Ein Roman von Stefanie Golisch

(Literatur)

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Dieses Motto des ehemaligen führenden Dichters des Surrealismus (er löste sich später von dieser Bewegung), dessen Werke Maurice Blanchot als „eine dichterische Offenbarung” bezeichnete, ist in seiner dunklen, funkelnden irritierenden Rätselhaftigkeit verführerisch und gefährlich zugleich: Verführerisch, weil es der Rätselhaftigkeit dieser Madame Finette Pisano entspricht, gefährlich, weil es ablenkt von der frappierend luziden Erzählkunst Stefanie Golischs, die an die impressionistischen Bilder Camille Pissarros erinnert und in der Literatur an Marcel Proust denken lässt.

Die Lebensgeschichte Madame Finette Pisanos erstreckt sich über einen Zeitraum von knapp fünfzig Jahren. Sie beginnt mit ihrem Einzug in die Villa Beau Séjour im Jahre 1912 – Finette ist sechs Jahre alt – und endet irgendwann in der Nachkriegszeit. Hauptschauplatz ist neben Paris, wo Finette als junges Mädchen zwei Jahre verbringt, das Haus ihrer Kindheit in einem kleinen Dorf im ligurischen Hinterland.

Vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund zweier Weltkriege zeichnet die Erzählung Finettes Leben nach, ihre innere Entwicklung zu einem freien und unabhängigen Menschen, einem Wirklichkeitsmenschen mit Möglichkeitssinn. Es ist ein Leben, das im Zeichen einer großen Liebe steht, der Liebe zu ihrer Jugendfreundin Margherita.

Die beiden Frauen verkörpern unterschiedliche, ja konträre Lebenshaltungen: Margherita, ehrgeizig und politisch engagiert, zieht es ins Leben. Finette lässt sich leben und gehorcht immer nur den unmittelbaren Notwendigkeiten, ohne sich dabei zu verlieren. Sie erkennt früh, dass Beau Séjour ihre Bestimmung ist, und indem sie diese Bestimmung rückhaltlos annimmt, kommt sie, auf Umwegen, langsam zu sich selbst. Dabei bleibt sie „rätselhaft und undurchdringlich wie die Frauengestalten mancher Impressionisten, von denen man niemals wirklich weiß“.

Um sie herum gruppieren sich andere Personen. Die Eltern, insbesondere der Vater, zu dem sie eine besonders enge Bindung hat. Später Camilla, Margheritas Tochter, die bei Finette aufwächst, schließlich ihre wechselnden Liebhaber und Mr. James Percy Harrison, Vogelmaler, ihr Untermieter. Und, zuletzt, nach Margheritas Tod, deren Geliebter Oreste, ein Widerständler.

Fragen stehen am Ende im Raum. Doch Finette erkennt, dass sie die Antwort nicht erhalten wird – oder schon lange weiß.
Überhaupt ist das innere Zentrum des Romans die Überzeugung, dass es Aufgabe der Literatur ist, das Unbegreifliche nicht etwa begreiflich, sondern immer noch ein wenig unbegreiflicher zu machen.
Unbegreiflich, dass ein Roman noch heute sosehr mit allen Sinnen in eine vermeintlich längst vergangene Welt zu entführen vermag, dass man nach der Lektüre sich nur mit Bedauern und ein wenig unsicher wieder im prosaischen Alltag zurechtfindet.

Nichts anderes bleibt, als wie Elke Heidenreich auszurufen: „Ein wunderbarer Roman und eine wunderbare Erzählerin!“
Lesen!

Zur Autorin:Geboren 1961 in Detmold. Germanistikstudium und Promotion in Hannover.Literaturwissenschaftliche und literarische Buch– und Aufsatzveröffentlichungen. Monografien zu Uwe Johnson und Ingeborg Bachmann. Vermeers Blau (Erzählung). Erzählungen, Aufsätze und Übersetzungen in Anthologien und Literaturzeitschriften( Macondo, Muschelhaufen, Neue Rundschau, Torso, Rabenflug, Libus).
Stefanie Golisch ist Dozentin an der Universität Bergamo.
2002 erhielt sie den Würth–Literaturpreis. Sie lebt seit 1987 in Italien.

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