Leseprobe

aus Helmut Körlings: Ey Raqib, wir Kinder der Meder ... (Auszug aus dem ersten Kapitel)


1. Kapitel: Ausstieg

Verdammt – der Spitzbart würde ihn aufschreiben! So leise er auch versucht hatte, sich aus der Vorlesung zu schleichen: Die altersschwachen Dielen hatten höllisch geknarrt, was den Mann am Pult zu einem mißbilligenden Blick in seine Richtung veranlaßt hatte. Störungen solcher Art konnte Löhrs, Dozent am mathematischen Institut, ganz und gar nicht leiden. Nach Schluß der Vorlesung würde er sein hellblaues Büchlein zücken und seinen, Helm Kellers Namen, unter der Rubrik „Sonstiges“ eintragen, mit einem „St“ versehen, für „Störung”. Seitdem das Notizbuch einmal liegengeblieben war, kannte man dieses Geheimnis des schrulligen Professors. Beim nächsten Seminarvortrag würde er die Folgen zu spüren bekommen. Und eine Wiederholung konnte er sich schon gar nicht leisten, denn schließlich war Mathematik ein Hauptfach, und beim Diplomexamen – in circa eineinhalb Jahren – würde Professor Löhrs die Fragen stellen! An sich kein Problem, aber wenn dabei das blaue Heftchen ins Spiel käme, müßte er sich entschieden wärmer anziehen als normalerweise nötig wäre!

Auf dem breiten, dunklen Flur des mathematischen Instituts legte er die Stirn an die leicht angestaubte Scheibe und genoß die Kälte des Glases. Das Klopfen im Schläfenbereich ließ etwas nach. Er verfluchte den gestrigen Abend in der „Stadt London“, der wieder einmal zu alkoholreich gewesen war. Weiß der Teufel, warum er sich betrunken hatte, besser gesagt, sich hatte betrunken machen lassen! Draußen schneite es, wie schon seit Tagen, und im Innenhof des verschachtelten Akademiegebäudes schaufelte der Hausmeister bereits seit Stunden, um wenigstens ein paar Parkplätze für die Herren des Rektorats freizubekommen. – Es war wie immer im winterlichen Clausthal: Schnee satt, dauerkalt und ebenso langweilig! Was waren das nur für Idioten, die sich dazu entschließen, die besten Jahre ihres Lebens hier oben im Harz, in dieser Ödnis, zu verbringen, um das Diplom in einem berg– oder hüttenmännischen Fach zu machen? Verrückt, diese Leute! Aber er selbst war ein solcher Idiot! Dabei hätte er in München studieren können, oder in Marburg, das wäre in jedem Fall gemütlicher gewesen, und näher an Mutters Kochtöpfen außerdem. Darüber hinaus hätte es eine signifikant höhere Chance gegeben, sich das hübsche Töchterchen irgendeiner Lokalgröße anzulachen!
Trübselig starrte er in den bleigrauen Wintertag. München – welche Verheißung war das damals, nach dem Abitur! Seine Eltern hätten keine Einwände gehabt. Das wäre ein Leben gewesen! Die heißgeliebten Berge in Sichtweite, sommers wie winters. Und Schwabing! Und Eva! – Was sie wohl derzeit machte? Helm biß sich auf die Lippen, als er an ihren Kleopatranacken und ihre kastanienbraunen Locken dachte, die er genußvoll zur Seite schob, um ihren schlanken Schwanenhals zu küssen. Klar: Er allein war schuld, daß es nichts geworden war mit der schönen Zeit in Bayern, mit beschwingten Sommern in den Isarauen, herbstlichen Spaziergängen im Perlacher Forst, Klettertouren im Karwendel und im Wetterstein, Oktoberfest und – mit Eva. Bei ihrer letzten Bergtour hatte er sie einfach stehen lassen, als sie sich strikt weigerte, den dritten Gipfel an diesem Tag zu machen, „abzuhaken“, wie sie seine Sucht nannte, Drei– und Viertausender en gros zu sammeln.

„Hey, Helm, keine Lust auf Löhrs Tensoren?“ Diese Frage wurde von einem derben Schlag auf die Schulter begleitet. Empört fuhr er herum:
„Aziz, ich sollte Dir einen Jab verpassen, daß dir Hören und Sehen vergeht – willst du mir das Schulterblatt zerschlagen? Ich habe noch genug vom Sparring letzten Freitag.“ Er rieb sich die schmerzende Stelle und schaute den langen, dunkelhaarigen Schlaks mit der markanten Hakennase böse an.
Der grinst: „Never mind, old boy! Komm, wir gehen zu Fischer, Kaffee trinken.“
„Schon wieder? Mensch, Aziz, wir haben erst Anfang des Monats. Wenn ich so weitermache, kann ich demnächst Schnee schippen, um was zu fressen zu haben!“
„Ach komm, kein Palaver. Kriegst den Kaffee von mir.“
„Witzbold! Meinst du, ich würde mich von dir aushalten lassen, wie es einige aus deiner Gefolgschaft tun? – Im Vertrauen, Aziz, das wollte ich dir immer mal sagen: du läßt dich ausnutzen! Etliche aus der Korona, mit denen du ständig bei Fischer rumsitzst, sind nichts anders als Schmarotzer!“
„Freunde von mir, wie du auch.“ Der junge Mann blitzte ihn aus seinen schwarzen Augen schalkhaft an. „Na, ja, vielleicht nicht ganz so gute.“
„Mein Vorschlag: Wir gehen auf meine Bude, ich mache uns einen guten Tee.“
„Ach, shit, sind zwei Kilometer, in Schnee! Besser, wir gehen zu Fischer.“
„Hör zu, Aziz: Ich fühle mich heute irgendwie neben der Kappe. Ich muß einfach mal mit jemandem reden, am besten mit dir. In Ruhe, verstehst du? Bei Fischer ist's zu laut, zu viele Leute. Tu mir den Gefallen, komm mit, irgendwas zu essen ist auch noch da.“
„Kenn ich gar nicht von dir, so ein Trauermensch heute! – Also gut, basta, gehen wir zu dir!“

Die beiden Freunde stapften durch den knöcheltiefen Schnee, vorbei an den in schmalen Gassen aufgereihten, holzbeplankten Harzhäusern, hinunter ins Tal und hinauf nach Zellerfeld.
„Warum bist du eigentlich so verrückt und wohnst in Zellerfeld?“ ließ sich Aziz vernehmen. „Nahe die Akademie sollst du ein Zimmer haben. Jeden Tag vier, fünf Kilometer, wär nix für mich!“
„Das heißt: Nahe der Akademie! Und Du kannst motzen wie du willst, ich ziehe nicht in deine Nähe, dann komme ich zu nichts mehr. Hier ist‘s einfach gemütlicher. Außerdem, du weißt doch: Wer was auf sich hält, wohnt in Zellerfeld!“
„Dummer Spruch, nix wert! Lauferei kostet Energie, und Energie kostet Geld, und Geld solltest Du lieber versaufen, oder …“ Aziz schaute vielsagend auf.
„ … verhuren, meinst Du doch?“ ergänzte Helm trocken.
„Bitte, wenn du es sagst! Überlege doch: All die Stunden, die du pro Semester unterwegs bist, mit einem sweet girl im Bett, das ist doch was!“
„Werd's mir überlegen, du Casanova“.
Sie waren jetzt an Helm Kellers Behausung angelangt, einem uralten Bergmannskotten, wo er im Dachgeschoß ein Ministübchen bewohnte, zu dem eine erschreckend knarrende Treppe steil nach oben führte. Er hatte es gut getroffen: Seine Wirtin, kinderlos, verwöhnte ihn, wo sie nur konnte – Helm war für sie so etwas wie ein Sohn des Hauses. In seinem Zimmer brannte bereits ein munteres Feuer, und obwohl der Wind ums Haus heulte, war es angenehm warm im Raum. Helm setzte eine Emailkanne mit Wasser auf den hohen, grünlasierten Ofen und kramte unter einem Berg von Büchern, der Tisch und Bett bedeckte, eine Handvoll Kekse hervor. Aziz‘ Augen wanderten durch das Kämmerchen, das karg, aber zweckmäßig eingerichtet war. Sein Blick verhielt kurz auf dem Foto eines weißhaarigen Mannes mit lebhaften Augen, das, mit einem schwarzen Band versehen, auf Helms Schreibtisch stand.
„Weißt du, wie sehr du ähnlich bist mit deinem Vater?“
Helm blickte auf. „Ja, ich weiß, aber du solltest besser sagen: ‚Wie sehr du deinem Vater ähnelst‘. Deine Formulierung war nicht besonders gut.“
Sie hatten vor langer Zeit ein Abkommen getroffen, nach dem Helm die oftmals skurrilen Satzkonstruktionen des jungen Kurden verbessern sollte. In den drei oder vier Jahren, die sie miteinander befreundet waren, hatte sich, wohl nicht zuletzt durch diese Taktik, sein Deutsch erstaunlich verbessert, so daß man nur noch selten den Ausländer durchhörte. Er schaute versonnen auf das Foto: „Dein Vater und du, ihr wart Freunde?“
„Ja, das waren wir“. Helm spürte, wie seine Augen sich mit Tränen füllten.
Aziz berührte ihn an der Schulter: „Tut mir leid – ich habe vergessen, daß er erst kurzer Monat tot ist.“
„Sechs Wochen, um genau zu sein. Das ist auch der Grund, daß ich mit dir sprechen wollte. Ich werde in Kürze Clausthal verlassen.“
Sein Gegenüber schaute überrascht auf: „Du weg von Clausthal? Du sagtest doch, es sei Wille deines Vaters, daß du dein Studium zu Ende bringst.“
„Ja, das ist wahr, Aziz, dazu hat er mich verpflichtet, kurz vor seinem Tod. Er war Bergmann mit Leib und Seele und stolz darauf, daß ich an seiner Alma Mater studiere, hier an der Akademie, wo er vor mehr als vierzig Jahren war. Keine Frage, daß ich seinen Wunsch erfüllen werde! Aber ich merke doch: Sein Tod hat mich mehr getroffen als ich wahrhaben wollte. Ich brauche etwas Abstand, verstehst du, eine Auszeit von ein oder zwei Semestern. Dann habe ich mich wieder gefangen und kann in Ruhe zu Ende machen.“
Der andere schüttelte den Kopf: „Du solltest bleiben! In drei Semestern machst du dein Diplom, dann hast du was in der Hand. Dein Vorexamen zählt nichts, Du bist nichts! Willst du auf den Bau, Steine schleppen? Oder in den Pütt, Kohle machen? Du bist verrückt!“
„Im Grunde hast du recht. Aber ich fühle mich jetzt und auf absehbare Zeit einfach nicht in der Lage, vernünftig zu arbeiten – zu studieren, meine ich. Ich fürchte, daß ich sinnlos herumhänge, am Ende noch ein Semester wiederholen muß. Ich merke doch, was mit mir los ist: Ich kann mich nicht konzentrieren – und jeden Abend in die Kneipe? Oder mich mit fünf Flaschen Bier in die Bude verkriechen? Nein – das macht keinen Sinn. Ich brauche eine feste Aufgabe, vor der ich nicht davonlaufen kann, wie hier vor der Vorlesung oder vor einem Seminar! Eine Verpflichtung, verstehst du, die mich einfach zwingt, nach vorne zu schauen, damit ich nicht dauernd über etwas nachsinne, was nicht mehr zu ändern ist. Mein Entschluß steht fest – ich gehe nach Semesterschluß. Ich habe bereits meine Exmatrikel beantragt.“
Aziz steckte sich eine seiner parfümierten Zigaretten an und schaute dem Rauch nach, der in der unteren Ofenklappe verschwand. „Helm, wir beide sind uns sehr ähnlich. Nicht nur in unserem Wesen. Für mich ist mein Vater ebenfalls derjenige, der mein Leben bisher bestimmt hat, den ich achte und liebe. Das ist unter Kurden übrigens nicht selbstverständlich, bei Gott nicht! Unsere Gesellschaftsform gilt zwar als patriarchalisch, aber so ganz richtig ist das nicht: Wir achten unsere Frauen hoch, besonders unsere Mütter. Die kurdische Gesellschaft ist deshalb eigentlich matriarchalisch, mit einer besonderen Beziehung zwischen Sohn und Mutter! Bei mir ist das allerdings anders: Ich bin Sohn meines Vaters – wie du! Deshalb verstehe ich dich auch, sehr gut sogar! Aber – was sind deine Pläne, was gedenkst du zu tun – nach dem Ausstieg hier in Clausthal?“Helm stützte den Kopf mit einer Hand und blickte seinen Freund sekundenlang stumm an: „Du erinnerst dich doch, daß ich ein paarmal für Cognos gearbeitet habe, in den Semesterferien. Der Boß kennt mich und hat mir ein Angebot gemacht – für Brasilien. Vorletzte Woche war ich in Hamburg, zur Tropenuntersuchung. Alles klar! Die Impfungen habe ich bereits hinter mir – nach der Choleraspritze ging‘s mir saumäßig! Übermorgen soll ich in Hannover den Vertrag unterschreiben.“
Aziz war aufgestanden und schaute sinnend aus dem Fenster. Die wild wirbelnden Flocken vor der Scheibe zeigten, daß draußen ein veritabler Schneesturm eingesetzt hatte. „Hast du dir das auch gut überlegt? Ausgerechnet Brasilien, wahrscheinlich Amazonas. Ich bin kein Pessimist – aber wie viele kommen von dort zurück als – wie sagt man – Schrott?“
„Wrack, meinst du wohl“.
„Richtig, als Wrack kommen sie zurück, krank für den Rest des Lebens! Da lobe ich mir unser Klima, ich meine das meiner Heimat: Auch heiß, aber trocken – und gesund, sage ich Dir! Stärkt Herz und Kreislauf! Wenn du schon weg willst, gehe in die Sahara, oder nach Australien! Aber Amazonas – nein, danke. Wäre nix für Aziz Gord!“
Helm lächelte verhalten: „Na, ja, ganz so düster sehe ich das nicht. Außerdem muß ich erst einmal sehen, wie die Vertragsdauer ist. Mehr als ein Jahr möchte ich eigentlich nicht investieren. Professor Cheyp will darüber mit mir reden. Man sagte mir nur, daß es für Brasilien dringenden Bedarf gäbe. Viele Ausfälle!“
„Genau was ich sagte: Die kippen weg wie die Fliegen. Laß die Finger vom Amazonas!“
„Große Ansprüche kann ich nicht stellen! Ich muß schon dahin gehen, wo ein Platz frei ist!“
„Muß es denn unbedingt Cognos sein? Es gibt doch noch Prakla und Schlumberger, Wintershall und die Amerikaner.“
Helm stand auf, holte zwei Flaschen Bier, dazu Brot, Butter und ein Stück Hartwurst aus dem Holzkasten in der Ecke, den er seine Vorratskammer nannte: „Richtig, da gibt‘s noch andere, wo ich anklopfen könnte. Aber bei Cognos bin ich bekannt! Außerdem hat mir der Personalchef zugesagt, mich als Ingenieur einzustellen, weil ich nun mal das Vordiplom habe: Die Auftraggeber – ob Shell, Mobiloil, DEA oder all die anderen Ölgesellschaften – sehen es nicht gerne, wenn in der Personalliste ein Student oder Praktikant auftaucht, die wollen alte Hasen! Ich werde übermorgen hören, wie es läuft.“
Der junge Kurde hatte es sich auf dem breiten Bett bequem gemacht. Instinktiv spürte er, daß sein Freund jetzt Aufmunterung benötigte, es höchste Zeit war, das Thema zu wechseln. Er berichtete also von einer großen Party mit Landsleuten, die letztes Wochenende in Goslar stattgefunden hatte.
„Mit Mädchen?“ fragte Helm, obwohl er die Antwort zu kennen glaubte, denn Feiern, an denen Aziz teilnahm, hatten einen durchaus absehbaren Regieablauf.
„Selbstverständlich!“ Aziz‘ Antwort kam im Brustton der Überzeugung. „Eine ganze Reihe waren da, und hübsche darunter, sage ich dir!“
„Und wo habt ihr die Bordsteinschwalben aufgegabelt?“ Helm gähnte und holte zwei weitere Bierflaschen aus seiner „Kühlkammer“ unter der Dachschräge.
Aziz räkelte sich wohlig auf dem Bett: „Verrate ich dir nicht! Außerdem: Nix Schwalben, du hast eine schmutzige Phantasie, Helm! Anständige Mädchen waren das, Abschlußklasse der Handelsschule! Hat der Direktor arrangiert. Dessen Tochter ist doch mit Kamil Shadi liiert, wußtest du das nicht?“
„Doch, ist mir bekannt. Handelsschule hat was für sich!“
„Wieso?“
„Wenn er sich von seiner Flamme Nachhilfe in kaufmännischem Rechnen und Buchführung geben läßt, kann er immer noch 'ne Herrenboutique aufmachen, falls er durchs Diplom rasselt. Oder eine Milchbar!“
Aziz lachte: „Da liegst du vielleicht gar nicht mal so falsch. Shadi ist jetzt, glaube ich, im fünfzehnten Semester, und weiter vom Diplom entfernt als im ersten!“
Es tat gut, über Belangloses zu reden. Die Späße, die jetzt hin und her flogen wie Tennisbälle, waren Balsam für Helms Seele. Spät abends brachen sie auf. In knietiefem Schnee begleitete er seinen Freund bis zur Bahnlinie, der Grenze zwischen den Schwesterstädten Clausthal und Zellerfeld im Talgrund. Am nächsten Tag wollten sie sich im Café Fischer treffen, dem „Kranzler“ der Clausthaler Studentenschaft.
In jenen Jahren benötigte man gut fünf Stunden, um vom Oberharz die Landeshauptstadt zu erreichen, per Harzbahn und Bummelzug ab Goslar. So wurde es elf Uhr, bis Helm in Hannover–Herrenhausen vor dem unauffälligen Cognosgebäude stand, unweit des Wilhelm–Busch–Museums. Professor Cheyp, Chef der Cognos seit vielen Jahren, erwartete ihn bereits.
„Alles klar für Ihren Abschied vom Harz?“ begrüßte er ihn leutselig.
„Soweit es an mir liegt, schon“, antwortete Helm, etwas reserviert. Er wußte: Der weltläufige Professor war kein einfacher Verhandlungspartner. Auch wenn er, Keller, die Regeln der Höflichkeit zu wahren hatte: Über den Tisch ziehen lassen würde er sich nicht!
Cheyp blätterte in der Personalmappe mit der schön geschwungenen Beschriftung „H. Keller“. Daneben lag der Bericht des Hamburger Tropeninstituts, den er offenbar bereits studiert hatte: „Das sieht ja alles ganz gut aus, Herr Keller. Geradezu prädestiniert für Belém do Para! – Ich biete Ihnen ein gutes Ingenieurgehalt. Sie werden verstehen, daß ich Ihnen nicht das geben kann, was diplomierte Leute bekommen, denke aber, daß Sie trotzdem zufrieden sein werden.“
Helm nickte. „Das Geld ist nicht unbedingt das Problem. Ich nannte Ihnen ja schon im Vorgespräch den eigentlichen Grund für meinen Entschluß, das Studium für eine begrenzte Zeit zu unterbrechen.“
„Ach ja, Ihr Vater. Mein Beileid, nachträglich.“
„Danke, Herr Professor. Wie lange müßte ich mich verpflichten?“
Cheyp zögerte. „Tja, Leute nach Brasilien zu schicken, das ist nicht billig! Flug, Einarbeitung, Risiko – man muß langfristig planen können, das kann man nicht für ein paar Monate machen. Normal sind zwei Jahre!“
Das hatte er erwartet: „Solange wollte ich eigentlich nicht unterbrechen. Sie verstehen, man kommt zu sehr raus aus dem Studium. Zum nächstjährigen Sommersemester dachte ich wieder einzusteigen, spätestens. Gibt es eine Alternative?“
Cheyp überlegte einen Augenblick und nickte dann: „Ja, die gibt‘s tatsächlich. Seit letzter Woche haben wir einen neuen Auftrag – für Anatolien, und dafür stellen wir zur Zeit die Mannschaft zusammen. – Ja, das wäre auch etwas für einen Allrounder wie Sie: Vermessung, Auswertung, explorative Unterstützung durch Geoelektrik, eventuell auch Gravimetrie. Das können Sie doch alles! Hätten Sie Interesse?“
In Helms Kopf arbeitete es. Er zögerte – und das keineswegs aus verhandlungstaktischen Gründen. Aziz‘ Statement kam ihm in den Sinn. Dann aber nickte er: „Ja, daran hätte ich tatsächlich Interesse. Wie wäre hier die Verpflichtungsdauer?“
„Die könnten wir in Ihrem Fall auf ein Jahr beschränken. Sagen wir: Bis 30. April nächsten Jahres. Wenn Sie möchten, mit einer Option auf eine halbjährige Verlängerung.“
„Das wäre in meinem Sinn. Einverstanden!“ Helm lächelte den Professor an. „Ich stehe zu Ihrer Verfügung, ab nächster Woche. „
Cheyp schien zufrieden. Er holte zwei Gläser und eine Flasche Napoleon aus einem Fach seines Schreibtischs. „Eine runde Sache wird das! Trinken wir einen auf den neuen Auftrag – und auf Ihren erfolgreichen Einstieg in die Crew!“ Er füllte die Gläser exakt bis zum Eichstrich und prostete Helm zu: „Cheerio – auf gutes Gelingen! Sie erhalten von mir in den nächsten Tagen nähere Einzelheiten über das weitere Procedere. Ich denke, wir sehen uns noch bei der Einweisung! Lassen Sie sich im Sekretariat unbedingt das Merkblatt ‚Naher und Mittlerer Osten‘ geben und besorgen Sie sich schon mal Ihre Ausrüstung – ich lasse Ihnen einen Verrechnungsscheck über, sagen wir, fünfhundert Mark ausstellen. Alles Gute!“
Helm war merkwürdig gelöst, als er eine Stunde später das Gebäude verließ. Er fand die beiden Spezialgeschäfte, die im Merkblatt verzeichnet waren und konnte, en passant, drei oder vier Punkte der Liste abhaken. Auf der Rückfahrt nach Clausthal erfaßte ihn ein beinahe euphorisches Hochgefühl. Er konnte es kaum erwarten, Aziz diese überraschende Wendung mitzuteilen.
Er traf ihn am nächsten Tag in der Mensa. Während sie den üblichen Donnerstag–Eintopf löffelten, berichtete er in kurzen Zügen über sein Gespräch mit dem Cognoschef, verschwieg allerdings zunächst das eigentliche Ergebnis. Als sich Aziz beim abschließenden Kaffee eine seiner – wie Helm sie abschätzig nannte – 4711–Zigaretten anzündete, schien ihm der Zeitpunkt gekommen, die Überraschungsrakete zu zünden.
„Wo bekommst du eigentlich diese fürchterlichen Sargnägel her?“
„Direkt von einer Zigarettenfabrik in Diyarbakir. Lasse ich mir jeden Monat kommen, exklusiv!“
„Und das geht immer glatt, trotz Zoll und so weiter? Nie irgendwelche Reklamationen?“
„Nein, überhaupt nicht! Aber – wieso fragst Du?“
„Ach, nur so. Ich dachte eben daran, daß ich eventuelle Beschwerden demnächst vor Ort erledigen könnte, als dein Agent, sozusagen.“
Aziz begriff schnell: „Heißt das, du gehst nach Kurdistan?“
„Jawohl, mein Freund, genau dorthin gehe ich. Und hier, auf dieser Liste, habe ich ein paar Fragen notiert, die du mir bitte beantwortest, damit ich nächstes Jahr heil zurückkehre.“
Die Überraschung war ihm perfekt gelungen und so war es kein Wunder, daß sie den ganzen Nachmittag zusammensaßen, etliche Tassen Kaffee tranken und Pläne schmiedeten. Aziz verriet daß er vor wenigen Tagen den Gestellungsbefehl für eine Reserveübung bekommen habe, die er unter Hinweis auf den Stand seines Studiums eigentlich hatte abschmettern wollen. „Aber jetzt habe ich eine bessere Idee: Ich werde im Juli, nach Semesterschluß, auf Kosten der Armee nach Hause fliegen und die sechs Wochen abreißen. Und danach, Helm, zeige ich dir das Land – meine Heimat!“
„Dieser Spaß würde dir mindestens ein halbes Jahr kosten, old boy! Dein Examen im nächsten Frühjahr könntest du vergessen!“
Sein Freund zuckte die Schulter: „Und wenn schon – das wäre mir die Sache wert. Einmalige Gelegenheit, dir Dinge zu zeigen, die du dein Leben lang nicht vergißt! Helm, wir werden herrliche Wochen verleben, am Nemrut Dag, an den Ufern des Van–Gölü! Du wirst sehen: Unser Van–See ist mindestens so schön wie der von Berlin, und größer, viel größer! Es gibt soviel zu entdecken in unseren Bergen! Ich werde mit dir auf Bärenjagd gehen, wir können Steinböcke schießen – und einfach nur so durchs Land reiten!“
Helm horchte auf. Das Wort „Berg“ ließ eine besondere Saite in ihm anklingen. „Wie weit ist es eigentlich von Diyarbakir zum Ararat?“
„Gut fünfhundert Kilometer. Falls du dort eine Bergtour machen möchtest – das schlage dir aus dem Kopf! Der Ararat liegt hart an der Grenze zur Sowjetunion. Absolutes Sperrgebiet, auf Schritt und Tritt nur Militär, Agenten und Spione, die Luft ist dort ziemlich bleihaltig, sage ich dir, genau wie hier an der Zonengrenze!“ Helms enttäuschte Blick amüsierte ihn. „Aber, mein Lieber, es gibt anderes zu sehen, Du wirst staunen! – Übrigens: Wenn du unbedingt hoch hinaus willst: Es braucht ja nicht unbedingt der Ararat zu sein! Es gibt ein halbes Dutzend Berge über viertausend Meter, und Dutzende über dreitausend. Ich garantiere dir herrliche Bergtouren!“ Aziz hatte sich geradezu in Begeisterung geredet.
„Ich fürchte, du siehst das zu optimistisch. Cognos ist eine verdammt effziente Firma. In den Auslandstrupps wird hart gearbeitet, Sightseeing ist bei Cognos im Normalfall nicht drin!“
„Helm, ich sage dir, wir werden Gelegenheit dazu haben. Im Sommer und im Herbst gibt es eine Reihe von Feiertagen, da arbeitet kein Mensch, auch die Cognos nicht. Man würde euch den Kopf abreißen! Ich werde meinem Vater schreiben – es dürfte ihn interessieren, brennend interessieren, was sich dort tut. Ich denke, er wird ziemlich bald mit dir Kontakt aufnehmen, wenn ihm eure Ankunft gemeldet wird.“

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