wohnsitz und ohne Freunde. Geben Sie dem Affen eine Banane. Und finden Sie den Zombie, der die Leiche von Stanislapski gefleddert hat. Die Anweisung des Lieutenants kreuzte die Spur des bananenlosen Affen und brachte Detective Sergeant Flannery auf seinen Weg, den Dienstweg eines New Yorker Cops. Den Zombie finden, der Stanislapskis Leiche gefleddert hat. Alles klar, Lieutenant; ich finde den Zombie. Und geben Sie dem Affen eine Banane.
„Was für'n Affe, Flan?“ Detective Spooner legte das gewohnte Verhalten an den Tag. Der Mann hatte keine Ahnung, was ablief, zeigte sich jedoch willig.
„Vergiß den Affen, Spooner“, wies Flannery seinen Partner an, „und konzentriere dich auf den Zombie, der Stanislapskis Leiche gefleddert hat.“
„Alles klar! Und was mache ich mit der Banane, Sergeant?“


Mit der linken schnipste Flannery gegen den Bogen in seiner Rechten. „Das ist alles?“
„Absolut“, nickte der Beamte.
„Mehr hat der kleine Scheißer nicht über mich geschrieben?“
„Vielleicht irgendwann mal früher. Ist aber, wenn Sie mich fragen, nicht sehr wahrscheinlich. Das hier ist ein klassischer Anfang; kein guter, aber ein klassischer Anfang. Aber selbst wenn er Sie schon früher hat auftreten lassen, Ihre Heldentaten sind sang– und klanglos im Datenmeer untergegangen. Die kriegen wir bei der beschränkten Kapazität meines Rechners nie mehr auf den Bildschirm.“
„Gibt es irgendwo einen entsprechend leistungsfähigen Rechner?“
„Sie meinen in der Zentrale?“
„Zum Beispiel.“
Der Beamte lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Unter uns; Flannery, ich mache diesen Job jetzt schon eine mittlere Ewigkeit, aber was die Zentrale betrifft, von denen hab ich in all der Zeit nie auch nur den kleinsten Aktenvermerk zu Gesicht bekommen. Setzen Sie nicht auf die Zentrale. Gehen Sie davon aus, daß nur das Amt für Registrierung als Außenstelle existiert. Na ja, und dessen Rechnerkapazität …“
„Gibt Ihr Computer wenigstens Auskunft über den Namen meines Autors?“
„Diese Schreiberlinge“, kicherte der Beamte, „auch wenn sie nur eine einzige Silbe verfassen, Ihren Namen tippen die regelmäßig zuoberst.“
Flannery starrt auf das Blatt. „Kein Name. Außer dem des Opfers, meinem und dem von Spooner. Wo steckt der überhaupt?“
„Ihr Partner? Machen Sie sich nicht lächerlich, Flannery. Dieser Tölpel hatte einen noch bescheideneren Auftritt als Sie.“
„Spooner ist in Ordnung“, beschied der Sergeant, „auf seine Art.“
„War in Ordnung“, verbesserte der Beamte mit einem bösartigen Lächeln. „Er ist längst dem Vergessen anheimgegeben. Und was Sie betrifft, Flannery, aus mir persönlich unersichtlichen Gründen glühen Sie offensichtlich noch ein paar Augenblicke nach, aber es dürfte sich nur um Sekunden handeln, bis Sie noch nicht einmal mehr eine Erinnerung sind. Hoffe nicht auf das Verfahren, denn endlos sind die Tage und die Nächte auch nicht mehr das, was sie waren..“
„Oder so ähnlich“, kommentierte Flannery und suchte nach dem Ausgang. Hier vergeudete er nur seine Zeit. Er mußte den kleinen Scheißer auftreiben, der ihn zuerst in die Welt gesetzt und danach ausgeknipst hatte. Der versucht hatte, ihn auszuknipsen. Ihn, Flannery! Er mußte diesen Mistbock finden, ihm die Pistole auf die Brust setzen und sich eine Story schreiben lassen, die seinen Fähigkeiten angemessen war. In der Türe warf Flannery einen Blick über die Schulter. Der Beamte war bereits wieder eingenickt. Chraah–püh, chraah–püh.

Draußen starrte ein zerknirschter Spooner Löcher in den Asphalt der Straße. „Hab nirgendwo diesen Affen auftreiben können, Sergeant.“
„Auf die Dauer kann er dir nicht entkommen, Spooner“, sagte Flannery. Unnötig, seinen Partner mit den Realitäten ihrer beider literarischen Existenz zu belasten. Sollte Spooner ruhig an den Dienstauftrag glauben. „Und, Spooner, halte auch nach dem Zombie Ausschau. Du weißt schon, der die Leiche Stanislapskis gefleddert hat.“
„Alles klar! Und was mache ich mit der Banane, Flan?“
Woher hatte er die? Egal. Flannery hatte, der Corpsgeist forderte es, dem Beamten widersprechen müssen. Aber so unrecht hatte der nicht gehabt. Spooner konnte einem schnell und gründlich auf die Nerven gehen.
„Hat schon matschige Stellen, die Banane.“
„Stopf sie dir in die Futterluke. Vorher schälen!“
„Geht in Ordnung. Aber wenn wir den Affen doch noch erwischen, hätt ich keine Banane mehr für ihn.“
„Dann gib ihm eben Zucker.“
„Zucker, Flan? Dieses süße, weiße Zeugs? Du meinst Zucker?“
„Ja, Zucker. Zucker für den Affen.“

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