Ein Roman von Peter Reusse

(Literatur)

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Angebotstext

ein halbes Menschenleben haben Mutter und Sohn miteinander verbracht.
Schwierige Zeiten nach dem Krieg, zunächst in einem Berliner Vorort, dann die Evakuierung in ein verschlafenes Hundert–Seelen–Dorf im Harz, nach Jahren die Rückkehr nach Berlin, die Scheidung der Eltern, Weggang des Vaters in den Westen und das Leben der Restfamilie im viel zu großen Familienbesitz im Ostteil des Landes, der späteren DDR. Grundschule, Abitur und Schauspielausbildung des Sohnes. Die Mutter immer helfend zur Seite. Schließlich selber Vater, seine Frau schenkt ihm Zwillinge, gründet er einen eigenen Hausstand und die Mutter wird auch hier, im leicht chaotischen Künstlerhaushalt, eine unschätzbare Stütze.

Der Sohn liebt seine Mutter, ihr Verhältnis zueinander könnte nicht besser sein.
Und doch macht er eines Tages, selbst bereits im reifen Mannesalter, die irritierende Feststellung, vom eigentlichen Leben seiner Mutter, außerhalb ihrer Rolle als Mutter und zuverlässiger Kamerad, fast nichts zu wissen. Über ihre Mädchenjahre, über die Liebesgeschichte mit dem Vater, ihre Rolle als Ehefrau, die Gründe für die Scheidung der Eltern, immer waren dies Tabuthemen. Gesprächsversuche, halbherzige Angebote versandeten zwischen falschen Höflichkeiten und Rücksichtnahmen. Man fand zu kleinen Notlügen: Fehlende Zeit, Tempo des Alltags, „später einmal“ usw.

Peter Reusse, weder Autobiograph noch Biograph seiner Mutter, sondern behutsamer Bewußtseinsarchäologe, stößt voller Staunen auf die Fundstücke der gemeinsamen Vergangenheit. Doch die Mutter scheint ihm nur widerstrebend beim Bergen zu helfen. Da greift er zu einer kleinen List und stellt seiner Mutter ein Diktiergerät auf den Schreibtisch und bittet sie, über ihr Leben auf dem Tonband Auskunft zu geben. Nach anfänglichen Protesten und Ausflüchten willigt sie schließlich ein. Im Verlauf von zwei Jahren füllt sie acht Kassetten. Dann zwingt ein Schlaganfall sie, die Arbeit abrupt zu beenden. Ihr Kommunikationszentrum ist zerstört. Sie kann weder lesen noch sprechen, geschweige denn schreiben.

Wie weit ist sie in ihrem Bericht gekommen? Gibt es für wichtige Fragen endlich Antworten?
Der Sohn scheut sich zunächst davor, die Kassetten anzuhören.
Erst als seine Mutter stirbt, entschließt er sich dazu.
Noch in der Sterbenacht legt er die erste Kassette ein.
Er wird Zeuge eines fesselnden Lebensberichtes. Eigene Erinnerungen kommen auf, verknüpfen sich mit eigenem Erleben. Der Mikrokosmos Familie entsteht vor dem Hintergrund historischen Getöses fast eines ganzen Jahrhunderts.
Die letzte Kassette endet mitten im Satz.
Ist die Krankheit schicksalhaft?
Hat sie eine mystische Entscheidung getroffen?
Der Sohn will sich damit nicht abfinden
Er beginnt in alten Tagebüchern zu lesen, Fotoalben durchzusehen, versucht vergilbte Briefe zu entziffern. Notizen, Ansichtskarten, Feldpostbriefe. Er sucht Wegbegleiter auf. Um Zeitläufte zu begreifen stöbert er in Archiven, liest in alten Zeitungen. Müht sich, alles wie ein Puzzle zusammenzufügen …

Ein Leben, das sich versammelte, als es verging.

Zum Autor:
Peter Reusse wurde 1941 in Teltow–Seehof geboren. Schauspielstudium an der Filmhochschule in Babelsberg. Anschließend Theaterengagement in Zeitz, Brandenburg (Havel), Halle (Saale). Zuletzt am Deutschen Theater in Berlin.
Arbeitet auch als Illustrator und Keramiker. Ausstellungen u.a. in Berlin, Weimar, Templin.
Zur Zeit freischaffender Autor in Berlin.
Spiel– und Fernsehfilme
Mitwirkung in ca. 80 Spiel– und Fernsehfilmen (u.a. DEFA: Die Abenteuer des Werner Holt, Denk bloß nicht, ich heule; Frau Venus und ihr Teufel; Familienbande; Taxifahrer; Peter der I.; Ein irrer Duft von frischem Heu. DFF: Wallenstein (Max); Kiezgeschichten (Serie 8 Folgen); Heimkehr in ein fremdes Land (Dreiteiler); Polizeiruf 110.
Buchveröffentlichungen:
Der Eismann geht. Tagebuch. Fischer Taschenbuch 1995
Hier und drüben und drunter. Satirische Grenzgeschichten. Edition Ost 1995
Landgang. Reisebuch Island und Israel. Edition Ost 1996
Indian Summer. Roman. Verlag Das Neue Berlin 1997
Da capo für die Leiche. Schauspielergeschichten. Edition Ost 1998
Preise und Stipendien
Goethepreisträger der Stadt Berlin 1988.
Stipendiat des Autorenstipendiums Drehbuch 2002 der Stadt Nürnberg. Tutor: Egon Günther

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