Ein Roman von Peter Mohr
(Literatur)
Anschläge inklusive Leerzeichen: 209.022
Manuskript im Word-Format
Angebotstext
Ich liege im Bett und schau herum, horche auf das Radio, DES KNABEN WUNDERHORN … Esse Pudding, rauche. Schlage die Decke zurück, sehe mir meine Haut an. Bald bist du dreißig … Die Haut ist gelblichweiß, sieht aus wie gequirlt. Oder wie Milch kurz vorm Überlaufen. Die Sonne scheint ins Zimmer rein.
Die alte Sonne, ist noch nichts zu sehn vom Verlöschen, hat ja auch noch Zeit. Ich schlage die Decke ganz zurück, sehe mir meinen Körper an. Meinen Leib schaue ich mir an. Kolossal, denke ich. Spreche das Wort KOLOSSAL halblaut ins Zimmer rein.
Es ist viel zu warm. Ende Mai und viel zu warm. Die Zeitung habe ich schon gelesen. Nichts über den Fall LANGEMANN. Jetzt also warte ich. Worauf wartest du denn? Daß sie dich holen kommen? Werden dich nicht holen kommen … habe ja meine Handschuhe angehabt. Habe auch noch alle Knöpfe an der Jacke, an der Hose, habe auch noch mein Feuerzeug. Sie werden nichts am TATORT finden, gibt keinen Hinweis auf mich.
Müssen wir uns diesen Menschen als Mörder vorstellen? Was geschah am TATORT?
Christoph Grünberg heißt er, trotzdem ist er ein Mann ohne Namen, denn er hat die Eigenschaften des Losers, des Schattenseitenbewohners. Immer schon. Lieblos aufgewachsen bricht die Liebe wie eine Naturkatastrophe über ihn herein, die nur Opfer zurücklässt. Doch ausgerechnet der Täter, der überlebt, erscheint als das eigentliche Opfer, denn er ist anders als das Opfer ein Untoter, ein Zombie der ausgehöhlten Konsumgesellschaft. Er aber konsumiert Zeit, Zeit, die vergeht, bis sie kommen und ihn holen. Paralysiert wartet er in der elterlichen Wohnung auf die legale Korrektur des Unrechts.
In seinem Roman Das Verschwinden der Worte, für den Peter Mohr 1995 den renommierten Mara Cassens Preis für den besten Debütroman bekam, stellte er das Motto Kafkas voran:
Es ist nicht notwendig, daß du aus dem Hause gehst.
Ist Peter Mohr eine fatalistische Disposition eigen?
Die Frankfurter Rundschau ist ganz anderer Auffassung und kommt zu dem Ergebnis, dass es Peter Mohr gelänge … ein treffendes Panorama von den Schattenseiten der uns so vertrauten Gesellschaft zu entwerfen, das wohl nur der Blauäugige als übertrieben abtun kann.
Peter Mohr, der Schattenseiten–Autor, der die Schattenseiten aus eigener Erfahrung nur zu schlecht kennen gelernt hat, befindet sich immer noch auf der Schattenseite des Literaturbetriebs, dessen Motor bedauerlicherweise immer noch der medial zugemüllte Markt ist, und dieser Markt ist in der Tat blauäugig, denn er ist bestsellerfixiert und lifestyledesigned. Peter Mohr ist gewissermaßen Außer Rufweite des Betriebs, um seinen gleichnamigen, vom WDR ausgestrahlten Hörspiel–Monolog zu zitieren, den Gottfried John kongenial gesprochen hat. Dies ist die eigentliche Kränkung gegenüber einem Autor, der gnadenlos genau die Sonde an die Narben der Gesellschaft legt. Immer ist die Sonde dabei das Bewusstsein seines Protagonisten. Er braucht nicht aus dem Haus zu gehen. Er kommt von draußen. Dort waren alle Türen verschlossen, und er weiß: zum Schluss werden sie ihn (ein)holen, die Schattentage der Kindheit.
Der Roman endet mit einer Vision: Nicht die Polizei holt Christoph Grünberg, sondern Vater und Mutter holen ihn. Kann er mit ihnen über den Schatten springen?
Man möchte den Damen und Herren im Lektorat der Verlage zurufen: Springen Sie über den Schatten Ihres Zielgruppenprofils! rief ein begeisterter Rezensent aus und fuhr fort: Es lohnt sich, diesen an Beckett geschulten Autor zu lancieren – vor allem für die Leser.
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Zum Autor:
Geboren 1944 in Böhmen, aufgewachsen in einem Siegerländer Dorf, Abbruch der Schul– und Berufsausbildung. Arbeit als Büroangestellter. Infolge Alkoholismus Kasernierung in psychiatrischen Anstalten. Seit 1980 abstinent von allen Rauschmitteln. Peter Mohr lebt in Frankfurt am Main.
Literarische Veröffentlichungen seit 1987: u.a. in der FAZ, der Frankfurter Rundschau sowie bei mehreren Rundfunksendern, in Zeitschriften und Anthologien, 1994 Veröffentlichung des Romans Das Verschwinden der Worte. 1995 Preisträger des Mara–Cassens–Preises des Hamburger Literaturhauses.
Hörspiele: Zur letzten Instanz; Außer Rufweite (WDR); Mauszeit (RBB)
| Zum Autorenprofil |
