Ein Roman von Friedhelm Hahn

(Erzählungen)

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Manuskript im Word-Format

Angebotstext

ein Mann namens Müller Sprachwissenschaftler, Wittgenstein liebend, Stan Libuda verehrend und in Austin, Texas, lebend erinnert sich im Sommer 1982 an den Sommer 1941 in Paris, er war als Besatzer dort, ein eigentümlich glücklicher Mensch, glücklich, wie man als junger, unpolitischer Mensch nur irgendwie hatte sein können, im Hof eines Hauses in der Nähe des Boulevard Saint-Michel boxend mit Kropp und Veisterhagen, am liebsten mit Veisterhagen. Müller war kein Schläger. Für ihn hatte das Boxen etwas mit Schönheit zu tun, auch wenn die meisten das nicht verstehen konnten. Eine Links-Rechtskombination gut vorgetragen, was konnte es Besseres geben für einen Neunzehnjährigen?
So war das gewesen. Auf der anderen Seite dachte er, daß ihn das auch nicht zu belasten brauchte. Das mit Jeanette und ihrem Zuhälter, der nichts von einem deutschen Kunden hielt. Was konnte Müller dafür, daß der Zuhälter ein Patriot war? Oder vielleicht auch nur ein Idiot. Wer wußte das schon?
Das jedenfalls mit dieser kleinen, dunkelhaarigen Französin war an einem Samstagnachmittag passiert. Müller hatte zuvor gegen Veisterhagen geboxt und ihn nach zwei Runden auf den Boden des Innenhofs geschickt. (...) Jeanette sah er im Halblicht des Abends auf dem Boulevard Saint-Germain. Das könnte deine Geliebte sein, dachte er. Er blickte sie in der hereinbrechenden Dunkelheit forschend an. Ihre Silhouette zeichnete sich sanft vor dem Licht über dem Tor des Hotels auf der anderen Straßenseite ab. (...) Sie sagte nichts. Sie schaute ihn nur an. Er war ein deutscher Soldat. Mehr nicht. Und wahrscheinlich hatte er Geld, oder, was noch besser war, Zigaretten, oder, was noch besser war, etwas zu essen. Er konnte an ihrem Körper nichts erkennen. Weder ein Locken noch sonst etwas. Es war ein Körper ohne Klarheit. (...)
Am Tag seines Todes im Jahr 1984, als er plötzlich diesen stechenden Schmerz spürte, war das anders. Da empfand er mit einem Mal dieses Gefühl der Leere, vor dem er sich ein Leben lang gefürchtet hatte. Und dies für einen verdammt langen Augenblick.
Damals jedenfalls hatte er noch jene Phantasie, jeder Spur nachzugehen. Niemals war er freier gewesen als in jenen Wochen. Diese Franzosen hatten alle Rechte verloren, er war ihr Unterdrücker, ihr Besatzer, und es machte ihm nichts aus. Er war jung, er war ein versierter Boxer, er hatte Veisterhagen auf den Boden geschickt, und dies nach zwei Runden. (...)
Im Halblicht des Abends sah er ihr Gesicht. Er erwartete etwas Ironisches, etwas Kaltes oder Abweisendes. Aber das war nicht so.
(...)
Sie sagte nichts. Jedenfalls am Anfang. Sie drehte sich nur um und ging in das Hotel hinein. (...)
Irgendwann faßte sie im dunklen Flur sein Handgelenk und sagte so etwas wie: Vorsicht! (...)
Um ein Uhr nachts, als es in Austin/Texas einmal stürmte und es so aussah, als bräche die Welt auseinander, dachte Müller an diesen Abend mit Jeanette zurück. Das war natürlich völlig absurd, fand er. Aber so war es nun einmal. Er war inzwischen über sechzig, schaute sich am liebsten Basketballspiele im Fernsehen an und galt, zumindest bei den Studenten, die etwas auf sich hielten, als Narr, den man nicht ganz ernst nehmen mußte. (...) Diese Frau, diese Französin, war, wie schon gesagt, erbittert und traurig. Eigentlich eine recht gewöhnliche Person mit großen, sanften Augen. Augen, von denen Müller jahrelang geträumt hatte in den Kasernen. Als er dann in ihren Armen lag, fühlte er sich merkwürdigerweise enttäuscht. Er hatte das Gefühl gehabt, für sie einen Drachen töten zu können... Doch an jenem Abend, in dieser frühen Nacht von Paris, begegnete ihm nur eine Frau ohne bewußte Verlockung.
Ich habe Angst vor dir, sagte sie.
Mein Gott, dachte Müller. Ich bin verrückt geworden. Ich bin in eine Pariser Prostituierte verliebt!
Er will sie unbedingt wiedersehen. Es sollte ein schöner Abend werden. Das war das, was er wollte. Eine kalte Furcht packte ihn, daß sie nicht käme. (...) Er hatte keine Ahnung, wann genau eine Pariser Hure arbeitete. Das Hotel jedenfalls vis-à-vis lag verlassen und ruhig. Für einen Augenblick suchte Müller die Fenster ab. Wo war das gewesen? In welchem Zimmer hatten sie sich aufgehalten? Unglaublich war das, einfach unglaublich. (...) Dann sah er plötzlich Jeanette auf der anderen Straßenseite stehen, dort, wo sie auch gestern abend gestanden hatte. (...)
„J'ai un cadeau pour toi, sagte sie, als sie die Tür des Zimmers öffnete.
Sie ließ ihn vorangehen. Im Zimmer herrschte Halbdunkel, die Fensterläden waren geschlossen, und Müller überlegte, ob das das Zimmer vom gestrigen Abend war, was ihn aber eigentlich nicht interessierte.
Voilà, sagte Jeanette. Ihre Stimme klang heute anders. Irgendwie fröhlich und zufrieden. Sie schloß die Tür hinter sich, und es blieb für einen Augenblick nichts als diese Finsternis, die alles wie in Watte einhüllte.
Voilà!
Müller bemerkte, daß sich vorne am Fenster etwas bewegte, vielleicht nur der Hauch einer Bewegung, aber Müller, als geschulter Boxer, hatte dafür ein Auge.
Was soll das? fragte er.
Er sah zu Jeanette hin, doch ihr Gesicht war nicht zu sehen. Und mit einem Mal spürte er dieses kalte Gefühl des Unglücks, das er aus seiner Kindheit kannte, und es ließ ihn nicht mehr los. (...)
Er wußte, daß es ihr Zuhälter sein mußte, der dort im Dunkeln lauerte. Er sah zu Jeanette hin, die er umarmt und geküßt hatte. Wann war das gewesen? (...)
Etwas Unerwartetes lag plötzlich im Raum. Das war ein ganz anderer Abend als der gestrige. Jeanette stand immer noch an der Tür gelehnt. Ihr Körper wirkte angespannt. Müller sah auf das Fenster, vor dem sich jetzt der Schatten seines Gegenübers deutlich abhob. In diesem Moment wunderte er sich, wie das war mit dem Leben. Ein Leben voller Risse, dachte er. Die Welt log. Das war nun einmal so. Und wie hätte es auch anders sein können?
Die Gestalt ihm gegenüber machte plötzlich einen schnellen Schritt auf ihn zu. Etwas Lauerndes, Gefährliches ging von ihr aus. Und Müller dachte einen Augenblick daran, daß dies Veisterhagen war. (...)
Mein Gott, dachte er. Das ist mein Vaterland, und ich bin ungerecht.
Dann schlug er zu. Eine kurze Links-Rechtskombination, die seinen Gegner wie einen Baum fällte. Müller hörte nur ein plötzliches Röcheln und dann die Geräusche des Falles.
Mon Dieu! sagte Jeanette.
Müller schwieg. Warum soll ich gerecht sein, wenn ich doch nur ein kleiner, betrogener Soldat bin? fragte er sich. Dann schlug er noch mehrmals auf diesen Körper am Boden ein. Er wollte nicht gerecht sein. Niemand auf dieser Welt war gerecht. Diese Welt log.
Der Mann unter ihm bewegte sich nicht mehr. Er lag in seiner dunklen Massigkeit auf dem kalten Steinboden. Eines Tages würde er das alles vergessen, dachte Müller. Eines Tages würde er sich nicht mehr daran erinnern. Aber damit täuschte er sich. So wie er sich mit vielem in seinem Leben täuschen sollte.

Wie Friedhelm Hahn jenen Abend, in dieser frühen Pariser Sommernacht des Jahres 1941, als singuläre Schnittstelle des Schicksals exemplifiziert, noch dazu in einem krimihaft spannenden Erzählton, ohne jemals die Resonanz der thematischen Komplexität verstummen zu lassen, das ist schon beeindruckend. Meisterlich, wie er in subtilen Verschränkungen diese „andere Geschichte“, diejenige der „anderen“ Jeanette, einem Mädchen, das ihr ähnlich sieht und zufällig in die Zeitzone ihres Schicksals und des gleichen Ortes gerät, erzählt, indem er sie spiegelbildlich aus der Perspektive des Antagonisten Veisterhagen schildert, der der Geliebten Müllers nachstellt.
Er sah sie genauer an. Er versuchte, sie mit den Augen Müllers zu sehen, doch es gelang ihm nicht. Eine magere, dunkelhaarige Frau mit seltsamen traurigen Augen war das. Augen, die an ihm vorbei ins Leere blickten.
Kennst du Müller? fragte er auf Französich. Sie schüttelte den Kopf.
Du bist Jeanette, nicht wahr? Die Frau lächelte dümmlich und wiederholte: Jeanette!
Irgendwie war Veisterhagen entttäuscht. (...)
Jeanette, oui, je suis Jeanette, sagte diese Person und lächelte blöde.
Veisterhagen gab ihr ein Zeichen, ins Haus zu gehen, und Jeanette ging vor ihm in diesen Hauseingang hinein. Und für einen Augenblick war es Veisterhagen, als sei er Müller und als müsse er ein Gefühl des Triumphes empfinden. (...)
Eine Tür öffnete sich. Veisterhagen wußte nicht, ob Jeanette sie geöffnet hatte. (...) Jeanette blickte ihm direkt in die Augen. Sie standen in diesem seltsam leeren Zimmer, in diesem Halblicht, und Veisterhagen spürte den forschenden Blick dieser Frau... (...)
Du bist sehr schön, sagte Veisterhagen mit einer gewissen Anstrengung. Plötzlich, gegen seinen eigenen Willen, legte er seine Hand auf die ihre.
Weißt du, daß die Liebe der Versuch ist, dem Tod zu entgehen? fragte er.

Später erfahren wir, daß Veisterhagens Versuch der Liebe im Tod gescheitert ist: die käufliche Geliebte des Rivalen ermordet ihn, sie flieht, aus Angst vor der Rache der Deutschen, irgendwann Anfang der fünfziger Jahre lernt sie den Buchhalter Aufdermauer kennen, und es berührte sie schon, daß er Deutscher war. (...)
In den Jahren, in denen Jeanette mit Aufdermauer zusammenlebte, es waren zweiundzwanzig Jahre, war sie auf eine beruhigende Art glücklich und zufrieden. Es war, als hätte sie sich mit ihrem Schicksal versöhnt. Sie hatte all das, was sie in ihren Jugendjahren in Paris erlebt hatte, nicht vergessen, doch sie gab diesen Dingen eine andere Wertung. Lange Zeit war es ihr so gewesen, daß die einzelne Geschichte, die sie erlebt hatte, ihr Schicksal bestimmte. Mit der Zeit aber wurde ihr klar, daß das Gesamte das Besondere war, ja, daß es kein Einzelnes gab und daß alles zusammen erst die Vielfalt des Seins ausmachte.

Kein Geringerer als Josef Haslinger, der mit seinem Roman Opernball im literarischen Quartett Standing ovations erregte, zählt übrigens zu den engagierten Fürsprechern dieses holographischen Romanpartikels, als die man die Erzählung Friedhelm Hahns durchaus betrachten kann.
Nach der zweiten, intensiven Lektüre reihte ich mich selbst zu den dezidierten Fürsprechern ein, daher bin ich glücklich, Ihnen ein vielversprechendes beachtliches Debüt anbieten zu dürfen.

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