Ein Roman von Thomas Kofler

(Spannungsliteratur)

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Manuskript im Word-Format

Angebotstext

seit November wohnte er an der großen Kreuzung, die nach Schwabing führte, eingekeilt zwischen großen Straßen, Baustellen für riesige Hotels und Bankgebäude und der Autobahnauffahrt Richtung Nürnberg.
Die kleine Zweizimmer-Wohnung bot nur wenige Vorteile. Unten im Haus gab es eine Videothek, die vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet hatte, so daß er sich jederzeit Abwechslung durch Kinofilme verschiedenster Art genehmigen konnte. Gegenüber, auf der anderen Seite des Mittleren Rings, lag eine große Tankstelle. Er war also auf Ladenöffnungszeiten nicht angewiesen, wenn er Bier oder Schnaps brauchte, um mit seinem Schicksal fertig zu werden. Glücklicherweise war die Wohnung billig, was allerdings angesichts der Lage kein Wunder war.
Er besaß immer noch nicht viel Geld. Nach der kurzen Gerichtsverhandlung, die den erwarteten Ausgang genommen hatte - der Richter hatte lediglich ein paar ermahnende Worte an ihn gerichtet, so daß sie eine Stunde und zehn Minuten brauchten, um ihn abzuurteilen - , hatte er seine Kanzlei aufgelöst und seine Angestellten entlassen. Auch seine Nürnberger Wohnung mußte er aufgeben.


Er hatte Gelder einer verstorbenen Mandantin unterschlagen. Sie hatte der Kirche ihr Vermögen vermacht. Viel Geld. Ausgerechnet der Kirche. Na ja, der liebe Gott sieht eben alles. Von wegen lieber Gott: er steckte im tiefsten Schlamassel.

Seine Versuche, in München eine angemessene Arbeit zu finden, scheiterten alle an der Vorstrafe.

Wenn er Geld brauchte, arbeitete er in Kneipen, wo er arrogante Yuppies bediente, die in aufstrebenden High-Tech-Firmen arbeiteten und sich in königlich-bayerischer Arroganz übten, daß es seine schickimickige Art hatte. Er mochte München nicht besonders, aber wo sollte er sonst hin ohne Geld und ohne Beziehungen. Hier kannte er wenigstens noch einige ehemalige Studienkollegen, die entweder bei Staat, Versicherung oder Großbank Karriere gemacht hatten und mit ihm noch Kontakt hielten. Sie rieten ihm, ein Ermittlungsbüro zu eröffnen, wo sein juristisches Wissen zumindest partiell von Nutzen war.
Seine Lizenz erhielt er ohne Schwierigkeiten. Wenn Vorstrafen eine Lizenzerteilung für Ermittlungsbüros verhindern könnten, meinte der Beamte, würde der Beruf des Privatdetektivs innerhalb kürzester Zeit aussterben.

Dr. Jacob Geimer, Ermittlungsbüro

stand auf seiner Wohnungstür. Mit vierunddreißig hatte er es also endlich zum Privatdetektiv gebracht, dem Traumjob jeder Anwaltskarriere. Immerhin klang es aufregend und spannend. Das war aber auch so ziemlich alles, was ihn für den neuen Job erwärmen konnte, jedenfalls fühlte er sich weder als Phil Marlowe noch als Sam Spade. Vielleicht lag es ja auch daran, daß sich bis jetzt, Ende Januar, noch kein einziger Kunde für seine Ermittlungskünste interessiert hatte. Lediglich Dieter Kornbaum, ein ehemaliger Kommilitone, der bei einer großen, in München ansässigen Versicherung arbeitete, hatte ihm versprochen, an ihn zu denken, wenn seine Firma einen Ermittler benötigte.

Kornbaum denkt tatsächlich an ihn.

Er bat Kornbaum, auf seinem Besucherstuhl Platz zu nehmen, einem nicht sehr stabilen Holzstuhl mit abgewetztem flaschengrünen Sitzpolster, den er vor seinem kieferfurnierten Preßspanschreibtisch made in DDR postiert hatte, hinter dem er nun erfolglos versuchte, einen professionellen Blick auf seinen kompakten Schwarzweißbildschirm seines 386-er Escom-Rechners zu werfen. Seine exotische Datenbank, deren Bedienung ihm ohnehin ein Rätsel war, war wieder einmal abgestürzt.
Kornbaum schien sich über die Tragweite seiner Situation entweder nicht im klaren zu sein, oder aber er war ein Freund jener Hard-boiled-Romane, in denen eine schäbige Büroausstattung als besonderes Indiz für einen erfolgreichen Privatdetektiv galten. Jedenfalls leistete Kornbaum seiner Aufforderung, Platz zu nehmen, unverzüglich mit geschäftsmäßiger Beflissenheit Folge und kam gleich zur Sache.
„Helmut Conrad war bei uns gut versichert. Leben, Unfall und so weiter, alles mit erheblichen Summen. Er ist vor einigen Tagen auf dem Weg von Sylau nach Bayreuth, wo er ein Haus besitzt, auf einer einsamen Straße gegen einen Brückenpfeiler gefahren. Sein Auto fing sofort Feuer. Ein Fahrradfahrer hat ihn gefunden, aber bis er die Polizei alarmieren konnte, war es zu spät.“
„Und was wollt ihr wissen?“
Kornbaum blitzte ihn unverbindlich freundlich über seine randlose Goldbrille an. „Nun, die Polizei hat im Grunde gar nichts herausfinden können. Die Unfallursache war angeblich nicht mehr aufklärbar. Technischer Defekt am Fahrzeug, zu hohe Geschwindigkeit, Kreislaufprobleme, Übermüdung, wer weiß.“

Jacob wußte, daß diese Unfallursachen nicht das Problem der Versicherung waren. Dafür hätten sie keinen Ermittler einschalten müssen.
Kornbaum verzog unmerklich einen Mundwinkel.
„Die Lebensversicherung war erst vor kurzem abgeschlossen worden.“
Jetzt wußte er, warum Kornbaum ihn aufsuchte: war eine Lebensversicherung noch nicht lange gültig, brauchte die Versicherung bei einem Selbstmord nicht bezahlen.
„Um wieviel geht es?“ fragte er Kornbaum.
Kornbaum blätterte in seinen Unterlagen, obwohl er sich sicher war, daß er die Zahlen ganz genau im Kopf hatte.
„Insgesamt sind es 1,2 Millionen. Seine Witwe ist eine gemachte Frau, wenn wir auszahlen müssen.“

Geimer löst den Fall. Mit Hilfe eines genialen Sachverständigen deckt er einen Mord auf. Fall erledigt? Wenn das nur der Fall wäre. Sehr bald stellt Geimer fest, daß er für den eigentlichen Fall keinen Auftrag hat: er stößt auf einen Waffenhändlerring, der versteckte Waffenlager der Ex-DDR "ausschlachtet". Ein Milliardengeschäft. Geimer kommt höchst ungelegen, zumal er entdeckt, daß ein General der Bundeswehr involviert ist. Der hat Kaminski, einen internationalen Killer, beauftragt. Doch Kaminski scheint den Falschen getroffen zu haben...

Dem Juristen Thomas Kofler ist ein hochinteressanter Fall zu einem spannenden Krimi mit überraschenden Wendungen geraten. Darüber hinaus hat er in Jacob Geimer einen schweigsamen und schwierigen Protagonisten voll komplexer Ambivalenz gezeichnet, bei dem man bis zum offenen Schluß nicht weiß, ob er seine Bewährung nutzen wird.

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