Ein Roman von Peter Reusse
(Literatur)
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Angebotstext
das ist die Geschichte von Bürzel, dem kleinen Gemüsehändler vom Prenzlauer Berg. Der eigentlich schon immer der Menschheit eine Botschaft mitzuteilen hatte, aber nicht die Zeit dafür fand, weil er zu keinem nein sagen kann.
Eindrucksvolle berufliche Qualifikationen hat Bürzel nicht aufzuweisen. Seine Stärken liegen eher in der Inspiration, dem Improvisieren und der geradezu chamäleonesk zu nennenden Fähigkeit, sich anzupassen. Kurz: Bürzel – ein Mann der Phantasie.
Eigentlich ist Akelei die Betreiberin des Gemüseladens und Bürzel nur so eine Art Mitarbeiter. Akelei, Bürzels milde Freundin, mit den schönen Äpfeln, den praktischen Kletterhilfen … mit dem Schwalbennest, warm und geheimnisvoll feucht … ihrem mütterlichen Bermuda–Dreieck, in das sich Bürzel gar zu gern versenkt …
Wo waren wir versenkt geblieben, Pardon, stehengeblieben? Richtig in Berlin. In den letzten Tagen der Deutschen Demokratischen Republik. Genauer gesagt am Prenzlauer Berg, auf dem Hinterhof von Akeleis Gemüseladen. Mit dem Zweitakter. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er will einfach nicht anspringen. Bürzel versucht krampfhaft, ihn auf Trab zu bringen. Nicht, um irgendwelche vergammelten Äpfel zu holen, sondern für eine große Reise. Für Bürzels Fahrt zum Verlag nach Hellweißbachamsee. Tief im Süden, wo er endlich sein Buch Stehauf im Land Sibebe dem Verleger Zampano–Sandmann vorlegen möchte.
Also nicht irgendein Tag. Sondern: DER TAG. DAS BUCH.
Bürzel ist hochinspiriert.
Aber der Zweitakter springt nicht an.
Als Retter in der Not naht wieder einmal Fredi, Fredi mit den goldenen Händen und den neuen Zähnen.
(„Schon auschem Weschten, aber trotschdem Scheische!“)
Während der stundenlangen Autobahnfahrt meditiert Bürzel über sein Liebesleben. Insgesamt nicht unzufrieden weiß er, daß Akelei mit ihren begrenzten, kleinbürgerlichen Moralanschauungen, seinen wirklichen Intentionen nicht gewachsen ist.
In der neuen Freiheit sehnt er sich urplötzlich nach Ferne, nach Grenzregionen des Eros und Tabubrechungen … Schlicht gesagt nach Gruppensex. Das wär‘s! Möglichst in mehreren Sprachen und unterschiedlichen Hautfarben … Bürzel sieht sich als Starfighter durch Wolkentürme rasen. Der Wind zieht sein Glied in die Länge. Meterlang. Wie einen beinernen Schweif zieht er es hinter sich her. Nackte Hexen lagern darauf. Eine ganze Brigade.
Erster Halt ist die letzte Autobahnraststätte vor dem Westen. Hier trifft er auf den repräsentativen Querschnitt der derzeitigen DDR– Bevölkerung: Den betrunkenen Wirt Dr. Bretterschneider, eben noch hoher Kulturfunktionär und Parteigenosse, der von seinen Heldentaten berichtet, wie er zum Beispiel einmal beim Zuprosten gleich neben Chruschtschow gestanden hatte, und die Bürgerin Käthe, die demnächst in Berlin „uff Kompjuta machen wird“.
Mit diesem gesellschaftlichen Rückhalt stößt Bürzel gefaßt in den Westen vor. Der Weg ist weit, Gelegenheit, sein Leben Revue passieren zu lassen: Seine Zeit als Schlafwagenschaffner, als Kleindarsteller bei der DEFA und die sich daraus ergebenden Kollisionen, zum Beispiel in der Person des Stasimajors Morchel, der ihn zum Leiter der Jubelabteilung für Erich Honecker ernennt. Nicht zu vergessen den Höhepunkt seiner Karriere: Der Erwerb einer Pornokassette für Erich Honecker. Unglücklicherweise wird er an der Grenze erwischt und kommt in den Knast. Wo er, ganz im Gegensatz zum Leser, nicht viel zu lachen hatte. Aber, ganz im Gegensatz zum Leser, hatte er nur kurze Zeit wenig zu lachen, denn ein Bürzel hat schließlich eine Drüse, die alle Unbill nichtig macht.
Kein unbilliges Verlangen jedenfalls ist es, diese turbulente, wortwitzgewaltige Wende–Komödie Ihnen, und vor allen Dingen Ihren Lesern, zu empfehlen.
Zum Autor:
Geboren 1941 in Teltow–Seehof. Schauspielstudium an der Filmhochschule in Babelsberg. Anschließend Theaterengagement in Zeitz, Brandenburg (Havel), Halle (Saale). Zuletzt am Deutschen Theater in Berlin.
Mitwirkung in ca. 80 Spiel– und Fernsehfilmen (u.a. DEFA: Die Abenteuer des Werner Holt, Denk bloß nicht, ich heule; Frau Venus und ihr Teufel; Familienbande; Taxifahrer; Peter der I.; Ein irrer Duft von frischem Heu. DFF: Wallenstein (Max); Kiezgeschichten (Serie 8 Folgen); Heimkehr in ein fremdes Land (Dreiteiler); Polizeiruf 110.
Goethepreisträger der Stadt Berlin 1988.
Sieger des renommierten Nürnberger Drehbuchautorenstipendiums 2002
Arbeitet auch als Illustrator und Keramiker. Ausstellungen u.a. in Berlin, Weimar, Templin. Zur Zeit freischaffender Autor in Berlin.
Veröffentlichungen:
Der Eismann geht. Tagebuch. Fischer Taschenbuch 1995
Hier und drüben und drunter. Satirische Grenzgeschichten. Edition Ost 1995
Landgang. Reisebuch Island und Israel. Edition Ost 1996
Indian Summer. Roman. Verlag Das Neue Berlin 1997
Da capo für die Leiche. Schauspielergeschichten. Edition Ost 1998
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