Ein Roman von Herbert Dalhoff
(Unterhaltungsliteratur)
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Manuskript im Word-Format
Angebotstext
eines Tages, ich war gerade mit dem Zug eingetroffen, kam in der Bahnhofshalle ein älterer Mann auf mich zu. Er zog seinen Hut und sagte:
„Ich kenne Ihren Bruder, junger Mann. Ein wirklich feiner Bursche, Ihr Bruder, wirklich. Alle sagen, er sei gut, aber ich sage, er ist der Beste.“
„Es ist nett, daß Sie das sagen“, sagte ich.
„Na ja, das mußte mal gesagt werden“, sagte der Mann und wünschte mir noch einen schönen Tag.
Ich denke sehr oft an jenes beispielhafte Bild, das normal nur ich sehe, weil ich nie mit jemandem darüber gesprochen habe; aus verletztem Stolz womöglich oder eines Minderwertigkeitsgefühls wegen, oder was weiß ich.
Meine eigene Person hat mich nie sonderlich interessiert, denn da war immer mein Bruder. Er war alles, und ich war nichts. Durch ihn existierte ich und habe existiert. Schon mit siebzehn gewann Bodo seine ersten Moto-Cross-Rennen, in seinem Eishockeyteam war er der knochenharte Blue-liner, und seine bärenstarke rechte Gerade wurde überall gefürchtet. Ein Burscher wie er, einssechsundneunzig, 127 Kilo, wirft überdimensionale Schatten; Schatten, so riesengroß wie Kathedralen. (...)
So lange ich zurückdenken kann, hielt Bodo seine Knochen für mich hin, und allein dank seines breiten Kreuzes konnte ich überleben.
Im Laufe der Jahre gewöhnte ich mich sehr schnell und immer mehr ans sichere Schattenleben, denn es gab eine Menge Grätenbrecher: Schlägertypen, Menschenschinder, Wichtigtuer, wie Lutz, dieser Knallfrosch-Rambo, der mir meine Nase blutig schlug, um seinen Freunden zu demonstrieren, wie sich knirschender Knorpel anhörte.
Eines Tages ruft der Vater an, etwas Schreckliches sei mit seinem Bruder passiert. Ein furchtbares Unglück. Nur wenige Wochen vorher hatte ihn der Vater aus dem Haus geschmissen und ihn nie mehr wiederzusehen gewünscht.
Da stand ich ahnungslos vor seinem Haus, das ein bißchen abseits von der Straße am bewaldeten Stadtrand von Duisburg liegt, dort, wo zwischen der Regattabahn und dem immergrünen Grindsmark Schimanski ein paar gute Szenen hatte. Ich erkannte diesen Mann kaum, meinen Vater, der mir die Tür öffnete. Wir waren nicht mehr zusammen, er und ich, denn vor vier Jahren bin ich raus aus seinem Haus in den rauhen Norden, und jene Gestalt da in der Tür stellte sich nicht klar heraus.
„Tag Vater, da bin ich.“
„Was soll der Quatsch?“ sagte er und machte ein grimmiges Gesicht. „Ich seh's doch, daß du's bist. - Red nicht lange rum, komm rein.“
„Was ist denn eigentlich los?“
„Der Teufel ist los, Söhnchen, der Teufel. Deshalb habe ich dich kommen lassen, um unter vier Augen mit dir und von Mann zu Mann...“(...)
Die Erinnerung steht vor mir, wie ich dasitze und er dasteht, der Vater und sein Sohn. Jeder mit einem Glas in der Hand, wie wir trinken. Dieser Mann quält sich, wir sind umgeben von seiner Qual, die er nicht leicht auszusprechen vermag. Ich weiß nicht, was ihn quält. Krötig schaut er, ist stumm, und sein Blick, der Stechendes in sich birgt, wandert unruhig umher.(...)
Er wird mir erklären, daß es nicht leicht für ihn sei, über das zu sprechen, was er weiß, es sei sehr heikel, oh ja, kein Kinderspiel. Ich höre zu, werde ich sagen, du kannst offen mit mir reden, die Wahrheit, das Sündige, das Versumpfte.
Er wird sagen, daß mein Bruder schwul ist, eine Schwuchtel, mein Bruder, ja, er mein Vater, weiß es, es bestünden keinerlei Zweifel. Na und? werde ich sagen. Na und, was soll's? Ist er eben schwul. (...)
„Ein Kerl wie ein Baum und ist scharf auf warme Tuntenärsche. Da kriegst du doch das Kotzen. (...) Wenigstens bist du, was die Frauen anbetrifft, normal“, sagte er, „und das ist ja auch schon was wert.“
„Hast du mir auch nachspionieren lassen?“
„Red jetzt keinen Unsinn.“
„Bei dir weiß man nie.“
„Du hast doch schon den kleinen Mädchen an ihren kleinen Titten gespielt, da draußen im Garten hinterm Weißdorn... Süße, knackige, niedliche Tittchen. Mein lieber Mann, das war ganz schön scharf, was ich gesehen hab.“
Ich dachte nach, und plötzlich fiel mir ein, was er meinte. Da gab's mal die Ulla Kübbers, die Bäckerstochter von der Wörlitzstraße. Ich war damals gerade zwölf und sie fünfzehn, und ihre Brüste erschienen mir damals alles andere als niedlich zu sein. Sie waren groß und rund, mit dicken Nippeln, richtige Brallemänner. Für fünfzig Pfennig packte Ulla die dicken Dinger aus, und wir Jungs von der Straße durften sie dann so lange durchkneten, dran lutschen oder sonst was machen, bis Ulla bis zehn gezählt hatte. Ulla war scharf auf unser Geld, und sie lockte uns kleine Pimmelpisser, wie sie uns nannte, in düstere Kellerecken oder hinter dichtes Buschwerk, um uns ihre Möpse zu zeigen, und wir Jungs waren scharf darauf, sie zu sehen und haben so manchen Fuchs von unserem gesparten Taschengeld springen lassen.
Die immer wieder gelegentlich aufflackernde Realismus-Debatte entbehrt, ungeachtet eines so beharrlichen Fürsprechers wie Maxim Biller vorerst gescheitert, entbehrt bislang immer noch jenen Autoren, die den theoretischen Anspruch mit der Arbeit in Deckung zu bringen vermögen. Zwar ist Herbert Dalhoff kein allzu Unbedarfter, es gibt bereits einige kleinere Veröffentlichungen, darunter auch ein Erfahrungsbericht bei S. Fischer, seine literarische Entdeckung steht indes bei den Verlagen noch aus.
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