Ein Roman von Bernd Reutler

(Literatur)

Anschläge inklusive Leerzeichen: 750.000
Manuskript im Word-Format

Angebotstext

das Savoir–vivre und das Savoir–mourir erscheinen in Bernd Reutlers Roman Verwirrtes Chamäleon wie der Token, den man in den Drehkreuz–Schlitz eines modernen Hades werfen muß, um das Vexierspiel des Lebens zu betreten.
Gleich zu Anfang horchte ich auf, als ich, eben gleich zu Anfang, den Satz las:
„Komm, sag es mir endlich!“ gurrt die Beischläferin und steckt ihrem halbnackten Kommilitonen (Studiengenosse in den Hörsälen und den umliegenden Wäldern) die Zungenspitze ins Ohr…
Woran erinnerte mich das? Komm, sag es mir endlich! Und dann endlich, als ich weiter las, sagte es mir die Stimme. Und dann wußte ich, diese Welthaltigkeit dieser lebensprallen, komplexen Sprache mit ihrem schillernden und fragilen Anspielungsreichtum, kann nur aus dem Theater kommen. Und dann war ich irgendwie froh, daß ich nicht zuerst die Vita gelesen hatte, hätte ich mich doch meiner Entdeckerfreude beraubt.

Bernd Reutler gehörte früher zu den jungen Wilden unter den Theaterregisseuren. Glücklicherweise ist auch der Alte wild genug für die Zartheiten des Lebens, die oft in der Nähe des Todes am deutlichsten werden. Der Tod und die Liebe, das Savoir–vivre und das Savoir–mourir, großartig schildert Bernd Reutler dies im dritten Kapitel seines grandiosen Entwicklungsromans, dessen sechs Kapitel mit der Beschreibung des symphonischen Stücks „The Unanswered Question“ von Charles Ives eingeleitet werden. In diesem Kapitel beobachtet Andreas, der Held, eine in der Reife der Schönheit stehende Nachbarin, die nackt durch ihren Garten läuft, in dem ein Kirschbaum steht. Er zieht sich hinter den hohen Sommerflieder zurück, um den wie aus heller Bronze auf den Liegestuhl hingegossenen Akt heimlich betrachten zu können. Nein, ich werde das unschuldige Bild nicht fies mißbrauchen, denkt er. Sie ist eine schutzlose Witwe, und sie könnte fast meine, wenn auch noch sehr jugendliche, Mutter sein. Warum läuft sie denn nackt herum? Warum dreht sie dir den Rücken zu, wenn sie sich bückt, um hier und da, ganz wahllos, ein bißchen Unkraut zu rupfen? Damit die Pobacken noch strammer werden und zu dir hinüberleuchten wie das Hinterteil eines Häschens, Blume, dir etwas unverblümt zu sagen. List der Natur. Sie liegt und wartet. Geh hin und besitz!
Er geht hin, zumindest in Gedanken, und schon hockte Andreas neben dem Liegestuhl. Und eh wir uns versehen, finden wir unseren Helden ins Gespräch mit ihr verstrickt.
„Weißt du, was der widerliche Kerl, der immer hinter seinen Vorhängen nach mir Ausschau hält, gesagt hat? Nein, ich sag’s dir lieber doch nicht.“
Das ist bei den Frauen immer eine Ankündigung zum Bekenntnis, und kurze Zeit später sagt sie ihm es auch. „Also gestern sagte der widerliche Kerl doch glatt zu mir, wir – du und ich – würden zusammen schlafen.“
Andreas schmerzten vom Hocken die Oberschenkel. Aber noch mehr schmerzte ihn die Formulierung „der widerliche Kerl“. Also war widerlich, was er sagte. Und dieses „Glatt“ hieß so viel wie „unverschämt“. Als hätte er gesagt: Die Mami läßt sich von dem Söhnchen ficken. Und er selbst, war er nicht auch ein solch widerlicher Kerl, der versteckt Ausschau hielt mit dem Gedanken, das Söhnchen möchte die Mami ficken?
Als am nächsten Morgen die Rolläden ihrer Fenster auch um elf Uhr noch nicht geöffnet sind, klingelt bei Andreas das Telefon und jener widerliche Kerl teilt ihm mit, daß da doch etwas nicht stimmen könne. Er, Andreas, der ja so gute Beziehungen zu der schönen Witwe habe, solle doch besser einmal nachsehen.

Inzwischen sind wir hochgespannt, was denn mit der schönen Witwe passiert sein könne und folgen nur allzu willig den dramaturgischen Leimspuren Bernd Reutlers. Ich zitiere aus besagtem dritten Kapitel:

„Andreas besaß einen Schlüssel zu ihrer Wohnung, um in ihrer Abwesenheit die Blumen zu gießen. Er bediente die Klingel in dem Rhythmus, der gewissermaßen ihr Morsecode war. Nichts rührte sich. Er versuchte es noch einmal. Vergeblich. Er stellte sich unter das Fenster ihres Schlafzimmers und pfiff das Dreiklangmotiv, ihre gemeinsame Erkennungsmelodie seit seinen Kindertagen. Keinerlei Echo. Also schloß er zunächst die Haustür auf, klopfte erst diskret, dann immer heftiger gegen die Wohnungstür. Sie konnte unmöglich plötzlich verreist sein, das hätte sie ihm gestern doch gesagt, schon wegen der Blumen. Seine Hände begannen zu zittern, so daß er das Schlüsselloch mehrmals verfehlte. Schließlich hatte er Erfolg, dessen Folge aber das Aufjaulen der Alarmsirene war, draußen neben dem Fenster und hier drinnen im Wohnungsflur, wo er, von plötzlicher Panik gepackt, verzweifelt den Schalter suchte, um dieses penetrante Lärmen, dieses technische Hilfeschreien, das er am liebsten erschlagen hätte, endlich abzustellen. Endlich gefunden, und dann eine Stille, als wären die Hilfeschreie erstickt worden und das Opfer gemordet. Andreas stand in dem so vertrauten Raum, in den er so unendlich viele Jahre eingetreten war, um von ihr jedesmal umarmt und geküßt zu werden, nicht mütterlich, sondern mit einer Zärtlichkeit, die ihn als Kind schon zum Mann machte. Immer war er hier eingetreten als Kind und wuchs in ihren Armen zum Mann, nicht ganz unschuldig und schon sehr lustvoll. Diesmal fühlte er sich in der unheimlichen Stille plötzlich verwaist, sehr einsam, mutlos und unschlüssig.
„Bist du da? Ich bin es, Andreas.“
Er horchte nach irgendeinem Wasserrauschen oder klapperndem Hantieren.
„Schläfst du noch?“ Er wußte, wie unsinnig das war. „Darf ich in dein Zimmer kommen?“ Später würde er sich heftigste Vorwürfe machen für dieses Zögern und Zaudern, das nichts anderes war als schlechtes Gewissen wegen all der unkeuschen Gedanken, die selbst bei ihren harmlosesten Gesprächen stets als Subtext in seinem Kopf herumspukten.
Endlich, endlich öffnete er die Tür zu ihrem Schlafzimmer, in dessen Dunkel nur das klar umrissene Rechteck des Fernsehschirms bläulich schimmerte. Der Ton war ein leises, gleichmäßiges Rauschen. Am Boden ihr regloser Körper, als vervollständige er dieses Environment, dessen Mischung aus Realität und Künstlichkeit Andreas vollständig verwirrte. Das ist nicht wirklich, ich habe mich ganz einfach verlaufen in eine Videoinstallation. Und was hier am Boden liegt, ist eine Figur von Duane Hanson, die sitzen und liegen doch alle nur zum Schein so reglos da, gleich werden sie aufstehen, dem verdutzten Betrachter vergnügt eine Nase drehen und im Strom der Besucher verschwinden.
Aber sie lag immer noch da. Es war ein ganz wirklicher, strahlend heller, geheimnisloser Sommertag. Draußen wartete die Sonne darauf, wie gestern dieses Gesicht so zum Glühen zu bringen, daß es jeden Mann entflammte, und insonderheit Andreas. Statt dessen lag die
Knackkirsche am späten Vormittag hier im Dunkeln wie verschmähtes Fallobst. Ein Bild des Jammers, zu dem sich Andreas schließlich hinunterbeugte. Die linke Wange war so schief verzogen, daß das Auge offen starrte, und der linke Mundwinkel sah aus, als ob er von einem unsichtbaren Haken nach unten gezogen würde, wodurch die Unterlippe ihre weiche Fülle verloren hatte und boshaft schmal aussah. Dahinter wurde die Lücke zwischen ein paar gelblichen Raucherzähnen sichtbar.
„Kannst du mich hören, mein Schatz? Was um Gottes willen ist passiert?“ Andreas heulte. Er heulte über einen Verlust, den er erahnte. Mann, tu endlich was, es ist doch noch längst nichts verloren! Das Kissen unter den Kopf! Komm schon, mein Liebling, hilf mit, halte dich fest an mir und richte dich ein bißchen auf! Als er versucht, ihren linken Arm um seinen Nacken zu legen, merkt er, daß das ein ausgestopfter Arm ist, herumbaumelnd wie die Arme der Puppen, die seine Mutter nach dem Krieg nähte, um Tauschobjekte für den Schwarzmarkt zu haben. Komm, setz dich auf, du wirst sehen, es geht.
Aber das linke Bein klappte zusammen wie das des hölzernen Hampelmannes, wenn man die Schnur losließ. Und plötzlich röchelte sie ein „Tzo, tzo, tzo“.
„Ja, sprich mit mir, sag etwas, sag mir, was ich tun soll!“
Aber es kam nur ein häßlich verrotzt klingendes „Tzo, tzo, tzo“.
„Du hast dich doch nicht betrunken?“
„Tzo, tzo, tzo.“
„Dann steh auf, ich bring dich ins Bad.“
Flutsch machte der Arm – tzo, tzso, tzo – und klapp machte das Bein – tzo, tzo, tzo. Erst dies, als wäre es die Umsetzung der Regieanweisung aus einem verrückten, makabren, absurden Endspiel, ließ Andreas plötzlich ganz ruhig und vernünftig handeln. Er legte die Marionette zurück auf das Kissen, ging zum Telefon und rief Notarzt und Krankenwagen.
Die Sanitäter manövrierten die Trage ins Zimmer, Andreas hielt die Infusionsflasche in die Höhe, während der Arzt mit der Aufnahme telefonierte: „Schwerer Apoplex. Gebt der Neurologie Bescheid. Wir sind in fünf Minuten oben.“
Die Fahrt zum nahen Krankenhaus ging durch die vertrauten Straßen mit den gepflegten Anwesen, zwischen den Häusern immer wieder der Blick ins nahe, flimmernde Grenzland, von wo ihnen bei ihren gemeinsamen Ausflügen zu Rotwein, Flute und Paté so oft der Cantus firmus „Savoir vivre“ entgegenschallte. Dem setzte das Horn des Rettungswagens jetzt seinen unerbittlichen Kontrapunkt entgegen: „Savoir mourir“.
Andreas fröstelte. Eiszeit im Sommer. Andreas knetete ihre Hände, tätschelte ihr die Wangen, als gelte es, sich selbst und die Reglose aufzutauen. „Wir werden wieder oben im Garten des Restaurants sitzen unter den Kastanien, ins weite Land von la douce France schauen. Am Nachbartisch sitzt Madame und trällert mit den Vögeln ein Liedchen. Und der flinke Garçon schreibt die Rechnung auf das Papiertischtuch, das malerisch mit roten Weinflecken bekleckert ist. Du bist ein bißchen angeheitert und lachst dein fröhlichstes Lachen. Ich verspreche es dir.“



Die Irritationen des Helden verstärken sich durch seine ungewisse Herkunft, die seine Identitätsfindung ständig in Frage stellen. Ohne gesicherte Identität kein tragfähiges Lebenskonzept. Andreas übernimmt Rollen, ohne sie eigentlich auszufüllen. Klassische Bildung, tradierte Mythen, religiöses Erbe, politische Ideologien – für Andreas sind all dies nur Kulissen und Kostüme, in denen er sich bewegt und in die er schlüpft. Kein Wunder, daß bei Andreas beständig Fleisch und Geist im Streit miteinander liegen. Der Roman beginnt und endet mit Andreas‘ Liebe zu Anna. Aber auch hier scheitert Andreas letztlich an seiner Unfähigkeit, sich zu entscheiden.

Bernd Reutler, ein Nachfahre Max Frischs, erzählt hinter dem Vorhang des digitalen Rauschens die Geschichte eines verwirrten Chamäleons, der wie Goldmund den Weg der Kunst einschlagen will, doch auf der Suche nach der verlorenen Zeit auf einen Schlingerkurs gerät, der ihn in die entindividualisierte Welt multipler Persönlichkeitsoptionen führt.
Täusche ich mich, oder höre ich in dem Hallraum der verwehten Subtexte einen orphischen Nachklang von Wehmut heraus?
„Kannst du mich hören, mein Schatz? Was um Gottes willen ist passiert?“
Ist das nicht Orpheus, der da ruft?
„Ja, sprich mit mir, sag etwas, sag mir, was ich tun soll!“

Zum Schluß heißt es in einem Bericht von der Oberwelt, dessen Chronist offensichtlich mit dem Verfasser des vorliegenden Romans identisch ist (wenigstens ein Fall von Identität):

Der Pfleger, der den Kopfhörer von Andreas‘ zertrümmertem Schädel abnahm, hörte die letzte Phrase der Solotrompete und den sich scheinbar ins Unendliche verlierenden Streicherakkord. Er schüttelte verständnislos den Kopf und legte den Walkman neben den Körper auf der Tragbahre. Das Band lief noch ein Weilchen. Dann machte es plötzlich „klack“, und das Band stand still.

          Zum Autorenprofil