Ein Roman von Julian Szell

(Crossover)

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Manuskript im Word-Format

Angebotstext

„Keiner kann sich seine Geschichte aussuchen.“
„Es sei denn, niemand interessiert sich dafür.“

Warum verschließt sich ein Mann am Rosenmontag in einem Hotelzimmer und trinkt Blausäure?

Der Tote, ein Bruder meines Vaters und mein Taufpate, hinterließ außer seinem entstellten Leib eine Menge Geld.
In einer Anwaltsozietät im Frankfurter Kettenhofweg lag neben den Bankunterlagen, ein in Packpapier verschnürtes Konvolut.
Zuoberst die Absagen, nach Datum der Eingangsstempel sortiert.
Kein bekannter Verlag fehlte.
Auf der ersten Seite des Manuskriptes stand der Name des Projekts das meinen Taufpaten ruiniert hatte: MATRIOSCHKA.

Das ist auf den ersten Blick die Lebensbeichte eines Selbstmörders, eines manchmal geradezu aufdringlichen Selbstdarstellers.

Bei meiner Geburt sei alles in Ordnung gewesen, jammerte meine Mutter zu jeder Gelegenheit.
Daß Schwäche und Gier den Dreck der Welt anziehen, fluchte mein Vater auf seinem Sterbebett, kaum daß er mein Gesicht in der Tür erkannt hatte.
„Gier ist stärker als Angst“, konstatierte Präses Schäfer, der nach mir durch die Tür geschritten kam.
„Ich will in Ruhe verrecken!“ schrie mein sterbender Vater.

Dabei war ich nur schwach, ich meine das nicht im Sinn einer Unzulänglichkeit der Muskulatur, was von einem Mann in dieser Hinsicht erwartet wird, damit habe ich keine Probleme.
Und bedenken Sie, Gier fällt auch nicht leicht, wenn es einem an nichts mangelt.
Ich meine, Geld und so.
Kurz und gut, es war mir mehr oder minder in die Wiege gelegt worden, daß mir eines Tages die Pendants der väterlichen Musterbilder genauso wie die von ihm hochgeschätzten Maßanzüge Made in Saville-Row passen würden.
Steck deine Kindheit in die Tasche und renne davon, denn das ist alles, was du hast, hatte mir mein Onkel Reinhardt ins Poesiealbum eingetragen.
Ich las noch Indianerbücher, ich hatte noch keine dreizehn Sommer erlebt, aber ich sah mein Ziel schon damals vor mir, und nichts mehr sollte mich davon abbringen.
Zum Kummer meiner Mutter und zur Belustigung meines todesnahen Erzeugers wurde ich tatsächlich ein Schriftsteller.
Man muß nicht alle Götter ehren, wenn man erfolgreich werden will, dachte ich damals.
Trotzdem habe ich während meines ganzen Lebens immer sehr hart gearbeitet.

Aber, erwarten Sie jetzt keine Selbstbiographie.
Dafür kenne ich weiß Gott interessantere Geschichten, und eine von denen sollte mich am Ende sogar den Kopf kosten.
Es wird Ihnen also etwas berichtet werden, worin es um nicht wenig geht.

Wer verbirgt sich in Aix-en-Provence hinter dem gutaussehenden, gebildeten, scheinbar sorgenfrei in den Tag hineinlebenden Nachbarn, der anfangs einsilbig, immer mehr ins Reden gerät, und welche Rolle spielt dessen so schöne wie undurchsichtige Begleiterin?

Ich schaute auf die Frau und ich erschrak – es fällt mir schwer zu erklären, warum ich erschrocken bin –, aber ab da habe ich gewußt, daß sich etwas ändern würde.
Genau dieser Moment:
Eine junge Frau geht herüber zur Balustrade, wo sie sich auflehnt und über die Stadt sieht.
Sie erinnerte mich an eine jener dunklen Schönheiten, die man manchmal in alten Filmen sieht.
Ich meine damit die Zeit vor dem Aufkommen des Tons, in dem ihre Erscheinungen sich wie im Traum verloren.
Zerbrochene Mirakel, wenn diese Bezeichnung erlaubt ist.
Aber genau das ist es.
Gloria Swanson sagt es in Sunset Boulevard: „We didn‘t need dialogues – we had faces.“
Punkt.

Marian Spahn, so heißt der Nachbar, gerät durch einen scheinbaren Zufall an die Aufzeichnungen eines Toten.

Er klopfte gegen die angelehnte Tür, aber ihm wurde nicht geöffnet.
Auch nach dem vierten Mal nicht.
Er klingelte andauernd.
Als nichts geschah, öffnete er die Tür einen Spaltbreit in den dunklen Flur hinein.
Er rief dann, was man ruft, wenn man ein fremdes Haus betritt, etwa ein Geschäft irgendwo im Hunsrück im Sommer zur Mittagszeit, weil der Besitzer die Ladentür nicht abgeschlossen hat, und alles ist still, bis auf das Geräusch des Kühlthekenmotors.
Immer noch keine Antwort und nochmaliges Rufen.
Spätestens jetzt wäre im Hunsrück jemand verschlafen die Treppe heruntergekommen.

Im Zimmer sah er zuerst den umgestürzten Hocker.
Vierzig Zentimeter darüber zwei schwebende Schuhe. Geputzt und perfekt in der Waagrechten.
Weiter oben, in Hüfthöhe, die Hände. Zwar keine Fäuste, aber entspannt waren sie auch nicht.
Das vom Blutstau dunkelrote Gesicht.
Die Zunge aus dem Mund heraus.
Die Augen weit aufgerissen.
Die Körperhaltung, die verunglückte Habachtstellung.
Wie ein Mann vor seinem Vorgesetzten.
Natürlich ohne Elektrokabel um den Hals.

Auf dem akkuraten Schreibschrank lag ein Stapel mit speckiger Kordel eingewickelter Seiten, obenauf drei großformatige Umschläge.
Zuoberst wartete ein adressierter Briefumschlag mit seinem Namen und seiner Bielenthaler Adresse.
Er fetzte das Kuvert mit dem Zeigefinger auf.
Zwei Bündel Geldscheine.
Alles Fünfhunderter.
Ein Lageplan und die Grundrißzeichnung eines Gebäudes.
Dazu ein maschinengeschriebener Zettel.
Nihil obstat. P.T. war der ganze Inhalt.
Das Telefon läutete, und der Erhängte pendelte im kalten Luftstrom der offenen Haustür wie das Schlachtvieh auf einem asiatischen Sudelmarkt.
Die Pendule war um acht Uhr angehalten worden.
Das Telefon hörte nicht auf zu läuten.

Mit unwiderstehlicher Magie ziehen Chronik und Chronist des selbstvollstreckten Todes Marian Spahn in eine Geschichte von Schuld und Fluch, die auf den eigenen Vorfahren lastet. Als er nach Polen zum Stammsitz der Paduas, dieser alteingesessenen ostpreußischen Landadelsfamilie, zum Ursprung seiner Vergangenheit aufbricht, wird er unaufhaltsam in ein Unternehmen auf Leben und Tod verstrickt, das sich wie die mysteriöse Verpuppung zwischen Paten und Patenkind ausmacht. Als Marian Spahn erkennt, daß die Fäden der Fiktion sich durch sein Leben unentwirrbar zusammenschlingen, ist es längst zu spät, seinem Schicksal zu entkommen, dessen Schlüssel in einer ausgebrannten Ruine in Aix-en-Provence liegt.

Mit großer Spannung und teilweise atemnehmender Realistik schildert Julian Szell die aufregende und verwirrende Chronik eines Lebens, das trotz der zupackenden Lakonik eines distanzierten Chronisten wie eine verstörend beunruhigende Aufführung russischer Puppen erscheint.

Ein beeindruckendes Debüt eines Talents, dem alle Gaben der literarischen Moderne zur unterhaltsamen Unruhestiftung zu Gebote stehen.

Zum Autor:
geboren 1960 in Bad Kreuznach/Nahe. Studium der Geschichte und der Klassischen Philologie. Längerer Aufenthalt in Südfrankreich. Lebt als freier Schriftsteller in Rheinhessen.
„Matrioschka“ ist sein erster Roman.

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