Ein Sachbuch von Allan Oslo
(Religion)
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Angebotstext
der Irak, Wiege der Kultur und der Aufzeichnung menschlichen Wissens (aber auch der poetischen Phantasie), ist durch den jüngsten Krieg zum Mittelpunkt der Auseinandersetzung der „Neuen“ mit der „Alten Welt“ geworden. Die Entscheidungsstrategen der Bush–Regierung haben nicht ohne Häme vom „Alten Europa“ gesprochen und bewusst insinuiert, dass die Stätte des Abendlandes ihren Zenith erreicht hat. Damit sind nicht nur Ressentiments geschürt, sondern auch zahlreiche Versuche einer Standortbestimmung ausgelöst worden. Vor allem die geistige und intellektuelle Elite des „Alten Europa“ hat sich im Gefolge der breiten kritischen Front gegenüber dem von der UNO nicht abgesegneten Präventivkrieg erstaunlich vital gegen die holzschnitthafte Sehensweise der Repräsentanten der „Neuen Welt“ zur Wehr gesetzt und zum Teil ein leidenschaftliches Plädoyer für Europa, der Mutter des Abendlandes, gehalten. Dabei wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Europa ohne die Verschmelzung mit dem Orient nicht denkbar ist und, nebenbei, die „Neue Welt“ aus der „alten“ entstand: Schließlich waren es europäische Siedler, die Amerika kolonisierten und zu dem machten, was es heute ist: eine imperial sich gebärdende globale Supermacht, die zu einer Rückbesinnung und Neubewertung des Abendlandes geführt hat. Erstaunlich ist, mit welcher Emphase das geschah und wie schnell dies politisch zu einem deutlich verstärkten Schulterschluss auf dem Gebiet einer gemeinsamen Außen– und Verteidigungspolitik führte.
Der hier skizzierte aktuell politische Hintergrund, der nicht zu übersehende Schatten auf bahnbrechende gesellschaftspolitische und kulturelle Umstrukturierungen wirft, wird unversehens zu einem sinnstiftenden Tableau, wie es sich deutlicher für die Bedeutung und Notwendigkeit der von Allan Oslos vorgenommenen „Geschichtsvermessung Europas“ nicht abzeichnen kann.
Der weit gespannte Bogen und die Fülle des Materials, das Allan Oslo vor uns ausbreitet, zeitigt naturgemäß einen grundrisshaften Charakter. Dank seines innovativen Ansatzes, die antike Kulturgeschichte Europas aus der Verschmelzung mit dem Orient zu beleuchten, stiftet er eine Erkenntnisfülle geradezu frappanter Luzidität – und nicht zuletzt einen gar nicht hoch genug zu schätzenden Beitrag für eine fruchtbare Auseinandersetzung mit der beherrschenden Religion des Orients, des Islam. Dadurch gelingt es Allan Oslo, einen Weg aus der Sackgasse aufzuzeigen, in die der Westen durch seine Verkürzung auf den fundamentalistischen Aspekt geraten ist und damit einer bedrohlichen kriminalisierten Auseinandersetzung Vorschub geleistet hat.
„Die beste Verteidigung ist das Verständnis für den Andersdenkenden.“ Dies setzt aber das Wissen seiner Herkunft und seiner geschichtlichen Wurzeln voraus. Genau dies tut Allan Oslo, in dem er beide Wurzeln, die des Orientalen und des Europäers, in ihrer gemeinsamen Verwurzelung aufzeigt und somit den Grundstein für eine ungemein wichtige Rückbesinnung legt, aus der gleichzeitig eine nicht weniger wichtige Neubesinnung erwächst.
Definitionen, schreibt Allan Oslo in seinem Vorwort, unterliegen dem Wandel von Zeit und Standort. Aus deutscher Sicht wurde zum Beispiel der Begriff „Naher Osten“ geprägt, der für Engländer der „Mittlere Osten“ ist. Auch die Bezeichnung „Orient“ schließt je nach Standort Persien, die Türkei, Ägypten, ja sogar Griechenland ein. In der Tat richtet sich diese Bezeichnung nicht nach der geographischen Einteilung in Kontinente. Die Levante, der Nahe Osten, ist stets die Stelle, an der Europa, Asien und Afrika zusammentreffen. Kulturell und historisch reicht der Orient gar bis zum östlichen Teil des heutigen Libyen und umfasst auch den Balkan. Diese Grenze zum Abendland scheint immer wieder international eingehalten worden zu sein: Das Perserreich im sechsten vorchristlichen Jahrhundert reichte bis zum Indus im Osten und schloss Makedonien und Ostlibyen ein. Alexander der Große trat auf der Weltbühne als Rechtsnachfolger des persischen Kaisers auf, und sein Weltreich hatte die gleiche Ausdehnung mit Griechenland als Dreingabe. Die sechste und letzte „Teilung“ des Römischen Weltreichs vom 17. Januar 395 folgte ebenfalls dieser Linie durch das frühere Jugoslawien und durch Libyen.
In der Geschichte Europas unterscheiden wir stets zwischen Ost– und Westeuropa. Wenn wir von europäischen Kolonialmächten sprechen, so meinen wir ebenfalls Westeuropa. Selbst wenn wir von der europäischen Industrie–Revolution sprechen, meinen wir Westeuropa. Dann sollten wir aber konsequent sein und vom Abendland sprechen, um jedes Missverständnis zu vermeiden.
Mit dem Begriff „Abendland“ verbindet man heute dreierlei. „1. Die westlichen Länder, vom alten Italien aus gesehen, also den Okzident im Gegensatz zum „Morgenland“, dem Orient; 2. Europa, insbesondere 3. Die Kultur, die auf der Grundlage der Antike von den christlich gewordenen europäischen Völkern seit dem Mittelalter geschaffen worden ist.
In allen Bedeutungen des Worts klingt, stärker oder schwächer, abwehrend oder als positive These, der Gegensatz zur östlichen Welt mit. Ein Selbstbewusstsein des Abendlandes hat sich daher überall dort vorbereitet oder verstärkt, wo sich Europa mit östlichen Mächten auseinanderzusetzen, gegen östliche Bereiche abzugrenzen, gegen östliche Einflüsse zu behaupten hatte. In diesem Sinne reicht der weltgeschichtliche Vorgang der „Geburt des Abendlandes“ bis in die Antike zurück. Der eigentliche Anfang eines autonom gewordenen und seiner selbst bewussten Abendlandes liegt jedoch erst in der Einengung Europas, die durch den Aufstieg des Frankenreiches zur abendländischen Führungsmacht und durch den gleichzeitigen Aufstieg des römischen Papsttums stattfand. Mit beidem war die machtpolitische, kirchliche und geistige Wendung gegen Byzanz verbunden; dieses wurde nun zur ausgesprochenen Ostmacht, gegen die sich das „Abendland“ absetzte. Ein Bewusstsein kultureller Zusammengehörigkeit des Abendlandes trat zum ersten Mal in den „Kreuzzügen“ zutage, es verstärkte sich später dadurch, dass Byzanz den Türken zum Opfer fiel und der Islam Europa bedrohte.
Hier scheint sich der Kreis zu schließen, sieht es doch so aus, als stünde das heutige Europa abermals vor einer Bedrohung des Islam.
Deshalb sei zum Schluss noch einmal auf die Aussage des Anfangs verwiesen: „Die beste Verteidigung ist das Verständnis für den Andersdenkenden.“
Mit dieser Arbeit Allan Oslos gibt es allen Grund dazu, zeigt er uns doch immer wieder die gemeinsamen Wurzeln auf. Wie konnten wir nur überrascht sein, dass sie verzweigen?
Zum Autor:
Jahrgang 1937; studierte ab 1960 Linguistik, Orientalistik, Psychologie und Kulturgeschichte in Frankfurt am Main; danach Journalist in Funk und Presse, schrieb Hör– und Fernsehspiele, Anthologien, Romane, Sachbücher und veröffentlichte Forschungsarbeiten in Fachzeitschriften.
Hauptgebiet: Kulturgeschichte der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam.
1965 erschien sein erstes Buch, eine Abhandlung über den Humor im frühen Islam.
Zuletzt erschienen: 1998 Die Geheimlehre der Tempelritter. Patmos; 1999 Der Kreuzzug, der keiner war. Artemis & Winkler. 2001 Die Freimaurer. Albatros.
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