Ein Roman von Friedhelm Hahn
(Literatur)
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Angebotstext
Bengt, Hanks Vater, hat sich ein Haus in der Abgeschiedenheit gekauft, am See, ideal zum Angeln und den Gedanken nachzuhängen, die immer noch die Vergangenheit bevölkern, damals, als Bengt, Hanks Mutter kennengelernt hat, die sie vor kurzem verlassen hat, eines französischen Jazzmusikers wegen. Bengt ist Schriftsteller, ziemlich erfolglos, der achtzehnjährige Hank, der im Mai das Abitur gemacht hat, bemängelt, daß sein Vater nie das Eigentliche erzählt. Das Reden liegt beiden nicht. Sie sind eigentlich wesensverwandt. Nur daß Hank noch nicht wie sein Vater das Verfertigen der Gedanken beim Schreiben gelernt hat. Er liebt ihn, trotz aller Ausgrenzungen des Schweigens, die ihn immer wieder verletzen. Und er weiß, daß er ihn bald verlassen wird, um wie er zu studieren. Vielleicht wie sein Vater in Heidelberg. Als eines Tages eine junge attraktive rothaarige Frau im Winter im Schneesturm mit ihrem Auto am See steckenbleibt und die Gastfreundschaft von Bengt in Anspruch nimmt, werden Bengts Vergangenheit und Hanks Sehnsüchte wieder lebendig, wobei Hank fasziniert an den Erzählungen seines Vaters Anteil nimmt.
Als er einen Wein aus dem Keller holt und die beiden in der Küche sitzen sieht, denkt er für einen Augenblick, daß die Frau vielleicht eine von den Galinski-Frauen war, von denen Fred, der Nachbarjunge mit der Ratte, erzählt hat.
Weißt du was, hatte Fred gesagt, ich mach dir einen Vorschlag. Du läßt das alles jetzt sein, und wir besuchen Galinski.
Wer ist Galinski? fragte Hank.
Du kennst Galinski nicht ? Fred lachte. Seine Baseballkappe vibrierte.
Gott, dachte Hank. Ich hasse ihn. Er kennt Galinski nicht.
Fred schien es nicht zu fassen.
Kein Wunder, sagte er. Wenn man den ganzen Tag über hier am See herumhängt und angelt.
Also, was ist ? fragte Hank.
Es heißt, sagte Fred, bei Galinski gibt es die schönsten Frauen!
Na und, sagte Hank. Er wußte nicht, worauf Fred hinauswollte.
Jedenfalls hier bei uns auf dem Land, sagte Fred.
So? Kann sein. Aber ich glaub‘s nicht.
Gut, sagte Fred. Willst du?
Er hielt Hank eine Flasche Cognac hin. Hank schüttelte den Kopf. Fred öffnete die Flasche und nahm einen langen Schluck.
Hab ich zu Haus geklaut, sagte Fred. Seine Ratte tauchte am Hemdsärmel auf.
Bleibst du da drinnen, Bobby! sagte Fred.
Er nahm die Ratte mit der rechten Hand und verstaute sie unter seinem Hemd. Zuletzt sah man nur noch den weißen Schwanz, wie er aus dem Hemdsärmel herausbaumelte.
Für fünfzig Mark kannst du da alles haben, sagte Fred.
Hör mal, sagte Hank. Keine Lust. Und woher soll ich fünfzig Mark nehmen.
Frag doch deinen Vater, den Schriftsteller!
Hank schwieg. Er konzentrierte sich auf das Angeln. Drüben , auf der anderen Seite des Sees, auf der stillgelegten Eisenbahnstrecke saß ein Eichelhäher. Er saß nur da und starrte herüber.
Galinski, denkt er, und muß lachen, als er auf der Kellertreppe mit den beiden Weinflaschen in der Hand steht. Das war wirklich absurd.
Wir haben gerade über dich geredet, sagte sein Vater, als Hank die Küche betrat.
So? fragte Hank.
Ich war achtzehn, als ich mit dem Studium begann. Damals in Heidelberg.
Hank kannte die Geschichte. Es war seltsam. Warum erzählte sein Vater nie das Eigentliche? Das Eigentliche war Galinski. Zum Beispiel. Oder war diese Frau, die er damals mitgenommen hatte. Diese Musikerin. Was war damit? Und was hatte er, Hank, damit zu tun?
Hank kannte die Geschichte, wie seine Eltern sich kennengelernt hatten. Er hatte diese Geschichte wohl hundertmal gehört.
Als Kind, an diesem breiten, ruhigen Fluß in der Stadt, unweit der Heiliggeistkirche, hatte er manchmal den Badenden zugeschaut. Es war interessant zu sehen, wie diese Körper auf das ruhige Wasser prallten, wie dieses Wasser in einer Fontäne aufspritzte. Damals kam Hank diese Idee. Daß man zuschauen mußte. Daß das Leben etwas von einem Zuschauen hatte. Daß man sich Zeit nehmen mußte.
Das ging Hank durch den Kopf. Er war damals dreizehn, und irgendwie hatte er das ungute Gefühl, daß sich jetzt alles veränderte. Was natürlich Unsinn war.
Er legte sich manchmal, wenn er auf seinem Bett lag, die Hände unter den Nacken. So lag er dort und wußte nicht, was er mit den Händen tun sollte. Es waren Hände, die Hank viel zu groß schienen. Er spürte, wie er unter seinem dünnen Hemd atmete, er konnte seinen eigenen Atem riechen, was unangenehm war, er hörte die Geräusche der Stadt, die Schiffe auf dem Neckar, Geräusche, die ihm fremd waren, er spürte das fremde Gewicht des eigenen Körpers.
Man mußte sich Zeit nehmen für das eigene Leben, dachte Hank. So war das.
Und vielleicht hatten die beiden sich nicht genug Zeit gelassen. Ihn interessierte, was sein Vater wohl dazu sagen würde. Aber Hanks Vater hatte im Moment andere Interessen.
Die rothaarige Frau hatte sich inzwischen erhoben. Sie stand am Fenster und starrte in die Dunkelheit.
Mein Mann wird sich Sorgen machen, sagte sie.
Es gab Hank einen Stich. Er hatte nicht darüber nachgedacht, daß sie verheiratet sein konnte. Was natürlich albern war.
Natürlich war sie verheiratet, und ihr Mann machte sich Sorgen um sie. Und Hanks Vater würde morgen zu Galinski gehen.
Wann wollten Sie sich treffen?
Hanks Vater jedenfalls ließ sich nichts anmerken.
Ich weiß nicht. Irgendwann. Warten Sie!
Es ist nicht wichtig, sagte Hanks Vater.
Er wird es überleben, sagte sie.
Was macht er?
Geschäfte, sagte sie. Und dabei lächelte sie.
Wissen Sie, sagte sie, ich glaube, es ist gar nicht wichtig, was einer macht.
Was für Geschäfte macht er? fragte Hank. Er hatte das ungute Gefühl, daß hier wieder etwas falsch ablief.
Frag mich nicht, sagte sie.
Sie wollen sagen, sagte Hank, daß Sie das wirklich nicht wissen. Sie wollen sagen, Sie leben mit einem Mann zusammen und wissen nicht, was er macht.
Ja!
Hank schwieg. Er war müde. Das mußte an dem verdammten Wein liegen. Vor allem vermischte sich im Moment vieles. Hank hatte Probleme, die Ebenen auseinanderzuhalten.
Im übrigen, sagte die Frau, lebe ich im Moment nicht mit meinem Mann zusammen. Aber - was macht das? Wieso ist das für dich wichtig?
Sie drehte sich Hank zu und blickte ihn fragend an.
Es tut mit leid, sagte Hank.
Was tut dir leid? fragte die Frau.
Alles, sagte Hank. Alles eben. Daß Sie von ihrem Mann getrennt leben, daß Sie in diesem Schneesturm steckengeblieben sind, daß Sie die Nacht in diesem Haus verbringen müssen. Daß ich lebe, daß ich atme und so weiter und so weiter.
Hank, jetzt ist genug! sagte sein Vater.
Lassen Sie ihn! sagte die Frau.
Hank schämte sich.
Das würde nicht ewig anhalten, dachte er. Wahrscheinlich noch nicht einmal einen Augenblick. Aber das veränderte nichts an dem Grundsätzlichen. Eben noch steckte man völlig in einem Leben, in einer Situation, und schon im nächsten Moment war man draußen.
Es galt nur noch, eine Tasche zusammenzupacken und zu verschwinden. Diese beiden hier alleine zu lassen. Worauf sie wahrscheinlich ohnehin nur warteten.
Er hatte das Gefühl, so schnell wie möglich verschwinden zu müssen. Ohne sentimental zu werden. Er wollte einfach weggehen, vielleicht eine kurze Nachricht hinterlassen und dann verschwinden. Sollten sie doch denken, was er für ein Arschloch war.
Hank erhob sich.
Ich verschwinde dann mal in mein Zimmer, sagte er.
Schlafen Sie gut!
Er lächelte die Frau an. Er würde jetzt gehen. Später würde er sich elend und verlassen fühlen. Aber das war später!
Es ist noch früh, sagte sein Vater.
Ja, sagte Hank, das stimmt!
Er sagte das, obwohl er nicht genau wußte, wie spät es war. Er sagte das, obwohl er wußte, daß man sich Zeit nehmen mußte.
Er verließ die Küche. Überhaupt fand er es seltsam, daß sie in dieser kleinen Küche saßen und nicht in Vaters Arbeitsraum. Im Flur war es dunkel. Hank suchte mit seinen Händen den Lichtschalter. Mit einem Mal fühlte er sich besser.
Was will man mehr in der Welt? dachte Hank, als er die Treppe zu seinem Zimmer hinaufstieg. Was will man mehr in der Welt? Diese Frage war in seinem Kopf. Sie hatte etwas von einem Schlagertext. Ganz albern war sie, und Hank wußte auch nicht, was sie bedeutete. Aber das interessierte ihn auch nicht.
In seinem Zimmer legte er sich auf das Bett. Er schloß die Augen, und es war ihm klar, daß er sich genug Zeit genommen hatte, daß jetzt alles vorbei war.
Er erwachte, als er das Lachen hörte. Es war seltsam. Er brauchte einige Augenblicke, um sich zurechtzufinden, um zu wissen, wo er war und wer er war.
Hank hatte noch nie ertragen können, einfach aufzuwachen. Und er konnte die Art der Leute nicht ertragen, die aufwachten und mit beiden Beinen im Leben standen.
Hank brauchte Zeit.
Noch während er dort lag, wurde ihm klar, daß sein Schicksal mit dem dieser beiden Menschen dort unten verknüpft war, und dies schien ihm seltsam. Gestern noch hatte es diese Frau nicht in ihrem Leben gegeben, und heute saß sie mit seinem Vater zusammen vergnügt in der Küche, trank Wein oder sonst was und lachte und scherzte mit ihm.
Und er, Hank, fühlte sich elend.
Hank hielt den Atem an. Dies alles war schwer faßbar. Das alles machte einen merkwürdigen, irgendwie irritierenden Eindruck.
Er erhob sich vom Bett. Sein Nacken tat ihm weh. Draußen war finstere Nacht. Für einen Augenblick hatte er schreckliche Angst zu fallen. Es war ihm, als schwebte er im Raum, doch dann fing er sich. Seine Hände tasteten nach der Zimmertür. Er setzte sich auf die alten Holzdielen der Treppe. Von hier aus konnte man hören, was unten in der Küche gesagt wurde.
Die Frau sagte gerade: Was würde ich mit einem schönen Haus anfangen? Nun, ich weiß es nicht! Ich weiß noch nicht einmal, ob ich ein Haus will!
Nun ja, sagte Hanks Vater. Man sagt das so! Und dann lebt man doch in irgendeinem Haus und plant sein Leben.
Sie haben noch nicht erzählt, wie das weiterging mit ihnen und dieser Musikerin!
Ich habe viel zu viel erzählt, sagte Bengt.
Und Hank stellte es sich vor, wie sein Vater dort unten saß. Schwer und wahrscheinlich furchtbar betrunken. Noch immer in diesem blauen, alten Baumwollhemd. Und diese Frau saß ihm gegenüber. Wahrscheinlich hatte sie sich wieder diese seltsame Baseballkappe angezogen.
Also kommen Sie, sagte die Frau. Jetzt sitzen wir seit Stunden zusammen und reden. Sie sind mir die Auflösung schuldig.
Ich weiß nichts von Ihnen, sagte Hanks Vater. Und wie er das sagte, klang das vorwurfsvoll.
Da gibt es nichts zu wissen, sagte die Frau.
Sie treffen Ihren Mann?
Ja!
Und?
Nichts und, sagte die Frau. Wir treffen uns. Er hat zufällig in der Gegend zu tun und hat mich eingeladen.
Also, Sie wollen wissen, wie das war mit mir und dieser Frau? sagte Hanks Vater . Nun gut! In irgendeinem Buch habe ich einmal gelesen, daß wir kein Recht darauf haben, glücklich zu sein. Und das ist ein verflixt gutes Buch. Ich wünschte, ich hätte es geschrieben. Also, was halten Sie davon?
Sie wollen sagen, daß es auf der Welt unglücklich zugeht, sagte die Frau.
So in etwa, sagte Hanks Vater. Also diese Musikerin. Sie war jung und hübsch, ganz dünn war sie, eigentlich zu dünn - wir telefonierten oft miteinander, trafen uns in Cafés. Wir setzten uns ins Kino, sprachen über Filme, die gerade liefen oder die wir gesehen hatten. Es war eine Periode des Wartens, des endlosen Wartens. Also - ich glaube, ich habe sie wirklich geliebt, diese Frau. Aber lieben sie eine Frau und leben sie mit einer anderen zusammen. Und so kann man mit ansehen, wie es auf der Welt zugeht. Und klar - es gibt einige Dinge, die einen irritieren.
Sein Vater schwieg für einen Augenblick.
Man nimmt diese Dinge zu ernst, sagte er dann. Es ist nicht unangemessen, wenn man wie mein Freund Sartre sagt, daß wir in der Hölle leben.
Aber Hank ist ein feiner Kerl, sagte die Frau.
Hank verstand nicht, warum sie das gerade jetzt sagte.
Ich mag ihn! sagte Hanks Vater. Ich mag ihn wirklich!
Und wie er das sagte, klang das wirklich gut.
Aber sehen Sie, sagte er. Irgendwann in den nächsten Wochen oder Monaten wird er sich aufmachen und nicht mehr wiederkommen. Und ich werde hier sitzen und auf den See im Nebel starren. So wird das sein!
Sie sollten ein gutes Buch schreiben, sagte die Frau.
Ja, sollte ich, sagte sein Vater.
Eine ganze Zeitlang schwiegen die beiden dort unten. Ich werde einen Scheit Holz aus dem Flur holen!
Hank hörte, wie sein Vater sich schwerfällig erhob. Und in diesem Moment liebte Hank ihn, liebte ihn, wie er ihn noch nie geliebt hatte. Er bereute, was er eben noch gedacht hatte. Bengts schwerer, massiger Körper tauchte im Flur auf und verschwand kurz darauf wieder in der Küche.
Wann wird es hell? fragte die Frau.
Ich weiß es nicht! Irgendwann. Ich glaube, ich mache uns einen Tee. Schade, daß Hank jetzt nicht da ist.
Hank macht einen guten Tee, sagte die Frau.
Ja.
Das mit seiner Mutter hat ihn ziemlich mitgenommen, sagte die Frau.
Ich glaub schon.
Hank hörte, wie sein Vater Wasser in den Teekessel füllte.
Das ist Buchenholz, sagte er. Ich hab‘s zusammen mit Hank irgendwann im Herbst geschlagen.
Das ist fabelhaftes Holz, sagte die Frau.
Wir sind ziemlich betrunken, was?
Ziemlich!
Dann schwiegen sie eine Zeitlang. Irgendwann kochte das Teewasser. Jetzt würde sein Vater aufstehen, den Teekessel nehmen und den Tee aufgießen.
Ob er böse ist auf uns? fragte die Frau.
Er ist manchmal den ganzen Tag über in seinem Zimmer. Das machen Burschen in seinem Alter. Ich kann mir vorstellen, wie er da manchmal in seinem Zimmer sitzt und genau weiß, daß er bald gehen wird.
Hank erhob sich. Er lehnte sich gegen die kalte Flurwand.
Das war eine blödsinnige Idee gewesen, hier zu lauschen. Eine absolut blödsinnige Idee. Er schämte sich. Er schämte sich so, wie er sich noch nie in seinem Leben geschämt hatte.
Und trotzdem - er hatte das Gefühl, die ganze Nacht wach bleiben zu können. Mit diesen beiden dort unten.
Aber das war wahrscheinlich keine gute Idee, dachte er.
Er schlich zurück in sein Zimmer.
Morgen früh wollte er aufbrechen. Zusammen mit dieser Frau. Dieser Gedanke kam ihm, als er auf seinem Bett saß.
Das war also das Ende von etwas. Hank lächelte, als er das dachte.
Und er dachte: Das Einzige, was mich tröstet, ist der warme Geruch der eigenen Haut. Das war ein Satz, den er die Tage gelesen hatte. In irgendeiner dieser alten Zeitungen.
Aber der Satz paßte!
Jeder Satz von Friedhelm Hahn sitzt in dieser zart-poetischen Geschichte zwischen den Generationen, zwischen den Zeiten. Ein kurzer Roman zum langen Abschied eines unangepaßten jungen Mannes, der das rauhe Leben vor sich hat und in dieser Niemandsbucht am See sich noch einmal Zeit nimmt, bevor er sich aufmacht, die geliebten Fesseln abzulegen.
Wir Leser können nicht anders, als mit ihm zu hoffen, daß es ihm trotz allem nicht gelingt.
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