Ein Roman von Sami Kuci

(Erzählungen)

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Angebotstext

Gegenstand aller Geschichten Sami Kucis ist im weitesten Sinne die Liebe. Wobei jede der Erzählungen von einer ganz eigenen Liebe spricht. Die Orte der jeweiligen Handlungen unterscheiden sich von Geschichte zu Geschichte sehr deutlich voneinander, und mit den Orten auch die Personen. Ich habe mich darum bemüht, jeder Erzählung ihre ganz eigene Welt zustatten kommen zu lassen. So stehen neben der Wirklichkeit verpflichteter Erzählweise auch Geschichten in betont phantastischer Manier.
Die jeweiligen Erzählungen unterscheiden sich im Ton sehr stark voneinander, was jedoch weder Zeichen einer eventuellen Ausdrucksunsicherheit oder allgemeinen sprachlichen Unentschlossenheit noch naiver stilistischer Experimentierlust ist, sondern Ausdruck kompositorischer Intentionen ist. In Sami Kucis Erzählungen hat der unterschiedliche Ton die gleiche Funktion wie die Filmmusik für ein cineastisches Kunstwerk. Sie ist nicht Untermalung, sondern integraler Bestandteil.

Die eine Geschichte, die man hat ist eine Erzählung, die von einem schwebenden, traumähnlichen und stellenweise sehr luzid poetischen Ton getragen wird. Hier fällt der übliche Aufbau einer Geschichte scheinbar ganz weg. Der Leser wird nach einer kurzen Einleitung, die von der unsäglichen Trauer, die doch über jeder unerzählten Geschichte liegt, unmittelbar ins Herzstück der Geschichte geworfen. In kurzen Sequenzen, gleichsam Momentbildern, wird hier in Kürze und ohne eingehende Erklärung eine dramatische Situation geschaffen, deren Spannung in der insistierenden Kraft der vom Protagonisten heraufbeschworenen Vergangenheitsbilder zu ahnen ist.
Der Icherzähler erzählt seiner Freundin Elke von seiner vergangenen, großen Liebe. In aufglimmenden und jäh wieder verlöschenden Erinnerungsbildern bemüht er sich darum, Elke die Gewalt dieser Liebe nahe zu bringen. Elke hört nur zu. Oder sie sieht ihm über die Schulter bei der Niederschrift einer Erinnerung zu und folgt den Schriftspuren mit den Augen. Sie selbst spricht kein Wort, denn Elke hat sich vorgenommen, einen Monat lang zu schweigen. So entsteht im Verlauf ein interessantes Wechselspiel aus gegenwärtigen Augenblicken und aus der Vergangenheit gezogenen Bildern. Der Icherzähler möchte, dass Elke seine vergangene Beziehung zu Ylva, so hieß die ehemalige Freundin, versteht, denn nur wenn sie ihm auch in diese sie sicherlich schmerzende Tiefe folgen kann, wird sie ihn von seinen Wurzeln her verstehen lernen, denn einen Menschen zu lieben bedeutet ja, sein ganzes Wesen, zu dem auch die entscheidenden Augenblicke seiner Vergangenheit gehören, zu akzeptieren. Doch geht aus der Weise, in welcher der Icherzähler seine Vergangenheit beschwört, immer eindeutiger hervor, dass dieses gewichtige Stück seiner Vergangenheit keineswegs abgeschlossen ist. Ylva. Es ist nur ein Name, aber für mich ist der Laut, den dieser Name hergibt, etwas, das einen langen, sakralen Nachhall hat. Wenige Dinge wissen mich im gleichen Maße zu erschüttern wie dieser Name. Ein Laut, der mir Leben und Sterben bedeutet. Lange eine Religion für jenen, der sich oft bedeutend stark gegen einen Gott ausgesprochen hat. Vor nahezu zehn Jahren trat dieser Laut in mein Leben. In einer warmen Juninacht. Aber nicht so schnell. Ich bin zu ungeduldig. Es täte mir gut, wenn ich zeitlich noch ein wenig zurückginge. Einige Schritte nur. Was war das für eine Zeit, bevor ich sie kennen lernte? – Es war eine Zeit der Verzweiflung. Aber auch die Zeit der ersten Gedichte. Ich schrieb gleich einem Wahnsinnigen gegen meinen Weltschmerz an. Ich weiß noch, wie der Mond zu jener Zeit ausgesehen hat. Dieselben Krater wie heute. Heradotus, Aristorchus, der Kobrakopf, die Spitze des Schröter–Tals. Die dunklen Flecken der Mare imbrium, der Mare Serenitatis. Der gleiche Mond? Nein, ein anderer Mond. Er wurde von anderen Augen gesehen. Ich habe Lust, ein Lied zu singen. Wer hat Angst vorm dunklen Mond? Keiner!! Wenn er aber stürzt? Dann fallen wir ins All!! Der Mond, wie er aussah, bevor ich ins All der Liebe fiel. Malte ich ihn heute aus der Erinnerung heraus, es wäre ein anderer Mond, nicht identisch mit dem, der heute am Himmel schwebt. Zwar behauptet der Icherzähler, dass er sich diese Nacht vom Leib gestreift hat, doch kann ihm dahingehend Glauben geschenkt werden? Elke beendet ihr Schweigen, und damit einhergehend soll die Entscheidung fallen. Der Icherzähler und seine Freundin begeben sich an einen einsamen Ort, um all die Briefe, Photos, Reliquien seiner großen, aber misslungenen Liebe zu begraben. Es soll ein Ritual sein. Ein Ritual des Abschieds. Er begräbt die Zeugnisse seiner Vergangenheit. Doch unversehens fahren seine Hände wieder zurück in die Erde, woraufhin sich Elke von ihm abwendet und fortgeht. Während ich das Ding da unten mit den Händen fühlen konnte. Das Ding, in dem geflüsterte Worte wohnten, in dem Blut und Tränen hausten, der Geruch unausgesprochener Trauer, ein Meer von Berührungen, ich berührte es mit meinen beiden Händen und es war unmöglich, dieses Herz, ja, es war ein Herz, wieder loszulassen.

In der Erzählung Casper mit dem Regenschirm steht eine ungewöhnliche Liebe im Mittelpunkt. Hannes. Aurelias große Liebe. Hannes starb früh. An Kehlkopfkrebs. Nun lebt Aurelia mit Richard zusammen. Einem pragmatischen, sehr kühlen, konservativ eingestellten und in allen Belangen distanzierten Immobilienmakler, den sie durchaus nicht liebt, doch Richard hat mit seinen Geschäften sehr viel Erfolg und ermöglicht es Aurelie, ein weitgehend sorgenfreies Leben zu führen. Aurelie ist ein ins Weiße verliebter Mensch. Alles an und um sie herum ist fast ausschließlich weiß. Ihre weiße Wohnung. Die Tage, die ihr gehörten. Sie konnte dem Regen zusehen, vor ihrem Spiegel stehen und sich Geschichten erzählen, für Sonnenaufgänge aufstehen, Stunden verträumen, die ganzen kleinen Vergangenheiten verblassen lassen. Ihre Tagträume. Herumschleichen um ihre weißen, nur weißen Möbel, um ihre weißen Vasen, Gipsköpfe auf Sockeln, streifend die weißen Säulen, welche die weißgetünchte Decke stützten. Das Berühren weißer Buchrückenreihen im Schrank. Fast alle Bücher vom gleichen Verlag. Weiße Fragen in ihrem Kopf. Weshalb ist der Staub nicht weiß? Heraustapsen auf den Balkon mit dem weißen Geländer, sich in den weißen Liegestuhl lehnen. In die weiße Küche dann, einen Schnitten Weißbrot mit Quark bestreichen und kauen. Dann wieder zurück ins Wohnzimmer, über den weißen Teppich, vorsichtig die weiße Tür zum Schlafzimmer aufstoßen, dann hinein ins weiße, weiße Bett. Gleichmäßig zu atmen, die Lunge mit farbloser Luft zu füllen. Und stets weiß zu tragen. Weiße Jeans, weiße Kleider, weiße Schuhe, eine weiße Blume manchmal im wasserstoffblondem Haar. Ihre weißlackierten Fingernägel, die weiße Perlenkette um ihren gespensterhaft blassen Hals. Die schlanken Zigaretten mit dem weißen Filter, die sie rauchte. Die nicht lange in den weißen Aschenbechern ihrer Wohnung liegende, graue Asche.. Da lernt sie aber eines Tages Casper kennen. Casper mit dem Regenschirm. Und Casper ist: Klein, schwarz, klapprig. Sah sie mit großen Augen unverwandt an, gleich einem unsicheren Kätzchen, legte seinen Kopf schief, kniff sein linkes Auge ein wenig zusammen, und der Ansatz eines Lächelns versilberte sein mageres Gesicht. Ein Schelm, wie er sonst nur in Filmen vorkommt, das war Aurelies erster, spontaner Gedanke. Struppiges, schwarzes Haar, das nach allen Seiten hin abstand, die Lippen schwarz umrandet, unter den Augen eine nicht sehr könnerhaft aufgetragene Kajalbemalung, eine Stupsnase, welche seine niedlichen Züge nur noch mehr verniedlichte, die schwarzen Brauen, die in einem weiten, traurigen Bogen über den Augen lagen. Um seinen dünnen Hals ein Lederband, in diesem Lederband ein silberner Ring … So entspannt sich im folgenden eine sehr sonderbare, durchweg platonische, in liebevollen Bildern veranschaulichte Beziehung zwischen den beiden. Und das mit Casper ging weiter. Sie gingen viel spazieren und er versuchte, mit seinen Lippen auf den Boden segelnde Herbstblätter aufzufangen. Warf mit Kieselsteinen nach Astspitzen. Doch immer drängendere Gestalt nimmt die Frage an, ob Aurelie Richard heiraten soll. Soll sie die Grundabhängigkeit von Richard, die Bedingung für alle durch ein Zusammenleben mit Richard verbundenen Unabhängigkeiten ist, in Kauf nehmen. Eine Frage, die um so schwieriger für sie wird, als sie durch Casper, seine Unschuld und die damit verbundene Grundehrlichkeit, vorgeführt bekommt, mit welchen Gefühlen ein Mensch belohnt wird, wenn er nah an der Wahrheit lebt. Doch schließlich überwiegen bei Aurelie die vernünftigen Gedanken. Sie entschließt sich zur Heirat, ohne jedoch Casper, an dem ihr Herz wahrhaftig hängt, davon zu unterrichten.

Statuen der Liebe ist die kürzeste Geschichte des Bandes. Wie keine andere trägt sie den Charakter einer Kurzgeschichte, gleichwohl sie keine ist, da ihr dafür die innere Bewegung fehlt, sie wird getragen von langsamen, beinahe im Zeitlupentempo geschehenden Bildern, die sich schlussendlich im erstarrten Bild zweier sich gegenüberstehenden Liebenden auf geheimnisvolle Weise vereinen. Hier wird das Vertrauen auf die Schärfe des Ausschnitts gelegt. Der Icherzähler befindet sich an einem Moorsee, den er für sich Blutalgensee nennt. Ich ging ganz früher selten zum Baden, doch manchmal, da überkam mich die Lust nach der körperumspannenden Nässe, und wie in Trance begab ich mich dann zum nächsten See, entkleidete mich und sprang hemmungslos ins Wasser, in dem ich dann auch lange, manchmal für Stunden, verblieb. Nachdem der Icherzähler lange gebadet hat, es geht schon auf den Abend zu, beschließt er, sein Mahl einzunehmen. Ich sah, während ich Tomaten, Brot, Käse, Apfel, Salzstreuer und Obstler gleich Zinnsoldaten in einer geraden Reihe vor mir auf dem Tuch aufstellte, mein Mal, das ich hier an dieser Stelle nicht beschreiben möchte, um das Geheimnis zu wahren. Aber wir haben alle ein Mal. Und ich riss Gräser aus der Wiese, auf der ich da nackt saß. Eine halbe Handvoll mit den linken, zu ziehenden Krallenzangen verwandelten Fingern, eine halbe Handvoll mit der rechten, überaus verkrampften Fingerreihe, und streute das Gras dann über mein Mahl, ganz so, als wollte ich dieses mit Gräsern würzen. Schließlich, nach Einnahme des sonderbaren Abendmahls, verspürt der Icherzähler den scharfen Druck auf seiner Blase und beschließt im am Strand angrenzenden Mischwald zu urinieren. Während des Urinierens wird er aus nicht näher angegebenen Gründen ohnmächtig und fällt in ein Meer von Brennnesseln, welche sonderbarerweise den Bereich der Lichtung säumen. Als er wieder erwacht, regnet es in Strömen. Seine erste Sorge gilt seinem Rucksack und dem schwarzen Tuch, an dem er aus nicht näher angegebenen Gründen sehr zu hängen scheint. Beides war noch da, zwar vom Regen klatschend durchnässt, aber noch da. Doch da war noch etwas zu sehen. Anfangs war ich mir nur nicht sicher, ob ich auch richtig sehe, aber ich sah richtig. Da waren weiter rechts zwei nackte Menschen, die standen sich einander gegenüber. Und trotz ihrer Ausgezogenheit, die sie leuchten machte, schienen sie von etwas eingehüllt zu sein. In diesem schauspielartigen Arrangement aus Wiese, Kies, bleiern schimmerndem Wasser, Bergen und Bäumen, wirkten sie wie Fremdkörper in dieser Szenerie. Aber sie waren da, die beiden Nackten. Fleischliche Fingerabdrücke in der eingedunkelten, benässten Natur. Und sie waren der Liebe. Verfallene. Für kurze Augenblicke wusste ich nicht, ob diese nackte Frau und dieser nackte Mann Gespenster waren oder nicht. Was daraufhin geschieht, ist sehr sonderbar, traumhaft, poetisch. Doch es soll kein Traum gewesen sein, was für den Icherzähler durch das schwarze Tuch, dem im weiteren Verlauf eine belangreiche Bedeutung zukommt, bewiesen wird.

In der Erzählung Entscheidungen kehrt ein junger Mann, der ehemals aufgrund einer gescheiterten Beziehung und auch aus einem allgemeinen Übersättigungsgefühl Hals über Kopf floh, nach nahezu drei Jahren scheinbar ziellosen Herumreisens in seine ehemalige Wohnung zurück, deren Miete für die Dauer seines Wegbleibens ohne sein Wissen von einem begüterten, nahen Freund bestritten wurde. Nahezu drei Jahre war ich weg. Und nun ist es natürlich nicht mehr meine Wohnung, auch wenn Wieland nichts, wirklich gar nichts umstellen hat lassen. Alles liegt noch so da, wie ich es verlassen habe. Natürlich hat Wieland sauber machen lassen. Nichts war schmutzig, als ich die Wohnung betrat. Und doch war alles an seinem Platz. Die Bettbezüge rochen nach Waschmittel, nach gründlicher Lüftung auch, mit einem Wort: frisch. Und doch, es waren die Bettbezüge von damals, dieselben wie zum Augenblick meiner Flucht. Die Erzählung beschränkt sich örtlich auf diese Wohnung und spielt zur Zeit des Irak–Krieges 2003 in Deutschland und bleibt durch sehr realistische Schilderungen stets nah am Zeitgeschehen. Die trostlose Kulisse, das Gähnen des Alltags, der Augenmerk, der hier sehr stark bei den Konsumartikeln liegt, erinnert an Popliteratur. Und doch ziehen sich ganz leise persönliche, ganz eigene Fäden durch diese fertige, ausgehöhlte Welt, in der wir alle nur noch funktionierende Konsumenten sind. Und, ach ja, die Pinwand. Auch sie habe ich unverändert vorgefunden. Es ist wahnsinnig interessant und traurig zugleich, sich einen Pinwandinhalt anzusehen, den man vor drei Jahren stehengelassen hat. Ich bin lange davor gestanden. Mit einem Gefühl, als wäre ich irgendwann vorzeiten gestorben und nun wieder von den Toten erwacht. Als wäre ich drei Jahre lang tot gewesen und nun wieder, unverrichteter Dinge, ins Leben entlassen. Schwindelnde Orientierungslosigkeit. Mit bunten Reißzwecken in den Kork gestochen die Relikte eines Lebens, das mir nun fremd vorkam. Zeitungsausschnitte, Telefonnummern, ausgedruckte Internetseiten, Visitenkarten aus Bahnhofsautomaten. Sogar ein Tempotuch, noch säuberlich zusammengefaltet. Nur ich weiß, dass in seine weißen Lagen ein bis zwei Tränen von ihr hineingesickert sind. Deshalb habe ich es damals für wertvoll befunden und in den Kork geheftet. Dann sah ich Fetzen mit Telefonnummern, zu denen es keine Namen mehr gab. Die Nummern kamen mir so fremd vor. Ich hatte kein Gesicht, zu dem ich sie einordnen konnte. Es ist schon erstaunlich, wie mysteriös einem das eigene Leben vorkommen kann. Ein Photo von Laurie an der Pinwand. Lauries wegen ist der Protagonist noch einmal heimgekehrt. Er hat nicht vor, lange zu bleiben. Einmal noch mit Laurie sprechen und dann auch noch etwas anderes erledigen, das zwar angedeutet wird, aber nicht zur Sprache kommt. Die Erzählung endet mit dem Erscheinen von Marie. „Ich habe hier geputzt. Viel Zeit in dieser Wohnung verbracht. Und irgendwann habe ich deine Tagebücher gelesen. Das mit dem Schreiben hat zwei Wochen vor deiner Flucht aufgehört. Und ich habe dir gleich angesehen, dass es immer noch anhält.“
Ich lächle müde. Meine Tagebücher. Die waren mir ganz entfallen. Nun fielen sie mir wieder ein. Ja, ich hatte ein sehr gründliches, ein sehr ehrliches Tagebuch geführt. Und bin nun keineswegs verärgert, dass Marie die Tagebücher gelesen hat. Fast freut es mich. Ich denke an die letzten, spärlichen, in nervöser Handschrift geschriebenen Notizen, die schon durchdrungen waren vom Ekel, vom Wegsinken meines Schreibvermögens, der ganzen Unordnung. Und in der letzten Notiz teilte ich meinem Tagebuch mit hundertmal in mir zerbrochenen und unsauber wieder zusammengeflickten Sätzen mit, dass ich die Flucht ergreifen müsse, dass ich einmal noch wiederkommen würde. Nur noch einmal.
Und diese Marie hat sich in ihn verliebt und versucht, ihn auf leise Weise von etwas abzuhalten.

Die Friedhofssuppe, die längste und phantastischste Erzählung, spielt in einer skurrilen, reicht Welt. Die auftretenden Figuren sind clowneske Kreaturen, die mehr oder weniger sonderbare Vorstellungen und Ziele haben. Hier ist fast alles übertrieben, und gerade aufgrund dieser Übertreibung gelingt es angelegentlich, gewisse in uns festgefahrene Strukturen aufzusplittern und so den wesentlichen Sachverhalt freizulegen. Übertreibung also als Erkenntnisinstrument. Des Protagonisten und Icherzählers Denkweise ist eine kindlich naive. Und je ehrlicher der Icherzähler seiner Umwelt begegnet, desto mehr entlässt sich gerade dadurch eine unfreiwillige Komik, eine Komik freilich, über die sich auch weinen lässt.
Die Erzählung gliedert sich in zwei Hälften.
Der Protagonist lebt im hochherrschaftlichen Haus seiner Mutter. Er hat sichtliche Schwierigkeiten, der Erwartungshaltung seiner Umwelt gerecht zu werden. Er spürt in sich ein Fehlen, doch weiß er nicht, was ihm fehlt. So sucht er nach etwas, von dem er nicht weiß, was es ist. Das führt ihn letztlich soweit, dass er aus dem Hause der Mutter flieht. Und da fängt die Geschichte mit Maria an. Er lernt Maria auf einem Friedhof kennen. Ist ganz so, als wäre Maria vom Himmel gefallen. Maria ist schlaksig, trägt ein sandfarbenes Kleid und hat blaue Haare. Blaue Haare, die sich im phantastischen Rahmen dieser Geschichte keineswegs als Unmöglichkeit ausnehmen. Maria ist stumm. Gemeinsam gelangen sie an einen Ort, an dem sich Wunderliches zu ereignen weiß. Rechterhand von uns war eine Holzbretterbude mit weißen Läden. Stellenweise war das Lackweiß schon abgesprungen. Die Holzbretter selbst muteten verkrümmt an und hätte man sein eidetisches Auge bemüht, wären aus den Beulen und Verschiebungen der einzelnen Holzbretter sicherlich an Akromegalie erkrankte, sich bewegende Menschengesichter herauszusehen gewesen. Dieser veraltete Holzverhau schien zu leben. Die entstellten Sparren hatten viel an dunklem Geheimnis geatmet. Ich war mir sicher, dass da früher, wo in der Mitte der Bude die geschlossenen Läden um einiges größer waren, ein Verkaufsstand gewesen war, an dem Eis für Kinder ausgegeben wurde. Vergangenes Gelächter, ins Holz gegraben. Ich sah nach links. Da war ein verlassenes Schwimmbecken, gefüllt mit brackigem Regenwasser, auf dessen trüber Oberfläche noch die Faserreste vorjährigen Laubes schwammen, aber auch Schwimmfarn, Wasserhahnenfuß war zu sehen, Schwimmkäfer. Ein verwitterter Anblick. Man kennt den Geruch Fäulnis beladener Nässe. Es schüttelte mich. Die Steinfliesen, die das Becken umfassten, hatten stellenweise Sprünge, aus denen hie und da dunkle Käfer krabbelten. Seltsam beleuchtet schien dieses Schwimmbecken zu werden von irgendeiner nicht sichtbaren Lampe. Alles Mondlicht der Nacht schien sich auf das Schwimmbecken zu konzentrieren. Der Rest der Welt war Dunkelheit. Der sanfte Hang der Wiese war noch zu sehen, der das Becken umschloss und auch die dahinter liegenden Lindenbäume, die einen Kreis um diesen Ort zogen. Was mir auch noch wunderlich erschien: Dass es nach frisch gemähtem Gras roch. Als ich dann genauer auf die hügelige Wiese blickte, sah ich, dass sie überall mit frisch abgeschnittenen, noch unverfärbten Gräsern bedeckt war. Es konnte also noch gar nicht lange her sein, dass da jemand mit einem Rasenmäher ohne Fangkorb, sondern mit Seitenauswurf drüber hin gefahren war. Oder manuell, mit einer Sense. Aber daran wollte ich nicht denken. Nur nicht denken an eine im Mondlicht blitzende Sense. Dann schon lieber das Geräusch eines Rasenmähers, das die nächtliche Stille zerfetzte. Das Becken zog mich im gleichen Maße wie es mich zutiefst anwiderte auch magisch an. Mit steifen Schritten ging ich zum Rand dieses ehemaligen Schwimmplatzes, ging in die Knie und beugte mich über den Rand der ausgedienten Wanne dem Wasser hin zu. Und inhalierte tief den Geruch des Wassers, der meine Lungen befreiend weitete und meine Sinne schlagartig belebte. Es war unglaublich, aber dieses verdreckte, kaum anzusehende Wasser roch kein bisschen abgestanden und verbraucht. Es roch nach einem frischen Frühlingsregen. Noch mehr: Als hätten sich die schönsten und befreiendsten Gerüche aller bisher stattgefundenen Frühlingsregen in genau diesem Becken konzentriert. So roch es. Der Beginn des Blühens strömte aus dieser trüben Brühe. Unzählige Blütengerüche schwammen unsichtbar ins Nervenzentrum und betäubten süß den Verstand. Ich war wie gelähmt und wäre wohl stundenlang in dieser andachtsvollen Riechpose verblieben... Maria und der Icherzähler beschließen, in einem abbruchreifen Haus gegenüber dem Friedhof ein gemeinsames Leben nach eigenen Regeln zu führen. Sie haben einen Wohltäter, Herrn Blökesberger. Ihm gehört das Haus, er lässt sie kostenfrei darin wohnen, weil er fest davon überzeugt ist, dass der Icherzähler und Maria gute und notwendige Menschen sind. Auch stellt jeden Tag ein ihnen unbekannter Wohltäter einen frischen Laib Bauernbrotes vor die ausgetretene Schwelle. Diesen Wohltäter kennen die beiden jedoch nicht. Als das Bauernbrot eines Tages ausbleibt, beginnt das Unglück. Blökesberger bittet sie, ihm zu folgen. Sie gelangen in die Höhle des Löwen, wo sie in einen großen Holzkäfig steigen müssen, woselbst sie dann von sonderbaren Herren, welche im Kreis fluchend um den Käfig herumgehen, unablässig bespuckt werden. Es schien verloren zu sein. Alles. Nun weißt du, dachte ich mir, wie das ist, wenn die Welt untergeht. Dachte ich mir und drückte Maria noch fester an mich, sah in ihr speichelverschmutztes Gesicht. Sie hielt ihre Augen weit offen und ich weiß noch, dass ich mich über mein Vermögen wunderte, jene vielen Tränen, die aus ihren Augen flossen, vom Speichel unterscheiden zu können, der an ihrer schönen Haut klebte. Es war, als leuchteten ihre Tränen. Ich spürte die warme Flüssigkeit, die mich traf, gar nicht mehr, hörte nicht mehr, wie sie auf mein Gesicht klatschte, nur es tat mir jedes Geschoss weh, welches auf Marias schönem Gesicht einschlug und eigentlich hatte ich mir über die ganzen Jahre hinweg immer gedacht, ich sei stärker als Maria, ich könnte mehr ertragen, immer so gedacht, dass ich widerstandsfähiger sei, doch war ich es, der die Macht über seine Sinne verlor, in Ohnmacht fiel. War es ich, der Maria allein ließ.
Als der Protagonist in der Hausbaracke aufwacht, ist Maria fort. Zwar erscheint sie wieder, und dann sieht es zeitweilig so aus, als ob alles wieder gut gehen würde, doch von jener Nacht an geht in Marias Bauch etwas auf. Und zudem begibt sie sich, da die beiden das vor die Tür gestellte Brot nach allem Vorgefallenem nicht mehr anzunehmen gewillt sind, täglich zum Friedhof, um dort Grabblumen zu pflücken, von denen sie sich und dem Protagonisten eine Friedhofssuppe kocht. Bis sie eines Tages wieder verschwindet.

Kräätzens Werk ist die formbewussteste Erzählung. In nahezu klassischer Strenge erzählt Sami Kuci von Kräätz, einem missratenen Wesen. Nicht, dass er nur hässlich wäre, er ist mehr als hässlich, denn seine Physiognomie gemahnt nicht an ein menschliches Wesen. Kräätzens Mutter ist blind und hat die Haare einer Toten. Zu ihr fasst er Zutrauen, denn sie bleibt durch ihre Blindheit von seinem Anblick verschont und kann ihm so vorurteilsfrei begegnen. Seinen Vater, einen skurrilen Botanikprofessor mit einem Mäuschengesicht, verachtet er tief, da dieser von ihm, dem Kräätz, verlangt, dass dieser gleich einem gewöhnlichen Menschen in die Welt hinausgehen und leben soll, wohingegen sich der junge Kräätz nichts weiter wünscht, als in seinem kleinen, dunklen Zimmer im Eck zu versiechen, endgültig zu verenden. Bis zu jenem Tag, da er Agnes kennen lernt. Er glaubt, Agnes zu lieben, quält sich lange mit diesem Gedanken, vertraut sich auch seiner Mutter an und beschließt eines Tages, Agnes auf dem Schulheimweg aufzulauern und sie darum zu bitten, ihn zu berühren, egal wie und egal wo, nur ihn berühren. Doch Agnes weigert sich. Nicht, weil er, Kräätz, sie anekeln würde, sondern weil sie spüre, dass er sich selbst von seinem hässlichen Äußeren habe beeinflussen lassen, es zugelassen habe, dass sich in ihm das Böse einnistet. Deshalb wolle sie ihn nicht berühren. Daraufhin legt Kräätz das Menschsein ab und beschließt, die Berührung zu erlernen. Wenn die Menschen ihn nicht berühren möchten, so würde er lernen, die Menschen auf sie bezwingende Weise zu berühren. Und wählt sich die Mutter als Versuchsobjekt. Bis das Erstaunliche geschieht und nach Abschluss seiner besessenen Hautstudien am Körper der Mutter etwas erscheint; eine Blume...

In der Erzählung Das Blumenmädchen lernen wir Parentia kennen, die schon in recht jungen Jahren ein Faible für die Philosophie entwickelt und sehr selbstbewusst auftritt. Eines Tages schreibt sie sich in der Universitätsstadt R. für das Fach Philosophie ein. Sie lernt Friedrich kennen, einen erfolgreichen Werbetexter. Friedrich führt sie in die Erfahrungswelt der Drogen ein. Friedrichs Eltern, die sehr reich sind, verunglücken, woraufhin Friedrich ein Millionenerbe antritt. Ein Grund für Parentia, ihr Philosophiestudium an den Nagel zu hängen und sich von nun an ganz der Traumwelt der Drogen zu verschreiben. Ihre Persönlichkeit unterzieht sich starken Veränderungen. Die nächtlich stattfindenden Partys, welche Parentia und Friedrich in ihrer geräumigen, mondän eingerichteten Eigentumswohnung veranstalten, nehmen immer exzessivere Ausmaße an, bis sie beschließen, eine Pause zu machen, aufs Land zu fahren, ein bisschen Misthaufen und Kühe anzuschauen. Von diesem Ausflug erhoffen sie sich, weniger Drogen zu nehmen und so ein wenig zu sich zu kommen. Doch weit gefehlt. Ihr Konsum bleibt gleich bleibend. Täglich begeben sie sich in eine verwilderte Parkanlage des ortsbekannten, längst schon verstorbenen Millionärs G. Auf den Spuren einer vergangenen Zeit. Unkrautüberwachsene Hänge, exotische Pflanzen, ein Gewirr aus Büschen, wo vormals das Großbürgertum von München Zulauf hatte. Und genau in diesem verwilderten Park begegnen sie dem Blumenmädchen, welches sie dabei beobachten, wie es Briefe in einer zwischen zwei hervorgetretenen Wurzelstrünken liegenden Höhle am Fuß eines Baumes legt. Nachdem das Mädchen die Baumgruppe verlässt, rollen sich Friedrich und Parentia den überwachsenen Hang hinab und lesen die Briefe des Mädchens, die Briefe an ihren lieben Herrgott sein wollen. Und in ihrem Drogenrausch lachen sie über diese Briefe, obwohl aus diesen immer eindeutiger hervorgeht, dass das Mädchen von ihrem Vater sexuell misshandelt wird und diesbezüglich ihren lieben Herrgott beständig um einen Rat ersucht. Doch für Parentia und Friedrich sind diese Briefe alle nicht wirklich, sondern lediglich Bestandteil ihres kalten Drogentraumes, bis sich dieses Blumenmädchen, dass die Briefe an den lieben Herrgott schreibt, stranguliert. Für Parentia in einem Anfall schlagartigen Erkennens, Grund genug, aus ihrem kalten Traum zu erwachen.

Zum Autor:
Geboren 12.07.1974 in Vaska (Kroatien) als Sohn kroatischer Einwanderer. Kinderjahre in Kroatien unter sehr archaischen Bedingungen und unter der Obhut der Großmutter. Mit sechs von den Eltern nach Deutschland verfrachtet. Seither wohnhaft in Rosenheim, Regensburg, München, wieder Rosenheim. Grund- und Hauptschule. Kaufmännische Ausbildung. Dann diverse Tätigkeiten. Fabriken, Küche, Spinnereien, Versicherungsvertreter, Gärtnereien, Hilfsschlosser, Lagerarbeiter, Verkäufer, Redaktion, Nachlassverwaltung, Kunstschule etc. Die Liste ist zu lang. Früh entwickelte Liebe zur deutschen Sprache. Zwar sei er zweisprachig aufgewachsen, sagt Sami Kuci, schreibe jedoch nur in der deutschen Sprache, übersetze auch nie etwas. „In Sachen Literatur bin ich Autodidakt, jedoch von früh an, auf bislang ungebrochene Weise, unheilbar der Literatur verfallen. Frühe Veröffentlichung von Lyrik in Zeitschrift und Zeitung. Langjähriger Kontakt zu meinem vor kurzem verstorbenen Mentor, Rainer Malkowski, Lyriker, Suhrkamp-Autor. Hatte letztes Jahr die Möglichkeit, ein Gedichtbuch (Das stille Buch) zu veröffentlichen. Eine ziemlich unüberlegte Sache, die von mir aus textkritischen Gründen zurückgezogen wurde. Prosa schreibe ich seit gut einem Jahr. Und werde, auch wenn sich das mit der letzten Gewissheit ja nie sagen lässt, wohl bei ihr bleiben. Fühle mich recht wohl beim Erzählen und wundere mich, weshalb ich nicht schon früher mit dem Schreiben von Geschichten begonnen habe. Auf jeden Fall ist die Lyrik gänzlich in den Hintergrund getreten. Arbeite zur Zeit an diversen Erzählprojekten, unter anderem an einem Roman.“

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