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Autorenprofil
Homepage: www.lindachristiansen.de
Geburtsjahr: 1977
Geburtsort: Köln
Interview
Wen wollten Sie schon immer mal treffen?
Ich wollte, seit ich mit 16 Jahren zum ersten Mal seine Autobiographie gelesen habe, Martin Gray treffen. Martin Gray, ein polnischer Jude, erlebte in seiner Jugend das Warschauer Ghetto und Treblinka. Er schmuggelte Lebensmittel ins Ghetto, floh aus Treblinka, schloss sich den Widerstandskämpfern an und verlor am Ende des Krieges seine gesamte Familie in den Konzentrationslagern. Er brauchte Jahre, um wieder lieben und vertrauen zu können. Dann lernte er seine zukünftige Frau kennen und baute sich mit ihr zusammen ein neues Zuhause in Südfrankreich auf. Die beiden bekamen vier Kinder und erlebten zehn Jahre des Glücks. Doch seine Frau und die Kinder wurden Opfer eines Waldbrands und Martin Gray blieb zum zweiten Mal allein übrig. Ich habe Der Schrei nach Leben mit 29 Jahren nochmal gelesen und wieder war ich extrem berührt von diesem Mann, der weitermacht, der sich für Umweltschutz und Menschenrechte einsetzt und an ‚das Gute‘ im Menschen glaubt, obwohl ihm das Schlimmste, das ich mir vorstellen kann, gleich zwei Mal passiert ist und er die grauenvollsten Seiten erlebt hat, die Menschen überhaupt entwickeln können. Dies hat irgendwie meinen Glauben wieder geweckt, dass es ‚das Gute‘ gibt und dass es sich lohnt, dafür einzutreten. Einen Sinn des Lebens, etwas, das über einen selbst hinausgeht, ich denke, jeder wünscht sich so etwas irgendwie… Nachdem ich sein Buch dann zum zweiten Mal gelesen habe, habe ich Martin Gray einen langen Brief geschrieben und er hat mich tatsächlich angerufen und eingeladen, ihn zu besuchen. Ich war beeindruckt, welche Kraft und Willensstärke noch immer von diesem über 80jährigen Mann ausging und bin sehr froh, dass ich ihn habe treffen können.
Welche Autorin beziehungsweise welcher Autor haben Sie wie beeinflusst?
Das ist wohl bei Frage 1 hinreichend beantwortet worden…
Welches Buch hat Sie wie beeinflusst?
Siehe auch Frage 1.
Wie sehen Sie die Zukunft der Literatur?
Ich denke, dass Literatur immer wichtig bleiben wird. Nichts ersetzt Lesen.
Was denken Sie, inwiefern das Internet die Literatur beeinflusst?
Ich denke nicht, dass das Internet die Literatur selbst in starkem Maße beeinflusst. Es verändert höchstens die Möglichkeiten der Verbreitung, des Austauschs und der Recherche. Sobald man von etwas vielleicht Lesenswertem hört, kann man bei Amazon nachgucken und wenn es einem gefällt, hat man es zwei Tage später in der Hand, wahrscheinlich gebraucht und günstig. Durch das Internet verschwinden gute Bücher nicht sofort vom Markt, wenn sie aus dem Verlagsprogramm genommen werden, die Leute kaufen und verkaufen sie untereinander.
Was ist Ihrer Meinung nach der Sinn des Lebens?
Glücklich sein und Gutes tun
Wie soll man sich später an Sie erinnern?
Ich würde mir wünschen, dass meine Freunde und meine Familie hin und wieder an mich denken.
Wer ist Ihre Lieblings Romanfigur?
Winter aus Der kälteste Winter aller Zeiten von Sister Souljah. Winter ist aggressiv, egoistisch, extrem materialistisch, komplett moral-und skrupellos und sieht sich selbst als die attraktivste und tollste Frau der Welt. Winter ist ein afroamerikanisches Mädchen, Tochter des größten Drogenbosses der New Yorker Bronx. Das Buch erzählt von ihrem unaufhaltsamen sozialen Abstieg. Es wird aus Winters Sicht geschrieben und es hat mich total fasziniert, wie man beim Lesen in ihre Welt hineingezogen wird bzw. wie faszinierend es sein kann, einfach mal ein skrupelloser Egoist zu sein. Ich kann dieses Buch jeder Frau empfehlen, die Lust hat, sich einfach mal drei Tage – länger liest man aus Spannungsgründen leider nicht – von einem aggressiven Selbstbewusstsein tragen zu lassen und in den Spiegel zu schauen und sich selbst wunderschön zu finden. Aber: Bloß nicht zweimal lesen. Beim zweiten Lesen hat leider, zumindest bei mir, die Identifikation nicht mehr funktioniert, ich wusste ja schon, wohin Winters Lebensart führt. Vielmehr war ich wütend auf die Autorin, die einem Winters Weltsicht erst schmackhaft macht, einen dann aber voll auflaufen lässt…
Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, was würden Sie tun?
Ich weiß nicht, ob ich in die Zukunft reisen würde, in der Vergangenheit wüsste ich viele Ziele: Zuerst würde ich nacheinander einen Kaffee trinken mit Frank Sinatra, Elvis, Hitler und Jesus, dann würde ich einen Abstecher in die 68er machen, bei den Höhlenmenschen vorbeischauen und als Letztes zurück bis zur Entstehung der Welt, jedenfalls, wenn diese nicht schon immer da war…
Was wollten Sie schon immer mal sagen?
Ich habe gerade meine Promotion beendet.
Nennen Sie uns Ihr Lieblingsbuch:
Oje, das ist schwierig, hier eine Auswahl der Bücher, die mich seit meinem 10. Lebensjahr besonders beeindruckt haben in so etwa der richtigen Reihenfolge: Weißzahn, der Wolfshund (Jack London) Harka-Reihe (Liselotte Welskopf-Henrich) Ayla-Reihe (Jean M. Auel) Der Schrei nach Leben (Martin Gray) Siddharta (Hermann Hesse) Die große Flatter (Leonie Ossowski) Wir Kinder vom Bahnhof-Zoo (Christiane F.) Owen Meany (John Irving) Die Blechtrommel (Günter Grass) Der kälteste Winter aller Zeiten (Sister Souljah) Der Chronist der Winde (Henning Mankell) Oskar und die Dame in Rosa (Eric-Emmanuel Schmitt) Tausend strahlende Sonnen (Khaled Hosseini) Das waren die Bücher, die mir spontan einfallen, ich habe wahrscheinlich viele vergessen, unerwähnt bleiben sowieso die Tausend Schmöker, die mir einfach nur ein paar richtig schöne Stunden geschenkt haben.
Nennen Sie uns Ihren Lieblingsfilm:
Das waren immer andere Filme, je nach Alter und Lebensphase. Spontan fallen mir ein: Elliott, das Schmunzelmonster, Immenhof, Der mit dem Wolf tanzt, Schindlers Liste, Titanic, Leon, der Profi, gut gefallen haben mir als Letztes Juno und Der Baader-Meinhof-Komplex
Nennen Sie uns ein gutes Lebensmotto:
Wenn dir jemand weh tut, schreib es in den Sand, wenn dir jemand Gutes tut, meißle es in Stein.
Nennen Sie uns Ihr Lieblingszitat:
Beeindruckend und unendlich traurig finde ich: „Wir kämpften für drei Zeilen in den Geschichtsbüchern.“ Martin Gray zum Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto, bei dem von Vornherein klar war, dass ein Sieg nicht möglich sein würde, dass es um das Symbol ging, überhaupt Widerstand zu leisten.

