Ein Roman von Caspar Mesehöller
(Literatur)
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Angebotstext
Riga, vier Wochen im Juni 2000. Zwei Männer und eine Frau um die dreißig. Ehrgeiz und die Sehnsucht nach Glück führen zu Leichtsinn, Unaufrichtigkeit und Verblendung. Im unsicheren Übergangsraum zwischen West und Ost, zwei Jahrhunderten, „altem“ und „neuem“ Europa gewinnt die klassische Geschichte eine fatale Dynamik.
Vor knapp zwei Jahren ist Simp mit seinem Freund, dem russophilen Maler Pawel, von New York nach Riga gekommen. Hinter Simps weltläufigem, einnehmendem Wesen verbirgt sich ein zerrissener, getriebener Charakter.
Allmählich beginnt für Simp die postsowjetische Exotik ihren Reiz zu verlieren und die Boheme in Langeweile umzuschlagen. Gegen den Willen des zögernden Pawel betreibt er ein Ausstellungsprojekt mit Pawels Arbeiten in Berlin, das die Basis für einen Neuanfang darstellen soll. Er bittet Lene, eine Deutsche, die als Historikerin in Riga arbeitet, ihm bei den Vorbereitungen für die Ausstellung zu helfen. Lene, selbstbewusst, zielstrebig, erfolgreich, dabei ironischer, spielerischer Genussmensch, reizt der Flirt mit dem bisexuellen, nicht ganz durchschaubaren Bonvivant.
Überraschend nimmt ein alter Freund eine lange ausgesprochene Einladung an. Der deutsche Journalist Adrian hat einen Reportageauftrag über den Rigaer Wirtschaftsalltag durchgesetzt. Die Gelegenheit, Lene die alte Jugendfreundin, wieder zu sehen, ist auch eine Flucht: Adrians Job ist unsicherer denn je, der Betrieb, die Kollegen widern ihn an, und den zeitgenössischen Pragmatismus empfindet er als Zumutung. Er ist nicht bereit, einer wattierten Gegenwart sein Einverständnis zu geben.
Bereits am zweiten Tag trifft Adrian die Lettin Ausma. Sie gibt sich mysteriös und entzieht sich ihm. Fasziniert von ihrem geheimnisvollen Wesen begibt er sich auf die Suche nach ihr. Allmählich geraten seine Nachforschungen in Konflikt mit seinen journalistischen Recherchen, verschwimmen mit ihnen, bis sie sich schließlich zu chimäreartigen Objekten einer fiebrigen Glücks– und Sinnsuche überlagern.
Als er den Programmierer Iwan Sossiskin kennen lernt, der ihm bei seiner Suche seine Hilfe anbietet, dringt Adrian immer tiefer in die Rigaer Unterwelt vor und stößt teilweise auf höchst skurrile und obskure Gestalten. Ausma scheint spurlos verschwunden, und die Gegenwart droht immer stärker zum Prüfstein der Wirklichkeit zu werden: Nichts ist, was es zu sein verspricht.
Simp begegnet Adrians romantisierender Intellektualität zunächst mit spöttischer Ablehnung. Doch in dem Maße, in dem Simps Zuneigung zu Lene wächst, beginnt er Adrian als Gegner zu betrachten. So gerät Lene unwillentlich zwischen zwei Männer, zwischen Adrian, den Freund seit Kindertagen – an dem sie mit hartnäckiger Affenliebe hängt, obwohl er ihr immer fremder und unverständlicher wird –, und den schillernden, lebenstüchtigen Simp, der sich souverän in den unterschiedlichsten Milieus bewegt, Menschen gewinnt und erfolgreich seine Ziele verfolgt. Doch keiner der drei spielt mit offenen Karten, Halbwahrheiten, Fehleinschätzungen und Vorbehalte ergänzen sich und werden schließlich zur Falle.
Lene beginnt, an dem sich immer weiter verlierenden Adrian zu verzweifeln, erst als die Dinge eskalieren, Sossiskin ein falsches Spiel mit ihm beginnt, Adrian erschüttert zur Vernunft zu kommen scheint und Simp sie enttäuscht, fasst Lene einen Entschluss.
Als Adrian sich entschließt, eine vermeintliche Schuld aus der Welt zu schaffen und die Stränge zusammenzulaufen beginnen, demütigt Sossiskin Adrian tödlich. Lene reagiert mit verzweifelter Wut, und Simp kann nicht aufhalten, was er selbst provoziert hat – „Wolken schieben sich zwischen das Flugzeug und die Stadt, den Fluß. Das war‘s. Mir ist kalt. Klamm. Verloren zumute. Ich bin müde, aber nicht krank, und ich lebe. Verkatert von dieser absurden Geschichte. Ich werde sie vergessen. Wie soll man sonst damit fertigwerden, Male? Das Meer hat ein Antlitz vom Strand gewischt. Das ist alles.“
Der Text besteht aus einem Prolog und fünf Teilen, die jeweils in mehrere Episodensequenzen zerfallen. Die Episoden enthalten je einen Tag(esausschnitt) aus der Perspektive eines der drei Protagonisten und sind in chronologisch verschränkten Blöcken angeordnet. So fügt sich alles zum Bild einer unübersichtlich gewordenen Welt, der die Eindeutigkeiten abhanden gekommen und durch Absurditäten ersetzt worden sind.
Über Nacht kippt die Oberwelt von Riga zu einem Hades um und macht die Lebenden zu Chimären eines unwirklichen und doch so schmerzhaft präsenten Schattenreichs. Orpheus in Riga. Auf diese kürzeste Formel ließe sich Caspar Mesenhöllers bezwingender Roman bringen.
Zum Autor:
Jahrgang 1969. Geschichtsstudium mit Schwerpunkt Osteuropa. Studienbegleitende journalistische Ausbildung und Praktika. Derzeit in Leipzig als Historiker beschäftigt.
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